Do the Feminism-Dance

Frauensache Liz Weidinger tanzt zum neuen Album von Friends und Amanda Browns aktuellem Musikprojekt LA Vampires. Retro-Pop, zu dem sich prima über Liebe und Sex nachdenken lässt
Do the Feminism-Dance

Illustration: Otto

Mit dieser Kolumne kann getanzt und ganz nebenbei über Sex und Liebe philosophiert werden. Anlass sind neue Alben von Musikerinnen, die mit interdisziplinärem Sound zu musikalischer Bewegung einladen: rhythmuslastiger Retro-Pop mit Friends und Glitzerdisco mit Amanda Brown und ihrem Label "100% Silk".

"So, if you love someone / let them be free / I know I don't want no one suffocating me", singt Sängerin und Bandchefin Samantha Urbani in der viel gebloggten Single "I’m his Girl" und spricht sich darin eindeutig für offene Beziehungen aus. Sie ist die multi-taskende Kreative hinter und vor der fünfköpfigen Newcomerband Friends aus Brooklyn. Urbani liefert damit eine aktuelle, selbstbewusste und weibliche Perspektive auf zwischenmenschliche Beziehungen.

Diese Perspektive kann zum Glück nicht mehr genau zwischen Freundschaft und romantischer Beziehung unterscheiden. Ein Schritt, den nicht viele Liebeslieder schaffen. Trotzdem bleibt es ein Lied über die Beziehung zwischen einem Mann und einer Frau (das veranschaulicht allein der Titel "I’m his Girl") und so in heterosexuellen Strukturen kleben, stellt dafür aber das Muss der Monogamie in Frage.

Video: Friends – I’m his Girl

100 Pimmel-Punkte

Der Rolling Stone, das Altherrenmagazin des deutschsprachigen Musikjournalismus, scheint mit dem Inhalt des Songs in seinem unterhaltsamen Fast-Veriss des Albums schlicht überfordert. Die Rezension muss zu sexistischen Bezeichnungsweisen greifen, um die Argumentation zu stützen, indem Friends als "Lieblingsband aller weiblichen und männlichen Mädchen" beschrieben wird. Abwertend über eine Band schreiben und dann die Fans feminisieren: 100 Pimmel-Punkte für diese geschickte Reproduktion männlicher Dominanz.

Das Album zum Song nennt sich "Manifest!", ist Anfang Juni erschienen und hängt sich mit catchy Hooks und funky Beats penetrant ins Ohr. Soundmäßig handelt es sich bei Friends um simplen Pop mit viel Perkussion und 80er-Synthies, der alles zitiert, aber doch irgendwie besonders ist.

Trotzdem kann das komplette Album nicht so überrumpeln, wie die beiden Vorab-Singles, hat aber gegen Ende der Platte noch ein paar Hits versteckt. Zum Beispiel das aus dem Schwedischen geborgte "Va Fan Gar Du", mit dem auf schleimige Anmachen im Grrrl-Power-Style geantwortet werden kann.

Ausflug Richtung Glitzerhouse

Überrumpeln kann Amanda Brown mit ihrem aktuellen Musikprojekt LA Vampires auch nicht. Ihre Liebe für New Yorks 1990er-Jahre "down-tempo dance vibe" prägt die Arbeit für ihr Label "100% Silk" genauso wie ihre eigenen Veröffentlichungen und lässt mit so viel Leidenschaft eher nicht mehr los. Für jede LA Vampires-Veröffentlichung kollaboriert sie mit unterschiedlichsten Künstler_innen, wie zum Beispiel der düsteren Zola Jesus oder aktuell dem "100% Silk"-Signing Octo Octa.

Deren "Freedom 2K"-Platte ist ein sechs Tracks langer Ausflug Richtung Glitzerhouse – die silbrige Jacke, die ernsten Augenbrauen und der uncoole rosa-ice-farbige Lippenstift, den Brown auf dem androgynen Cover trägt, weisen den Weg. Ihre hallige Stimme sorgt für ausreichend Pop- und Sexappeal.

Bekannt geworden ist Brown als Teil des angesehenen "Not Not Fun"-Labels, das wie sie selbst die Wurzeln tief im US-amerikanischen Post-Riot-Grrrl, Noise und Lo-Fi-Underground hat. "100% Silk" ist nun ein Ableger mit dem sie Dance-Experimente wagt und 2011 schon durch unzählige Veröffentlichungen verschrien und hochgelobt worden ist.

Video: Das Video zur Single, inklusive voguing Bodies: LA Vampires By Octo Octa - Freedom 2K

Weibliche Sexyness

"Freedom 2K" beschäftigt sich im Gegensatz zu "Manifest!" nicht mit Liebe oder Freundschaft, sondern mit dem Körper – mit Sex, Euphorie und Rausch. Damit ist Brown nicht alleine, Kollegin Maria Minerva bezeichnet ihre Musik auch mal als "Slutwave".

Die beiden Blogbeiträge, die nach einem Interview von Amanda Brown mit Simon Reynolds für das Magazin The Wire auf deren Website entstanden, liefern dazu trotz Akademiker_innenslang spannende Argumente. Brown will nicht auf weibliche Sexyness verzichten, nur aus Angst nicht ernst genommen zu werden – und macht damit einen wichtigen Punkt.

Hier zeigen sich die Parallelen zwischen Friends und LA Vampires: Hinter beidem stecken wild-zitierende Frauen, die auf Perfektion scheißen und mit ihrer Interpretation von Vergangenheit die Blogs von Morgen verzaubern und die Kritiker_innen verstören.

Wenn sie dann in Interviews auf ihre Naivität oder die schwache Produktion angesprochen werden, wissen wir, dass das Musiker_innenkonzept der Journalist_innen noch nicht mit weiblicher Sexyness zusammen geht.

Liz Weidinger löst unsere Kolumnistin Verena Reygers ab und wird künftig jeden zweiten Mittwoch auf freitag.de über Gender und Popkultur schreiben

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16:19 20.06.2012

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