Döner Kebab

A–Z Er vermittelt Heimatgefühle, stärkt die Altersvorsorge und fördert die Kultur des Kalauerns. Unser Lexikon der Woche
Redaktion | Ausgabe 48/2016

A

Atmosphäre Unbarmherziges Neonlicht, ein zarter Fettfilm auf den Tischen, das leise Summen der Kühlschränke: Sei es in Berlin, München oder Wanne-Eickel – diese Atmosphäre eint fast alle Dönerläden. Zugegeben, zunächst wirkt so ein Imbiss nicht besonders einladend. Aber das Standardmobiliar und die eingeübten Rituale – Bestellungen „mit scharf“ und „mit alles“ zum Beispiel – schaffen Vertrautheit.

Ob man also in der Stadt oder auf dem Land gestrandet ist, der Imbiss dient auch als Zufluchtsort. Wo eine Dönerbude ist, da lass dich nieder! Am Ende ist sie nämlich kein reiner Nicht-Ort, keine unpersönliche, zweckgebundene Transitzone, in der man nicht länger als unbedingt nötig bleiben mag. Aber wie sollte es auch anders sein: Schon der ➝ Name verpflichtet, leitet sich Döner doch angeblich vom türkischen Wort dönmek ab. Das bedeutet nicht nur „drehen“ (➝ Spieß), sondern auch „zurückkehren“. Als hätten es die Erfinder schon immer geahnt. Benjamin Knödler

D

Deutschland Die Briten feiern gerade 50 Jahre Kebab. Laut den Organisatoren der British Kebab Awards verkaufte Cetin Bukey im Londoner Imbiss Hodja Nasreddin 1966 zum ersten Mal jenes Fleischsandwich, das wir Döner nennen. Wirklich erfunden, das sagen zumindest die Berliner, wurde der Döner aber vor 45 Jahren in Deutschland. Und zwar mit Kalkül. Der damals 16-jährige Mehmet Aygün kam von der Schwarzmeerküste nach Berlin, um ein Restaurant zu eröffnen. Der Sohn eines wohlhabenden Gastronomen erkannte drei Dinge: „Wir können nicht allein von türkischer Kundschaft leben“, „Deutsche wollen Fleisch mit Soße“ und „Deutsche essen gern auf der Straße“.

Also packte Aygün die Fleischscheibchen des türkischen Traditionsspießes – in der Heimat immer auf einem Teller und mit Reis serviert (➝ Geschichte) – in eine Weißbrottasche, goss Soße drüber und schob den ersten Döner am 14. März 1971 im neueröffneten „Kendir“ am Kottbusser Damm über den Tresen. Durchsetzen konnte sich der Imbiss Ende der 70er Jahre, als vielen türkischen Arbeitsmigranten gekündigt wurde und sie ihre Abfindung in Dönerbuden investierten (➝ Rente). Lassen wir den Döner also mal schön im Kreuzberger Dorf. Susann Sitzler

Duft Dönergeruch ist gewissermaßen die Erektion unter den Düften: Nur bei der Vorfreude und beim Vollzug eine tolle Sache, sonst eher unpassend. Ist der Döner verzehrt, verfällt man in einen Zustand des stillen Bedauerns, der anders als eine postkoitale Dysphorie vom sozialen Umfeld leider geteilt werden muss. Wer sich vor dem Club einen Döner gönnt, wird auf der Tanzfläche ausreichend Platz haben und kann später allein nach Hause gehen, da man eine olfaktorische Fahne vor sich herschiebt, die lackiert die Gestalt eines 40-Kilo-Dönerspießes (➝ Spieß) zeigen würde.

Apotheken halten für solche Fälle Chlorophylltabletten bereit, die der professionelle Dönerfreund prophylaktisch einwirft, aber es gibt auch eine weitere rezeptfreie Lösung: Zwei Bremer Studenten des Fachs Getränketechnologie (➝ Lebensmittelverordnung) entwickelten eine Brause mit Chlorophyll, die unter dem Namen ihres Lieblingsdönerrestaurants Papa Türk vermarktet wird und für frischen Atem sorgen soll. Uwe Buckesfeld

G

Geschichte Geografisch lässt sich der Ursprung (➝ Deutschland) des Döner Kebabs nicht exakt bestimmen. Zwar ist der ➝ Name türkisch – Döner: „Es dreht sich“; Kebab: Oberbegriff für „Grillfleisch“ – , man findet ihn aber übers Gebiet des Osmanischen Reichs hinaus. Er ist auf der Arabischen Halbinsel sowie zwischen Bosporus und Schwarzmeerstrand zu Hause, man aß ihn im Iran, Irak und entlang der Seidenstraße. Christoph Wagner schreibt in seiner Geschichte des schnellen Essens: „All-Oriental-Fast-Food wäre die Bezeichnung, die diesem im gesamten Einzugsbereich des Islam verbreiteten (und daher garantiert schweinefleischfreien) Gericht vermutlich am ehesten gerecht wird.“ Tobias Prüwer

L

Lebensmittelverordnung Beim Leipziger Imbiss meines Vertrauens staunte ich einst nicht schlecht. Der Döner war von der Karte verschwunden, es gab nur noch „Hackfleischdrehspieß“. Gutgläubig bestellte ich einen Spieß – und bekam einen Döner. Womöglich hatte sich der Laden nicht an eine Kennzeichnungsrichtlinie aus den deutschen „Leitsätzen für Fleisch und Fleischerzeugnisse“ gehalten. Dort steht, was im Döner drin sein darf, damit er des Namens würdig ist: etwa ein Hackfleischanteil, der nicht über 60 Prozent liegt (➝ Zusammensetzung). Eine NDR-Reportage zeigte jüngst, dass vier von fünf Dönern in Hamburg nicht den Richtlinien entsprachen. Um sicherzugehen, sollten Kunden vor dem Kauf die Inhaltsliste einfordern. Alternativ kann auch die Bestellung variiert werden: „Einen Mogeldöner bitte.“ Konstantin Nowotny

Legende Eine seit Jahren zirkulierende urbane Legende handelt vom deutschen Dönerliebhaber, der plötzlich erfährt, dass sein Lieblingsimbiss vom Gesundheitsamt geschlossen wurde, nachdem man in der Dönersoße Sperma gefunden hatte. Die Geschichte leistet nicht nur Ekel und Appetitlosigkeit Vorschub, sie ist auch türkenfeindlich (➝ Xenophobie). Türkische Medien, die sich mit der Legende befasst haben, sind zu der Auffassung gekommen, dass die Konkurrenz dahinterstecke, da der Döner bei den Deutschen mittlerweile beliebter sei als Currywurst oder Burger.

Horrorstorys über Blut, Speichel oder Erbrochenes im Essen hört man allerdings überall auf der Welt, und sie betreffen alle Formen von Fast Food. Man denke an die Szene in Good Fellas, in der ein Restaurantbesitzer in belegte Panini spuckt, bevor er sie Polizisten schenkt. Solange Fast Food Menschen unheimlich ist, wird es Legenden befördern. Sarah Khan

N

Name Der Döner ist ein klar definiertes Produkt, kreative Abwandlungen (➝ Variation) sind eher so mittel gefragt. Was also tun, um sich von der Masse abzuheben? Eine Möglichkeit, besonders in Dönerballungsgebieten, besteht in einem herausragend kreativen Namen der Imbissbude. Gern auch größenwahnsinnig: Empire of Döner, Döner Deluxe, Idol Döner und Mega Gourmet, dicht gefolgt von Opfern des Zeitgeists wie Döner 99, Döner 2000 oder 3-D-Döner.

Beliebt sind auch Amerikanismen: Shark Döner, Dream Döner, Döner Fresh und Crazy Kebap. Nicht einfallsreich genug? Wie wär’s mit etwas Intellektuellem: El Greco Döner, Döner Historie oder La Döner Vita? Oder mehr Subkultur: Türkitch, Babo Döner, Soulkebap? Oder lieber mit Wortspiel: Ützel Brützel, Abrakebabra, Ess-Bahn, Eatstanbul, Kottiwood, Dönerstag, Orient Express und mein persönlicher Favorit: Dönerteller Versace. Da ist es ja fast schon wurst, was im Brot steckt. Sophie Elmenthaler

R

Rente Nun, da die Riester-Rente nicht einmal 14 Jahre nach ihrer Erfindung schon wieder ein ebensolches Auslaufmodell ist wie der Rentner an sich, braucht es neue, noch zeitgemäßere Formen der Altersvorsorge: Im Ruhrgebiet der 80er Jahre, so erinnere ich mich, hieß es immer, eine gut laufende Imbissbude sei eine Goldgrube (Atmosphäre); ergo die perfekte Altersvorsorge! Es gilt, die Zeichen der Zeit zu erkennen und die Islamisierung des Abendlands sozialpolitisch zu nutzen: auf die Solarsubvention (alt!) folgt die Sucuk-Subvention (modern!). Und wenn am Ende dann jeder bis zur Urne seinen eigenen Kebab grillt, ist für jeden gegrillt. Oder um auch noch den allerletzten Kalauer mitzunehmen: Der Greis isst heiß! Timon Karl Kaleyta

S

Spieß Einfach den Spieß umdrehen, schon gelingt der Braten. Der Drehspieß ist als Kochgerät uralt und geht auf frühe Jagdgesellschaften zurück. Nichts ist praktischer, als den Wurfspieß, mit dem soeben noch das Tier erlegt wurde, zum Transport und Aufhängen des Wildbrets an der Feuerstelle zu benutzen. Schon Homer erwähnt den Spießbraten in seinem großen Sandalenepos „Ilias“, Ovid unterscheidet die zwei grundsätzlichen Gartechniken Kochen und Braten: „Bald hüpfet ein Teil im gehöhlten Kessel. Anderes zischt um den Spieß.“ Bald wurden um Holz- oder Eisenspieße ausgeklügelte Technologien (➝ Duft) wie Kurbeln, Wind- und Wasserräder, Federmechaniken und Tretmühlen mitkonstruiert. Küchenmaschinen waren also schon immer ein Renner. Tobias Prüwer

V

Varianten Fladenbrot, Kalbfleisch, Soße (➝ Legende), Gemüse – so weit die Ausstattung eines klassischen Döners. Doch macht der kulinarische Variantenreichtum auch vor einem so bodenständigen Gericht nicht halt. Durchgesetzt hat sich der sogenannte Gemüsedöner, der getreu dem Motto „Kein Fleisch? Also Hühnchen!“ Kalbfleisch durch Geflügel ersetzt. Auf Varianten mit Rind- oder sogar Schweinefleisch trifft man ebenfalls. Es geht aber auch avantgardistisch: In Berlin wird eine zusammengeklappte Waffel mit Früchten als Obstdöner verkauft, und auch Fischliebhaber kommen auf ihre Kosten: Der Räuchereperte Ronny Unger lässt seit einem Jahr Lachs am Spieß rotieren. Daniel Böldt

X

Xenophobie „Fremdenhass, das ist bekannt, endet oft am Dönerstand“, textete einst die Street-Art-Künstlerin Barbara. Wie recht sie hat. Denn bei aller Fremdenfeindlichkeit ist für einen guten Döner noch in jedem noch so xenophoben Deutschen Platz. Ein gewisser Safet Babic wurde fotografiert, während er offensichtlich einen Döner isst. Babic ist NPDler und wurde bekannt durch ein Youtube-Video, in dem er krakeelte: „Buntes Trier, nicht mit mir.“

Von der AfD-Politikerin Beatrix von Storch kursieren ebenfalls Fotos, die zeigen, wie sie an einem Dönerstand ansteht. Die Meisterin der Inkonsequenz ist aber Beate Zschäpe. Im Lauf des NSU-Prozesses sagte eine Zeugin aus, sie habe die Rechtsterroristin beim Döneressen getroffen. Das entbehrt nicht einer traurigen Ironie. Es waren ja die Terroristen des „Nationalsozialistischen Untergrunds“, die die Serie rassistischer Taten begingen, die von Polizei und Medien in der unsäglichen Bezeichnung „Dönermorde“ zusammengefasst wurden. Benjamin Knödler

Z

Zusammensetzung Baguette macht fett, singt Tim Toupet in seinem Partyhit Ich bin ein Döner. Aber macht Döner wirklich schöner? Gegrilltes Fleisch mit Sauce klingt nicht gerade gesund. Ein Dickmacher ist Döner aber nicht unbedingt. Gegenüber anderem Fast Food kommt er mit circa 600 Kilokalorien ganz gut weg. Nach rund einer Stunde Joggen ist das wieder abgebaut. Döner mit Lamm und viel Sauce ist deutlich gehaltvoller als der Chickendöner oder die fleischlose Alternative mit Schafskäse (nur ca. 450 kcal). Für alle ➝ Varianten gilt: Das Kraut und der Gemüsemix enthalten viele Vitamine, Fleisch oder Käse liefern Eiweiß. Nur das Fladenbrot ist, wie das Baguette, wegen des Weißmehls nicht so gesund. Den Knoblauchgeruch (➝ Duft) hinterher hat nicht jeder zum Fressen gern. Da hilft auch keine Zwiebel auf dem Kopf, selbst Tim Toupet nicht. Carolin Born

06:00 14.12.2016

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