Dom Phillips und Araújo Pereira: Tod auf dem Itaqui-Strom

Brasilien Der Journalist Dom Phillips und der Indigenen-Experte Bruno Araújo Pereira sind bei einer Expedition im Indigenen-Reservat getötet worden. Hängt ihre Ermordung mit dem Raubbau in der Amazonasregion zusammen?
Die mutmaßliche Ermordung von Dom Phillips und Bruno Araújo Pereira erinnert an den einstigen Modus Operandi des brasilianischen Heeres
Die mutmaßliche Ermordung von Dom Phillips und Bruno Araújo Pereira erinnert an den einstigen Modus Operandi des brasilianischen Heeres

Foto: Evaristo SA/AFP via Getty Images

Die Überschrift zu diesem Text ist im tragischsten Sinne filmreif und doch nur eine arme Metapher für Abertausende von Trauerspielen im Labyrinth des weltgrößten Regenwaldes. Am 5. Juni verschwanden der 57-jährige britische Journalist Dom Phillips und der 41-jährige brasilianische Indigenen-Experte Bruno Araújo Pereira auf dem Itaqui-Strom, der sich als ein ockerbraunes Band durch das tiefe Grün des Indigenen-Reservates Vale do Javari zieht. Phillips lebte seit 2007 in Brasilien als freier Reporter für den Londoner Guardian, die Washington Post und die New York Times. Bei Pereira handelte es sich um einen der renommiertesten „Indigenistas“ Brasiliens, eine Profession, die mehr mit Lebensgefahr als Ethnologie zu tun hat.

Pereira traf sich mit Phillips im Dreiländereck Brasilien-Peru-Kolumbien und begleitete den Journalisten zu Bildaufnahmen und Interviews mit Überwachungsteams der Javari-Gemeinden. Diese mobilen Einheiten hatte der Völkerverband des Javari-Tals (Univaja) 2021 auf Initiative Pereiras gegründet, um kriminelle Überfälle auf das 2002 legalisierte Reservat zu dokumentieren. Der Grund: Die Umweltschutzbehörden und die Indigenen-Stiftung FUNAI nahmen die Übergriffe passiv hin. Präsident Jair Bolsonaro hatte erklärt, „die Indianerreservate“ behinderten die Zukunft Amazoniens. Folgerichtig ernannte er im Juli 2019 mit Marcelo Xavier einen Ex-Polizeikommissar, Agrarlobbyisten und Hauptverantwortlichen für das großflächige Roden und Niederbrennen des Regenwaldes zum FUNAI-Chef. Bolsonaros perfide Lagebeurteilung protegierte die „Nun ist alles erlaubt“-Devise für das Militär wie die Chefetagen im Agrobusiness und bei transnationalen Konzernen.

Finanzunternehmen wie Blackrock, Citigroup oder JPMorgan Chase investierten in der Region mehr als 18 Milliarden Dollar, was das organisierte Verbrechen als Freibrief verstand, sich ebenfalls auszubreiten.

Krimineller Markt für Holz, Gold und Jaguarzähne

Im Indigenen-Gebiet Vale do Javari etablierten sich Drogenschmuggler und illegale Händler für Holz, Gold und Jaguarzähne, ein krimineller Markt, der Lokalpolitiker „einkauft“ und jährlich bis zu 100 Milliarden Dollar umsetzt. Somit hatte Pereira viele Feinde. Nicht anders als sein FUNAI-Kollege Maxciel Pereira dos Santos, der im Juni 2019 in Tabatinga auf seinem Motorrad erschossen wurde. Derartige Attentate waren stets auch als Warnung zu verstehen.

Bruno Araújo Pereira und Dom Phillips wurden auf der Rückkehr von ihrer Exkursion am 5. Juni in der Kleinstadt Atalaia do Norte, außerhalb des Indigenen-Reservats, erwartet. Dort hatten sie sich telefonisch angekündigt. Sie kamen nie an. Erst als die britische Botschaft energisch intervenierte, bequemte sich die Armee zur Suchaktion, die erfolglos blieb. Zuvor schon hatte Staatschef Bolsonaro ungerührt wissen lassen: „Vermutlich sind sie exekutiert worden.“

Schließlich wurde ein Boot mit Blutspuren gefunden, bald darauf entdeckte man zwei an einem im Wasser treibenden Baum befestigte Rucksäcke mit Kleidungsstücken und einem Laptop. Es tauchten „schwimmende menschliche Organteile“ auf, steht im Polizeibericht zum Schicksal der beiden Vermissten. Dass Körperteile gefunden wurden, erinnert an den einstigen Modus Operandi des brasilianischen Heeres, als in den 1970er Jahren 80 maoistische Guerilleros am Araguaia-Strom hingeschlachtet wurden.

Nun meldet die Polizei, sie habe die Leichen der vermissten gefunden. Zweifel sind angebracht, ob je endgültig geklärt wird, was genau mit Bruno Araújo Pereira und Dom Phillips passiert ist.

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