Don Peppi

linksbündig Dieter Kosslick, der neue Chef der Berlinale, versucht sich in der Doppelrolle von Würdenträger und Rebell

Der Riss zwischen dem Mainstream und der Avantgarde - ob nun wirklich oder nur Schein, bei der Berlinale jedenfalls war er trefflich personifiziert. Moritz de Hadeln, der wohlbefrackte Festivalchef, der neben einem S-Klasse-Mercedes aussieht, als wäre er eigens für ihn entworfen, versuchte, den Glamour nach Berlin zu holen. Ulrich Gregor, der Forum-Leiter, der übers Jahr dem Verfemten eine Bühne schaffte, die graue, manchmal mausgraue Eminenz der Experimentalfilmer, suchte in den Drittweltländern, bot den Talenten ihre Chance. Als der angebliche Lobbyist der flachen Industrieproduktion de Hadeln gehen musste, sah auch der Anwalt der ernsthaften Cineastenszene seine Aufgabe erfüllt.

Es hieß, sie seien sich spinnefeind gewesen. Hinter dem einen sah man den Sternchenhimmel Hollywoods, hinter dem anderen die Kampftrupps der Rebellion. Die Berlinale ist damit glänzend gefahren. Ohne die aufeinander verweisenden Watschenmänner, ohne diese Symbiose hätte ein Forum "kleiner", "junger" Filme kaum so viel Anerkennung und Aufmerksamkeit erlangt. Und umgekehrt hätte ohne die harte Konkurrenz um Ernsthaftigkeit und Anliegen die Berlinale wohl kaum so lange den Ruf verteidigen können, neben Venedig und Cannes von den drei A-Festivals das politischste zu sein. Es war die perfekte Rollenverteilung - der eine Don Camillo mit dem direkten Draht zu ganz oben, der seinen Tempel ausstattet, der andere Peppone, der Volkstribun, der für das Fußvolk eine casa di popolo baut.

Wer ein wenig hinter die Kulissen schauen konnte, wusste, dass es sich hier um einen typischen Fall von Reduktion von Komplexität handelte. Weder gab es im Forum nur technisch unzulängliche Experimentalfilme, noch lief im Wettbewerb nur Kommerz. Selbst große Experimente wie etwa Hölderlin von Jean-Marie Straub hatten im Wettbewerb - übrigens unter hämischen Buhrufen der Weltpresse, besonders aber der deutschen - ihren Platz. Für dieselben italienischen Regisseure, die jetzt bei der Berlinale einen Gemeinschaftsfilm über den G8-Gipfel in Genua präsentieren, ist "Moritz", wie de Hadeln nur im Ausland genannt wird, ohnehin ein Held. Er setzte gegen den ausdrücklichen Willen der italienischen Regierung seinerzeit durch, dass auf der Berlinale Der Fall Moro lief.

Soviel zum Nachlass, den nun Dieter Kosslick anzutreten hat. Er hat, wie man sieht, keine leichte Aufgabe. Jetzt ist das Forum fast automatisch zu dem geworden, was auf jedem anderen internationalen Festival normal wäre: zu einer weiterhin hochinteressanten attraktiven Sektion, die aber eine Nebenreihe neben anderen ist. Verschwunden ist die aufeinander bezogene Kraft, die stets das Böse will und doch das Gute schafft.

Kosslick, der, wie man sich in der Pressekonferenz vor der Berlinale überzeugen konnte, auf Humor, Ironie und Schlagfertigkeit rekurrieren kann, muss nun gleichsam den Don Peppi geben, er muss den unterhaltsamen Schlagabtausch in die Organisation der Berlinale selbst hereinholen. Wo Moritz de Hadeln einmal als junger Cineast und aus Liebe zum Kino durch die Hintertür in den Festivalsaal geschlichen war, da inszeniert Kosslick den kalkulierten Regelverstoß heute live. Nachdem seine Pressesprecherin verkündet hatte, auf der Geburtstagstorte für die Kinderfilmreihe könnten die fünfzig Kerzen aus feuerpolizeilichen Gründen nicht brennen, zog er ungerührt die Streichhölzer aus der Tasche und zündete eins der Lichter nach dem anderen an.

Mehr noch verwirrte er seine Mannschaft mit einem von ihm öffentlich verkündeten "geheimen Motto", accept diversity, das sich auch auf das schmutziggelbe Berlinaleposter verirrt hat. Es kommt zunächst friedlich daher und scheint nur zu bestätigen, was die Berlinale immer war: die Drehscheibe für Filme, die Toleranz üben. Insgeheim hat er sich damit ein Luftloch geschaffen im engen Korsett der Berlinale mit ihren genau definierten Regeln der offiziellen Akzeptanz. Nach dem 11. September fehlen die politischen Stoffe, weiß Kosslick; die Berlinale könnte also dieses Jahr ihrem Ruf nicht gerecht werden. Für das politische A-Festival wäre das eine Katastrophe. Wie er freilich den erzpolitischen G8-Film dem Friedensfilmpreis zuschob, hinter dem diversity-Motto versteckte und dadurch in die Berlinale hineinzog - Respekt, Don Peppi, ein mephistophelischer Schachzug, wir sind gespannt, was folgt.

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00:00 08.02.2002

Ausgabe 39/2020

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