Susann Rehlein
02.01.2011 | 10:00 5

Donner rollt über das Weidenkätzchen

Sexbeschreibung Wie schreib ich über Sex? Ist Auslassen feige oder ein Dienst am Leser? Wer jetzt oder demnächst einen Roman schreibt, wird für die 61 Tipps einer Lektorin dankbar sein

Sex ist so außerordentlich angenehm bis erschütternd, weil man ihn nicht reflektiert. Das ist vermutlich einer der Gründe, warum in der Literatur überraschend wenig ausführlich über Sex geschrieben wird. Erstens ist man nie ganz bei sich, wenn er passiert, wie wollte man also angemessen davon erzählen, und zweitens sind literarische Mittel einfach zu schwach, um das Numinose zu beschreiben. Wobei verrückterweise gerade über Sex – allen voran Altmeister Philip Roth – häufig versucht wird, Todesangst beziehungsweise Todessehnsucht auszudrücken. Das heißt, den Teufel mit dem Belzebub austreiben. Ist doch das eine nur eine Spur weniger unergründlich als das andere. Aber über ein Frühstück kann Todesangst nun mal nur sehr schwer ausgedrückt werden. Außer vielleicht von Raymond Carver, und der ist tot.

Viele Autoren umschiffen das Thema. Danke, möchte man sagen. Benedict Wells zum Beispiel, ein Jungspund, der mit Becks letzter Sommer einen überraschend reifen Roman geschrieben hat. Für mittelalten Sex ist der Autor eindeutig zu jung und entscheidet sich klugerweise, die Fresse zu halten: „Danach fielen sie erst aufs Bett, dann übereinander her.“ Auch die ansonsten eher nicht für Dezenz bekannte Autorin Alina Bronsky (schon allein das Pseudonym!) zieht sich halbwegs geschickt aus der Affäre: „Ich schließe die Augen und öffne sie wieder, und das Gefühl dabei ist, als würde es mich nicht wirk­lich betreffen.“

Anders verhält es sich mit der erotischen beziehungsweise pornografischen Literatur. Aber die Textsorte ist heute nicht das Thema. Oder wollen Sie, dass sich über Ihrem in der Heiligen Nacht begonnenen Roman jemand einen runterholt?

1 Lassen Sie’s. Sie wären in guter Gesellschaft. Etliche Autorinnen und Autoren der Weltliteratur haben wunderbar sinnliche Romane geschrieben, ohne dass darin irgendwer Sex hätte. Pascal Mercier zum Beispiel erreicht nicht wegen seiner saftigen Sexszenen Millionenauflagen, sondern weil der Bildungsbürger in seinen Büchern etwas lernt – und wegen der schönen Melancholie, mit denen der Leser sich in Gleichklang fühlen darf.

2 Andererseits – falls in Ihnen ein echter Erotomane schlummert, wäre es doch jammerschade, müssten wir auf Ihren tollen Sex verzichten. Stellen Sie sich die Welt nur mal ohne die Romane von Henry Miller oder Philipp Roth vor – ein Jammertal!

3 Denken Sie jedoch beim Schreiben Ihrer Roth’schen Sexszenen ein Minütchen an Ihre arme Lektorin, der ganz blümerant wird, wenn Sie sich zwangsläufig vorstellt, dass Sie die minutiös beschriebene Prostatamassage genossen haben müssen, um SO darüber schreiben zu können. Auch peinlich: Wenn sie Ihnen den multiplen Orgasmus Ihrer weiblichen Hauptfigur anstreicht und mit dem Kommentar versieht: „Bei dem trostlosen Stecher – unglaubwürdig!“

4 Sie kriegen immer Fremdschäm-Schüttelfrost, wenn sich im Theater ohne erkennbaren Grund die Leute ausziehn müssen? Na also! Lassen Sie Ihr Personal nicht ficken um des Fickens willen. In Bestsellerautor Peter Stamms Roman Sieben Jahre zum Beispiel findet für diesen Autor ungewöhnlich viel Sex statt (meistens übrigens ziemlich jämmerlicher). Aber nicht etwa, weil Stamm sich in der Midlife Crisis befände und an nichts anderes mehr denken kann als an Sex, sondern weil er seinen Helden hin- und hergerissen zeigt zwischen einer Frau, die ihn karrieretechnisch motiviert und intellektuell inspiriert, und einer, bei der er sich einfach nur frei fühlt. Und Stamm ist keineswegs so dumm, das Freisein ganz simpel an geilem Sex festzumachen.

Für die Literatur gilt: Nichts steht zufällig und grundlos zwischen zwei Buchdeckeln. Jedes Croissant, jede Falte im Laken, jeder Samenerguss hat was zu bedeuten, auch wenn Ihnen als Autor das gar nicht bis ins Letzte klar sein muss. Nicht umsonst sagt man, das Buch sei klüger als sein Autor.

5 Apropos Samenerguss: Der Sex muss sich stilistisch in den Roman einfügen, und falls Sie darauf verzichtet haben, die Raufasertapete im Schlafzimmer zu kartografieren, verzichten Sie am besten auch auf die Beschreibung von Konsistenz und Schattierungen des Spermas Ihrer Hauptfigur.

6 Sind Sie in einer finanziellen Notlage, wollen sich aber nicht völlig kompromittieren, indem Sie den 18. Abklatsch von Feuchtgebiete verfassen, entscheiden Sie sich für eine Mischform aus Pascal Mercier und Porno: Ein Buch, das die geneigte Leserin für Literatur hält und bedenkenlos in der U-Bahn lesen kann, das aber ausreichend explizit ist, damit sie ein bisschen auf ihrem Sitz hin- und herrutscht. Die Frau des Zeitreisenden von Audrey Niffenegger wäre ein Beispiel für diese Art Literatur. Oder auch Fegefeuer von Sofi Oksanen.

7 Ein Großteil aller Leser ist weiblich. Schrei­ben Sie also Sex, wie Frauen ihn mögen. Vielleicht wünschen Sie sich dann vom Weihnachtsmann zunächst einmal den Ratgeber She Comes First, der so zermürbend ist, wie ich mir die Grundausbildung bei der Bundeswehr vorstelle, und verschieben das mit dem Roman auf Weihnachten 2011 (da gibt’s auch mehr freie Tage). Sollten Sie eine Frau sein – es gibt auch den nicht weniger zermürbenden Ratgeber He Comes Next.

8 Versuchen Sie also lieber, ein guter Liebhaber, eine gute Geliebte zu sein, als ein Autor, eine Autorin. Jährlich erscheinen hierzulande an die hunderttausend neue Bücher. Und jetzt wollen auch noch Sie Ihre Nächte damit verschwenden, ein Buch zu schreiben, auf das niemand wartet?

9 Außerdem sind Autorinnen und Autoren nur theoretisch sexy und anziehend. Gehen Sie bloß mal auf eine Lesung. So wollen Sie doch nicht sein: schlechte Kleidung, lausiges Parfüm, Gestammel. Bei näherer Betrachtung sind die meisten Autoren zudem kindisch und egomanisch, was Ihnen jede Lektorin bestätigen wird, wenn man über so etwas sprechen würde.

10 Beschreiben Sie nie den ganzen Sex von vorne bis hinten – oder haben Sie schon mal über ein vollständiges Frühstück gelesen, samt Messer in die Hand nehmen, Brötchen in die Hand nehmen, Brötchen aufschneiden, mit Butter bestreichen, zwischen Nutella und Pflaumenmus wählen und, und, und? Schreiben Sie den Teil, der am besten ausdrückt, worum es Ihnen bei der Szene geht. „… Es war, als tasteten unsere Körper nacheinander, während wir noch im Halbschlaf lagen. Sonja küsste mich, sie stieß mir ihre Zunge in den Mund, die sehr groß zu sein schien, und ich schmeckte ihren Schlaf. Sie hatte die Unterwäsche abgestreift und sich auf mich gelegt, ich weiß noch, dass ich mich wunderte, wie schwer sie war und wie warm“, heißt es bei Peter Stamm in der einzigen innigen Sexszene zwischen dem Helden Alexander und seiner zukünftigen Frau. Reicht doch, oder?

11 Und jetzt kommt der nächste Rat, der vielleicht etwas seltsam klingt: Verzichten Sie weitgehend auf Metaphern und Umschreibungen. Und damit meine ich nicht mal nur unbedingt auf Metaphern wie Zauberstab oder Lustgrotte. Bei Peter Stamm geht die Szene nämlich weiter mit dem folgenden durchaus entbehrlichen Satz: „Wir bewegten uns langsam, zwei schläfrige wollüstige Tiere, die eins werden wollen.“ Tiere, die eins werden wollen – Sie lachen? Dabei ist das noch gar nichts. Nehmen Sie dies: „das Gesicht über dem duftenden Dunkel ihrer aufgeknöpften Bluse, sein ganzes Blickfeld ausgefüllt von dem Spalt zwischen ihren schwellenden Brüsten.“ Diese Stelle stammt aus Solar, dem neuen Roman von Ian McEwan, und sagt was über dessen literarisches Können? Genau!

Auch eher okay als brillant – Haruki Murakami in 1Q84: „Tamaki hatte zarte, feinporige Haut. Ihre Brustspitzen wölbten sich zu einer wunderschönen Ellipse. Sie erinnerten an Oliven. Sie hatte seidiges, feines Schamhaar, weich wie Weidenkätzchen.“

12 Je weniger detailliert Sie Sex erzählen, desto weniger Lösungen müssen Sie auch finden, ob und wie Sie die involvierten Geschlechtsorgane und die daran und damit vollzogenen Handlungen benennen beziehungsweise umschreiben. Die Benennungsproblematik kann problemlos echten Sex kippen, falls sie etwa ihr Geschlecht Mumu nennt und er über 20 ist oder Liebende sich – beide in verschiedenen Stadien der Erregung – in der Textschublade vertun. Denken Sie daran, Ihre Leser sind bei der Lektüre wahrscheinlich eher von der Handlung oder dem gedanklichen Reichtum Ihres Textes gefesselt als sexuell erregt, verschonen Sie sie mit allzu Explizitem, das eher Befremden auslösen würde, es sei denn, es gibt einen Grund für allzu Explizites. Thomas Klupp hat mit Paradiso einen hinreißenden kleinen Roman über ein veritables Arschloch geschrieben, dessen Arschlochsex einfach ausführlich beschrieben werden muss, weil der Ich-Erzähler sich so mordsgeil findet: „Leni hat die Augen geschlossen, und für einen Moment legt sich Johannas Gesicht über ihres, dann spüre ich, wie es vorne an der Eichel kribbelt, und ich spritze in sie hinein.“

13-60 Lassen Sie lieber die Finger davon.

61 Andererseits. Mal abgesehen von dem roten Luftballon, den ich zu fett finde, hat Thomas Pletzinger in Bestattung eines Hundes eine sehr poetische und gleichzeitig sehr explizite (und damit perfekte) Sexszene geschrieben. „Hinter ihr beginnt die Ostsee zu schäumen, ein Luftballon weht am Wasser entlang (rot). Als sie sich auf mich setzt, und obwohl sie sich viel langsamer bewegt als sonst, kommt sie viel zu schnell (außen nasse Gänsehaut und innen unerwartet warm). Ich schließe mich an, dann der Donner, dann der Regen (als hätte sie das alles zu verantworten).“ Wenn Sie so was können – schreiben Sie, schreiben Sie um Himmels willen!

Susann Rehlein ist freie Autorin und Lektorin in Berlin. Sie hat mehrere Bücher herausgegeben auch eines mit erotischen Geschichten

Kommentare (5)

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belle-hopes 02.01.2011 | 18:57

Nach gefühlten 61 Einlogg- und Kommentier- Versuchen endlich am Ziel: allgemein bin ich dankbar dafür, dass es Dinge gibt, die nicht beschrieben werden können, und Menschen, die solche Versuche lassen und "umschiffen"; das ist ja fast wie das Ergründen des Weltraums. Und Leben heisst ja auch Geheimnis, schönes Geheimnis. Und Scham ist meiner Meinung nach ein wichtiges Verhalten. Nun speziell: ein mutiger Lektor, der so streicht und das "unglaubwürdig" ehrlich begründet, der, wenn es sein muss, seinem Schützling ein geeigneteres Eau de Toilette empfiehlt. .-) Und überhaupt, manche Schreibversuche sind vielleicht dem Wunsch geschuldet, ein anderes Exemplar in besserer Kleidung und mit weniger Gestammel abzugeben, weniger dem Ziel ein gutes Stück Literatur zu verfassen. Man weiss es nicht, aber wohl der Lektor. Da könnte man glatt neidisch werden. .-) LG

AlterEgo 29.01.2011 | 22:18

Letzten Endes steht es jedem Leser frei, um geschriebene Erotik einen Bogen zu machen. Das Dumme ist nur - wenn jeder Schriftsteller einen Bogen um Erotik macht - wer schreibt sie dann?
Was ist denn an folgendem schlecht oder falsch?
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Auf Tenuamas schönem Gesicht erschien jetzt ein ganz sanftes Lächeln, in dem sehr viel Zärtlichkeit für die Jüngere vorhanden war. Vorsichtig ließ sie den Ellenbogen einknicken, auf den sie sich schon so lange gestützt hatte, um Margarita in Ruhe betrachten zu können. Langsam näherte sie ihren Mund dem des Mädchens und als nur noch Millimeter fehlten, drehte Margarita den Kopf ganz zu ihr und in diesem Moment fanden die Lippen Tenuamas ihr Ziel. Ganz sacht und zart berührte sie mit den Lippen die Margaritas und wollte sich wieder zurückziehen, doch da hatte Margarita bereits einen Arm um die Schultern der Freundin geschlungen und hielt sie einfach erst nur, dann wurde der Druck des Armes fester, sodass Tenuama sich ganz sinken ließ, bis sie Brust an Brust auf Margarita lag. Ihre Lippen öffneten sich und ihre Zunge begab sich auf die Suche, um in der ihrer Freundin eine willige Spielgefährtin zu finden. Tenuama rückte noch näher an Margarita heran, so dass ihr Unterleib sich jetzt an die Hüfte des Mädchens presste und während das Spiel der Zungen wilder und wilder wurde, schob sie schließlich mit dem rechten Knie den wollenenen Unterrock Margaritas soweit nach oben, dass er ihr Geschlecht freigab. Währenddessen hatte Margarita sich leicht gedreht, ihr rechtes Bein angewinkelt und presste jetzt den rechten Oberschenkel gegen das Lustzentrum ihrer Freundin. Das Spiel der Zungen wurde noch wilder oder waren es schon kleine, verspielte Liebesbisse, die die eine der anderen gab? Ein Mund wanderte abwärts, küsste den Hals, dann die kleine Stelle, an der das Schlüsselbein in den Hals mündet um schließlich eine Brustwarze genussvoll zu liebkosen. Der Körper des jungen Mädchens begann sich zu spannen und aus der sanften Umarmung war schon längst ein festes Klammern geworden, während beide Körper begannen, sich rhythmisch aneinander zu pressen. Dann wurden aus den langsamen Bewegungen heftige Zuckungen, beider Oberschenkel pressten sich immer heftiger gegen die Lust der jeweils anderen, während ihre Unterleiber darauf einen eigenartigen Tanz vollführten. Als es scheinbar nicht mehr schneller und wilder ging und beide für einen Augenblick sich im Rhythmus trafen, kam der Moment, in dem sie sich einfach nur aneinander festhielten, Leib an Leib, jeder klammerte sich an dem jeweils anderen mit aller Kraft fest, als wollten sie ihre Leiber auf ewig verschmelzen. Urplötzlich bäumte sich Margarita auf, als wollte sie Tenuama von sich ab werfen und hielt sie doch mit aller Kraft fest. Das Rückgrat in einem unmöglichen Winkel nach oben gebogen, Beine und Arme völlig verkrampft, blickte sie ihrer Freundin in die Augen und dann kam er. Ein Schrei so ungeheurer Lust, wie ihn selbst eine Tenuama, die erfahrene Verführerin, nicht oft gehört hatte. Schließlich wurde aus dem Schrei erst ein Stöhnen, dann ein Keuchen und zuletzt ein glückerfülltes Schluchzen, während der Körper kraftlos wieder auf das Moos des Lagers zurück fiel.
Tenuama hatte auch ihren Spaß gehabt, doch war ihr heute Nacht das Glück ihrer Freundin wichtiger als ihr eigenes und so ließ sie es dabei bewenden. Sanft nahm sie die jetzt schluchzende Margarita in die Arme und wiegte sie hin und her, genau wie viele Jahre zuvor das kleine Mädchen, als ihre Freundschaft begann.