Don´t cry for Argentina!

ARGENTINIENS DESASTER IST AUCH EIN US-DESASTER Paul Krugman über Schuld und Borniertheit Washingtoner Wunderheiler

In einer Zeit, in der sich Krieg und Rezession paaren, sind kritische Stimmen selten. Das gilt für die USA und jüngst auch zunehmend in Deutschland. Während aber in den hiesigen Großmedien die Wirtschafts-Kommentatoren brav und geordnet in den mainstream marschieren, gibt es in den USA zumindest einzelne Köpfe, die ihre Unabhängigkeit wahren. Zu den profiliertesten zählt der Ökonomie-Professor Paul Krugman. Wir dokumentieren seinen in der New York Times erschienenen Text.

Obwohl die Bilder des Aufruhrs aus Buenos Aires auch in den USA präsent sind, sorgt sich kaum jemand über Argentinien. Wieder nur ein Desaster in einem kleinen, fernen Land, über das Amerikaner nichts wissen - ein Land so fern und unwichtig wie ehedem Afghanistan. Diesen Vergleich sollte man natürlich nicht leichtfertig ziehen. Während in den Augen der meisten Amerikaner der Fall Argentinien nur ein Beispiel für die scheinbar endlose Krise Lateinamerikas ist, nimmt man außerhalb der USA sehr genau zur Kenntnis, dass die Wirtschaftspolitik Argentiniens den Stempel Made in Washington trägt. Deren Scheitern ist eine Katastrophe für das Volk Argentiniens - aber ebenso ein Desaster für die US-Außenpolitik.

Mehr als jedes andere Entwicklungsland hat sich Argentinien den Versprechen des von den USA geförderten Neoliberalismus hingegeben. Zölle wurden abgeschafft, Staatsunternehmen privatisiert, multinationale Konzerne ins Land geholt, der Peso an den US-Dollar gebunden. Wall Street war begeistert, und Geld kam ins Land. Zeitweise schien das aufzugehen, und die Akteure nahmen die Lobpreisungen gern für sich in Anspruch. Doch mit der Asienkrise 1997 änderte sich das Bild. Während etwa Brasilien diesen Einbruch meisterte, rutschte Argentinien immer tiefer in die Rezession.

Für dessen Malaise ist nicht die Liberalisierung von Märkten als solche, sondern deren Kombination mit einer Politik des harten Geldes zuständig. Immer wieder haben Washington, IWF und Wall Street unisono skandiert, freie Märkte funktionierten nicht ohne hartes Geld. Der IWF, den man im Ausland mit einigem Recht als Abteilung des US-Finanzministeriums ansieht, hat bis zuletzt an diesem Doppelpack festgehalten. Seit Monaten, vielleicht seit Jahren, hat jedoch der Währungsfonds gewusst, dass die Ein-Peso-Ein-Dollar-Relation nicht zu halten war. Der IWF hätte Argentinien aus dieser monetären Falle herausführen und dessen Politiker in diesem Bemühen stützen können. Stattdessen aber hielt er in der Manier mittelalterlicher Wunderärzte an seinem Rezept fest: Selbst der Tod des Patienten erlaubt noch keinen Zweifel an der Richtigkeit der Therapie.

Vor unseren Augen versinkt nun ein Land im Chaos. Lateinamerika hält die USA für schuldig. Aber diejenigen, die eine solche Katastrophenpolitik zu verantworten haben, sind schon eifrig bemüht, die Geschichte umzuschreiben und Opfer in Täter zu verwandeln. All das werden die meisten Amerikaner nicht verstehen. Sie sind nicht fähig, auch nur ansatzweise nachzuvollziehen, wie sie von anderen gesehen werden. Selbst unter sogenannten Meinungsführern (opinion leaders) ist diese Beschränktheit weit verbreitet: 52 Prozent glauben, dass die USA in der Welt Achtung genießen, weil sie Gutes täten.

Am besten wäre es für Argentinien gewesen, die eigene Währung in einem geordneten Verfahren abzuwerten und Dollar-Schulden in Peso-Schulden zu verwandeln. Aber diese Option besteht jetzt kaum noch. Stattdessen wird die neue Regierung vermutlich die Uhr zurückdrehen, den grenzüberschreitenden Geldfluss kontrollieren, Importquoten verhängen, sich von den Weltmärkten abwenden - all dies womöglich begleitet von einer Rückkehr zu anti-amerikanischer Rhetorik.

Ich wage eine Prognose: Diese rückwärtsgewandte Politik wird funktionieren, genauso wie ähnliche Rezepte zeitweilig in den dreißiger Jahren erfolgreich waren, indem sie zumindest die Lage stabilisierten. Abwendung von den Weltmärkten ist aber langfristig eine schlechte Politik. Argentiniens eigene Geschichte ist der beste Beweis. Nur wer kümmert sich um die Zukunft? Langfristig - um das Bonmot von John Maynard Keynes zu wiederholen - sind wir alle tot. Im April 2001 nannte George W. Bush eine Freihandelszone für den gesamten Kontinent Amerika ein wesentliches Ziel seiner Außenpolitik: "Für eine Ära des Wohlstands in einer Hemisphäre der Freiheit." Wenn dieses Ziel jemals ernst gemeint war, so hat es zumindest jetzt einen gewaltigen Rückschlag erlitten. "Don´t cry for Argentina; cry with it".

Übersetzung Hans Thie

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00:00 11.01.2002

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