Doping ist, was auf der Liste steht

Medientagebuch Im Sport wie auf dem Kapitalmarkt kommt man mit bloßen Verboten nicht weiter - was hilft, ist nur radikale Transparenz

ARD und ZDF steigen - wieder einmal - aus der stundenlangen Live-Berichterstattung über die Tour de France aus. Weil diese dopingverseucht sei. Durch nachträgliche Kontrollen wurden bei den Olympischen Spielen in Peking und bei der Tour de France Fälle von Medikamentenmissbrauch - vulgo: Doping - aufgedeckt. Cera heißt die neue Droge, von der die Sportler bislang glaubten, dass sie nicht nachweisbar wäre. Die Radprofis Bernhard Kohl und Stefan Schumacher wurden überführt, damit ihre Leistung manipuliert zu haben. Was die Frage aufwirft, warum ARD und ZDF das offensichtliche Doping-Problem im Sommer faktisch ignoriert haben. Spannender ist aber die grundsätzliche Frage, warum Sportler Gesundheit und Ehre riskieren, wenn sie sich weiter dopen und dabei erwischt werden können?

Viele schieben das Doping-Phänomen auf die Kommerzialisierung des Sports und gnadenlosen Konkurrenzdruck. Diese - durchaus nicht falsche - Erklärung geht aber an den tiefliegenden Ursachen des Dopens vorbei. Doping gehört nämlich zu den konstituierenden Prinzipien des Leistungssports. Und kein Argument ist falscher als das, das in der beliebten Frage steckt: Warum soll der Sport besser als die stressgeplagte und tablettenverseuchte Gesellschaft sein?

Sportfans und Gesellschaftskritiker halten es gleichermaßen für unsportlich, das Ergebnis eines Wettkampfs durch Medikamente oder medizinische Methoden zu "verfälschen", die nicht zur Bekämpfung von Krankheiten, sondern "nur der Leistungssteigerung" dienen. Nur hilft die abstrakte Definition nicht weiter, denn Hochleistungssport ist an sich ungesund und alle Athleten befinden sich ständig in ärztlicher Behandlung. Deswegen wurde die Doping-Liste erfunden. Es gilt: Doping ist, was auf der Liste steht. Und deswegen sind Athleten und Trainer ständig auf der Suche nach Mitteln und Methoden, die nicht auf der Liste stehen. Oder die zumindest nicht nachgewiesen werden können.

Für Wettkampf-Sportler ist es also normal, dass sie an die Grenzen des Regelwerks gehen oder es sogar überschreiten. Athleten haben kein Unrechtsbewusstsein, wenn sie an der Grenze des Erlaubten agieren oder tricksen. Das gehört zum Wettkampfsport dazu: Es gibt ein Regelwerk, dessen Gültigkeit man systematisch ausreizt. Beim Fußball etwa wird ständig unfair gespielt. In der Hoffnung, dass der Schiedsrichter es nicht sieht oder es als an der Grenze des Erlaubten durchgehen lässt.

Leistungssport mag ein positives Beispiel für Selbstdisziplin sein - bezüglich der ebenso zentralen gesellschaftlichen Tugenden Vertrauen und Fairness ist er ein verheerendes Vorbild. Die Athleten sagen ja nicht: "Ich habe niemals gedopt"; sie sagen lediglich: "Ich habe nie etwas genommen oder gemacht, was auf der Verbotsliste steht."

Will man die Athleten vor Medikamentenmissbrauch schützen, dann muss die Heimlichkeit ärztlicher Leistungshilfen und Selbsttherapien aufhören. Wenn man nicht alle Medikamente und Therapien auf die Liste setzen will (was offenkundig auch nicht geht), dann hilft nur eine Freigabe des Dopings. Dann könnten Ärzte zum Beispiel auf Kongressen offen darüber reden und gesundheitlich optimale Methoden entwickeln. Um unkontrollierten Medikamentenmissbrauch und den Anreiz zum Finden neuer Methoden zumindest zu verringern, sollten alle Athleten "Medikamentenpässe" führen, die veröffentlicht und von Sportjournalisten - die rasch sachkundig wären - kommentiert würden. Kontrollen müssten weiterhin stattfinden, damit diejenigen, die heimlich neue, nicht im "Pass" dokumentierte Methoden anwenden, als unfaire Trickser von ihrem Sportverband bestraft würden.

Es ist übrigens kein Zufall, dass der Vorschlag "Mehr Transparenz" auch für das weltweite Finanzwesen gemacht wird. Bloße Verbote "spekulativer Geschäfte" (oder die Besteuerung von Spekulationen mit Hilfe der vielzitierten Tobin-Steuer) helfen nicht weiter. Dann werden sich junge Spekulanten neue Spielereien ausdenken, mit der sie Verbote (und gegebenenfalls Steuern) legal umgehen können. Nur radikale Transparenz, also Veröffentlichungspflichten, und Kontrolle der Quellen (das heißt der Banken), versprechen auf den Finanzmärkten Wirkung. Nichts anderes gilt auf dem Doping-Markt. Klagen führt nicht weiter - nur radikale Transparenz. Auch wenn sie Sportfunktionären wie Bankmanagern nicht gefallen mag.

Radikale Transparenz könnte der Gesundheit der Sportler dienen. Sie ist nicht im Interesse derer, die mit Sport Geld verdienen wollen. Wenn klar würde, wie medikamentenabhängig Leistungssportler sind, könnten sich Zuschauer und Sponsoren vom Spektakel abwenden. Oder eine neue Liga aufmachen. Wie die Catcher, die sich seit einigen Jahren als professionelle Ringer bezeichnen und - ohne ARD und ZDF - ihr Geld verdienen.

Gert G. Wagner, Professor für Volkswirtschaftslehre in Berlin, ist derzeit Fellow am Max-Weber-Kolleg in Erfurt.

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