Dorf von Welt

Sprachexkursion Polyglotte Orte sind selten geworden, aber in Osteuropa alles andere als am Verschwinden
Martin Leidenfrost | Ausgabe 33/2014 1

Ich bin wohl angekränkelt von der angeblich gescheiterten Ideologie des Multikulti, sonst hätte ich nicht quer durch Europa nach Dörfern gesucht, in denen die Dörfler mindestens drei Sprachen sprechen. Da bot sich zunächst einmal die angeblich mehrsprachigste Gemeinde der viersprachigen Schweiz im einzigen dreisprachigen Kanton Graubünden an. Sprachwissenschaftler machten in Bivio sieben Idiome aus, Hochdeutsch und Bündner Schweizerdeutsch, Italienisch, den Bergeller Italienisch-Dialekt Bargaiot sowie die Rätoromanisch-Varianten Surmiran, Putèr und Bivio-Romanisch. Also hinauf zum Julierpass, auf 1.769 Höhenmeter, in die einzige offiziell italienisch-sprachige Gemeinde nördlich des Alpenhauptkamms, sie ist halb protestantisch wegen der einstigen Zuwanderung italienischer Protestanten aus dem Bergell-Tal.

Ich kam im Mai, als Schneezungen noch an Straßenrändern, Wiesen und Gräbern leckten. Ein paar alte Häuser mit winzigen Fenstern und hölzernen Fensterläden mit der Aufschrift „casa veneziana, erigida 1564“. Ansonsten massive Hotels und eine Siedlung von Ferienwohnungen, zu der Jahreszeit allerdings verwaist. Ich ging eine Stunde spazieren, von den etwa 200 Gemeindebürgern kamen mir genau zwei entgegen. Der Gemeindekanzlist gestand mir: „Italienisch ist keine gelebte Sprache mehr in Bivio.“ Man wolle Deutsch als Schulsprache einführen. Der landwirtschaftliche Kontakt mit dem hinter hochalpinen Pässen gelegenen Bergell riss ab, Deutschsprachige zogen zu, und die konfessionelle Barriere zu den katholisch-rätoromanischen Nachbardörfern des Surses verlor an Bedeutung. Der Gemeindekanzlist dient in seinem Amt seit 1980: „Als ich angefangen hab, hat man im Ort noch gewusst, der ist katholisch, der ist protestantisch.“

Dreisprachige Roma

Ich stieg beim Hotelwirt Guidon ab, dessen Gaststube den Einwohnern im Zwischensaisonloch die einzige Zuflucht bot. Statt fünf Varianten von Italienisch und Rätoromanisch hörte ich Schweizerdeutsch und Portugiesisch. Tatsächlich entstammten von dem mageren Dutzend Schulkindern zwei Drittel portugiesischen Zuwandererfamilien, ein Kind war chinesisch. Guidon – früher einmal der Bürgermeister – scherzte: „Man soll Portugiesisch und Chinesisch als Schulsprache einführen.“

Ich knöpfte mir als Nächstes Vel’ká Ida vor, den Ort mit dem wohl einzigen dreisprachigen Ortsschild in der Slowakei, slowakisch-ungarisch-romanes. Vel’ká Ida liegt am Werkszaun des Stahlwerks US Steel, 2.000 Tonnen Kohle werden dort täglich verbraucht. Im Schatten der 161 Schlote hatte mich immer der Slum von Roma-Junkies schockiert. Hütten, Verschläge, verkohlte Häuser; schwarze Köter, nackte Mädchen und Teenagerinnen in Prinzessinnenkleidchen auf schwarzem Dreck; zugedröhnte Kerle mit debilem Grinsen. Neuerdings hat die Gemeinde eine Mauer errichtet, in diesem Fall aber nicht zwischen Weißen und Roma, sondern zum Schutz der Hauptstraße vor den gefürchteten Slumbewohnern. Mit oder ohne Mauer, slowakische Autofahrer beschleunigen stets, wenn sie dieses Viertel von Vel’ká Ida durchfahren.

Fünfsprachiger Albaner

Ich ging auf das Gemeindeamt. Die weißen Beamten konnten sowohl Slowakisch als auch Ungarisch, ich fragte nach dem Status von Romanes. Eine ältere Beamtin erklärte mir: „Die Roma sind eine ethnische Gruppe, keine nationale Minderheit.“ Ich verstand nicht. Sie erklärte, dass sich viele Roma nicht zu ihrer Nationalität bekennen. Ein jüngerer Beamter sprang bei: „Wenn Sie einen Rom auf der Straße fragen, dann sagt er Ihnen, dass er Slowake sei. Zu uns ist noch keiner gekommen, der Romanes reden wollte.“ Die Ältere fügte mit gequältem Gesicht hinzu: „Wenn sie sich bekennen, dann müssen wir Romanes lernen.“ Ich fragte sie: „Würden Sie sagen, dass die Einwohner von Vel’ká Ida dreisprachig sind?“ Sie schenkte mir eine Perle von Antwort: „Die Roma sind dreisprachig, die Bürger zweisprachig.“

Da zog es mich weiter und wieder ins Bessarabische, es ging an die Landstraße von Bolgrad nach Odessa in der Ukraine. Im Dorf Schowtnoje ist alles einfach. Die größte Gruppe sind Albaner, weiterhin leben im „Oktoberdorf“ viele Bulgaren und Gagausen. Obwohl alle ausgezeichnet Russisch sprechen, lernen sie zusätzlich die Sprachen der anderen. Ab und zu kommt eine Delegation aus Albanien und bestaunt das archaische, von Russizismen durchsetzte Albanisch. Die Oktoberdörfler interessieren sich im Gegenzug überhaupt nicht für Albanien; keiner war je dort, und keiner will je hin. Historiker vermuten, dass die drei Volksgruppen einst gemeinsam aus dem Gebiet des heutigen Bulgarien ins Zarenreich kamen, aber niemand, mit dem ich in Schowtnoje sprach, hat sich je mit der Frage der Herkunft abgequält. Als ich nach einem Jahr zurückkehre, sitzt Dima wieder mit einem Bier und Freunden vor dem Laden an der Landstraße. Der albanische Landarbeiter ist nicht schön. Seine Haut ist ledrig rot, die Goldzähne und das Resthaar sind ungeordnet, seine Augen treten glasig hervor. Er ist auch alles andere als ein Diplomat. Er macht dauernd obszöne Witze, sogar über den früheren Job seiner Frau als Altenpflegerin in Italien. Aber Dima erzählt und flucht auf Russisch, er kauft auf Albanisch ein, telefoniert bulgarisch mit dem Chef. Wegen seiner ethnisch bulgarischen Frau spricht er mit den Kindern viel Bulgarisch, er verarscht Passanten auf Gagausisch. Das Moldawische hat er wegen der Geschäfte mit dem nahen Moldawien gelernt. Andere im Ort beherrschen immerhin drei oder vier Sprachen. Keine Ahnung, woher dieser gegenseitige Respekt kommt. Umso mehr verdienen die Oktoberdörfler – Respekt!

Martin Leidenfrost schrieb zuletzt über das wenig europafreundliche Armenien

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