Dorfleben

A–Z „#Dorfkinder haben den Dreh raus“, lautet einer der Slogans, mit denen Julia Klöckner das Image des Landlebens aufpolieren will. Hat es das verdient? Unser Wochenlexikon

A

Anbindung Ich wohne in einer Vorstadt, die zum Umkreis eines Zentrums gehört. Hier ist tendenziell wenig hip. Es ist funktional. Es herrscht der Charme der alten BRD, fahrend aufrechterhalten von neuen SUVs. Funktionieren tut hier vor allem der Autoverkehr. Was den Rad fahrenden Kiezbewohner erzürnt, ist alltäglich. „Nur“ zwanzig S-Bahn-Minuten von den Deutsche-Bank-Türmen entfernt, ist der Nahverkehr eher eine (mit Urin garnierte) Abbindung statt Anbindung. Man muss erst mal zur S-Bahn kommen und die muss auch wirklich fahren. Die Parkplatzgröße des Bahnhofs beweist, dass das Auto Mittel der Wahl ist. Wer den halbstündlichen Bus (nicht nach 20 Uhr …) nimmt, tut das nicht aus Überzeugung, sondern weil er muss. Es ist deprimierend, dass man im Speckgürtel einer Großstadt nicht per ÖPNV wegkommt. Was sollen dann Menschen in einem echten Dorf sagen? Jan C. Behmann

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B

Brooklyn Wenn man die ersten Bekannten auf der Straße wiedertrifft, wird jede Stadt zum Dorf. Auch eine Achtmillionenstadt wie New York City. Was das Dorf so beengend macht, ist die fehlende Anonymität. Nirgends kann man freier (Freiheit) sein als dort, wo einen niemand kennt, niemand wiedererkennt. Als ich während eines Auslandssemesters in Brooklyn das erste Mal einen Bekannten in der Bahn traf, dachte ich: Du warst jetzt lang genug hier! Schon bald, so die Befürchtung, würde sich die einst unendlich scheinende Metropole anfühlen wie eine Kleinstadt, wo einen Kassierer, Friseure und Briefträger grüßen. Schon bald, so die Befürchtung, werde ich mich fragen, ob ich dies oder jenes anziehen kann – was, wenn ich jemanden treffe? Das gefühlte Beobachtetwerden ist die DNA des Dorfgefühls. Jede Veränderung wird wahrgenommen und im Zweifel abgestraft. In der Stadt kann man sich mit falschem Namen vorstellen, keiner merkt es, keinen interessiert es – Freiheit und Grauen der Urbanität. Konstantin Nowotny

C

Crystal „Es macht glücklich, extrem konzentriert, die Lust am Sex nimmt zu, Hunger, Durst und Müdigkeit verschwinden.“ Eine Dosis kann bis zu 36 Stunden wirken. „Wer Crystal einmal nimmt, will es immer wieder“, berichten Abhängige. Die Rückfallquote nach der Therapie liegt bei 75 Prozent. Brandgefährlich ist das kristalline Pulver, geraucht, geschnupft oder geschluckt, nicht nur wegen der Suchtgefahr. Auf den Rausch folgen Schlafstörungen und Kopfschmerzen, innere Unruhe, Depressionen. Als Gift für Gehirn, Herz, Nieren und Immunsystem zerstört es auf Dauer Mund- und Nasenschleimhäute; Zähne und Haare fallen aus.

Laut einer Studie, die über 70 europäische Städte untersuchte, ist Crystal kein Großstadtphänomen. Betroffen sind oft Dörfer und Kleinstädte, hierzulande seit Mitte 1990 ostdeutsche und bayrische. Je näher an den tschechischen Drogenküchen, desto höher ist der Konsum. Verkauft wird, wo junge Leute sind. Die erste Probe ist meist kostenlos. Nahe der Grenze ist die Einstiegsdosis 100 Milligramm billig, zwischen acht und zehn Euro. Schwerabhängige konsumieren bis zu 1,5 Gramm auf einmal, das kostet etwa 80 Euro. Desaströs ist immer noch der Mangel an Drogenambulanzen in der Provinz, klagen Betroffene. Helena Neumann

F

Freiheit In meine Grundschulklasse in der Kleinstadt gingen die Schulbus-Kinder aus den eingemeindeten Dörfern im Umland. Sie wurden meine besten Schulfreunde. Etliche spielten Fußball beim CSC Batzenhofen-Hirblingen, und ich mit ihnen. Radelte die 20 Minuten aus der Kleinstadt zum Trainingsplatz. Auf dem Bauernhof des einen versteckten wir uns als Drittklässler im Gebüsch und rauchten die erste Zigarette, zum ersten Mal saß ich in Batzenhofen auf einem Mofa – und schon nach der ersten Kurve mit dem Hosenboden auf der Straße.

Dem Alkohol näherten wir uns später in einigermaßen glimpflicher Weise, während der „Freinächte“ auf den 1. Mai zogen wir durchs Dorf, hängten Gartentore aus und schleppten sie zum Maibaum in der Dorfmitte. „Freier“ als hier hätte ich mir meine jungen Jahre nicht vorstellen können. Sebastian Puschner

G

Geschichte Lange galt das Dorf als Keimzelle der Stadt. Menschen siedelten in Dörfern, die vergrößerten sich zu Städten. Das 12.000 Jahre alte Tempelheiligtum im türkischen Göbekli Tepe stellt diese Theorie infrage. Die monumentale Maueranlage markiert den Beginn von Ackerbau und Viehzucht. Während der jahrzehntelangen Bauzeit musste die Versorgung gewährleistet sein; die Erbauer konnten nicht umherziehen und jagen. So schuf die Errichtung der Anlage jene Wirtschaftsweise, die Voraussetzung für die Sesshaftwerdung war. Tobias Prüwer

K

Kulturkampf Stadt, Land, Frust: Der olle Kulturkampf zwischen urban und rural kommt derzeit im Gewand der AfD-Versteher daher. Städtische Globalisten würden die erdverbundenen Dorfbewohner mit Ökoverordnungen bevormunden und mit Identitätspolitik überfordern. Und ihnen Windräder vor die Nase stellen. Aber das Konstrukt wackelt. Wo ist denn die hippe Stadtkultur? In Meppen und Zeitz – oder ist das schon Dorf? Urbanismuskritik ist ein hornalter, konservativer Topos. Armut und Prekariat existieren in allen Siedlungsformen. Der Kulturkampf entsolidarisiert Stadt und Land. Wohl deshalb verläuft der Breitbandausbau in den Dörfern so schleppend. Damit sich die Abgehängten nicht so gut vernetzen können. Tobias Prüwer

L

Landlust Im Windschatten des gepflegt Rustikalen, das zum Beispiel im Gastgewerbe um sich greift, wo gerne auf möglichst naturbelassenen Stühlen am veganen Cappuccino genippt wird, haben sich allerlei Magazine etabliert, die das Landleben preisen. Landliebe oder Landlust heißen die Zeitschriften. Früher fristeten sie ein Schattendasein. Mittlerweile haben sie riesige Auflagen. Sie huldigen dem Idyll, propagieren die Verklärung. Karierte Tischdecken, robuste Weckgläser, seltene Apfel- und Kartoffelsorten, bunte Gerätschaften bevölkern immerzu sonnige Flure und Wiesen. Kaninchen hoppeln, Schweinchen springen, Schafe grasen.

Ist alles so schön anzuschauen, macht überhaupt keine Arbeit. Der dem knallharten Verwertungsdiktat unterworfene Stadtmensch scheint sich mit diesen Traumbildern in einen Neo-Biedermeier zurückziehen zu wollen. Wenn der Druck von der Arbeit bis zur Liebe immer größer wird, so ist das Leben auf ein paar Seiten innerhalb des Hochglanzumschlages noch heil. Marc Ottiker

P

Punks Vor 16 Jahren, 2004, erschien mit Dorfpunks der zweite Roman von Rocko Schamoni. „Schmalenstedt“ war in Wirklichkeit Lütjenburg in Schleswig-Holstein. Ziemlich autobiografisch ist die ganze norddeutsche Provinzgeschichte, aber doch so universell erzählt, dass sich hier viele mit Erstaunen wiedererkannten, die in den späten 70ern oder frühen 80ern auf dem Land erwachsen wurden.

Punk war ein Mittel, sich von den Vorstellungen der Elterngeneration, der Spießer zu lösen, auszubrechen, Freiheit zu finden oder sie zumindest zu suchen, wie es Schamoni beschreibt: „1975 in England ausgebrochen, 1981 bei uns verebbt. In uns. Ein Jugendtsunami.“ Diese Jugend, die so viele auf dem Land hatten, die Langeweile, die Ödnis des Kaffs, die Landluft, das No-Future-Gefühl, die Grässlichkeit der Idylle – all das konnte Punkrock für ein paar Sekunden betäuben. Schamonis autobiografischer Entwicklungsroman wurde nicht nur als Theaterstück inszeniert. Der Film von Lars Jessen machte den Roman einem größeren Publikum bekannt. Marc Peschke

S

Sommerfrische Im Wörterbuch der Brüder Grimm ist der Begriff mit „Landlust der Städter im Sommer“ umschrieben. Seit der Antike zieht es den Adel im Sommer aufs Land. Einerseits zur Bewirtschaftung der Ländereien, welche die wirtschaftliche Grundlage der Herrschaft bilden, andererseits um den in der Hitze immer zweifelhafter werdenden hygienischen Bedingungen in der Stadt zu entfliehen. Im Mittelalter ist der Wechsel zwischen verschiedenen befestigten Sitzen politische Notwendigkeit, welche die Trennung von Stadt und Land aufhebt. Durch das Aufblühen der Städte in der Renaissance wird der Wechsel zwischen Stadtpalais und Sommerresidenz wieder en vogue. In der Industrialisierung errichten die Besitzerfamilien der Manufakturen ihre Landhäuser. Während in der Stadt die Schlote rauchen, gönnt man sich auf dem Land die Früchte der Natur.

Schön ist der Ursprung des Wortes: „prendere il fresco“ („die Frische nehmen“), die italienische Bezeichnung für den Spaziergang. Die erste deutsche Verwendung ist aus dem Raum Bozen überliefert, wo die Bürgerschaft aus dem heißen Talkessel in die kühlen Sommerwohnungen des Mittelgebirges übersiedelte. Mit der Erschließung Europas durch die Eisenbahn gibt es kein Halten mehr. Die Sommerfrische wird zum festen Bestandteil des bürgerlichen Lebens. Wer sich keinen Landsitz leisten kann, quartiert sich in Gartenhäusern ein, oder in Landgasthöfen. Das Reisen als Selbstzweck beginnt. Der Tourismus ist geboren. Marc Ottiker

T

Traditionen werden auf dem Land, in der dörflichen Gemeinschaft viel intensiver gepflegt als im urbanen Umfeld, das sich schnell wandelt. Das wurde übrigens auch in der DDR sehr schnell erkannt und genutzt. 1954 gründete die Partei ein „Staatliches Dorfensemble der DDR“, das mit Volkstanz, Volksliedern und sozialistischem Volkstheater das „kulturelle Erbe“ pflegen sollte.

In Zeiten der Unruhe, „fremder“, „feindlicher“ Einflüsse und der Flucht vieler gen Westen auch vor den Folgen der Kollektivierung auf dem Land sollte Verbundenheit mit der „Heimat” gefestigt werden. „Mit der Gestaltung neuer Tänze sollte auch dem neuen sozialistischen Aufbau gedient werden“, so eine typische Losung jener Zeit. Die Leute scherten sich nicht um Losungen, sondern waren – fern von der „Zentrale“ – auf ihre Weise kulturell aktiv, entfernten sich von der verordneten Traditionspflege. Das Dorfensemble nannte sich dann später „Folkloreensemble“ und die Dorfmusik spielte im Kulturhaus Rock ’n’ Roll. Magda Geisler

Z

Zelle Aus dem sozialen Konstrukt der Dorfgemeinschaft erwachse der Faschismus, so ließe sich ein kürzlich in der taz veröffentlichtes Interview mit der Rapgruppe Antilopen Gang zusammenfassen. Ganz unrecht haben sie nicht. Die „natürliche“ Dorfgemeinschaft als Antagonist zur „künstlichen“ Stadt produziert seit jeher die gleichen falschen Anfeindungen (Kulturkampf).

Aber jedes Dorfkind weiß, dass der städtische Antifaschismus meist ein Witz gegen den dörflichen ist. Die wenigen, die auf dem Land links werden (Punks), bleiben es. Sie verachten das Gelaber und fackeln nicht lang, weil sie wissen, wie schnell Nazis zuschlagen. Antifa bleibt Landarbeit! Konstantin Nowotny

06:00 08.02.2020

Ausgabe 23/2020

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