Dorota und die Meerjungfrau

Polen Vom Wirtschaftswunder befreit, treffen sich ein paar ­Verlierertypen in den „Milchbars“ von Warschau, deren Tradition auf die dreißiger Jahre und Volkspolen zurückgeht

Das Quietschen, das für alte Warschauer Straßenbahnen so typisch ist, verstärkt sich noch auf der Slasko-Dabrowski-Brücke. Als wisse die Tram, wohin sie fährt. Mit einem Ruck kommen die rostigen Wagen schließlich vor der Sankt-Florian-Kirche zum Halten. Die hohen Glockentürme markieren den Eingang zum Arbeiterviertel Praga, durch die Weichsel getrennt von der Glitzer-City und den Gassen der Altstadt. Bis vor wenigen Jahren gaben in Praga Banden von Kleinkriminellen den Ton an. Inzwischen ist die verruchte Gegend in Maßen „gentrifiziert“ und zum Künstlerkiez aufgestiegen – in Abbruchhäusern und zwischen Industriebrachen siedeln Kultur-Cafés und Szene-Kneipen. Auch wächst in dieser Gegend das neue Nationalstadion mitsamt Sport- und Freizeitpark in den Himmel. In einem knappen Jahr soll auf seinem Rasen die Fußball-Europameisterschaft eröffnet werden.

Mittendrin und im Schatten von Sankt Florian liegt die Milchbar Rusalka mit ihren engmaschigen Kunststoffgardinen, die jedes Innenleben gegen neugierige Blicke abschirmen. Meerjungfrau heißt dieses Lokal auf Deutsch, das zu den ältesten der noch gut 20 Milchbars in Warschau zählt, den Relikten einer sozialistischen Suppenküchen- und Kantinen-Kultur. Noch bleibt es diesen Lokalitäten möglich, dank staatlicher Subventionen typisch polnische Speisen gegen Tiefpreise anzubieten. Ein Hauptgericht kostet in der Milchbar umgerechnet weniger als einen Euro. Zu mehr als Plastikbestecken und vernutztem Geschirr auf grünen Tischdecken reicht es in der Meerjungfrau freilich nicht. „Alles andere wird hier ohnehin geklaut“, sagt eine alte Dame, die allein an einem Ecktisch ihre Piroggen isst.

Seit dem EU-Beitritt im Mai 2004 hat sich das Pro-Kopf-Einkommen in Polen verdoppelt, die Arbeitslosigkeit ist von mehr als 20 auf gut zehn Prozent gesunken. In Warschau herrscht nahezu Vollbeschäftigung. Dem Großteil der Bevölkerung geht es so gut wie nie zuvor – gleichfalls wächst die Armut der Armen.

Verlierer von Boom, Business und Transformation finden sich mittags in den Milchbars der Stadt zusammen. Mit dem Tempo des Wandels können sie oft nicht Schritt halten, für ihre Sorgen und Nöte gibt es keinen Anwalt und schon gar keinen Respekt. Das gilt auch für die Geschichte der alten Warschauerin, die ihre Piroggen gern teilen würde. „Probieren Sie, die Köchinnen wechseln sich ab. Heute ist die gute dran – die kann das.“ Ihren Namen will die 73-Jährige in keiner Zeitung lesen, egal wo. Natürlich esse sie regelmäßig in der Meerjungfrau zu Mittag, sei sie doch so etwas wie eine Eingeborene, im alten Praga geboren und nie herausgekommen, nie weggezogen. „Jahrelang habe ich in einer Klinik am Empfang gearbeitet. Ich hatte Dienst, als mein Mann mit einem Infarkt eingeliefert wurde und starb“, erzählt si und schiebt den Teller beiseite, am Finger ein Rubin-Imitat. Ihre Rente sei klein und kümmerlich. „Bis vor Kurzem hat mir mein Sohn finanziell geholfen, aber dann ist er bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Meine Schwester ist mit ihrer Familie nach Schlesien gezogen. Nun bin ich allein und gehe auch deshalb in die Milchbar. Die Alten und die Armen kommen hierher. Die Einsamen, nicht zu vergessen. Und für eine Person zu kochen – das lohnt ohnehin nicht.“

„Verschwinden Sie!“

Die Altersarmut hat sich in Polen innerhalb von nur zwei Jahren fast verdoppelt. Das belegt zunächst einmal die Statistik, die ebenso zu Protokoll gibt, dass sich die Durchschnittslöhne im Vergleich zu den Renten deutlich erhöht haben. „Wir Alten hatten noch nie viel“, sagt die Frau zum Abschied, winkt und steht schon in der Tür.

Der Köchin das fremde Lob für ihre Piroggen zu überbringen, misslingt. Die Kierowniczka, die Leiterin der Belegschaft, verweigert für sich und ihre Mitarbeiterinnen jedes Gespräch. „Verschwinden Sie!“, faucht die hagere Mittfünfzigerin. Die glatten grauen Haarsträhnen kleben in der Sommerhitze an den Schläfen. „Wir sind ein Restaurant, keine Auskunftei“, schrillt sie in einem Ton, der weitere Fragen verbietet, auch solche zur Geschichte dieses Lokals.

Die irreführende Bezeichnung Milchbar (Bar Mleczny) stammt aus der Frühzeit der Warschauer Billigrestaurants. Zwischen den beiden Weltkriegen boten derartige private Suppenküchen ausschließlich vegetarische Kost, vorzugsweise Milchspeisen, um später mehr auf Fleischgerichte Wert zu legen. In der Volksrepublik erlebten die nun staatlichen Billigbars einen unerhörten Boom. Zehntausende Etablissements dieser Art entstanden als Bistro, Kantine, Imbisstrakt oder Wärmestube im Winter. Heute locken die verbliebenen rund 150 Bar Mleczny nicht so sehr mit ihrer Patina von einst, dafür mit wohlfeilen Preisen. Die Alimentierung durch den Staat gerät zur verdeckten Sozialhilfe.

Nur selten verirren sich junge Leute oder Besserverdienende in die Bars. Dorota und Marcin ist das egal. Sie fühlen sich in der Meerjungfrau alles anders als fremd. „Es ist ein bisschen wie in meiner Kindheit“, sagt der 35-jährige Marcin. „In Danzig, wo ich aufgewachsen bin, ging ich oft mit meinen Eltern in eine Milchbar.“ Jetzt arbeite er in Praga bei einer Bank. Die Meerjungfrau ziehe er jedem Fast-Food-Restaurant vor. „Hier gibt es noch ordentliches Essen“. Er fischt mit einem großen Plastiklöffel ein halbes Dutzend Kirschen aus der Kompottschale. „Sehen Sie nur!“

Marcin hat seine etwas jüngere Kollegin Dorota zum „Business-Lunch“ in der Milchbar überredet. Nostalgische Erinnerungen sind Dorota fremd und suspekt. Immer wieder greift sie zum Handy. In ihrem eleganten Kostüm passt Dorota nicht in die Welt der Meerjungfrau. Aber sie lächelt zufrieden. „Das Essen ist wirklich gut, viel abwechslungsreicher als bei McDonalds“, sagt sie und zeigt auf den Menüplan, der am Eingang ausgehängt ist. Mit seinen Steckbuchstaben erinnert das Tableau an Fahrpläne für Dampflokomotiven auf außer Dienst gestellten Bahnhöfen.

Es gibt in Warschau manchen Ort, an dem sich Arm und Reich nicht gerade in den Armen liegen, doch frappierend eng beieinanderblieben. Auf dem Boulevard Nowy Swiat (Neue Welt) halten die edle Traditions-Konditorei Blikle und die Milchbar Familijny Tuchfühlung zueinander. Auch der in raumgreifender Monumentalität errichtete Kulturpalast ist eine solche Schnittstelle und beschirmt heute die größte Kolonie Warschauer Obdachloser, ringsherum residieren prächtige Geschäfte, stehen elegante Hoteltürme mit Panorama-Cafés, empfehlen sich VIP-Lounges und Wellness-Center als soziale Hochstände über Häuserschluchten hinweg.

Im „Goldenen Huhn“

Eine Tasse Kaffee kostet dann vier bis fünf Mal so viel wie das komplette Menü einer Milchbar. In der Shopping-Mall Goldene Terrassen flanieren unter einem gewellten Glasdach all jene, die es sich leisten können, dort einzukaufen. Und das sind zusehends mehr Polen – selbst in den rückständigen östlichen Regionen hat sich eine Mittelschicht etabliert.

Auf dem Platz der Verfassung hängen riesige Werbeplakate an den Fassaden einer überlieferten Prunkarchitektur mit wuchtigen neoklassizistischen Säulen. Auch hier findet etwas zusammen, das nicht zusammengehört. Wenige hundert Meter weiter beginnt die Mokotowska-Straße, in der sich elegante Boutiquen und bessere Restaurants abwechseln, aber auch die Milchbar Goldenes Huhn mit ihrem leicht muffigen Küchendunst gehört dazu. Dieses Gasthaus lockt mit der Empfehlung: „Das billigste Essen der Stadt!“

Im Innern gibt es Tische ohne Tischdecken, Gläser mit klebrigem Salz, harte Sitzmöbel auf dünnen Metallbeinen und eine überschaubare Zahl von Gästen kurz vor zwölf Uhr mittags. In der hintersten Ecke hat sich ein alter Mann mit einer dicken Hornbrille niedergelassen, seine Krücke an die Wand gelehnt, die Nase ein paar Zentimeter über Zeitung und Bohnensuppe. Der zahnlose Mund nimmt die Brühe schlecht auf. Sie rinnt ihm übers Kinn. Er merkt es nicht.

Die Frage, was er mit diesen Milchbars verbinde, erschreckt den Alten. Er starrt eine Weile ins Leere. „Ich kriege hier mein Essen“, knurrt er schließlich, greift den Kunststoffnapf und trägt ihn wortlos zur Tellerwäscherin. Von der massigen Frau hinter der Durchreiche ist nur die verschmierte Schürze zu erkennen. Wer im Goldenen Huhn verproviantiert sein will, muss sich ständig bücken. Der winzige Kassen-Schalter am Eingang befindet sich ebenso auf Bauchhöhe wie die Essensausgabe, hinter der vier Frauen mit knallblauen Kitteln und Haarnetzen zwischen Arbeitsplatten und Herd, Aluminiumkübeln und Pfannen schuften. Der Schweiß rinnt den Köchinnen über die nackten Arme. In den Ecken stapeln sich Zwiebeln und Kartoffeln. Im Goldenen Huhn wird traditionell polnisch gekocht – Bigos zum Beispiel, ein Gemisch aus Kraut, Pilzen, Backpflaumen und verschiedenen Fleischsorten. Böse Zungen nennen das Resteverwertung.

Nach zwölf füllt sich das Lokal. Menschen mit zerschlissenen Hemden und ungepflegten Bärten drängen herein. Einer fingert an einer blutgetränkten Augenbinde herum. Eine alte Frau zerrt eine Plastikbox aus ihrer Handtasche und lässt Essensreste darin verschwinden. Reden will hier niemand, schon gar nicht mit einem Fremden. Reiseführer preisen die Warschauer Milchbars gern als touristische Attraktion, die es zu beschauen gelte. Die Offenheit für neugierige Besucher in den Bars hat darunter gelitten. Wie in der Meerjungfrau scheitert auch im Goldenen Huhn der Versuch, mit dem Personal ins Gespräch zu kommen. Nur die junge Frau im schützenden Kassen-Kabuff hält sich nicht daran. Sie beugt sich zum Schalterfenster vor und flüstert: „Wir verdienen ja selbst nur einen Hungerlohn.“

Ulrich Krökel hat zuletzt über den geplanten Bau eines Kernkraftwerkes in der Region Gdansk geschrieben

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09:00 28.08.2011

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