Dörte Lucht

EHEMALIGE NS-ZWANGSARBEITER IN DER UKRAINE Viele könnten vergeblich auf den späten Lohn für bittere Jahre warten

Seine erste Begegnung mit Deutschen hat er, als er ohne Schuhe und mit hochgerollten Hosenbeinen auf einer ukrainischen Weide steht, zwei Soldaten ihn lachend mustern und fotografieren. Hastig versucht er daraufhin, die Hosenbeine runterzukrempeln, seine Hände zittern, im Bücken sieht er das Bahnwärterhäuschen weit hinten am Horizont und den Schienenstrang, der in gewaltigem Bogen nach Westen führt, bald vom Wald verschluckt wird ...

Dieser Augenblick irgendwann im Spätsommer 1941 fällt Wassyl Malantschuk zwei Jahre später wieder ein, als er in einem Lager für Zwangsarbeiter in Thüringen die nationalsozialistische Wochenschau sieht, die aus seiner Heimat - der Westukraine - berichtet. Heute ist Wassyl die Erinnerung daran nur noch einige hastige, abgehackte Sätze wert - der schmächtige 79jährige mit der riesigen schwarzrandigen Brille und dem farblosen Schnurbart war einer von mehr als zweieinhalb Millionen Ukrainern, die während des Zweiten Weltkrieges nach Deutschland deportiert wurden.

"560.000 von den einmal zweieinhalb Millionen Betroffenen haben vor zwei Jahren, als die Verhandlungen über die Entschädigungszahlungen begannen, noch gelebt, inzwischen sind davon etwa 30.000 gestorben", schätzt in Kiew der Vorstandsvorsitzende der Ukrainischen Nationalstiftung Verständigung und Aussöhnung, Stepan Kosyak. Im Haus der Organisation herrschte bis Ende Dezember reger Betrieb - solange bestand die Möglichkeit, bei der deutschen Stiftung Erinnerung, Verantwortung, Zukunft eine Entschädigung für geleistete Zwangsarbeit zu beantragen. Bis zum 31. Dezember 2001 seien 530.000 Anträge - davon 40.000 bei der österreichischen Partnerstiftung - eingegangen, resümiert Kosyak.

Wassyl Malantschuk hat den seinen bereits im Sommer in der Gebietshauptstadt Ternopil gestellt, dem Sitz einer Zweigstelle der ukrainischen Stiftung. Er musste dazu einen Fragebogen ausfüllen und eine Erklärung unterschreiben, wonach er auf gerichtliche Schritte gegen deutsche Unternehmen verzichte. "Ich empfand das schon als merkwürdig, dass ich auf etwas verzichten sollte, lange bevor das Geld überhaupt verfügbar, geschweige denn ausgezahlt war." Der Leiter der Ternopiler Zweigstelle Fjodor Bohatschuk bestätigt, "dass manche sehr böse reagieren, sobald sie mit dem bewussten Papierchen konfrontiert werden."

Besagter Bohatschuk kümmert sich um 14.525 einstige Zwangsarbeiter im Oblast Ternopil. Voluminöse Papphefter stapeln sich auf seinem Schreibtisch, ein ganzes Arsenal mühsam wieder sichtbar gemachter Spuren aus einer Vergangenheit, an die sich viele nie wieder erinnern wollten: Arbeitsbücher mit vollgestempelten Seiten, Lohnabrechnungen, Briefe, Postkarten, verschlissene Aushänge über "Transporte ins Reich". 600 akute Problemfälle verwaltet Bohatschuk. Ukrainer, die in deutschen Unternehmen zwangsweise beschäftigt oder in Konzentrationslager und Ghettos verschleppt waren, die ihre Sklavenarbeit aber nicht eindeutig, - sprich: nicht schwarz auf weiß - belegen können. Ein Beispiel ist der Fall von Eva Horodinska aus dem Rayon Husjaten. Sie war als Sechsjährige mit den Eltern nach Lublin deportiert worden und 1945 gerade befreit, als die Familie auf dem Weg nach Hause einem Pogrom in Polen zum Opfer fiel, das Evas Vater nicht überlebte. "Mein Vater trug alle Dokumente der Familie bei sich, bei ihm sind sie dann auch geblieben, er wurde in einem Massengrab verscharrt, während meine Mutter und ich fliehen konnten. Doch daran habe ich so gut wie keine Erinnerung mehr. Ich weiß nur noch, dass mein Vater mich immer gewarnt hat, nur ja nicht in das riesige Loch zu fallen, das die Latrine des Lagers war ..."

Wassyl lebt und möchte das Geld für seine Kinder und für seinen Grabstein

Auch Oleksander Klymtschuk kann nicht belegen, dass er im oberschlesischen Holzbau in der heute polnischen Stadt Rybnik arbeiten musste. Schmerzende Holzschuhe habe er getragen und monatelang Brukwa gegessen, einen Brei, der aus dem wenigen gemacht war, was für Ostarbeiter abfiel. Ohnmächtig vor Hunger sei er gewesen, wenn er morgens zur Arbeit antrat.

In Ternopil stand Klymtschuk nun bis Ende Dezember 2001 Tag für Tag in einer Menschentraube, die sich vor der Zweigstelle drängelte, um mit deren Hilfe vielleicht Dokumente in irgendeinem, tausend Kilometer entfernten Archiv ausfindig zu machen. Dokumente sind bares Geld. Sie entscheiden, ob überhaupt und in welche Kategorie, mit welchem Anspruch ein "Ehemaliger" eingestuft wird. Fehlen sie und fehlen auch aktenkundige Aussagen von Augenzeugen, die selbst ohne jeden Zweifel ihr Schicksal nachweisen können, dann bleibt den Unglücklichen nur noch eine Hoffnung: ihre in der Industrie geleistete Zwangsarbeit wird eine Kategorie tiefer als "Tätigkeit in der Landwirtschaft" eingeordnet. Das bedeutet - sofern es überhaupt zu einer Auszahlung kommt - statt 4.300 nur noch 1.500 Mark Entschädigung.

Geduldig diktieren die Wartenden ihre Suchangaben einem Übersetzer in den Computer, der dann ein Hilfeersuchen an den deutschen Weltsuchdienst Arolsen richtet. Erst jüngst habe eine solche Recherche Erfolg gehabt, erzählt der erwähnte Fjodor Bohatschuk: Einem noch lebenden Insassen des Lagers Mauthausen bei Wien sei nun eine Summe zwischen 5.000 und 15.000 Mark sicher.

Endgültig "bewertet" wird die Gruppe der Überlebenden aus Konzentrationslagern, Gestapo-Haft und Ghettos nicht von der ukrainischen Seite. Die Überprüfung der übrig gebliebenen 16.000 Verfolgten dieser Kategorie obliegt allein einer deutschen Kommission in Kiew, die ansonsten stichprobenartig die Entscheidungen der ukrainischen Stiftung überwacht. "Die Deutschen sind wegen der Fehler bei den ersten Entschädigungszahlungen Anfang der neunziger Jahre sehr vorsichtig", erklärt Bohatschuk, der schon 1992 im Oblast Ternopil beteiligt war. So kämen beispielsweise die insgesamt 879 Millionen Euro der Stiftung aus Deutschland nur in kleinen Raten in die Ukraine - immer nur für die Antragsteller eines bestimmten Jahrganges. Man hoffe so, Unterschlagungen wie 1993 durch Wiktor Scherditzki, den damaligen Vorstandsvorsitzenden der Kiewer Gradobank zuvorzukommen. Damals waren mehr als 80 Millionen Mark in dunklen Kanäle versickert. Die Gradobank ging später bankrott. "Überhaupt waren die Kriterien bei der ersten Entschädigungswelle entschieden flexibler und die Handlungsspielräume unserer Behörden größer", erinnert sich Bohatschuk. - "Sehr viel kleiner waren beim ersten Mal die Summen, die es gab, in meinem Fall ungefähr 400 Mark", erzählt Wassyl Malantschuk. Aber genau diese erste Entschädigung könne ihm nun im Wege stehen, eine zehnmal höhere Summe zu erhalten. Und er erzählt seine Geschichte ...

Es war ein Sonntag Ende 1941, da traf es seinen zwei Jahre jüngeren Bruder Jossyf. Als der auf dem Weg zur Kirche war, habe der Dorfvogt auf Jossyf gezeigt, und die beiden ukrainischen Ortspolizisten hätten ihn abgeführt, um ihn den Deutschen zu übergeben. Die Eltern erhielten noch Bescheid, dann saß der Bruder schon auf einem Pferdegespann und ab ging es zur nächstgrößeren Stadt Sboriv. Dort habe Jossyf zwei Tage im Gefängnis gesessen, um die Zeit zu überbrücken, bis genügend junge Ukrainer für einen Transport nach Lemberg und von dort aus ins Reich zusammengeholt waren. Und hier nun komme er, Wassyl, ins Spiel. Der Familienrat beschloss nämlich, den 17jährigen Jossyf gegen den 19-jährigen Wassyl auszutauschen. Der Dorfvogt billigte, was bei den Rekrutierungen gang und gäbe war. Beim Verladen in den Zug wurde einer gegen den anderen ausgewechselt.

So wird Wassyl zu Jossyf. Als die Reise beginnt, heißt es: "Wer zu fliehen versucht, wird erschossen". Einer springt aus dem Fenster des fahrenden Zuges, es wird auf ihn geschossen. Ob er getroffen ist, weiß Wassyl nicht. Er selbst habe "sich Gott ergeben".

Fast genau zwei Jahre arbeitet Wassyl dann in einer Glasfabrik im thüringischen Schmiedefeld. Täglich steht er acht Stunden am Ofen und gießt geschmolzenes Glas in Formen. 70 Grad herrschen an seinem Arbeitsplatz. Kalt dagegen sind die Winternächte. Den 16 Ostarbeitern, mit denen er in einem Holzhäuschen lebt, steht pro Tag nur ein Eimer Kohlen zur Verfügung. Wassyl heißt in dieser Zeit offiziell immer Jossyf, alle Dokumente lauten auf diesen Namen und die erste Entschädigung von 1993 wird für Jossyf beantragt und genehmigt. Doch inzwischen ist Jossyf gestorben - doch Wassyl lebt und möchte das Geld für seine Kinder und für seinen Grabstein. Ob man es ihm gewährt, ist unklar.

Bewilligte Entschädigungen werden im Todesfall nicht an die Erben ausgezahlt

Im Unterschied zur österreichischen Zwangsarbeiterentschädigung mache die deutsche Auszahlungspraxis einen schlechten Eindruck bei den Ukrainern, sagt Stephan Kosyak von der Nationalstiftung in Kiew. So sei bisher mit der Auszahlung von umgerechnet 95 Millionen Euro an 65.000 Betroffene erst ein Zehntel der Fälle wirklich vom Tisch. "Mit jedem weiteren Jahr aber sterben etwa 15 Prozent der Verbliebenen. Hinzu kommt, dass die deutschen Entschädigungen in zwei Raten ausgezahlt werden, erst 65 Prozent und dann noch einmal die restlichen 35 - für alte Leute, die vom Land immer extra in die Städte zu bestimmten Banken fahren müssen, eine große, in nicht wenigen Fällen kaum zu bewältigende Angelegenheit."

Ohnehin hadern viele mit dem deutschen Bundesgesetz zur Errichtung der Zwangsarbeiterstiftung, weil bewilligte Entschädigungen im Todesfall nicht an die Erben ausgezahlt werden. Mittlerweile gibt es Tausende von Fällen, bei denen die Hinterbliebenen leer ausgehen. "Die oft steinalten Zwangsarbeiter", so Kosyak, "müssen eben noch so lange durchhalten, bis sie das Geld vollständig in ihren Händen halten. Wenn sie selbst schon keine Kraft mehr haben, es auszugeben, dann haben wenigstens ihre Kinder etwas vom späten Lohn für bittere Jahre ..."

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00:00 11.01.2002

Ausgabe 39/2020

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