Dr. K.s gesammeltes Schweigen

Argentinien Die Kinder von Tätern aus der Zeit der Militärdiktatur kämpfen gegen das Verdrängen und Vergessen
Dr. K.s gesammeltes Schweigen
Nora Cortiñas (Mitte) bei einer Demonstration der Mütter der Plaza de Mayo

Foto: Eitan Abramovich/AFP/GEtty Images

Eine neue soziale Bewegung engagiert sich gegen den Versuch der neoliberalen Regierung von Mauricio Macri, die Verbrechen der Diktatur von 1976 bis 1983 zu relativieren. „Historias Desobedientes“ so der Name. Die „ungehorsamen Geschichten“ werden von Kindern der Täter erzählt, um ein jahrzehntelanges Schweigen zu brechen. „Erinnerung, Wahrheit, Gerechtigkeit“ – mit diesen Zielen schließen sie sich den berühmten Müttern der Plaza de Mayo an, die mit ihren Protesten einen Anteil daran hatten, dass Argentinien 1983 zur Demokratie zurückfand. Bis heute kämpfen sie dafür, das Schicksal verschwundener Angehöriger aufzuklären.

Was oberflächlich betrachtet vielleicht wie ein Aufwärmen der Vergangenheit erscheint, könnte aktueller kaum sein. Analía Kalinec, Mitbegründerin von Historias Desobedientes, erinnert sich mit nicht endendem Schrecken, wie 2008 plötzlich ihr Vater, der ranghohe Polizist Eduardo Kalinec, wegen Genozids verhaftet wurde. Lange hielt sie alles für einen Irrtum und besuchte ihn im Gefängnis. Er war für sie immer ein Bilderbuchvater in einer harmonischen Familie gewesen. Kalinec stritt alles ab und schwieg. Doch dann stand der 55-Jährige im Zuge der 2006 wiederaufgenommenen Prozesse gegen die Täter der Militärdiktatur vor Gericht. Zeugen sagten aus: Analías geliebter Papa war „Doktor K.“, ein besonders gefürchteter Folterer. 2010 verurteilten ihn die Richter wegen fünffachen Mordes und 147 Entführungen mit Folter zu lebenslanger Haft. Er habe lediglich Befehle ausgeführt, sei immer pflichterfüllt und anständig geblieben, behauptete Kalinec.

Fehlende Gräber

Während der Diktatur verschleppten Militärs, Polizisten und Geheimdienstler geschätzte 30.000 Menschen, folterten sie in 700 geheimen Gefangenenlagern und ermordeten sie. Viele der Opfer wurden betäubt und aus dem Flugzeug in den Atlantik geworfen. Allein im Folterzentrum ESMA in Buenos Aires, heute eine beeindruckende Gedenkstätte, starben mindestens 5.000 zumeist völlig unschuldige Menschen. Unter den Verschwundenen waren weniger als 700 wirkliche Guerilla-Kämpfer – ansonsten Intellektuelle, Gewerkschafter, Studenten oder Künstler. Das Regime wollte alle „subversiven Elemente“ beseitigen, selbst Jugendliche, die sich in der Schule engagierten oder nicht konform verhielten. Schwangere Gefangene blieben bis zur Niederkunft am Leben. Die Babys „schenkten“ die Täter dann regimetreuen Ehepaaren, die Mütter brachten sie um und verwischten jegliche Spur. Von den etwa 500 Kindern, die ahnungslos in fremden Familien aufwuchsen, konnten die Aktivistinnen der Plaza de Mayo durch DNA-Analysen bis heute immerhin ein Viertel aufspüren und mit ihren tatsächlichen Verwandten vereinen. Auch Holocaust-Überlebende, die in Argentinien ein vermeintlich sicheres Zuhause gefunden hatten, verloren Angehörige. In der neuen Heimat auf diese Weise ein zweites Mal traumatisiert, konnten sie ihre Toten abermals nicht begraben.

Zu den Verschwundenen kommen über 100.000 Folteropfer, die mit ihren schrecklichen Erfahrungen leben müssen. In den bisher rund 200 durchaus vorbildlichen Prozessen rechtfertigten sich die mehr als 800 verurteilten Täter stets wie Kalinec. Sie seien überzeugt, der „westlichen und christlichen Zivilisation“ gedient zu haben und unschuldig zu sein. Ihre Selbstgerechtigkeit speist sich unter anderem aus dem Verhalten der katholischen Kirche.

Nach dem Holocaust hatte der Vatikan vielen Nazis auf der „Rattenlinie“ zur Flucht nach Südamerika verholfen. Im Bund mit der damalige Perón-Regierung ermöglichte es ihnen die Kirche, in Argentinien unbehelligt zu leben, wo sie ihr faschistisches Gedankengut ungehindert weiterverbreiteten. Die Kirchenleitung machte sich in ungebrochener Tradition später zum Komplizen der Militärdiktatur unter General Videla.

Analías Leben war nach der Verurteilung ihres Vaters auf den Kopf gestellt. Sie brach den Kontakt zu ihm ab, ihre restliche Familie warf sie daraufhin als „Verräterin“ hinaus. Bis heute leidet die 39-jährige Mutter zweier Söhne unter der Ambivalenz, einen Vater zu lieben, der an solchen Verbrechen beteiligt war. „Ich habe in einer Tupper-Dose gelebt“, erklärt sie rückblickend; zu lange hätte sie die politischen Realitäten ausgeblendet. Mittlerweile ist sie kämpferisch, ja eine potenzielle Vollblutpolitikerin geworden.

2016 wagte sich die Psychologin in einem Sammelband mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit. Liliana Furió nahm sofort Kontakt zu ihr auf. Deren greiser Vater Paulino Furió, während der Diktatur Geheimdienstchef, wurde ebenfalls als „Genocida“ zu lebenslanger Haft verurteilt. Aus gesundheitlichen Gründen sitzt Furió jedoch in Hausarrest, versorgt von Hausangestellten und Pflegediensten. Lilis Verhältnis zu ihrem Vater war nie gut, wurde er doch auch in der eigenen Familie gewalttätig. Sein Chauvinismus und Rassismus gegen „Negros“ (Argentinier indigener Herkunft) führte regelmäßig zum Streit, „der meist damit endete, dass mein Vater mich schlug“, so die Filmemacherin. Anders als Analía besucht Lili ihre Eltern noch zu besonderen Anlässen – aus Solidarität mit ihrer Mutter, die sich in Alkoholismus geflüchtet hat, und wegen ihrer drei Töchter, die ihre Großeltern lieben. Für Lili ist es unerträglich, dass es in ihrem Elternhaus zugeht, als sei nie etwas geschehen. Ihren Vater bat sie mehrfach, er solle preisgeben, wo er seine Opfer verscharrt habe, doch wie alle Täter schwieg er eisern. Er sagte lediglich, er bereue nichts, Gott habe ihm vergeben. Nun schützt ihn die Demenz vor weiteren Fragen. Mit dem Gottesvater hält Lili es nicht, und schon gar nicht mit der Kirche.

Marschieren gegen den Vater

Im vergangenen Frühjahr beschloss der Oberste Gerichtshof das „Prinzip 2 x 1“, wonach ein Haftjahr für zwei gezählt werden soll, um den Verurteilten Strafnachlass zu gewähren. Das trieb 500.000 Demonstranten in weißen Kopftüchern auf die Straße, das Symbol der Mütter der Plaza de Mayo. „Ich bin gegen meinen Vater marschiert“, outete sich Mariana Dopazo auf Facebook. Die Tochter des verurteilten Miguel Etchecolatz, dessen Verbrechen so grausam waren, dass sie den Nachnamen ihrer Mutter annahm, schrieb: „Es müsste doch mehr von uns geben“. Bald waren Analía und Lili mit ihr in Verbindung. Andere kamen dazu, die über ihr schweres Erbe bisher niemals sprechen konnten. Zu sechst traf man sich in Buenos Aires. Das „Kollektiv“, wie es in Argentinien heißt, fand zusammen, um seine „Ungehorsamen Geschichten“ gegen das Vergessen öffentlich zu machen: Historias desobedientes.

Viele der inzwischen rund 100 Mitglieder in ganz Argentinien und Chile wären bereit, gegen ihre eigenen Väter auszusagen, denn die Kenntnisse so mancher von ihnen könnten die der verschwundenen Zeugen ersetzen. Da ihre Aussagen als Kinder der Beschuldigten vor argentinischen Gerichten jedoch nicht gewertet werden, arbeitet das Kollektiv auf eine Gesetzesänderung hin.

Dass diese Bewegung gerade jetzt entstanden ist und immer mehr Zuspruch findet, hat mit dem Rechtsruck zu tun. 2015 wurde die Regierung von Cristina Kirchner abgewählt, die sich für die Erinnerung an die Diktaturverbrechen eingesetzt hatte. Mit Mauricio Macri ist nun ein Politiker an der Macht, der die Vergangenheit ausblendet und Amnestie großschreibt. Im Gegensatz zu seiner Vorgängerin wertet er das Militär auf, Kultur und Bildung jedoch ab. Menschenrechte halten der Präsident und seine Leute für einen „Bluff“, sie entwerten die Frauen von der Plaza de Mayo und stellen die Zahl der Diktaturopfer infrage. Dazu lanciert Macris Regierung unermüdlich den Diskurs von den „zwei Dämonen“, mit dem die Diktatoren den Guerilla-Kämpfern, den „Terroristen“, gleichgestellt und die Geschehnisse der frühen 1970er Jahre geschichtsverfälschend als Krieg dargestellt werden. Kirchenvertreter predigen derweil Versöhnung und Brüderlichkeit und heben die Täter auf dieselbe moralische Ebene mit den Opfern.

Historias Desobedientes will stattdessen Aufklärung, nicht Versöhnung. Von der Zeitung Pagina12 als eine „neue Stimme Argentiniens“ bezeichnet, veranstaltete das Kollektiv am 24. November seine erste interdisziplinäre internationale Tagung. Die Mitglieder überzeugten mit ihrer politischen Agenda, die sich auch gegen Rassismus und das Patriarchat wendet. Als Überraschungsgast kam Nora Cortiñas, eine der Mütter der Plaza de Mayo, weltweit bekannt wegen ihres Einsatzes für die Menschenrechte. Die zierliche 88-Jährige, die ein Bild ihres 1977 verschwundenen Sohns um den Hals trägt, band sich demonstrativ ihr weißes Kopftuch um, trat ans Mikrofon und sprach der Bewegung ihr Vertrauen aus. „Ich bin heute patriotischer denn je, denn wir müssen unser Land retten“, so die Aktivistin, die mit ihrer umwerfenden Ausstrahlung auch bei den Demonstrationen gegen den G20-Gipfel unterwegs war.

Für Historias Desobedientes hat die Auseinandersetzung in Zeiten des Revisionismus jetzt erst begonnen. Eduardo Kalinec regiert unterdessen selbst aus dem Knast noch in Analías Leben hinein: Der Verbrecher gegen die Menschlichkeit will seine ungehorsame Tochter enterben – wegen Unehrenhaftigkeit. Zwei ihrer Schwestern haben den Antrag mitunterschrieben.

06:00 19.12.2018
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