Dr. Kettler geht zur Ruh

Kehrseite Die Taille der Schauspielerin ist schmal, so schmal, dass Kettler manchmal erwartet, er greife ins Leere, seine Hände träfen sich in der Mitte und ...

Die Taille der Schauspielerin ist schmal, so schmal, dass Kettler manchmal erwartet, er greife ins Leere, seine Hände träfen sich in der Mitte und fassten ins Nichts. Er steht hinter der Frau, packt sie, hebt sie hoch. Es ist Mitte des zweiten Akts, Kettler ist schon müde, doch er muss die Frau über die ganze Bühne tragen, von hinten rechts nach vorn links. Leicht soll das wirken, voller Lust - seine Krawatte hat er gelöst, das Hemd hängt ihm aus der Hose, die Stimme soll ausgelassen klingen. Aber die Frau erscheint ihm heute schwer, obwohl sie zierlich ist. Sie macht sich steif in Kettlers Umklammerung. Die Arme reckt sie hoch über den Kopf, die Beine sind durchgedrückt und leicht gespreizt, vermutlich sieht sie aus wie ein Hampelmann, an dessen Schnur jemand zieht.

Ihr Rock ist kurz, er reicht kaum bis zum Schritt. Welche Sekretärin erscheint so zur Arbeit? Chef und Sekretärin in einem billigen Hotel, auf weichen, federnden Matratzen. Türen quietschen und gehen von allein auf oder zu, Bilder fallen von der Wand, Zimmermädchen klopfen in unpassenden Momenten.

Seit 20 Jahren spielt Kettler solche Komödien - sie sorgen für ein volles Haus. Er versucht, die lächerliche Handlung zu vergessen, indem er sich auf Bewegungen konzentriert. Auf seine Hände, die die Taille der Sekretärin umschließen. Auf seine Füße, die unter der Last schwer über die Bretter stampfen. Auf seinen Mund, der Banalitäten reden muss. Er merkt, wie seine Lippen sich spitzen, wie er sie breit zieht, wie die Muskeln in seinem Gesicht arbeiten, wenn er "O nein, o nein" ruft, so langsam und betont. Er hat nicht viel Spielraum - diese Mimik ist ihm befohlen worden, sie strengt ihn an. Auch seine Gesten kosten Energie. Er lässt die Sekretärin los, wirft die Arme theatralisch hoch, weil eine Leiche auf dem Fenstersims hängt, schreit laut auf.

An dieser Stelle kommt ihm seine Stimme immer fremd vor, dabei hat er das Stück schon 15 Mal gespielt.

Sein erfolgreichstes Stück lief zwei Jahre, ebenso lange hing sein Foto auf Plakaten in der ganzen Stadt, darauf in übergroßer Schrift: "Lange nicht beim Arzt gewesen? Besuchen Sie den Doktor!" Seitdem wird Kettler "Doktor" genannt.

Er schreit noch einmal, geht ausladenden Schrittes auf die Leiche zu, schlägt seine Hände vor die Augen. Er müsste die Leiche jetzt untersuchen. Stattdessen bleibt er stehen, sein Mund öffnet sich, die Kiefer gehen weit auseinander, sein Bauch pumpt sich mit Luft voll, er gähnt. Er beginnt zu frieren, gähnt wieder. Die Sekretärin steht da, den Nachhall eines hysterischen Schreis im Gesicht, sie zeigt mit dem Finger zur Leiche, aber Kettler gähnt. Er spürt die Muskeln im Gesicht, der Mund ist weit aufgerissen, er saugt die Luft in die Lungen hinab. Dann hört er seine eigene Stimme. Was er sagt, klingt wie durch Watte. Er sieht das verwunderte Gesicht der Souffleuse, sie hat den Kopf in die Hände gestützt, die Augenbrauen hochgezogen, die Stirn gerunzelt. Er spürt, wie langsam seine Bewegungen sind. Es fällt ihm schwer, die Augen offen zu halten.

Das Gähnen begleitet ihn bis zum Ende des Stücks. Noch als der Vorhang gefallen ist, Kettler vor den Vorhang tritt, sich verbeugt, hebt er die Hand vor den Mund, versteckt die Zahnreihen dahinter.

Draußen knöpft er den Mantel zu, klappt den Kragen hoch, sucht in den Taschen nach einem Schal und findet keinen. Der Kälteeinbruch hat ihn überrascht - am Vordach des Wäschegeschäfts hängen zwei Eiszapfen. Kettler bleibt stehen, starrt sie an.

*

Die Tür geht auf, Kettler kommt herein wie in Zeitlupe. Langsam überschreitet er die Schwelle, sein Bart sieht heller aus als sonst, die Finger sind weiß. Karin sieht ihn aus den Augenwinkeln an, sie sagt nichts. Sie sprechen nie miteinander, wenn er aus der Vorstellung kommt. Vor vielen Jahren haben sie noch geredet, es waren immer die gleichen Fragen mit den immer gleichen Antworten, da haben sie es gelassen. Der Doktor verschwindet üblicherweise im Bad, dann hört Karin Wasser in die Wanne stürzen - er dreht den Hahn weit auf. Aber heute wankt er durch die Wohnung, am Bad vorbei, die Treppe hinauf. Karin blickt ihm nach. Seine Hände und Füße scheinen schwer zu sein. Kann er sich halten, wird er gleich fallen? Sie folgt ihm. Im Schlafzimmer legt er sich ins Bett, steht wieder auf, geht, langsam zwar, aber ausdauernd, hin und her. Er sammelt herumliegende Kleidungsstücke ein, packt sie aufs Bett. Vorm Schlafzimmerschrank zögert er kurz, führt die Hand zum Mund, gähnt. Er schließt den Schrank auf, er gähnt, er nimmt zwei Bademäntel und einen Stapel Pullover heraus, er gähnt. Kettler zerrt die Sachen aufs Bett, türmt alles übereinander, als wäre der Haufen nicht hoch genug. Er kriecht in den Hügel hinein, bedeckt sich mit Kleidungsstücken. Die Sachen schwanken über seinem Körper, bis er die richtige Position gefunden hat - dann herrscht Reglosigkeit.

Karin schaut den Haufen Kleidung an, nähert sich ihm. Wie ein Bewegungsmelder kommt sie sich vor: Sieht sie das Auf und Ab der Atmung? Schließlich geht sie rückwärts, immer den Haufen im Blick. Sie zieht die Tür heran, schließt sie, hält den Drücker einige Sekunden fest.

Eine Stunde später schaut sie, ob Kettler noch schläft, danach geht sie selbst zu Bett. Am Morgen kontrolliert sie den Haufen, auch am Mittag und am Abend darauf. Jedes Mal erwartet sie, dass Kettler das Nest verlassen hat, längst beim Kaffee in der Küche sitzt. Doch am Tag darauf schläft Kettler immer noch in seinem Hügel, jetzt seit sechsundvierzig Stunden - kann das sein? Karin hebt die Kleider an verschiedenen Stellen, um ihn anzusehen. Wo Haut hervorguckt, sieht sie weiß aus, die Hände sind ein wenig bleicher als Hals und Gesicht. Sie fühlt Kettlers Puls, hält einen Spiegel vor seine Nase, tastet nach seinem Brustkorb. Der hebt und senkt sich, langsam, wieder erinnert sie das an eine Zeitlupenaufnahme.

*

Esswein fährt sich mit der Hand über den Nasenrücken, immer auf und ab. Scheinbar betrachtet er die Bilder an der Wand, vor allem die Grafik, auf der ein Angler seine Leine auswirft - die ist so lang, dass sie in der Luft ein verwirrendes Geflecht bildet, sich völlig verheddert. Hinter sich weiß er Kettler auf dem Bett, Kettlers Frau und er haben den Patienten gemeinsam aus dem Kleiderhaufen geholt, den bleichen Körper ausgegraben. Esswein hat ihn untersucht, mehrmals. Die Körpertemperatur ist zu niedrig, der Herzschlag zu langsam, ebenso die Atemfrequenz.

"Winterschlaf", sagt Esswein leise und starrt weiter auf den abstrakten Fischer mit seiner verschlungenen Angelschnur.

"Dann wacht er im Frühjahr wieder auf, denken Sie?" Karin fragt das ruhig und sachlich, sieht ihn an, erwartungsvoll.

Esswein zieht die Mundwinkel herab, schürzt die Lippen, als wollte er sagen, er könne nur mutmaßen, er schätze es so ein, er hoffe es.

"Menschen halten keinen Winterschlaf", entgegnet er schließlich. "Ihr Mann kommt ins Krankenhaus. Er wird gründlich untersucht. Das muss ja Ursachen haben."

Ob er ihren Mann krankschreiben könne, fragt Karin. Er hätte heute Abend auf die Bühne gemusst.

Später im Krankenwagen hat sie viele Fragen. Verdurstet ihr Mann nicht, wenn er wochenlang nichts trinkt? Kommt es zum Verdauungsstillstand? Stört ihn Sonnenlicht? Könnte man ihn nicht mit einer Lampe blenden, damit er aufwacht? Esswein wiegt den Kopf, antwortet nicht, mustert Karin mit merkwürdigem Blick.

*

Karin schaut sekundenlang auf ihre Hand, die neuerdings ein paar rote Flecke hat und sonst leicht gebräunt ist. Sie denkt an die weißen Hände ihres Mannes - die liegen auf der Bettdecke, während er schläft, eine Kanüle findet Einlass in die Haut.

Oft hat Karin am Bett ihres Mannes gesessen, Ärzte und Schwestern kamen herein, mieden ihren Blick. Ein Professor hat sich einmal mit ihr unterhalten, sie in sein Büro bestellt, doch sie könnte nicht wiedergeben, was er gesagt hat. Sie erinnert sich, sein Blick war traurig, seine Gesten hilflos, vielleicht hat er an diesem Tag Probleme mit anderen Patienten gehabt. Sie aber weiß, sie wird einfach den Frühling abwarten, es ist Mitte Februar, lange kann es nicht mehr dauern, bis die Luft milder wird.

Karin zieht ihre Teetasse zu sich heran, ihr Blick fällt auf das Textbuch ihres Mannes, seit neun Wochen liegt es jetzt da. Daneben sieht sie das Lexikon, sie hat jeden Tag darin gelesen wie in einem Gebetbuch. Sie könnte auswendig hersagen, was unter dem Stichwort Winterschlaf steht. Sie braucht nur auf milderes Wetter zu warten, sie hofft auf Sonnenlicht und höhere Temperaturen, auf einen lauen Wind, wie es in Frühlingsliedern beschrieben ist, und auf den Lenz, der grüßen will.

Annette Schwarz, geb. 1964 in Güstrow, studierte Betriebswirtschaft in Wismar und Reutlingen. Sie schreibt und lebt in Bargteheide. Zuletzt erschien im Freitag 22/2006 ihr Text Mit dem Wagen.


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00:00 05.01.2007

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