Drache und Phoenix

Vetterns Wirtschaft 2008 machten Ausschreitungen gegen Han-Chinesen in Tibet Schlagzeilen. Im Jahr danach ist unser Autor in die Region gereist: Warum China und Tibet unzertrennlich sind

Danba ist ein einzigartiger Ort. Danba liegt im Westen der chinesischen Provinz Sichuan. Der Ort ist altes tibetisches Kulturland und 80 Prozent seiner Einwohner sind tibetischer Abstammung. Danbas Einzigartigkeit wird manifest in 343 bis zu 60 Meter hohen Türmen, die einst wie ein europäischer Bergfried die Siedlungen der Region schützten. Die Türme gehen zurück auf das sagenumwobene Reich der „Östlichen Frauen“ (dongnü) – tibetische Amazonen, die nicht nur ihre Männer, sondern auch diese osttibetische Region vom 7. Jahrhundert an beherrschten. Von den hohen Türmen Danbas aus mussten die männlichen Vasallen ihre Herrinnen gegen Feinde und Überfälle schützen. Zum Dank dafür wurden sie als kleiner Drache unter vielen anderen auf den reich verzierten Roben der herrschenden Tibeterinnen verewigt und durften wechselweise mit den mächtigen Damen zusammen sein. In der chinesischen Kultur steht das Fabeltier des Phoenix (feng) für die Weiblichkeit. „Die“ Phoenix umgab sich gern mit vielen Drachengespielen – der Drachen ist bekanntlich das Symboltier für China. Das weibliche Tibet von Danba an der Grenze zum chinesischen Drachen blieb bis in das frühe 20. Jahrhundert stabil. Erst mit dem Beginn der Moderne verschwand das alte Reich der Tibeterinnen von der politischen Landkarte.

Im nagelneuen Auto der chinesischen Marke Geely kleben noch die Schutzfolien über Teilen der Innenausstattung. Besitzer Liu Bin ist seit drei Tagen Kleinunternehmer, setzt auf das eigene Fahrzeug als Kernstück seines Ein-Mann-Taxi-Unternehmens. Obwohl ein Nachfahre der „mächtigen Frauen“, lebt Liu wie die meisten seiner tibetischen Freunde und Verwandten längst ein modernes, chinesisches Leben, in dem der Mann den Ton angibt. „Nicht einfach“, meint er auf die Frage, wie es mit der neuen Existenz so liefe, „aber ich muss sehen, dass die neue Vier-Zimmer-Wohnung und die monatlichen Ausgaben finanziert werden.“ Liu Bin ist Kampha-Tibeter. Kampha-Tibeter galten bis in die fünfziger Jahre hinein als kriegerischste der vier großen tibetischen Volksgruppen, die noch heute rund ein Drittel der Staatsfläche Chinas besiedeln. Sie waren es auch, die 1959 die Flucht des Dalai Lama ins benachbarte Indien vorbereiteten und dafür sorgten, dass das geistige Oberhaupt Tibets den Schergen des Großen Vorsitzenden Mao Zedong entkommen konnte. Kampha siedeln provinzübergreifend, denn tibetische Kultur kennt keine künstlich gezogenen Grenzen – schon gar nicht die der Autonomen Region der Westtibeter, die uns im Westen als „Tibet“ so vertraut scheint. Dort und in der nördlich angrenzenden Provinz Qinghai leben vor allem die sogenannten Hochland-Tibeter, auch als Amdo-Tibeter bekannt.

Die Jiarong-Khampas, zu denen das Reich der Frauen früher und Liu Bin heute zählt, siedeln seit den Zeiten der europäischen Völkerwanderung Seite an Seite mit Han-Chinesen. Sie gehören zu den tibetischen Gruppen im Osten Chinas, die zu Zeiten des großen Königs Songtsen Gampo (617-649) die politische Führung der Tang-Dynastie (618-907) unter Kaiser Taizong bedrohten. Songtsen Gampo erhielt eine chinesische Prinzessin, Wencheng, im Jahre 641 zur Frau und trug damit zur ethnischen Vermischung von Han-Chinesen und Tibetern bei. Zwischen Chinesen und Tibetern wurde munter geheiratet, und was für die Hochland-Tibeter zutraf, galt erst recht für die Jiarong-Tibeter im gebirgigen Westen der Provinz Sichuan.

Liu Bin ist zufrieden mit seinem chinesischen Leben. Mittlerweile 30 Jahre alt hat er einige Jahre als Reiseleiter gutes Geld verdient. „Es waren schon so 6.000 bis 8.000 Yuan RMB (600 bis 800 Euro), die da zusammenkamen“, erinnert er sich. In Shanghai, einer der reichsten Städte Chinas, verdient man im Duchschnitt pro Kopf nur etwa die Hälfte. Doch jetzt plagen den jungen Tibeter die gleichen Sorgen wie seine han-chinesischen Landsleute über 2.000 Kilometer weiter östlich: „Die Wohnung in der Kreisstadt Danba ist zwar bezahlt, aber bald beginnen die Ausgaben für unser Kind. Kindergarten, Schule und alles, was dazu gehört, sind in China nicht billig“. Drei Kinder stehen Liu Bin nach chinesischem Gesetz für Geburtenplanung zu, dreimal mehr als seinen nichttibetischen Landsleuten im chinesischen Osten. Politisch verhält sich der taxifahrende Tibeter korrekt: „Den Dalai Lama tragen wir im Herzen, doch die kommunistische Partei hat uns viele Vorteile gebracht. Wir haben gegenüber Han-Chinesen einige Privilegien, müssen seit 1985 in wichtigen Bereichen des Lebens keine Steuern mehr zahlen.“ Zu den „wichtigen Bereichen“ gehört für die Tibeter im Westen der Provinz Sichuan noch immer die Landwirtschaft. Sie sind von Agrarsteuern befreit und erhalten sogar Subventionen für den Ankauf von Saatgut. Genau diese Privilegien fehlen den weiter östlich im Lande siedelnden Han-Chinesen, die ihren Unmut über teilweise extrem hohe und willkürliche Besteuerung oft genug in Protestaktionen zum Ausdruck bringen. Die Journalisten Wu Chuntao und Chen Guidi haben bereits 2004 über die erdrückende Steuerbelastung von Han-Chinesen durch korrupte Provinzkader ein ausgesprochen faktenreiches Buch geschrieben.

Die Probleme ihrer han-chinesischen Nachbarn teilen die Tibeter aus Danba nicht. Und Mehrsprachigkeit ist ebenfalls erlaubt: Die tibetische Hochsprache nach Lhasa-Standard wird als Drittsprache nach der Fremdsprache Englisch ab dem vierten Schuljahr unterrichtet. Ein Danba-Tibeter kann also – zumindest theoretisch – vier-oder gar fünfsprachgig sein: fließend in chinesischer Hochsprache, fließend im lokalen West-Sichuan-Dialekt (chinesisch), verfügen über sehr gute Kenntnisse im lokalen tibetischen Kampha-Dialekt, der hier gesprochen wird. Sie können hochtibetisch nach Lhasa-Standard lesen und hatten wie alle Chinesen, die der allgemeinen Schulpflicht nachkommen können, auch Englischunterricht.

Dalai Lama-Anhänger sind viele in der Kreisstadt Danba. Doch mit der Zugehörigkeit zu China sind die Jiarong-Tibeter offenbar nicht unzufrieden. Die pensionierte Lehrerin Liu Chengzhen - nicht verwandt, mit Liu Bin – träumt von einem tibetischen Kulturzentrum, das sie im Ort aufbauen möchte. Die Genehmigung liegt vor – was fehlt ist vor allem Geld und überregionale oder gar internationale Kontakte. Von Mitteln, wie sie die Dalai Lama-Foundation zur Verfügung hat, träumt Liu Chengzhen noch nicht einmal. Neben dem Erhalt lokaler Sprache und Brauchtum geht es ihr darum, bekannt zu machen, dass Tibeter und Chinesen zusammengehören. Spätestens seit dem erfolgreichsten Kaiser der Han-Dynastie (206 v.Chr. bis 220 n.Chr.), Wu Di (141 v.Chr.-87 v.Chr. ) – eine Art chinesischem Augustus – gehört das Ursprungsgebiet der Tibeter, zu dem Danba zählt, zum Einflussgebiet Chinas. Die unwirtlichen Gefilde des heutigen Tibet besiedelten tibetische Stämme erst Jahrhunderte später – als die Königinnen der „Östlichen Frauen“ über Danba herrschten.

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16:00 03.10.2009

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