Drag Queens

A-Z Viel Häme erfuhr Heidi Klum, als bekannt wurde, dass sie eine Drag-Castingshow moderieren soll. Kann sie diesen Kosmos einschätzen? Falls nicht: Unser Wochenlexikon hilft

Viel Häme erfuhr Heidi Klum, als bekannt wurde, dass sie den deutschen Ableger einer US-Drag-Queen-Castingshow moderieren soll. Kann sie, als Symbol normierter Weiblichkeit, den Drag-Kosmos überhaupt einschätzen? Falls nicht: Unser Wochenlexikon hilft auf die Sprünge

A

Abklatsch Neben Klatsch und Tratsch lieben Drag Queens die großen Diven, die millionenfach spontan-improvisiert bis hochtalentiert verkörpert werden – von Cher bis Trude Herr. Wie die Pop-Diven selbst sind sie viel mehr als bloß ein Abklatsch stereotyper Vorstellungen von Weiblichkeit. Es lässt sich sogar weiter differenzieren: Drag Queens, Travestiekünstlerinnen und Tunten (➝ Trümmertunten). Die Übergänge, so gilt es zu betonen, fließen frivol allein in Gestalt der Künstlerin.

Grob eingeteilt lassen sich Drag Queens als der Glamour, Travestiekünstlerinnen als die Gender-Magie und Tunten als Polit und Trash der transvestitischen Vielfalt beschreiben. Allesamt verkörpern sie Irritationen von Geschlechterklischees – sie vermögen es mit ihren mannigfaltigen Erscheinungsbildern nicht zuletzt, Begehren, Wünsche und die alltäglichen Zumutungen in Bewegung zu versetzen. Viel mehr als reiner Abklatsch. Patsy l’Amour laLove

B

Bowie Ziggy Stardust, dieses androgyne Wesen, war nicht von dieser Welt. David Bowies Kunstfigur des Albums The Rise and Fall of Ziggy Stardust and the Spiders from Mars entstand aus der Gewissheit, „dass es keine ‚Wahrheit‘ mehr gäbe und dass die Zukunft nicht so klar umrissen sei, wie man gedacht hatte“, so Bowie. Ziggy Stardust mit seinen orangen Haaren, dem Overall, der Federboa und den roten Plateauschuhen ist eine Erscheinung, die uns zuruft: Authentizität gibt es nicht! Es war der Beginn des Glamrock, der Beginn queerer Popmusik, herrlich überladen und ein flammendes Statement für sexuelle Uneindeutigkeiten. Aber es war bald zu Ende: Nur ein Jahr nach seiner Geburt ließ Bowie Ziggy im Jahr 1973 schon wieder sterben. Das letzte Konzert in der Rolle des Ziggy Stardust gab Bowie am 3. Juli 1973 im Londoner Hammersmith Odeon. Marc Peschke

C

Crossdressing Männer in Fummeln sind populärster Ausdruck des Crossdressings. Das Wort meint generell das Tragen von Bekleidung des anderen Geschlechts – unabhängig von der Absicht dahinter. Aber wer regt sich heute noch über Hosen tragende Frauen auf? Männer in Kleidern hingegen sind ein Dauerbrüller im Film. In Priscilla – Königin der Wüste wird das Thema Drag wenigstens noch auf tragikomische Weise ernst genommen. Aber bei Streifen wie Mrs. Doubtfire – Das stachelige Kindermädchen bekommt man schon vom Nebentitel Pickel.

Das Sujet lässt sich offenbar vermarkten, wie die vielen Filme zeigen. Natürlich sind es immer Notlagen, die Männer zu den „falschen“ Klamotten greifen lassen. Sie müssen fliehen und sich darum verkleiden wie in Manche mögen’s heiß. Oder der Geschlechterwandel soll die Karriere pushen (Tootsie). Lustig ist das fürs Publikum offenbar immer. Durch die Zwangslage wird das, was nicht sein darf, rationalisiert und erträglich. Da darf dann auch über das Verdrängte gelacht werden. Und sind Männer in quietschbunten Fummeln nicht so herrlich unmännlich? Tobias Prüwer

K

Käfig Ein Käfig voller Narren (La Cage aux Folles) – „Stück der Stücke“ und vielleicht „Film der Filme“ über Drag Queens und Travestie – begeistert seit Jahrzehnten die Menschen. In dem Film von Édouard Molinario aus dem Jahr 1978 spielen Ugo Tognazzi (Renato) und Michel Serrault (Albin) die Hauptrollen. Die Handlung: Die Besitzer eines Travestie-Nachtclubs, seit Jahren ein schwules Paar, erwarten die künftigen Schwiegereltern von Renatos Sohn aus einer kurzen Hetero-„Verirrung“. Sie wollen dem erzkonservativen und homophoben Vater Normalität und Bürgerlichkeit vorspielen. Das geht komplett in die Hose. Schräge Szenen, die die Akteure nicht lächerlich, sondern menschlich machen. Magda Geisler

L

Lützow In die Tiefen der Berliner Bürgerlichkeit war jahrzehntelang die Lützower Lampe in Charlottenburg eingebettet. In dem Etablissement boten „Damenimitatoren“ in schummrigem Licht und gepflegtem Rahmen von Gesang bis zu gemäßigter Akrobatik reichende Attraktionen. Unter dem Namen Karmeen scharte Besitzer Ottokar Thome Legenden wie Frieda Loch, Cherry Hell, die Opernsängerin Viola Scotti oder die aufregende Daysi Sans Denis um sich. Höhepunkt war jeweils Karmeens Spagat auf zwei rollenden Hockern. Geniales Sinnbild für die Ausdehnung eines Traums über die Grenzen schnöder Geschlechterzuordnungen hinweg. Marc Ottiker

M

Mary war schön und ein bisschen bissig. Mary tanzte, sang und performte Sketche. Ihr Bühnenprogramm war über Jahre ein TV-Hit. Ich erinnere mich gut, wie Mary alias Georg Preuße am Ende ihrer Show Robe, Perücke und Make-up ablegte (Crossdressing) und dann dastand: als Mann, ganz schmal, beinahe zerbrechlich. Ich fand das ganz normal.

Mary war Star, obwohl ihr Publikum sexualpolitisch wahrscheinlich wenig progressiv eingestellt war. Mein Vater, mit 50er-Jahre-Männerideal ausgestattet, liebte ihre Sketche. Vielleicht funktionierte Mary als Bühnenfigur, weil sie den Drag auf der Bühne beendete. Weil die Bühne Rahmen blieb für einen Mann, der als atemberaubende Frau auftrat, eine Hommage an die Frau verkörperte. Niemand sprach von Gender Bending und sexuellen Orientierungen. Die Travestie funktionierte als subtiles Spiel. Mary war dabei die eleganteste Frau, die ich mir vorstellen konnte. Marlen Hobrack

P

Paris 1985 beobachtete Jennie Livingston im New Yorker Washington Square Park junge Männer beim sogenannten Voguing. Sie kam mit ihnen ins Gespräch und wurde später auf ihren ersten „Ball“ eingeladen. Zwei Jahre lang fotografierte und filmte sie Teilnehmer und Besucher solcher Bälle in Harlem.

Heraus kam 1990 Paris is Burning, der auf dem Sundance Festival ausgezeichnet wurde. Die Philosophin Judith Butler arbeitete sich 1993 in Bodies That Matter (Körper von Gewicht) an Paris is Burning und an „drag“ ab. Besonders interessant ist für sie „Echtheit“ („realness“) als Kategorie im Wettbewerb um den besten Auftritt. Denn „realness“, das wird für Butler deutlich, ist eine Frage der Performance (➝ Abklatsch). Paris is Burning zeigt die Träume junger und die älterer Tänzer, einer Welt voller Gewalt und Hass zu entkommen, reich und berühmt zu werden. Wie die Tänzerin Venus Xtravaganza sagt: „I wanna be a spoiled white girl!“ Christina Borkenhagen

R

Reed Transformer, Lou Reeds zweites Soloalbum, produziert von David Bowie, ist das Werk eines jungen Mannes, der klingt, als hätte er viel erlebt. Reeds erste Hit-Single „Walk on the Wild Side“ und andere Songs erzählen von der New Yorker Subkultur um Warhols Factory, legendären Drag Queens wie Holly Woodlawn, Candy Darling und Jackie Curtis, von Heroin, Strichern und Oralsex. Transformer gilt als Klassiker der Rockmusik – und schon das Cover weist darauf hin, dass Reeds Rock-Welt keine heterosexuelle ist. So erzählt er von Holly: „Holly came from Miami, FLA / Hitchhiked her way across the USA / Plucked her eyebrows on the way / Shaved her legs and then he was a she / She says: ‚Hey, babe, take a walk on the wild side.‘“ MP

S

Singsang RuPaul? Heidi Klum? Drag Queens? Scheiß drauf, das braucht wirklich kein Mensch. Viel interessanter sind nämlich: Tunten (➝ Trümmertunten).

Und zwar besonders diese Tunte hier: Melitta Poppe, geboren zwischen 1945 und 1995, Künstlerin seit den frühen Dings-Jahren. Während Drag Queens noch immer versuchen, gut auszusehen, sieht Melitta Poppe gut aus. Und so kann sich Melitta um andere Dinge kümmern, zum Beispiel ums Singen extrem anrüchiger und anrührender Lieder ( Bowie, Reed), um billige Showeffekte und um den Versuch, die Revolution mit den Mitteln der Travestie herbeizuführen. Das ist Melitta Poppe natürlich nicht gelungen, es war aber sehr lustig, und die Revolution muss natürlich trotzdem sein. Fabienne du Neckar

T

Trümmertunten wie Baby Jane provozierten in den 70ern die Öffentlichkeit ebenso wie die Subkultur. Ihr Anliegen äußerte sich bei Vorreiterinnen wie Mechthild Freifrau von Sperrmüll in der Lektüre feministischer Theorie und der Selbstbezeichnung als „schwul“ und „Tunte“ – zuvor bloß als Schimpfworte bekannt. Baby Jane wehrte sich erfolgreich gegen ein Berufsverbotsverfahren wegen ihres offenen Schwul- und Tuntenseins als Lehrerin. Mit schrulligen, aus Fundsachen zusammengestellten Outfits – der Trümmerfaktor dieser Polit-Tunten – inspirierten sie Aktivistinnen während der sogenannten „Aids-Krise“ in den 80er und 90er Jahren und folgende Generationen bis heute. LOVE

W

Wanders Der NDR wagte sich Anfang der 90er auf neues Sendeterrain, indem er die Schmidt Mitternachtsshow ins Programm nahm. Lilo Wanders (eigentlich: Ernst-Johann Reinhardt, genannt „Ernie“), Corny Littmann und Marlene Jaschke gestalteten eine Show des – für die damalige Zeit – Besonderen. Heute würde man über die „Skandale“ gähnen. Zu dieser Zeit aber war es wegweisend, auch anderen Seinszuständen im Fernsehen einen festen Platz einzuräumen.

In Hannover geboren, bin ich mit dem Programm des NDR aufgewachsen und kenne Lilo Wanders, seit ich Kind war. Und ich erinnere, dass ich meine Mutter damals fragte, ob sie eine echte Frau sei. Sie erklärte mir die Situation so normal, dass ich die Ablehnung von Individualität bis heute nicht nachvollziehen kann. Ganz anders bei den angeblich „Normalen“: Wenn ich die Durchschnittsmänner im Karokurzarmhemd an ihrem Markengrill geifernd grillierend mit Bierflasche sehe, befremdet es mich. Ernie, bist du noch da? Jan C. Behmann

Z

Zaza Die Bühnenfigur von Renatos Partner Albin im ➝ Käfig voller Narren ist Rollenzucker für alle Darsteller. Im Berliner Theater des Westens feierte Helmut Baumann (Intendant, Choreograf, Tänzer und Schauspieler) damit 1985 Triumphe im gleichnamigen Musical. Sein Ich bin, was ich bin – die deutsche Fassung der Hymne der queeren Community, I Am What I Am – geht unter die Haut: „Ich bin, was ich bin / Und was ich bin, ist ungewöhnlich / Komm, schau mich nur an / Akzeptier dann mich ganz persönlich.“ Damit protestiert Zaza/Albin gegen die Zumutung, sich zu verleugnen, um die anreisenden „Normalos“ nicht zu verprellen. Der Spruch war schon immer eine verbindende Losung für alle, die Respekt für ihre sexuelle Orientierung fordern und sich nicht verstecken wollen. Übrigens: Helmut Baumann feierte in diesem Jahr seinen 80. Geburtstag. MG

06:00 17.08.2019
Aboanzeige Artikel Aboanzeige Artikel

Kommentare