Draußen die Straße, drinnen die Kunst

Keiner hat gewonnen Zum ersten Mal seit 1947 fallen die französischen Sommerfestivals aus - Beobachtungen von einer Front, an der bislang "nur" Theaterblut floss

Kein Mensch hat das vor zwei Wochen für denkbar gehalten: Avignon, das größte Theaterfestival der Welt, zu dem neben den Akteuren des "In"-Programms 550 Theatertruppen des "Off" aus aller Welt angereist waren und das Opernfestival in Aix-en-Provence, im Rang nur Salzburg und Bayreuth vergleichbar, wurden abgesagt. Viele andere folgten. Kein Festivalsommer in Frankreich, zum ersten Mal seit 1947. Selbst 1968 ist gespielt worden.

Der Anlass klingt bescheiden (vgl. den Artikel von Georges Schlocker in Freitag 29/03): Regierung und Arbeitgeberverband haben unter Zustimmung einiger konsensfreudiger Gewerkschaften (es gibt in Frankreich keine Einheitsgewerkschaften) den Zugang zum speziellen Arbeitslosengeld für das künstlerische und technische Bühnenpersonal erschwert, um die schwer defizitäre Kasse zu entlasten. Das Problem ist deshalb für die künstlerische Landschaft Frankreichs so schwerwiegend, weil es im Gegensatz zu Deutschland kaum fest angestelltes Bühnenpersonal gibt. Zwischen zwei Engagements zahlt die "Stütze" aus einer speziellen Künstlerkasse, wenn im vorausgehenden Jahr eine Mindestzeit gearbeitet wurde. Die will man heraufsetzen auf nunmehr 507 Stunden in zehn Monaten. Betroffen sind vor allem junge Theaterleute mit prekärem Status, während ansonsten der allseits bekannte, teure, seit Jahrzehnten geduldete Missbrauch weitergehen wird: Die großen Fernseh- und Filmgesellschaften vermeiden Sozialabgaben, indem sie möglichst viele Stückverträge vergeben; die großen Stars haben Anrecht auf Unterstützung; ebenso die Empfangsdamen im Kaufhaus, Animateure und sonstige Verkaufskünstler. "Spectacle" ist ein weiter Begriff. Der Theaterhistoriker Robert Abirached, von 1982 bis 1988 im französischen Kultusministerium für Theater zuständig, befürchtet, dass vor allem die vielen freien Theatergruppen verschwinden, die auf dem Land oder in den sozialen Brennpunkten der Vorstädte bemerkenswerte Arbeit leisten.

Wenn Schauspieler und Bühnentechniker streiken, so ist das allemal zweischneidig und schmerzvoll, denn sie sind ja im Gegensatz zu Industriearbeitern dem Produkt ihrer Arbeit nicht entfremdet. Sie wollen spielen, unbedingt, sie suchen, umwerben ihr Publikum. Sie haben Kredite aufgenommen (24.000 Euro im Durchschnitt der Off-Truppen sollen es dieses Jahr sein), teure Räume und Unterkünfte gemietet, hoffen auf den Durchbruch oder doch mindestens auf den Verkauf ihrer Inszenierungen. Avignon ist auch eine große Theatermesse. Auf all das zu verzichten um des Öffentlichkeitseffekts der ausgefallenen Festivals willen - das ist eine Art Harakiri. Die Beteiligten wissen das. Deshalb die endlosen Vollversammlungen, der erbitterte Streit zwischen denen, die trotz alledem spielen wollten und dem von der Gewerkschaft CGT unterstützten harten Kern der Streikenden, die auf den Abbruch zusteuerten. Und deshalb die Todtraurigkeit, die Verzweiflung, die Tränen in den Gesichtern der 6.000 Kunstarbeiter beim Schweigemarsch durch Avignon, nachdem alle Veranstaltungen des "In"-Programms schließlich abgesagt waren.

Ein Sieg also, der zugleich auch eine bittere Niederlage ist. Nicht nur für die Theatertruppen, die Bankrott machen werden. Auch für die Künstler, die sich gerade die Stunden weggestreikt haben, die sie auf dem Arbeitsamt vorweisen müssen. Und für die Kunst. Und für die französische Gesellschaft. Gewonnen hat keiner. Die Regierung nicht, die eine solche Entwicklung nicht für möglich gehalten hat, sondern sich mit der Arroganz ihrer komfortablen Mehrheit im Parlament über das Geschrei der Taugenichtse hinwegsetzen zu können glaubte. Die Festivaldirektoren nicht, einerseits solidarisch mit den Streikenden, aber andererseits natürlich auch daran interessiert, dass gespielt wird, weil sonst das finanzielle Überleben der Festivals in Frage steht. Die Gewerkschaften nicht, weder die zahmen, die das Spiel der Regierung mitspielten, noch die radikalen, die immer mehr in Verdacht gerieten, die Wut der Künstler für ihre Zwecke ausbeuten zu wollen. Die 700.000 Besucher nicht, die Avignon erwartete und die von den Ferien im Süden mehr haben wollten als Sonne und Meer. Die lokalen Krämer, Bistrotiers und Hoteliers nicht, die im Juli-August den Hauptumsatz machen und nun weder mit dem Meer noch mit dem Theater Touristen locken können.


In Avignon spielen schließlich nun doch Teile des "Off", aber nicht in der Atmosphäre eines sommerlichen Festes, sondern an einem heißen, trostlosen, trotz Papstpalast gottverlassenen Ort. In Aix geht und singt gar nichts mehr. Dabei sah es lange Zeit anders aus. Sicher, die drei ersten Tage fielen aus. Kein Wozzeck, dirigiert von Daniel Harding, inszeniert von Stéphane Braunschweig, keine Traviata, inszeniert von Peter Mussbach, dirigiert von Yutaka Sado, die beiden Hauptproduktionen dieses Jahres, bestimmt für den größten Spielort, den Hof des Bischofspalastes. Auch keine Entführung aus dem Serail von Jerôme Duchamps auf dem Landsitz Grand Saint Jean vor der Stadt. Aber dann kam am vierten Tag die Nachricht, es werde abends doch gespielt und zwar im kleinen Theater Jeu de Paume aus dem 18. Jahrhundert, wo meist Opern des 20. Jahrhunderts aufgeführt werden, die weniger Publikum anziehen. Die Streikenden hätten mehrheitlich die Aufnahme der Arbeit beschlossen, die unterlegene Minderheit habe zugesagt, auf Boykott zu verzichten.

Auf dem Programm drei Kurzopern von Manuel de Falla, Stravinsky und Schönberg, zusammengedacht und dirigiert von Pierre Boulez, geschickt zusammeninszeniert von Klaus Michael Grüber. Vor dem Eingang am Abend eine lärmende Menge von zumeist jungen Theaterleuten mit Topfdeckeln, Kuhglocken, Trommeln, die zum Zuschauerboykott aufrufen. Die Zuschauer ratlos oder wütend in der Menge. Keine Polizei. Abstimmung, ob die Türen blockiert werden sollen. Eine Mehrheit dagegen. Aber auch so ist es noch schwierig genug, sich im weißen Hemd durch die Menge zu drängen. Man sieht die Wut in den Gesichtern. Die teuren Karten kosten hier 190 Euro. "Dreckiger Bourgeois", ruft mir ein sehr junges, sehr wütenden Mädchen zu. Es gibt Situationen, da kann man nicht dazwischenstehen und nicht erklären und nicht diskutieren. Also dreckiger Bourgeois.

Endlich wird gespielt, ohne Pause. Aber nicht entspannt, sondern unter der Anspannung einer Art Belagerung. Draußen "die Straße", drinnen die Kunst. Im vergangenen Jahr wurde in Aix Jean Genets Der Balkon mit Musik von Etvös als Oper uraufgeführt. Imaginärer Handlungsort: ein Luxusbordell, dessen Besucher zwecks Luststeigerung von den Mädchen als Bischöfe oder Generäle oder Polizeipräsidenten verkleidet werden. Und dann bricht draußen die Revolution aus und schwappt hinein ins Freudenhaus, und die Fronten geraten durcheinander. Es schien mir so fern im letzten Jahr ... Es ist auch in diesem Jahr fern. Es geht schließlich nicht um Revolution, sondern um die Verteidigung des Status quo der Arbeitslosenkasse. Das Sujet ist nicht tragisch, nicht opernfähig. Also nur eine postmoderne Replik dessen, was früher einmal in einem Jeu de Paume begann? Ganz sicher ist das nicht. In diesem Konflikt hier liegt eine soziale Wut, die in Frankreich immer wieder zur Explosion geführt hat.

Der Höhepunkt der Inszenierung ist der dritte Teil: Eine wunderbar präsente Anja Silja gibt Schönbergs seltsamen Pierrot Lunaire von 1912, eine Art Sprechgesang auf Basis von Texten des belgischen Symbolisten Albert Giraud, in dem die Suche nach Schönheit in eine Welt der Gewalt mündet. Das Bühnenbild platziert die Sängerin hinter hohe Gitter. Ein geschlossener Raum in einem belagerten Raum. Als Anja Silja zu singen beginnt, beginnt auf der Straße auch der Lärm wieder: Topfdeckelschlagen, Explosionen von Feuerwerkskörpern, dumpfe Trommeln. Abbruch? Anja Silja singt, spricht dagegen an - und spricht es zugleich aus: "Zeigt er den bangen Seelen/Die triefend rote Hostie" aus dem Gedicht Die rote Botschaft. Oder: "Deine ewig frischen Wunde/Gleichen Augen, rot und offen" aus Die Madonna der Hysterie. Rasender Beifall am Ende, von dem man nicht so ganz weiß, wessen Seite er galt.

Zwei Tage später, bei La Traviata, die gleiche Situation. Die Mehrheit der Streikenden will arbeiten und nutzt die Bühne, um vor der Ouvertüre ihre Forderungen zu erläutern. Die Aufführung mit einer beeindruckenden Mireille Delunsch in der Titelrolle findet statt, wird aber bis zum Ende vom Lärm der vor der Tür demonstrierenden Bühnenarbeiter gestört. Es braucht wenig, um eine Aufführung zu stören, zumal, wenn sie unter freiem Himmel stattfindet. Man ahnt schon, dass es die letzte Aufführung des Festivals 2003 gewesen sein wird. Am nächsten Morgen sagt ein sichtbar betroffener Stephan Lissner das Festival ab: "Die Bedingungen für die Sänger wie fürs Publikum sind untragbar, das Bühnenpersonal ist zutiefst gespalten. Unter diesen Bedingungen kann man nicht arbeiten. Die Zukunft des Festivals ist höchst ungewiss."

Das ist sie tatsächlich, denn es finanziert sich zu 70 Prozent aus eigenen Mitteln, vor allem den Einnahmen aus dem Kartenverkauf. Werden die Karten erstattet, ist das Festival pleite. Wenn nicht der Staat einspringt ...


Der Streik der französischen Bühnenarbeiter hat weithin Aufmerksamkeit gefunden, weil er mit suizidärer Geste, zu der so wohl auch nur Theaterleute fähig sind, profunde Probleme der französischen - und nicht nur der französischen - Gesellschaft ins Rampenlicht stellt. Die Reformunfähigkeit zum Beispiel, denn die Probleme waren seit langem bekannt und werden jetzt auf Kosten der Schwächsten nicht einmal wirklich gelöst. Die Arroganz der Regierung, die den sozialen Dialog, die Mitte aufgibt, um offen ihr Lager zu bedienen. Dass Chirac José Bové nicht begnadigt hat, sondern weiter im Gefängnis schmoren lässt, ist da nur ein weiteres Zeichen. Die Lebensarbeitszeit der Beamten, insbesondere der Lehrer, die zur vollen Rente berechtigt, wurde gegen wochenlange Streiks und enorme Demonstrationen im ganzen Land gerade auf 41 Jahre heraufgesetzt. Die neoliberale Offensive wird im Herbst mit der Reform der Krankenversorgung weitergehen.

Alle diese Streiks sind Abwehrstreiks. Verteidigt wird, zumeist erfolglos, der Status quo, der doch eigentlich geändert gehörte. Weder das Schul- noch das Verwaltungssystem oder die Kunstförderung sollten so bleiben, wie sie sind. Aber in Aussicht stehen nur mit Geldmangel begründete Verschlechterungen, die vor allem die Dominierten treffen. Die alten Antworten darauf, die man bei den Vollversammlungen und auf den Demonstrationen hört, tönen hohl. Weniger Rüstung? Nach den Erfahrungen des Irak-Krieges? "Das Geld ist da"? Wohl. Aber was heißt das politisch angesichts seiner ungehinderten Weltläufigkeit, angesichts von Globalisierung und angesichts des Zusammenbruchs nicht nur des staatssozialistischen Lagers, sondern auch des französischen Linksbündnisses bei den letzten Wahlen? Die Kommunisten haben keine glaubwürdige Strategie und die Sozialisten ebensowenig. Daher die Hoffnungslosigkeit bei allem sozialen Grimm. Es wäre aber nicht das erste Mal, dass in Frankreich Hoffnungslosigkeit in die Radikalität der Revolte umschlüge. Bis jetzt war es Theaterblut, das floss, Herzblut der Theaterleute. Man kann nicht sicher sein, dass das im Herbst so bleibt und das politische Spiel auf den Balkonplätzen ungestört weitergeht.

00:00 18.07.2003

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