Draußen vor dem Tor

Ukraine Angesichts der Meldungen aus der Ukraine sieht mancher Politiker Handlungsbedarf auf der symbolischen Ebene: Was sollte ein Boykott des globalen Spektakels leisten?

Schlagzeilen haben manchmal etwas Rätselhaftes. „Angela Merkel erwägt Boykott der Fußball-EM“, stand neulich in der Zeitung. Was sollte das bedeuten? Wird Deutschland vielleicht nicht an der in knapp sechs Wochen beginnenden Fußball-Europameisterschaft teilnehmen, die in Polen und der Ukraine stattfinden wird? Kann die Kanzlerin das überhaupt verfügen? Zwei Zeilen später wurde klar: Der mögliche Boykott betrifft nur die Kanzlerin persönlich.

Sie wird wahrscheinlich nicht, wie sie es sonst gerne tut, zu den Spielen der deutschen Nationalmannschaft reisen. Denn die Vorrundenspiele, aber auch das Finale, finden in der Ukraine statt. Und die östlichere der beiden EM-Gastgebernationen steht zur Zeit im Feuer der internationalen Kritik: Die in der Haft schwer erkrankte Oppositionsführerin Julia Timoschenko erhält keine angemessene ärztliche Versorgung. Es wird von Folter gesprochen. Der Bundespräsident hat deshalb bereits eine Einladung nach Jalta ausgeschlagen. Und auch die Kanzlerin möchte offenbar nicht in der Ehrenloge neben dem ukrainischen Präsidenten Viktor Janukowitsch fotografiert werden. Aber was bedeuten solchen kleinen symbolischen Boykotte für den Fußball insgesamt?

Der Autor dieser Zeilen zum Beispiel hat eine Karte für das Spiel Deutschland gegen Portugal, das am 9. Juni in Lwiw stattfindet. Es lohnt sich – für einen Österreicher zumal – unbedingt, Lemberg zu besuchen, eine Stadt mit großer Geschichte, ein früherer Außenposten des kakanischen Großreichs. Aber nun gerät man als Fußball-Tourist unter Druck: Wenn Merkel boykottiert, ich aber nicht – falle ich dann den Menschenrechten in den Rücken?

Unangenehme Begleiterscheinungen

Der Fußball ist also wieder einmal zwischen die politischen Fronten geraten. Das war 2007 nicht abzusehen. Damals stimmte der Europäische Fußballverband UEFA für Polen und die Ukraine und gegen das eigentlich favorisierte Italien. Damals hieß der Präsident in Kiew noch Viktor Juschtschenko, und man konnte auf eine Stärkung der Westbindung (und der Infrastruktur) des so neuralgisch gelegenen Landes hoffen. Wenige Jahre später haben sich die politischen Gewichte verschoben, und wieder einmal hat ein großes Turnier noch vor dem Eröffnungsspiel seine „Unschuld“ verloren.

Es ist wahrhaftig nicht das erste Mal. Als Österreicher muss man damit leben, dass der legendäre Triumph von Córdoba – das 3:2 gegen Deutschland bei der WM 1978 – für immer mit der dunkelsten Phase der argentinischen Militärdiktatur verbunden bleibt.

Überhaupt: Es ist unübersehbar, dass der Aufstieg des Fußballs zu einem global strahlenden Spektakel mit unangenehmen Begleiterscheinungen einhergeht. Immer mehr wird das Spiel zur Beute im Kampf um Medienmonopole und globales Branding; immer stärker bemächtigen sich Oligarchen der entscheidenden Positionen. In dieser Situation ist es ratsam, sich die Entscheidung von 2007 noch einmal genauer anzusehen.

Zweifelhafte Prinzipien

Dass die EM an Polen und die Ukraine ging, hatte damals wesentlich mit den Machtkämpfen innerhalb der UEFA zu tun. Deren französischer Präsident Michel Platini brauchte und braucht die Unterstützung kleinerer Verbände, um sein Amt abzusichern. Er nimmt es in Kauf, sich dabei auf Funktionäre verlassen zu müssen, die im Verdacht der Korruption stehen – wie Grzegorz Lato in Polen. Der Fußball ist in seinen wesentlichen Körperschaften wie der europäischen UEFA und stärker noch der weltweiten FIFA von zweifelhaften Prinzipien geprägt. Kein internationales Unternehmen könnte es sich auf Dauer leisten, derart offen sämtliche Regeln der „good governance“ zu ignorieren, wie der internationale Fußball es tut.

Was bei der Autorennsportserie Formel 1 unübersehbar ist, nämlich dass Geld sich bestens mit Despoten arrangiert, gilt auch für die Fußballverbände mit nur wenigen Abstrichen. FIFA-Chef Sepp Blatter findet Jahr für Jahr salbungsvolle Worte für den internationalen Fußball. Wie hohl die sind, wurde jedoch spätestens im vergangenen Jahr öffentlich, als Blatters Wiederwahl an die FIFA-Spitze von einem Schmiergeldskandal verdunkelt wurde.

Auch Deutschland war in der Vergangenheit nicht gerade ein Vorbild, wenn es um die demokratische Selbstverwaltung des Fußballs ging. Dieser muss tatsächlich selbst demokratisch werden, und das heißt: transparenter, belangbarer, fairer. Übrigens kann er dann auch besser die Funktion eines gesellschaftlichen Modernisierungspartners ausüben, die ihm seine Bosse gern zuschreiben.

Es gibt keinen unpolitischen Fußball. Aber für einen EM-Boykott steht zu viel auf dem Spiel, im wahrsten Wortsinn. Es geht nicht nur um die Freude der Spieler und Fans. Es geht darum, die politischen Verhältnisse in der Ukraine positiv zu beeinflussen. Und was meine eigene Fahrt nach Lwiw betrifft, so werde ich sie mit ziemlich gutem Gewissen antreten. Die Stadt im Südosten der Ukraine gilt als Hochburg der westlich orientierten Opposition. Man kann es also so sehen: Meine Reise ist ein Zeichen für Rechtsstaatlichkeit.

Bert Rebhandl ist Filmkritiker und Fußballfan. Er betreibt in den Blog

herthabsc.blogspot.com

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07:00 03.05.2012

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