Draußen vor der Tür ...

Russland und Europa Barbara Schweizerhof

Sie fliegen also nach Europa", sagt der Taxifahrer auf dem Weg zum Flughafen zu mir, "und lassen uns hier zurück". Mit der Hand weist er dabei auf die wolkenverhangene Moskauer Stadtlandschaft. Natürlich ist der Vorwurf scherzhaft gemeint und bezieht sich an diesem kalten und verregneten Tag im Frühsommer vor allem auf die Wetterlage; im Unterton, dem ein zwar leichtes, aber ernsthaftes Gekränktsein zu entnehmen ist, kommt jedoch sehr wohl zum Ausdruck: In Russland ist das Verhältnis zu Europa nicht nur eine Angelegenheit von Politik und Ökonomie, sondern eine der Identität und Emotion. Welche konkreten und praktischen Konsequenzen die EU-Osterweiterung für sie hat, dürfte den meisten Russen (außerhalb der direkt betroffenen Grenzregionen) wo nicht völlig unbekannt, so noch weitgehend gleichgültig sein, für Gefühl und Selbstbewusstsein bleibt sie aber keineswegs folgenlos. Ohne im Einzelnen Vor- und Nachteile einer EU-Mitgliedschaft zu kennen, gibt es ein Gefühl des Zurückgelassenseins.

Dass man umgangssprachlich aus Russland nach Europa fliegt oder fährt, als sei´s ein anderer Kontinent, scheint schon direkt darauf hinzuweisen: Man verortet sich "Draußen vor der Tür" und das mit Berufung auf die Tradition, wollte doch bereits Peter der Große ein "Fenster nach Europa" aufstoßen. Europa, das sind von jeher die anderen. Was für den gemeinen Mitteleuropäer in völlig konträre Temperamente, unvereinbare Gewohnheiten und gegensätzliche Traditionen von Nord und Süd, West und Ost zerfällt, das alles schrumpft aus russischer Perspektive zu einer Lebensart und einem Modell zusammen: In Europa legt man sein Geld in Banken gewinnbringend an und wird nicht umgekehrt von ihnen ausgeraubt. In Europa gehen auch Ärmere abends ins Kino oder ins Restaurant, ist man ordentlich krankenversichert und gibt es Kissenbezüge passend zur Kissengröße. In Europa tropfen keine Wasserhähne, wird ein Drittel des Einkommens für Miete ausgegeben, werden Politiker und Verkehrspolizisten ordentlich bezahlt und sind nicht darauf angewiesen, durch Bestechungsgelder Sondereinnahmen zu erwirtschaften.

Solch beispielhafte Behauptungen lassen sich tagtäglich zuhauf in den Zeitungen finden. Wahre Beobachtungen vermischen sich dabei mit abenteuerlichen Verallgemeinerungen, Wunschbilder mit karikaturhaften Verzerrungen. Im Guten wie im Schlechten erscheint Europa in den russischen Medien als Maßstab für eine angestrebte Normalität, stellt ein Ideal dar, eine letztlich abstrakte Größe, die von Werbestrategen erfolgreich zur Vermarktung eingesetzt wird: Der "Euro-Remont" renoviert Wohnungen mit westlichem Baumaterial, der "Euro-Standard" steht für Qualität und Kundenfreundlichkeit.

Wer daraus nun den Schluss zieht, die Russen würden Europa lieben und folglich mit Kloß im Hals oder offen neidisch auf die westlichen Nachbarn blicken, die sich so glücklich schätzen dürfen, bald zum Club zu gehören, hat sich getäuscht. Wie in echten Liebesbeziehungen ist alles sehr viel komplizierter. Denn als Erbe einer ehemaligen Weltmacht ist man eitel und fragt sich weniger, wie man zur Welt als vielmehr, wie diese zu einem steht: Man weiß, dass der Westen große Hoffnungen auf die Reformen in Russland setzte - und sieht sich nun, zunehmend mit Enttäuschung konfrontiert, verkannt und im wahren Wesen ungeliebt. Dementsprechend zeigt man gern die kalte Schulter und hofft im Stillen auf Offerten, von denen man sich wiederum meist erniedrigt fühlt, bringt doch jede wieder in schmerzliche Erinnerung, dass man einst über mehr Macht und mehr Einfluss verfügte.

So kann zwar letztlich kein Zweifel daran sein, dass Russland kulturell zu Europa zählt - nicht umsonst ist von der für kurze Zeit so modischen "Eurasier-Bewegung", die Russland als eigenen Kulturraum zwischen Europa und Asien, als Alternative zur individualistischen abendländischen Tradition propagierte, kaum mehr etwas zu hören. Politisch aber fühlt man sich außerhalb wohler: Dort wähnt man sich der einstigen Großmacht-Identität näher.

Dieser besonderen Konstellation verdankt sich auch das heute sehr verbreitete Phänomen, dass bei zunehmender Verwestlichung des Lebensstils ein immer offensiver werdender Patriotismus zu Tage tritt, und das über die Generationen hinweg. Zwar richten sich alte und junge Russen in Neigungen und Interessen immer selbstverständlicher sowohl an Europa wie auch an den USA aus, suchen aber in ihrer Identität um so stärkeren Halt im eigenen Land.

Jelena Borisowna zum Beispiel, die zur Generation der "Sechziger" gehört, jenen kritischen Intellektuellen der sechziger Jahre, die allen staatlichen Einschränkungen zum Trotz seither kulturell das Land prägten, bekennt freimütig den Wandel: Früher habe "man" sich gefreut über eine Niederlage der sowjetischen Fußball- oder Eishockeymannschaft, sei das doch als Niederlage des Staates, als Triumph über die Propaganda empfunden worden, heute fiebert sie in jeder Sportart ungebrochen für die "Ihren". Schnell findet man sich mit ihr in Diskussionen wieder, die in ihrem strengen Frontverlauf - "Ihr" im Westen und "Wir" in Russland - stark an längst vergangene Zeiten erinnern. Wobei ein besonders wunder Punkt nie unberührt bleibt: Wie der Westen es noch wagen könne, gegen den Tschetschenienkrieg zu protestieren und selbst Belgrad bombardiert habe.

Aljoscha, 27, Journalist bei einer Boulevardzeitung mit zutiefst westlich geprägter demokratischer Ausrichtung (in Russland kein Widerspruch), kommt dagegen im Gespräch mit Deutschen immer gern auf einen anderen Krieg zurück - den Zweiten Weltkrieg. Dessen Schlachtverlauf weiß er mit solcher Akribie zu erörtern, dass man ihn in der Bundesrepublik sofort der Militaria-Nostalgie verdächtigen würde, während es für ihn darum zu gehen scheint, auf provokante Art Nationalstolz zu demonstrieren. Sein journalistisches Spezialgebiet sind die neuen und alten Kommunisten Russlands, denen er mit einer paradoxen Mischung aus Wohlwollen und Zynismus gegenübersteht. Äußerlich mit den üblichen Statussymbolen erfolgreichen Lebens im Kapitalismus ausgerüstet - Handy, Sonnenbrille, Turnschuhe, alles Markenprodukte - beherrscht auch er die Kollektivzuweisungen in "Ihr" und "Wir" noch perfekt. Warum wir es nötig hätten, das Leben in Russland stets in den schwärzesten Farben zu malen, fragt er mich und ereifert sich lange über den amerikanischen Film 15 Minuten Ruhm, in dem ein Tscheche und ein Russe als Psychopathen mordend durch New York ziehen, bis sie ein ordentlicher amerikanischer Polizist erschießt. So ins Gespräch gekommen, stellt sich bald heraus, welchen Weg Aljoscha gefunden hat, um Westlertum und Slawophilie für sich unter einen Hut zu bringen: Er leistet sich einen vehementen Anti-Amerikanismus, verbrämt als Kritik an der westlichen Massenkultur, während er mit Verve auf der europäischen Identität Russlands besteht - und sich jeden möglichen Ausschluss gleich durch Drohung verbietet: "Schließlich braucht ihr unser Gas".

Aljoschas patriotische Anwandlungen haben viel mit der Politik Präsident Putins zu tun, den er sehr bewundert. Wo Jelzin noch per öffentlicher Ausschreibung eine "nationale Idee" suchen ließ und Hohn und Spott dafür erntete, verspricht Putin seit Amtsantritt, Russland aus der Position der Schwäche wieder zu einem mächtigen Staat zu machen, ganz jenseits irgendwelcher "nationaler Ideen". Für die Seelen der durch den Zerfall der Großmacht Erniedrigten und Beleidigten ist Putins Politik der starken Hand ein später Trost - weshalb man sich über die Angst des Westens vor dem Verlust der Pressefreiheit und ähnlichem an vielen Stellen lustig macht.

Putin habe Stabilität ins Land gebracht, so Aljoscha, und benutzt eine alte sowjetische Prägung dabei: Viele hätten nun wieder "Vertrauen in den morgigen Tag". Tatsächlich scheint die von Putin vermittelte Illusion der Stärke das Gefühl des Zurückgelassenwerdens durch die EU-Osterweiterung zu kompensieren. "Die Liebe ist vorbei, der Ärger vergangen, was bleibt, sind Interessen", kommentiert eine Zeitung das europäisch-russische Verhältnis in diesen Tagen. Dass es gegenseitige Interessen sind, bringt auch mein Taxifahrer noch einmal zum Ausdruck, als ich am Flughafen Sheremetjewo aussteige: "Kommen Sie bald wieder, wir brauchen Sie hier."

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00:00 15.06.2001

Ausgabe 42/2021

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