Dreh das Fenster runter

Problemreise Jan Böttchers überladener Polit-Roman "Geld oder Leben"

Der Terrorismus ist ein dankbares Thema für einen Roman. Es ist aktuell, es ist brisant und es bietet einem Autor Gelegenheit, dem Leser einen Teil seiner Weltanschauung aufzudrängen. Trotzdem ist für einen Roman mit dem Thema allein noch nicht viel zu gewinnen. Das scheint auch dem 1973 in Lüneburg geborenen Autor und Sänger Jan Böttcher klar gewesen zu sein. Deswegen hat er immerhin gut daran getan, die in Rückblicken erzählte Kerngeschichte seines Romandebüts Geld oder Leben, ein wenig auszuschmücken. "Ma" wie Karl seine Mutter nennt, hat Angst vor RAF-Terroristen und ist überzeugt davon, dass sie die Bank, in der sie arbeitet, überfallen werden. Von dieser Angst möchte ihr Sohn sie heilen. Es gelingt Karl, endet für ihn aber in einer Heilanstalt, weil ihm niemand glauben will, dass er nur seiner Mutter helfen wollte.

Schon in den Liedern seiner Band "Herr Nilsson" erschuf Böttcher eher ein skurriles Bild der Welt. Doch an dem Versuch, jetzt einmal den Bezug zur Realität herzustellen und das Deutschlandbild eines Jugendlichen darzustellen, scheitert er. Denn der Roman handelt eben nebenbei auch von den Schwierigkeiten der ersten Liebe, der Loslösung von der Familie, die hier eigentlich nur noch aus Mutter und Sohn besteht, von rechtsradikalen Jugendlichen in Ostdeutschland und von der Spurensuche eines jungen Mannes, dessen Großvater in die DDR floh, als er acht Jahre alt war. Insgesamt dann doch etwas viel Ausstattungsmaterial.

Als sein Großvater 2000 stirbt, fährt Karl alleine, gerade mit seinem Zivildienst fertig, in den Osten zur Beerdigung. Was ihn dort erwartet, ist eine seltsame Gesellschaft aus alten Männern, die sich Partisanen nennen und deren Stammlokal eine Waldkneipe ist. Dort lernt er nicht nur die Bekannten seines Großvaters näher kennen, sondern auch die Aushilfskellnerin Nane. Nach einigen Wochen, in denen er den Versuch das Abitur nachzumachen abbricht, zieht Karl zu ihr in den Osten und hofft, mehr über seinen Großvater erfahren zu können.

Doch Karl ist ein Mensch, dem nichts glücken will. Die Beziehung mit Nane scheitert, weil er nicht glauben mag, dass sie kein Verhältnis mit Georg, dem anscheinend einzig zurechnungsfähigen Jugendlichen im Dorf, hat. Karl hält Georg zudem für einen Nazi, der auch einiges über seinen Großvater wissen müsste: Immerhin hat der vermutlich dessen Vater an die westdeutschen Behörden ausgeliefert. Und so geht Karls Deutschlandreise weiter. Er beginnt eine Lehre als Automechaniker in Berlin, wo ihn Georgs Freundin dazu überredet, mit ihr nach Genua zu reisen, um gegen den G8-Gipfel zu demonstrieren. Nane dort wie zufällig zu treffen, um eine Trennung von Georg zu provozieren, ist jedoch das Hauptziel der Aktion. Das Unternehmen scheitert natürlich und Karl findet sich, nach einer Prügelei mit Polizisten, verletzt auf einer Couch in einer fremden Wohnung wieder.

So viel Geschehen, gepaart mit so viel politischem Sprengstoff, kann einem Roman eigentlich nur schaden, das könnte noch nicht mal ein kunstvoller Aufbau verhindern. Doch schon die ersten Sätze lassen erahnen, dass Böttcher hier sein Talent, das er in seinen Erzählungen Lina oder: das Kalte Moor und Der Krepierer bewiesen hat, keineswegs ausspielt und sich stattdessen bemüht, seinen Protagonisten jugendlich modern klingen zu lassen: "Die Digicam liegt auf der Rückbank, im silbernen Koffer. Alles safe. ... Ich blech die Bustür zu, dreh aber sofort das Fenster runter, falls doch noch was ist."

Für einen politischen Roman vertieft er keinen der gesellschaftlichen Konflikte ausreichend und behandelt keines der Themen auch nur annähernd erschöpfend. Wie eine Europareise mutet der Roman an, einzig darauf angelegt einem Jugendlichen möglichst viele Probleme mit auf den Weg zu geben. Es ist sicher eine große Herausforderung, Themen wie Fremdenfeindlichkeit, Terrorismus, Abnabelung von der Familie oder die Jugendarbeitslosigkeit erzählerisch geschickt, in spannenden Geschichten zu verarbeiten.

Literatur kann die Welt zwar bestenfalls vermittelnd ändern. Aber ein neuer Denkansatz, ein neuer Versuch in Richtung politische Literatur könnte ja nicht schaden. Leider schafft Böttcher es weder, elegant zu verdichten, noch ernsthaft zu provozieren. Wie die Romanhandlung gegen Ende ins Leere läuft, und zum Beispiel aus Nane nur noch ein Schreckgespenst wird, das den Jungen sogar bis nach Genua lockt, so verlieren sich auch die angerissenen Konflikte. Die Schwierigkeiten mit einer orientierungslosen, sich radikalisierenden Jugend, ja es gibt sie, aber war das nicht schon vorher bekannt? Dass auch die Angst vor dem Terrorismus krank machen kann, wen wundert´s? Der radikale Rundumschlag, den Böttcher hier liefert, scheitert nicht nur an der Fülle von Problemen, vor allem mangelt es an der Ernsthaftigkeit, zumal sich der Text nur schwer als Satire lesen lässt. Zu all dem vermisst man über weite Strecken niveauvolle Unterhaltung: So sehr sich Böttcher um Modernität bemüht, viele aktuelle Themen, erzählt in einer gewollt jugendlichen Sprache, ergeben eben leider noch keinen guten Roman.

Jan Böttcher: Geld oder Leben. Roman. Rowohlt Berlin, Berlin 2006. 300 S., 19,90 EUR


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00:00 29.09.2006

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