Drei Kinne einer fetten Lady

Antiheld In seinem Erstling "Jesus von Texas" rappt der Booker-Preisträgers DBC Pierre durch die postmodernen Kriegsschauplätze der USA im 21. Jahrhundert

Der 15-jährige Vernon G. Little aus dem texanischen Kaff Martirio ist gleichzeitig die Hauptfigur und der atemlose Erzähler im ersten Roman des mexikanisch-australischen Autors Peter Finlay, der sich zum Zeichen seiner eigenen Läuterung und Wandlung vom Suchthaufen zum Schriftsteller das ironische Pseudonym DBC Pierre zugelegt hat; DBC für "dirty but clean", dreckig aber sauber.

Vernon God Little heisst denn auch der Titel der englischen Originalausgabe (das Spiel mit den Initialen des Mittelnamens hat DBC Pierre aus J.D.Salingers Fänger im Roggen übernommen). Wer weiß, warum das gleiche Buch auf deutsch Jesus von Texas heißt. Vielleicht ist es statt nach Vernon selbst, nach Vernons bestem Freund Jesus Navarro benannt, der schon zu Beginn des Buches tot ist, Vernon aber wie ein Schatten begleitet und verfolgt: Jesus ist der Täter und schließlich auch ein Opfer des Schulmassakers, für das der Überlebende, Vernon Little, nun an seiner Stelle büßen soll. Vielleicht wollte der Verlag auch nur den weltbekannten Markennamen nutzen - Jesus liebt dich heisst es in ihrem Prospekt, dramatisch umrahmt von Gewehrpatronen. Oder aber der Titel soll andeuten, dass Vernon God Little, der Kleine Gott, als Jesus von Texas das Kreuz einer dummen, rachsüchtigen, egoistischen Gesellschaft tragen muss. Diese Lesart stopft allerdings viel deutschen Tiefsinn in einen bitterbösen Schelmenroman, der es an Ironie und Witz mit Grimmelshausens Simplicissimus aufnehmen kann.

Der jugendliche Antiheld, mit bürgerlichem Namen Vernon Gregory Little, ist nicht unbedingt auf Anhieb sympathisch. Er kann ganz schön nerven mit seinen altklugen Lebensweisheiten, seinen Anfällen von Selbstmitleid, mit seiner affigen Mutterliebe und seinen fiebrigen Bubenträumen von feuchten Höschen, blassblauem Bikini oder Tanga. Aber Vernon lebt. Er kämpft um sein Leben, das zwar ein Scheißleben ist, aber das einzige, das er kennt und deshalb liebt. Er tanzt und stampft und rappt vom texanischen Kleinstadtmief zum erträumten mexikanischen Häuschen am Meer und zurück in die videoüberwachte Todeszelle. Und die Worte, die Grammatik tanzen, stampfen und rappen mit. Wenigstens im englischen Original. Man wird hineingerissen in eine Welt, die fremd sein mag, abstoßend, zu intensiv. Die Sprache, die da hinführt, ist keine sichere Brücke, es sind lediglich lose Planken verschiedenster Größe, die den Lesenden wie beiläufig hingeknallt werden, in scheinbar beliebigem Rhythmus, aber immer gerade rechtzeitig für den nächsten Schritt oder Sprung.

Diese Spannung, dieses Hingeworfene ins Deutsche zu übertragen ist dem Übersetzer Karsten Kredel trotz vieler blitzgescheiter Ideen und mutiger Ausflüge in Vernons rüdes Teenager-Idiom nicht überzeugend geglückt. Die deutsche Buchfassung ist auffallend umfangreich geworden. Und sehr viele der zusätzlichen Wörter sind überflüssige Verdeutlichungen und Erklärungen, zusätzliche Verben und Einschübe, die die Dynamik des Originals bremsen und Risse überdecken. Man gibt es nach einer gewissen Zeit auf, nach dem System zu suchen, mit dem Kredel die im englischen Original einfach nacheinander gestellten Sätze im Deutschen in hierarchisch gestufte Nebensätze organisiert. Natürlich kann die deutsche Sprache meisterhaft verschachteln, viel besser als die englische, aber muss sie es in jedem Fall tun? Wieso werden Metaphern ohne Not durch andere ersetzt? Und wieso werden ständig kleine Sprachfusseln hinzugefügt, als wäre die englische Vorlage nicht vollständig genug? Wenn es gleich auf der ersten Seite heißt "I just stare at my Nikes" wird das übersetzt mit "Ich sitz da und stiere auf meine Nikes"; wenn ein paar Seiten die Kinne einer fetten Lady zittern, müssen es im Deutschen präzis drei Kinne sein, die erst noch gierig zittern. Es ist im Einzelfall nicht viel, was hinzukommt, aber all der überflüssige Firlefanz summiert sich, verkleidet und verfremdet DBCs Ton. Es ist, als ob man den abgerissenen Vernon Little in einen geplätteten Konfirmandenanzug vom Vorjahr steckt, der an allen Enden zwickt und klemmt, aber vielleicht der lieben Verwandtschaft gefällt. Das englische Original dagegen bietet allen Interessierten eine äußerst vergnügliche Auffrischung und Erweiterung des Schulenglischen.

Nachdem der 42-jährige Peter Finlay, ein literarischer Außenseiter, angesichts so bekannter Mitanwärterinnen wie Margaret Atwood (Oryx and Crake) oder die in Bangladesh geborene junge britische Autorin Monica Ali (Brick Lane) den wichtigen britischen Booker-Preis 2003 gewann, wurde von einigen Kritikern gemunkelt, er habe die 50.000 Pfund wohl eher seiner abenteuerlichen Vita als seiner Schreibkunst zu verdanken. Die Juroren seien einfach fasziniert gewesen von diesem Vaganten, Schmuggler, Schatzjäger, Drogen- und Spielsüchtigen, der sich von seiner Vergangenheit voll finanzieller und moralischer Schulden nach Irland absetzt und in seinem neuen Leben als erstes einen beachtlichen Roman produziert. Andere mutmaßten, Finlays Buch habe vom herrschenden antiamerikanischen Trend profitiert; dabei seien Themen wie die Todesstrafe oder die Macht der Medien in den USA doch bereits zur Genüge abgehandelt worden. Die Medien haben sich wie erwartet auf den neuen ungewöhnlichen Booker-Preisträger gestürzt. Doch in den Interviews erzählte DBC Pierre seine klassische Saulus-zu-Paulus-Geschichte in einer Art, die an Heilsarmeeabende erinnert.

Sein Buch aber demonstriert einmal mehr, dass das Verhältnis von Autor und Werk, Künstler und Kunst viel komplexer ist als es die meisten Literaturtheorien wahrhaben wollen. Peter Finlays Lebenserfahrung ist in dem Buch drin, in den gehetzten Fluchtbewegungen von Vernon Little, in seinen Träumen vielleicht, hoffentlich in seinem Witz und seiner Selbstironie. Man könnte auch monieren, Michael Moores gesammelte populistische Amerikakritik sei in dem Buch drin - was allerdings die angeprangerten Verhältnisse nicht unwirklicher macht. Zeitgleich mit der fiktiven Schilderung von Vernons furchtbaren Gefängnisaufenthalten gelangten reale Missstände in Jugendgefängnissen des Staates Mississippi in die US-amerikanischen Medien - harte Bestrafung von Suizidgefährdeten, tagelanges Fesseln von Unruhigen, Zwang zum Aufessen der eigenen Kotze -, die so genannte Groteske oder Satire von DBC Pierre an Grausamkeit noch übertreffend. Die Geschichte des Antihelden Vernon God Little ist seit dem Simplicissimus, seit Wilhelm Meister, Huckleberry Finn oder dem Fänger im Roggen, um nur einige Beispiele zu nennen, schon tausendmal erzählt worden. Warum und wie sie diesmal wieder ein sprachliches Meisterwerk geworden ist, eine überzeugendes Ganzes? DBC Pierre beweist, dass jedes Leben, auch ein Scheißleben, eine eigene Ode wert ist.

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DBC Pierre
Jesus von Texas
Aus dem Englischen von Karsten Kredel
Aufbau, Berlin 2004
384 Seiten
EUR 19,90
ISBN 3-351-02996-9

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DBC Pierre
Vernon God Little
Englische Originalausgabe
Faber and Faber, London, 2003
279 Seiten
25,98 £
ISBN 0-571-21517-3

00:00 26.03.2004

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