Drei-Königstreffen im Pfadfinder-Camp

Sizilien Gelas Bürgermeister Rosario Crocetta räumt auf mit der Mafia

Gela, ein Samstag im Februar. Die Sonne schickt wärmende Strahlen, Gruppen von drei oder vier Mädchen studieren die Auslagen der Geschäfte. Der eine oder andere Schopf versenkt sich in einen mit Eis gefüllten Brioche. Verlässt man die Flaniermeile des Corso Vittorio Emanuele und geht in Richtung Rathaus, erstirbt jeder Laut. Die Piazza ist wie leergefegt. Niemand sitzt auf den steinernen Bänken, die Fußbodenplatten aus Marmor glänzen vor sich hin.

Dann aber prescht plötzlich eine Limousine mit abgedunkelten Scheiben und blauer Sirene heran. Ein Mann verlässt die einzige Bar am Platz, ein anderer, etwas abgerissen gekleidet, löst sich aus einem Hauseingang schräg gegenüber - das Fahrzeug stoppt vor dem Eingang des Rathauses. Drei Türen des Wagens öffnen sich, jede spuckt einen jungen Mann aus, einer davon steht an der Tür zum Fond.

Ein kleiner dunkelhaariger Herr im Anzug steigt aus, Rosario Crocetta, der Bürgermeister von Gela. Er blinzelt kurz in die Sonne, der nächste Blick streift die Fassade des Rathauses. Und dort hängt das Transparent mit dem Auge in der Pyramide und der Aufschrift: "Achtung! Schutzgeld. Wir zahlen nicht." Darunter eine Telefonnummer. Es war Crocetta, der das Plakat aufhängen und die Hotline einrichten ließ, damit die Bürger von Gela anzeigen können, wer bei ihnen Schutzgeld eintreiben und sie ihrer ökonomischen Freiheit berauben will. Crocetta trifft deshalb tödlicher Hass, er wird bewacht auf Schritt und Tritt. Gerade lassen die Personenschützer den abgerissen Gekleideten passieren, der Crocetta um einen Euro bittet.

Der sagt: "Ich habe dir erst gestern Geld gegeben. Komm morgen wieder" und verschwindet im Rathaus, das an diesem Sonntag leergefegt ist, weil die Behörde pausiert. Nur der Chef, seine Leibwache und ein Pförtner zeigen Präsenz. Crocetta eilt durch den Bau und weist auf ein Gemälde: Das Massaker auf der Portella della Ginestra. Am 1. Mai 1947 schossen an dieser Stelle die Banditen des Salvatore Giuliano in eine Ansammlung feiernder Bauern. Giuliano - oft zum Robin Hood Siziliens stilisiert - hatte Order aus Rom erhalten. Es sollte ein Zeichen der Abschreckung gesetzt werden gegen Kommunisten und Gewerkschafter, die nach dem Krieg stark waren auf Sizilien. Die Wahlen nach dem Blutbad gewannen die Christdemokraten - die Botschaft wurde verstanden.

Es sind "Pizzini", kleine Zettel, mit denen der Boss der Bosse sein Imperium regiert

Die Leinwand erinnert Crocetta an mehr als ein Stück politischer Geschichte, denn der gegenwärtige Bürgermeister von Gela ist Kommunist. Selbst wenn in seinem Dienstzimmer kirchliche Bildnisse den Ton angeben. Schließlich ist Rosario Crocetta auch Katholik und hat zum Gemälde der Osterprozession seines Landsmannes Antonio Insulla ein Gedicht verfasst: Maria wird darin als Frau von heute beschrieben, die gerade wäscht, als man ihr auf dem Motorino den toten Sohn vorbeibringt - eine authentische Geschichte aus Gela hatte Crocetta, der Dichter, vor Augen.

Während im Herbst 1989 in Berlin die Mauer fällt, tobt in Gela der Krieg. 120 Menschenleben kostet die Schlacht zwischen den bewaffneten Banden von Cosa Nostra und Stidda. Zur Stidda, seinerzeit auch Clan der Schäfer genannt, haben sich die lokalen Kriminellen vereinigt, um der Cosa Nostra die Stirn zu bieten, deren Familien in den Sechzigern, nachdem man Erdöl gefunden hatte, aus der Provinzkapitale Caltanissetta herüber kamen.

Gela verkommt zur Hauptstadt des Verbrechens, und den Bewohnern bleibt im November ´89 nichts weiter übrig, als Leichen zu zählen und zu hoffen: Wenn die Killer sich gegenseitig aus dem Wege räumen, dann vielleicht ...

"Abends konnten wir nicht mehr auf die Straße. Die Nachwuchsgangs von Stidda und Cosa Nostra klauten uns Motorini und Markenklamotten", erzählt Giuseppe Licata, der in jenen Jahren in Gela aufwächst, das nach dem infernalischen Gemetzel einen kaum für möglich gehaltenen historischen Kompromiss erleben soll: Die Überlebenden aus den Verbrecherkasten schließen einen Pakt, der bis heute gilt und besagt: Die Stadt wird in Einflusssphären aufgeteilt, die Bosse tauschen Firmenanteile und die Gangs vermischen sich in Maßen. 1999 unterbricht ein kurzer Krieg der beiden Cosa Nostra-Familien Rinzivillo und Emmanuello den Burgfrieden. Boss Alessandro Emmanuello ist gerade in seinem Unterschlupf bei Mainz verhaftet worden, und der Rinzivillo-Clan will das Machtvakuum für sich nutzen. Wieder gibt es Dutzende von Toten. Dann aber schlichtet Bernardo Provenzano den Konflikt, erfährt die Polizei aus den "Pizzini", den kleinen Zetteln, mit denen der Boss der Bosse sein Imperium regiert.

Im Februar 2007 ist Daniele Emmanuello, Alessandro Emmanuellos Bruder, Herr der Unterwelt von Gela. Auf der Liste der gefährlichsten Verbrecher Italiens gelingt ihm der Sprung unter die Top Ten, wird er doch wegen mehrfachen Mordes gesucht. "Er ist hier, er hält sich in Gela und Umgebung auf", ist Crocetta sicher. "Die Bosse regieren immer durch physische Präsenz. Riina, Provenzano, Emmanuello - es ist stets die gleiche Geschichte. Doch der illegale Aufenthalt kostet. 20.000 Euro im Monat hat Daniele Emmanuello allein an Unkosten für seine Infrastruktur", überschlägt Crocetta ad hoc. "Er braucht einen Wagen mit Fahrer und Bewacher, um sich bewegen zu können. Davor einen Wagen als Eskorte und dahinter noch einen. Er braucht Leute, die seine Verstecke und Treffs organisieren. Die wollen alle bezahlt werden."

Das Geld nimmt die Mafia durch erpresste Schutzgelder ein. Sieben von zehn sizilianischen Unternehmern zahlen, sagt die Handelskammer Confersercenti in ihrem Jahresreport 2006. Es gibt weitere Einnahmen durch von Strohmännern geführte Firmen im Bauwesen, in der Müllabfuhr und - seit kurzem - im privaten Gesundheitsdienst. Über das Ausmaß des mafiosen Imperiums erhält man freilich nur retrospektiv Kenntnis und zwar immer dann, wenn die Polizei zuschlägt. Ende Januar zum Beispiel, als sie zwei Stiddari und sechs Mitglieder der Cosa Nostra festnimmt, die einen Barbesitzer Jahre lang um Geld und kostenlose Bewirtung erpresst haben. Oder im Dezember 2006, als ein massiver Schlag gegen den Clan der Rinzivillos glückt und 22 Firmen auffliegen sowie 20 Millionen Euro beschlagnahmt werden. Im Monat zuvor kassiert der Staat das Vermögen von Pietro di Vincenzo, das sich als 270 Millionen Euro schwer erweist. Immerhin amtierte Di Vincenzo bis dahin als regionaler Vorsitzender des Industriellenverbandes Confindustria, war in der Bau-, Müll- und Wasserwirtschaft aktiv und mit der Mafia im Bunde.

Derartige Fahndungserfolge kann sich Bürgermeister Rosario Crocetta zum Teil selbst gut schreiben. "Er hat die Atmosphäre in der Stadt verändert. Die Bürger sind mutiger geworden und kooperieren mit uns", meint Bartholomeo di Niso. Der scharf aus schmalen Augen schauende Carabinieri-Major hat die meisten Einsätze geleitet. Di Niso ist in voller Montur und mit schwerbewaffneter Eskorte in eine Pfadfinderhütte am Rande Gelas gekommen. Auch Crocetta mit seiner Leibwache ist da sowie Giuseppe Lumia, Zweiter Vorsitzender der Anti-Mafia-Kommission im römischen Parlament.

Das Drei-Königstreffen der Anti-Mafia in der sizilianischen Provinz hat einen Grund. Die Pfadfinder haben sich zum Gedenken an ihren früheren Chef versammelt. Emanuele Goldini, im Januar 2006 an einem Infarkt verstorben, hat den Kindern Mut gemacht, Mut für das Leben und Mut gegen die Mafia. Man sieht sich Videos an, auf denen Goldini bei der Arbeit zu sehen ist. Aufnahmen von 1993 zeigen, wie die Pfadfinder zu mitternächtlicher Stunde im Wald an einem Lagerfeuer ein Manifest gegen die Mafia unterzeichnen.

Dass ausgerechnet ein kommunistischer Bürgermeister für freien Wettbewerb sorgt

"Emanuele hat mich darauf hingewiesen, in welchem Umfang die Cosa Nostra im Petrolchemischen Werk hier ganz in der Nähe sitzt", sagt Crocetta leise. Sein Freund Emanuele war es auch, dem die erste telefonische Morddrohung an die Adresse Crocettas übermittelt wurde. "Es war an meinem ersten Amtstag. Ich hatte ein Fernsehinterview gegeben und verkündet: ›Meine vordringlichste Aufgabe als Stadtoberhaupt ist der Kampf gegen die Mafia‹", erinnert sich Crocetta. Danach kam der warnende Anruf.

"Eine ganze Nacht habe ich nicht geschlafen und überlegt, was zu machen sei. Wenn ich einknicke, werde ich vielleicht überleben, aber in der Stadt wird sich nichts ändern. Wenn ich weitermache, bin ich bald tot", beschreibt er das Dilemma. Ohne einen Entschluss gefasst zu haben, sei er dann zur Arbeit gefahren und am Polizeipräsidium vorbei gekommen. "Das war die Lösung. Ich bin hinein, habe Anzeige erstattet, denn mir war klar, dass ich die Gangart verschärfen muss."

Rosario Crocetta führt ein, dass jeder Betrieb, der einen öffentlichen Auftrag erhält, nicht nur ein Antimafia-Zertifikat vorweisen, sondern Gleiches auch für seine Subunternehmer garantieren muss. Daraufhin erhält er neue Drohungen und erstattet erneut Anzeige - das Polizeipräsidium liegt ja noch immer auf dem Weg zur Arbeit. Kraft seines Amtes ordnet er an, dass in keinem der Betriebe, die für die Kommune arbeiten, ein vorbestrafter Mafioso beschäftigt sein dürfe. Nach weiteren Drohungen verfügt er, dass nicht nur der Sieger einer öffentlichen Ausschreibung den Antimafia-Kriterien genügen müsse, sondern das für alle Bewerber gelte. "Ich wollte verhindern, dass die Mafia über Preisabsprachen Einfluss auf den Wettbewerb nimmt." Crocetta strahlt, dieser Schachzug habe seine Wirkung nicht verfehlt.

Während er die Mafia aus dem Rathaus treibt, sorgt er auch für mehr Sicherheit auf den Plätzen und in den Geschäften der Stadt. Über 100 Videokameras werden in Gela installiert. Sie nehmen auf, wie ein paar Jugendliche in einen Laden stürmen und Schutzgeld verlangen. Eine andere Kamera hält fest, wie die junge kriminelle Garde einen Hund fängt, enthauptet und dann den blutigen Tierschädel als Warnung vor die Tür eines zahlungsunwilligen Geschäftsmanns legt. Dank der Videobilder sitzen die Täter mittlerweile im Gefängnis.

Im Mai sind Kommunalwahlen, und Crocetta hat sich einer konservativen Konkurrenz zu erwehren, die ihn lieber heute als morgen stürzen will. Cosa Nostra und Stidda sitzen immer noch in der Stadt. Und gerade erst hat sich herausgestellt, dass die städtische Müllabfuhr Monat für Monat 18.000 Euro Schutzgeld zahlt, jeweils zur Hälfte an die Cosa Nostra und die Stidda.

Insofern wird der Kampf Gut gegen Böse wohl weiter gehen müssen in Gela. Er ist nicht einfach zu gewinnen, das schnell verdiente Geld der Mafia lockt. Es lockt nicht zuletzt präpotente Buben, die für Markenklamotten und Drinks nichts bezahlen wollen. Auch mancher Angestellte der Stadtverwaltung verdankt seine Karriere der Protektion durch die Mafia, und mancher Unternehmer hat durch Absprachen und Einschüchterungen Kontrahenten ausgeschaltet. Doch der Klimawandel in Gela sorgt dafür, dass die Zahl derer wächst, die ihre Erpresser anzeigen. "70 waren es allein im vergangenen Jahr, mehr als in der ganzen Provinz Palermo", erzählt voller Stolz die Vorsitzende des Antiracket-Verbandes, Elisa Nuara. Und Francesco Barone, Sprecher der städtischen Jungunternehmer im Verband Confindustria glaubt: "Jetzt herrscht wieder freier Wettbewerb. Gela ist der sicherste Ort für Investments in ganz Sizilien. Schreiben Sie das in der deutschen Presse."

Dass ausgerechnet er für diesen freien Wettbewerb gesorgt hat, ist für den Kommunisten Crocetta kein Widerspruch. "Freie Konkurrenz ist Grundlage einer freien Gesellschaft. Später können wir immer noch sehen, was wir daraus machen."


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00:00 02.03.2007

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