Drei rosa Rosen

Rumänien Beim Europafest der regierenden PSD stehen sich in der Stadt Iaşi zwei Gruppen unversöhnlich gegenüber
Drei rosa Rosen
Dafür! Dagegen! Auch ein paar Tage später in Targoviste hatten die Menschen Spaß am Halten von Schildern

Foto: Daniel Mihailescu/AFP/Getty Images

Da das Land gerade die EU-Präsidentschaft innehat und neulich Europatag war, richtete Präsident Klaus Johannis einen EU-Gipfel in seiner Heimatstadt Sibiu aus. Die regierende Partidul Social Democrat (PSD) aber rief zu einer Großdemo mit Volksmusik nach Iaşi. Das war gewagt. Die PSD hat ihre Wähler in den abgehängten Dörfern im Süden und Osten, die rasant wachsende Boomstadt Iaşi ist für sie inzwischen Feindesland, PSD-Chef Liviu Dragnea wurde vor Kurzem in Iaşi ausgebuht.

Dragnea steht unter Druck: Er denkt nur daran, wie er sich den Haftstrafen, die ihm für Amtsmissbrauch drohen, entwinden kann und nötigt seine PSD-geführten Regierungen zu immer neuen Eingriffen in den Rechtsstaat. Er hat sich damit mehrere ehemalige Premierminister der PSD zu Gegnern gemacht, Abgeordnete springen ab, vom PSD-Ergebnis bei der Parlamentswahl 2016 – 45 Prozent – sind in Umfragen noch 22 übrig. Inzwischen sendet die PSD immer häufiger rechtspopulistische Signale aus und ist im Parlament die nationalistischste Partei, dazu von der sozialdemokratischen Parteienfamilie der EU suspendiert. Zu Hause versteht sie aber noch zu mobilisieren, wie das Hunderte Autobusse zum Europatag bewiesen haben.

Rissige Haut, keine Zähne

40 Kilometer vor Iaşi staute es sich bereits. Als ich ankam, fiel eine PSD-Fahne – sie ist übrigens sehr schön, drei rosa Rosen auf Weiß – beinahe einem nahöstlichen Verbrennungsakt anheim. Dass sie dann als Fußabtreter diente, wurde von vergrübelt dabeistehenden Polizisten geduldet. Eine bürgerliche Iaşer Seniorin warf der PSD vor, dass alle ihre Kinder in Kanada lebten und nicht zurückkehren wollten. „Jeder PSD-Demonstrant kriegt 100 Lei“, behauptete sie, das sind umgerechnet 21 Euro.

Von den 40.000 Sympathisanten, welche die PSD zu ihrem Europafest versammeln wollte, karrte sie schließlich 10.000 heran, besonders viele aus dem moldauischen Bezirk Bacău. Die Gegendemonstranten waren aber auch keine „Handvoll gut bezahlter Lümmel“, wie Dragnea meinte, sondern 2.000 an Absperrgittern heftig brüllende Städter. Sie beleidigten die Gäste am liebsten als „Schwanzlutscher der PSD“. Rauchbomben knallten.

Die PSD-Ordner sahen von Weitem, wer auf den Vereinigungsplatz gehörte. Die schnapsumwehte Delegation einer Dorfkaschemme – speckige schmalkrempige Hüte, der Anführer ein verschwörerisch dreinschauender Mann – wurde unbesehen eingelassen. Eine junge zarthäutige Hipsterin wurde aufgehalten, tatsächlich sah ich sie später gegen die PSD schreien. Von der Busladung mit dem Schild „Bacău 144“ wollte nur einer sein Kommen erklären. Er hatte Jahre in Irland am Bau gearbeitet, „Korruption gibt’s überall, in Irland heißt sie Provision, zehn Prozent, die anderen Parteien schwätzen nur von Korruption, die PSD tut ein bisschen was.“ Mit vielen Demonstranten war kein Gespräch möglich. Viele konnten oder wollten nicht sagen, warum sie gekommen waren.

Die Mehrheit der PSD-Sympathisanten war das, was der Neusprech „verwundbar“ nennt. Um genauer zu werden: Diese Menschen hatten rissige Haut und ausgefallene Zähne, waren Alkoholiker oder Freaks, und wer nicht alt war, war mindestens arm und hässlich. Wenn ich nach den Namen der Redner fragte, kannte sie keiner. Jugendliche fragten einen Alten, dem die Nasenspitze abfaulte; der Alte wandte sich stirnrunzelnd ab.

Als pünktlich um 17 Uhr die Reden begannen, öffnete die Polizei eine enge Schneise für die Verspäteten von „Bacău 101“ und „Bacău 140“. Das war eine Mutprobe, gereckte Hälse von PSD-Gegnern schrien sie aus Spucknähe an. Die Roma, an Beleidigungen gewöhnt, marschierten mit hochgerecktem Kopf und herausgestrecktem Bauch hindurch. Die anderen drückten sich mit trampeligen Schritten vorbei, verlegen oder erschrocken grinsend. Einige trugen Kartons mit der PSD-Losung „Rumänien verdient mehr Respekt“.

Dann sprach unter den Vibrationen der feindlichen Vuvuzelas Liviu Dragnea. Er brachte zum einen das sozialdemokratische Pflichtprogramm: „Renten erhöht, Gehälter erhöht.“ Und: „Wir entwickeln das Land, gute Leute.“ Zum anderen war seine Rede von nationalreligiösen Suggestionen durchzogen: „Diese heilige Erde“ brauche Patrioten, nicht „Leute ohne Herrgott und Vaterland“, nicht jene, „die hinter Johannis stehen.“ Und dann sagte Dragnea noch: „Es gibt keine zwei Sorten von Rumänen, die guten und die schlechten. Die Rumänen sind gleich, frei und souverän.“ Die meisten PSD-Demonstranten schauten unbeteiligt in die Luft und reagierten auf keine Parole. Einmal versuchte Dragnea die Masse mit einer Frage zu animieren: „Wollt ihr, dass dieses Land den Rückwärtsgang einlegt?“ Ein Nein-Chor blieb aus. Viele applaudierten kein einziges Mal. Nach Dragneas Rede wurde kurz eine Discoversion der Europahymne angespielt, und um 17.59 Uhr sagte die Moderatorin, „wir feiern aber weiter“, da war der große Treck zurück zu den Bussen schon in Bewegung.

Beim Auszug mussten diese armen Teufel durch einen wahren Korridor der Schande. Gegendemonstranten versuchten ihnen kleine Geldscheine zuzustecken. „Schande über euch!“, wurde ihnen ins Gesicht geschrien, von links und rechts. Die Provinzler zogen ab, in ihrem jahrzehntealten Sonntagsstaat, mit ihren eckigen und linkischen Bewegungen, sie blickten stumm zu Boden oder stur geradeaus. Das waren alles Rumänen, aber am Europatag standen sie sich gegenüber wie zwei feindliche Völker. Die Erbarmungslosigkeit, mit der die schönen Rumänen die hässlichen erniedrigten, schockierte mich. Ich suchte das Weite, sonst hätte ich losgeheult.

06:00 26.05.2019
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