Drei Schwestern oder Von der Würde zu sterben

Eine Chronik Gertrud, Erna und Hildegard wurden 1902, 1903 und 1908, noch im Kaiserreich, in Berlin-Pankow geboren. Sie gehörten zur ersten Frauengeneration, der ...

Gertrud, Erna und Hildegard wurden 1902, 1903 und 1908, noch im Kaiserreich, in Berlin-Pankow geboren. Sie gehörten zur ersten Frauengeneration, der es niemand mehr streitig machte, einen Beruf zu erlernen, so wurden sie Verkäuferin, Stenotypistin und Schneiderin. Alle drei heirateten, ihre Ehen waren glücklich. Sie blieben in Berlin und überlebten hier auch den Zweiten Weltkrieg, bis auf Ernas Mann; er wurde im April 1945 einberufen und musste noch gen Polen marschieren, von dort kehrte er nicht mehr zurück. Gertrud und Erna blieben kinderlos, Hildegard und ihr Mann aber hatten eine Tochter, die sie während des Krieges und in der Nachkriegszeit großzogen, meine Mutter.

Im Jahr 1990 wurde Gertrud krank, Diagnose Krebs. Sie hatte große Schmerzen und blieb im Bett liegen. Ihr Mann war seit neun Jahren tot. Eine tägliche Krankenpflege wurde für sie bestellt. Einmal aber hörte ihr Verwandter Max Heinrich vom Gang aus, wie der Pfleger sie anschrie: - Steh auf, du Alte! - Ich kann nicht, sagte sie. - Los steh auf! Max Heinrich beschwerte sich beim Amt. Doch auch andere Pfleger gingen kaum freundlicher mit ihr um. So blieb ihr nur der Weg ins Krankenhaus, dort behandelte man sie korrekt. Bei meinem letzten Besuch fand ich sie angegurtet, ein wimmerndes Schmerzenswesen, das im Bett hing. Hilflos schaute ich sie an und traute mich nicht, sie zu berühren. Dann stahl ich mich leise davon. Dass ich ihr nicht Wiedersehen gesagt hatte, bedrückte mich später. Ein paar Tage danach starb Gertrud, die erste der drei Schwestern.

In jenen Jahren lebte Gertruds jüngste Schwester, meine Großmutter Hildegard, in demselben Haus wie ihre Tochter und ihr Schwiegersohn Max Heinrich, in einer kleinen Wohnung nur einige Etagen unter ihnen. Mein Großvater war schon 25 Jahre zuvor gestorben. Dann versagten ihr die Beine immer häufiger den Dienst. Max Heinrich sorgte für sie Tag und Nacht. Irgendwann ging das über seine Kräfte, und Hildegard kam ins Altenheim. Die geringe Rente erlaubte nur einen Platz in einem Zweibettzimmer. Dass ihre gewohnte Umgebung über Nacht auf einen Fernseher, einen Sessel, drei Kissen und eine Decke schrumpfte, ertrug sie tapfer; doch dass plötzlich eine fremde alte Frau mit ihr zusammen wohnte, war ihr unverständlich und unheimlich. Hildegard entwickelte Eigenheiten und wollte die andere nicht mit in ihren Fernseher gucken lassen. Es war doch ihr Fernseher! Unsere Vermittlungsversuche scheiterten nicht nur an ihrer Schwerhörigkeit.

Manchmal bewegte sie sich, an einen Gehwagen geklammert, auf den Gang hinaus, in das kalte Neonlicht über ihr getaucht. Wenn ich sie besuchen kam, sah ich sie dort, wie sie sich einsam und traurig vorwärts schob. Den anderen Alten zu begegnen, war ihr kein Trost.

Das Personal versorgte die Alten mit dem Lebensnotwendigen, doch mit wenigen Ausnahmen geschah es kurz angebunden; Zeit und freundliche Worte gehörten nicht zum Stil des Hauses. Ein Dreivierteljahr lang machte Hildegard dieses Leben mit, dann wollte sie nicht mehr. Die Familie kam und stand traurig um die im weißen Betttuch still liegende Frau. Nur ihre Augenlider bewegten sich etwas, und ihr Atem ging leise rasselnd. Ihre Schwester Erna, meine Mutter, Max Heinrich und ich verabschiedeten uns von ihr. Ich bat die Pflegerin eindringlich, uns sofort zu benachrichtigen, wenn sich ihr Zustand verschlechtern sollte.

Am nächsten Morgen rief mich Max Heinrich an: Deine Großmutter ist vor einer Stunde im Krankenhaus gestorben. - Was? - Im Krankenhaus? Warum dort und nicht im Heim? Und warum hat man uns nicht angerufen? - Eine Pflegerin hat heute früh die blauen Lippen von Omi gesehen und einen Krankenwagen geholt. Im Krankenhaus hat man sie noch an eine Lungenmaschine angeschlossen, doch dann hat das Herz versagt. Sie müssen so handeln, hat die Pflegerin gesagt, das Gesetz schreibt es vor. - Wie, ein Gesetz schreibt vor, einen Menschen in seinen letzten Stunden und Minuten derart zu stören, dass er hin- und hergeschoben und an Überlebensgeräte angeschlossen wird? - Ja.

Das war Weihnachten 1995.

Erna, die mittlere der drei Schwestern, war mit ihrem Charme nicht nur die Lieblingstochter ihres Vaters gewesen; mit ihrer freundlichen, umgänglichen Art hatte sie sich nach dem Tod ihres zweiten Mannes 1959 einen Freundeskreis geschaffen, der sie liebte und bewunderte. Fast schon hundertjährig sprach sie mit schöner Stimme und hörte exzellent. Nur das Laufen wurde auch ihr im Alter von 97 Jahren zunehmend beschwerlich. Wieder war es Max Heinrich, der jeden Tag zu ihr kam und sie versorgte. Zwei Jahre lang ging das gut, bis er an seine Grenzen stieß.

Es begann die mühselige Prozedur, die erforderliche Pflegestufe einzuschätzen. Der Hausarzt brachte die Beurteilungsliste. Max Heinrich bezifferte redlich, wie viel Zeit er jeweils für die Pflege benötigte. Er kam auf 176 von den 180 notwendigen Punkten, um als Pflegefall eingestuft zu werden. Der Hausarzt bedauerte die fehlenden vier Punkte. Nun setzte Max Heinrich ein Schreiben an den Medizinischen Dienst auf, in dem er den Fall schilderte und vorschlug, er wolle drei Wochen lang für den Hausarzt Gutachten schreiben, während dieser an Heinrichs Statt für die alte Frau kochen und ihr die Windeln wechseln solle. Der Brief zeigte Wirkung, ein Heimplatz wurde befürwortet.

Erna war einsichtig genug, sich zu fügen und ging tapfer ins Heim. Ihre Rente und Witwenrente reichten aus, die 50 Prozent Eigenanteil für ein gerade frei gewordenes Einzelzimmer zu bezahlen. Hier arbeitete ausnahmslos freundliches Personal. Erna hatte ihre Lieblingsschwestern, und ihre Augen leuchteten, wenn männliche Pfleger den Raum betraten. Doch über die Leere der Zeit in diesen ereignislosen Räumen tröstete das kaum hinweg. Eine Frau im Nachbarzimmer sagte einmal zu mir: "Es geschieht nichts mehr, ständig fernzusehen ist furchtbar öde, was soll man denn tun?" Aus einer offenen Zimmertür drang immer wieder ein lang hingezogenes "Hallooo".

Drei Wochen vor ihrem 100. Geburtstag schwanden Ernas Kräfte plötzlich. Sie stand nicht mehr auf, aß und trank täglich weniger. Eine Woche vor ihrem großen Tag ging es ihr so schlecht, dass ein Arzt gerufen wurde. Der kam ins Zimmer und fragte: - "Wo ist der Patient?" Im Raum waren außer der im Bett liegenden Erna nur eine Pflegerin und Max Heinrich. Der Arzt, der einst den Eid des Hippokrates geleistet hatte, trat ans Bett, hob die Bettdecke, drückte auf den Bauch und sagte: - "Das ist nur eine Sommergrippe." Er ließ die Decke wieder fallen, füllte ein Rezept aus und verschwand. Max Heinrich trug es zur Apotheke und musste dort darum streiten, dass es eingelöst wurde. Der Arzt hatte nicht einmal Geburtstag und Adresse ausgefüllt.

Max Heinrich, ein weiterer Freund und ich saßen am folgenden Tag viele Stunden bei Erna, sie sprach nicht, und doch nahm sie uns wahr. Und ihre dünn gewordenen Hände wurden mit der Zeit etwas wärmer.

Tags darauf starb meine Großtante. - Mausi, wie sie seit fast 100 Jahren genannt wurde.

00:00 19.09.2003

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