Drei Sekunden für den Comandante

Venezuela Nach dem Tod von Hugo Chávez am 5. März löst sich langsam die Schockstarre, in die das Land geraten war. Nun beginnt der Wahlkampf um das Amt des Präsidenten
Ausgabe 11/2013
Fast verehrt wie ein Heiliger: Hugo Chávez
Fast verehrt wie ein Heiliger: Hugo Chávez

Foto: Ronald de Hommel

Noch ist er nicht angekommen, noch liegt er in Fuerte Tiuna aufgebahrt, in der riesigen Militärakademie im Südwesten von Caracas. Zehntausende, Hunderttausende Venezolaner verabschieden sich noch immer von ihm: Hugo Chávez, Held der Armen, Hassfigur der Reichen, Integrator für ein selbstbewusstes Lateinamerika. Der Lehrersohn ist in diesen Tagen dabei, sich für seine Anhänger in einen Mythos, vielleicht sogar in einen Heiligen zu verwandeln. „Chávez el nuevo Cristo“ ist an Hauswänden in Caracas zu lesen, „Chávez, der neue Christus.“ Der Chávismo wird langsam zu einer Art Religion, unanfechtbar, kaum kritikwürdig.

Nein, noch hat Hugo Chávez hier seine vorläufig letzte Ruhestätte nicht gefunden, hier im Quartier 23 de Enero, einem Sozialbauviertel im Westen der Stadt, wo er eine starke Wählerbasis hatte. Die wohlhabenden Chávez-Gegner aus dem Osten würden sich hier nie blicken lassen, dabei ist der Weg nicht weit. Man begibt sich im Zentrum auf eine 20-minütige Metro-Tour und steigt an der Haltestelle Caño Amarillo aus. Von dort geht es zu Fuß an einer Wandmalerei mit Danilo Anderson vorbei, dem Staatsanwalt, der 2002 gegen die Putschisten ermittelt hatte und 2004 ermordet wurde. Der Weg führt einen Hügel mit bunt bemalten Häuschen hinauf und geht weiter oben an einigen der mehr als 50 Plattenbauten entlang, in denen die treuesten Anhänger des toten Comandante wohnen. Ein paar Minuten später kommt man auf einen kleinen Platz, auf dem eine schmale Straße nach links abbiegt, in Richtung Revolutionsmuseum. Hier wird Hugo Chávez vorläufig seinen letzten Ruheort finden, hat die Regierung vor Tagen beschlossen.

Sein Leichnam soll nach dem Vorbild Lenins, Mao Zedongs und Ho Chi Minhs einbalsamiert werden. Dass Chávez einst gesagt haben soll, die Ausstellung von Leichen sei „etwas Makabres“, haben die venezolanischen Autoritäten entweder verdrängt, oder es hat wenig Eindruck hinterlassen. Wie dem auch sei – Besuche im Revolutionsmuseum verbieten sich im Augenblick. Colonel Ramirez und seine Soldaten bewachen die Zufahrtsstraße zum künftigen Pantheon. „Keiner kommt hier durch, der Leichnam von Chávez wird Ende der Woche eintreffen. Wir bereiten alles vor, ich bitte um Verzeihung.“

In dieser Gegend wird schnell klar, was Chávez für die Menschen bedeutet hat. „Vor ein paar Jahren war er einmal zu Besuch, ich habe persönlich mit ihm gesprochen“, erzählt die 58-jährige Carmen Tovar. „Natürlich war ich nervös, aber er war ein herzlicher Mensch. Er sagte, ich sei so wie er. Schließlich kämen wir beide aus dem Südwesten Venezuelas.“ Tovar deutet auf die Spiel- und Sportgeräte auf dem Platz vor ihr. „Das wurde alles mit Geld der Gemeinschaftsräte beschafft, früher war hier nichts. Heutzutage fühlt man sich sicherer, es gibt weniger Kriminalität.“ Carmen Tovar seufzt. „Chávez ist gegangen, jetzt glauben wir an Maduro. Er wird so weitermachen wie bisher, hoffen wir.“ Die Sonne brennt, es ist seit Wochen trocken und wie immer heiß in Caracas. In der Ferne, hinter einem Meer aus Zementhütten, liegt der Àvila, der Hausberg der Hauptstadt, der Metropole von der Karibik trennt.

Eroberer des Universums

Neben dem Areal mit den Sportgeräten steht eine medizinische Versorgungsstation der Misión Barrio Adentro, seit Jahren versorgen hier kubanische Ärzte die Einwohner. An diesem Sonntag sind sie nicht da, sondern zu Hausbesuchen unterwegs. Etwas weiter entfernt im Viertel gibt es ein Hospital, daneben ein Mercal, ein subventionierter Supermarkt.

Miguel Pabón, Koordinator der Frente Simon Bolívar, hat sein ganzes Leben in diesem Stadtteil verbracht. „Nachdem diese Plattenhäuser in den fünfziger Jahren unter dem Präsidenten Pérez Jiménez gebaut wurden, blieb die Bevölkerung sich selbst überlassen – bis sie sich endlich organisierte. Chávez hat dann vor einigen Jahren die Renovierung der Gebäude veranlasst. Wir bekamen 96 Milliarden Bolivares, mit denen sich einiges anfangen ließ.“ Wie der 32-jährige Pabón erklärt, ist es die Aufgabe seiner Gruppe, die Ideologie der Revolution im Quartier zu verteidigen. Wer hier die Macht habe? „Das Volk natürlich. Es gibt zweimal pro Woche Meetings, bei denen wir die Einwohner über die Revolution ins Bild setzen. Wir sorgen auch dafür, dass unerwünschte Typen nicht ins Viertel reinkommen.“

Was würde geschehen, sollte Oppositionskandidat Henrique Capriles die Präsidentenwahl am 14. April gewinnen? „Das wird nicht passieren.“ Aber rein theoretisch? „Wir würden das nicht hinnehmen. Dann gibt es eine Revolte“, mischt sich der 24-jährige Jesús in das Gespräch ein.

Während in 23 de Enero die Revolution weiterlebt, nehmen in Los Próceres im Südwesten weiter Hunderttausende Tag für Tag Abschied von Chávez. Es kann 20 Stunden dauern, ehe die Halle in der Militärakademie mit dem Aufgebahrten erreicht ist. Mitglieder der bolivarischen Miliz verteilen Wasser und Apfelsinen. Berge von Müll liegen entlang der Straßen. Manchmal wird jemand von Sanitätern weggetragen, ausgetrocknet und ausgelaugt von der Hitze und vom Warten. Die Atmosphäre erinnert vage an ein Popfestival, würde nicht die Trauer alles beherrschen.

Das stundenlange Ausharren findet seinen Höhepunkt mit einem Drei-Sekunden-Blick auf Hugo Chávez, gekleidet in die grüne Armeeuniform und ein rotes Barett. Vor dem Sarg liegt ein Ehrenschwert. Chávez´ Körper sieht eigenartig braun aus, fast wie eine Plastikpuppe, aber der Blickkontakt bleibt zu kurz, um einen genauen Eindruck zu bekommen. Die meisten Besucher salutieren dem Comandante, sprechen ihm einige Worte zu, weinen und senken den Kopf. Dann ist es schon vorbei, und man wird sanft weitergeleitet.

Orlando Rosales hat zusammen mit anderen Chávistas einen Bus gemietet, um aus der Stadt Barquisimeto nach Caracas zu fahren. „Chávez hat nicht nur die Revolution auf der Erde verbreitet – er hat sogar das Universum erobert“, sagt er. Wie meint er das? „Nun, 2008 und 2012 hat Venezuela gemeinsam mit China einen Satelliten ins Universum geschossen.“ So wie alle hier ist Rosales überzeugt, dass Nicolás Maduro ein guter Nachfolger sein wird. „Er wird ernten, was Chávez gesät hat.“

Zeitungen in Caracas vermelden, dass auch auf Kuba eine dreitägige Staatstrauer verkündet ist. Das kubanische Volk bewundere Chávez wie einen der Seinen, heißt es im Kondolenzschreiben von Staatschef Raúl Castro. „Er hat unsere Probleme im eigenen Fleisch gespürt und mit außergewöhnlicher Großzügigkeit für uns getan, was er konnte.“ Gemeint sind die Öllieferungen, die Venezuela den Kubanern zu günstigen Konditionen ermöglicht hat, wofür sich der Karibikstaat mit Ärzten, Krankenpflegern und Lehrern revanchierte.

Die Opposition hält sich in den ersten Tagen nach dem Tod von Chávez aus Respekt zurück. Es geht kaum anders. Egal, ob Chávez-Gegner oder -Anhänger, alle sind schockiert. Um diesen Moment der Besinnung zu unterstreichen, hat die Regierung veranlasst, alle Schulen zu schließen. Straßen im Zentrum sind wie leergefegt, die Metro fährt umsonst, gefüllt mit Tausenden in rot gekleideten, trauernden Chávistas. Es ist faszinierend zu sehen, wie viel Einfluss dieser Mann auf sein Volk hatte, wie viel Bewusstsein er bei seinen Anhängern ausgelöst hat.

Erbe des Präsidenten

Wie sooft in den vergangenen Jahren haben viele im Osten der Stadt nur skeptische Blicke für die Zukunft übrig. Auch Marisela Riera im Supermarkt Excelsior Gama in der Nähe vom Parque Miranda, einer Hochburg der Opposition. Gut betuchte Venezolaner wie sie kaufen ordentlich ein, aber sie hamstern nicht. Es ist fast alles vorrätig. „Kaffee und Zucker sind gerade schwierig zu bekommen, obwohl Zucker geliefert wurde“, meint Riera. Sonst bete sie nur, dass es ruhig bleibe.

Die Wahlkommission hat den Wahlkampf für das Votum über den nächsten Präsidenten offiziell auf die Zeit vom 2. bis zum 14. April begrenzt. Natürlich hält sich keiner daran. Die Kampagne der Opposition hat begonnen, als diese ankündigte, ihr Glück erneut mit dem 39-jährigen Henrique Capriles, dem Gouverneur des Bundesstaates Miranda, zu suchen. Der hatte im September die damalige Präsidentenwahl mit 44 Prozent gegen Chávez verloren. „Es ist nicht so, dass die anderen die Guten und wir die Bösen sind“, lässt Capriles seine Anhänger in einem Wahlaufruf wissen. Er sei davon überzeugt, dass die Regierung das Volk über den tatsächlichen Gesundheitszustand von Chávez wochenlang belogen habe. „Damit sollte Zeit gewonnen werden, um Maduro auf seine Mission als Interimspräsident vorzubereiten.“ Dessen Vereidigung zum Staatschef auf Zeit erkenne die Opposition nicht an. Vielmehr hätte laut Verfassung sein Konkurrent, der Parlamentsvorsitzende Diosdado Cabello, dieses Amt übernehmen müssen. „Nicolás, Junge, keiner hat dich gewählt“, sagt Capriles kämpferisch.

Die Reaktion des 50-jährigen Maduro lässt nicht auf sich warten: Die Äußerungen von Capriles seien „unverantwortlich, miserabel und faschistisch“. Nicolás Maduro – ehemaliger Bus- und Metrofahrer, Gewerkschaftsführer, Parlamentschef und Außenminister – profitiert von einer Welle des Mitgefühls. Er stellt sich als loyaler Vertrauter und legitimer Erbe des Comandante dar. Ein eigenes Profil ist vorerst schwer zu erkennen. Die größten Unterschiede ergeben sich daraus, dass der Mann mit dem Schnurrbart keine Karriere in der Armee vorweisen kann, vielleicht deren Rückhalt entbehrt, ihm das Charisma und die Rhetorik von Chávez fehlen.

Nach der Wahl, die Maduro voraussichtlich gewinnen dürfte, wird sich vermutlich herausstellen, dass die Ökonomie nicht so gut funktioniert wie erwünscht. Die Inflation konnte seit Jahren nicht eingedämmt werden. Die Auslandsschulden sind trotz noch immer steigender Öleinnahmen gewachsen. Gläubiger wie China könnten die Geduld verlieren. Das heißt, Maduro wird früher oder später einiges an der Politik von Chávez revidieren müssen, sei es durch einen geringeren Beistand für Staaten wie Kuba und Nicaragua, sei es durch Kürzungen bei den Misiónes, den Sozialprogrammen. Noch ist es nicht soweit. Maduro wird alles tun, um dem Vorwurf zu entgehen: Unter Chávez wäre das nicht passiert. Wie geschlossen und handlungsmächtig der Chávismo sein wird, kann keiner vorhersagen.

Jeroen Kuiper berichtet für den Freitag seit Jahren aus Kolumbien und Venezuela


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