Drei Sterne

SPD im Umfragetief Kurt Beck kaum zu unterbieten

Für die Linke wäre es ein Traumergebnis. Für die holländischen Sozialisten könnte es ein erreichbares Nahziel sein. Für die SPD ist es ein Schlag ins Gesicht. Bei 24 Prozent sieht Forsa die Partei in der Wählergunst und das seit Wochen. Kurt Beck würde als Kanzlerkandidat nur 16 von 100 Bundesbürgern hinter sich vereinen, Angela Merkel 55. Andere Institute bestätigen den Trend: Die Sozialdemokraten gehen scheinbar unaufhaltsam den Weg von der Volks- zur Klientelpartei.

Verantwortlich dafür zeichnen weder allein der uninspirierte Beck, noch die große Koalition, obschon sie der Union sichtlich besser bekommt. Vielmehr trifft auf die SPD zu, was sie der Linken vorwirft. Sie weiß keine Antwort auf die Veränderungen der Arbeitswelt, in deren Zuge auch jene organisierte Arbeiterschaft schwindet, die einst das sozialdemokratische Kernmilieu gebildet hat. Rituell wiederholen Sozialdemokraten, "Vollbeschäftigung" bleibe das Ziel ihrer Politik. Oft klingt das mehr nach einem Heilsversprechen als nach einem Konzept, auch bei vermeintlichen Parteilinken wie Andrea Nahles.

Auf den Wandel gesellschaftlicher Milieus antworteten Gerhard Schröder und Gefolge spätestens ab 1998, indem sie eine soziologisch wie politisch unbestimmte Mitte gewinnen wollten. Während Schröders Zeit als Kanzler betrieb die SPD Politik gegen ihre treuesten Anhänger. Tausende verließen die Partei, Stammwähler übten sich in Abstinenz, Unzufriedene wagten das für Sozialdemokraten Undenkbare und gründeten mit der WASG eine wählbare Konkurrenz. Davon hat sich die SPD bis heute nicht erholt. Unter Beck hält man den neoliberalen Kurs, präsentiert das aber nicht mehr als Bahn brechenden politischen Neubeginn wie noch unter Schröder. Die wachsenden Unterschichten hat Beck bislang nicht für die SPD zurückgewinnen können, er will es wohl auch nicht. Schon die kulturelle Distanz der sozialdemokratischen Funktionäre zu Prekarisierten oder Arbeitslosen - selbst zu Arbeitnehmern - dürfte einer Annäherung im Wege stehen. Paradigmatisch beschreibt dies Parteienforscher Franz Walter: "Sozialdemokraten sind die Menschen, ... die in einem Drei-Sterne-Hotel übernachten, nicht im Fünf-Sterne, aber auch nicht auf dem Campingplatz."

Wenn Kurt Beck jetzt seine Präferenz für eine mögliche Ampelkoalition zum Ausdruck bringt, will er ein neu etabliertes urbanes Bürgertum und Teile der traditionellen Eliten ins Boot holen.

Kein Wunder, dass auch zahlreiche der verbliebenen Anhänger verschnupft sind. Laut Forsa würden 40 Prozent der SPD-Wähler für Merkel stimmen und nur 30 Prozent für Beck.


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00:00 27.07.2007

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