Dreiste Durchschnittlichkeit

Medientagebuch Wer die "Dorfmann- und King-Show" sieht, merkt bald, wie schwer Fernsehunterhaltung wirklich ist

"Fernsehen wird sowieso erst interessant, wenn alle mitmachen können", prophezeite Heiner Müller 1976. Gut 30 Jahre später bedeutet Mitmachen zweierlei. Während Daniel Küblböck als Angestelltem von RTL die Umstände seines Auftritts bei Deutschland sucht den Superstar auferlegt sind, wirkt der Herr Walter vom Offenen Kanal Berlin, der als eine Mischung aus Samariter und Querulant von seiner Küche aus für ein besseres Miteinander streitet, als sein eigener Chef. Gemein ist beiden ein Sendungsbewusstsein, das sie als Privatpersonen vor die Kamera treibt, wo sie aber nur als extreme Erscheinungen des Alltäglichen ankommen. Küblböck versucht durch Mimikry ans Popstarhafte der Lebenswelt zu entkommen, an deren Rändern der Platz von Eiferern wie dem Herrn Walter ist. Das Bild des Demokratisch-Durchschnittlichen, das ein massenhaftes Mitmachen im Fernsehen suggeriert, verfehlen beide. In der sich öffnenden Kluft findet televisionär statt, was man naiv das normale Leben nennen könnte.

Wie so etwas aussieht, kann man in der Dorfmann-und-King-Show begutachten, die der Berliner Lokalsender Fernsehen aus Berlin (FAB) werktäglich samt zweier Wiederholungen ausstrahlt. Der private Kanal eines Verbunds mittelständiger Fernsehproduzenten ist ambitioniert genug, um professionell Programm machen zu wollen, aber zu limitiert, es tatsächlich zu können. Auf ein Bild gebracht: Die Kulisse der Dorfmann-und-King-Show in den "FAB Public Studios" zitiert zwar Elemente der klassischen Late-Night-Show wie den Schreibtisch, an dem Andreas Dorfmann (41) sitzt, oder den Sessel, in dem sich Dennis King (51) fläzt, aber es scheint das gleiche trübe Licht zu sein, das die 40-Watt-Lampe in des Herrn Walters Küche spendet.

Das Konzept der Sendung orientiert sich unverhohlen am Antagonismus zwischen Manuel Andrack und Harald Schmidt, der Grundlage für den Erfolg der späten Harald Schmidt-Show war. FAB stellt sich das in einer Selbstauskunft so vor: "Die Figur Dorfmann spielt sich selbst, den ausgebildeten Journalisten Andreas Dorfmann, der das Talent hat, sämtliche Zusammenhänge des Lebens unterhaltend in Fernsehen und Radio zu erklären. Er ist immer stilvoll gekleidet, kennt sich in Politik und Gesellschaft aus und lebt primär in geordneten Verhältnissen. Hinter der ›biederen‹ Fassade des Moderators Dorfmann verbirgt sich aber auch ein kleiner Anarchist, der gern die Mittel der Ironie bis ins Grenzenlose ausnutzt. Auf Frauen wirkt Dorfmann charmant. Die Figur King ist genau gegenteilig angelegt und entspricht dem Bild, das der Moderator Dennis King seit Jahren im Radio und bei Events gnadenlos auslebt. Er ist der anarchische Counterpart zu Dorfmann mit einer Tendenz zur Hip-Hop-Couture. Zudem weigert er sich mit den Jahren zunehmend, endlich erwachsen werden. Verzicht und Grenzen sind zwei Vokabeln, die in seinem Wortschatz nur sehr bedingt vorkommen. In lichten Momenten kann King seinen breiten Wissenshintergrund und die im ›Wahn‹ gewachsene Lebenserfahrung jedoch nicht ganz kaschieren. King liebt die Frauen ... und die Frauen lieben ihn. Sie können seinem ›präpotenten‹ Charme nicht widerstehen."

Wer das liest, wird auch ohne Ansicht einer Folge der Dorfmann-und-King-Show Zweifel haben, inwiefern Anspruch und Wirklichkeit hier übereinstimmen können. Wo Figuren sich selbst spielen, ist Skepsis angebracht. Gesagt werden sollte vermutlich: Andreas Dorfmann spielt sich selbst. Dabei handelt es sich um eine Rolle, die treffender mit dem Namen Andreas Doofmann bezeichnet wäre, denn die Qualitäten des "ausgebildeten Journalisten" scheinen allein im exzessiven Studium von Klatschspalten zu bestehen. Von einem souveränen Umgang mit dem so erworbenen Wissen ist Dorfmann weit entfernt; vielmehr wirkt er wie ein verklemmter Fan, der glaubt, dass ein paar Strahlen der Glitzerwelt auch auf ihn fallen, wenn er nur soviel wie möglich davon weiß.

Wie viele andere Late-Night-Shows, die nach einer eigenen Form suchen, besteht ein Großteil der Sendung aus der Kaffeesatzlese des Boulevardesken: Dorfmann blättert in Zeitungen, wobei er vorzugsweise auf nackte Frauen stößt, um Stichworte zu liefern für seinen "Counterpart" King, einen ungenierten Sexisten, der "Anarchismus" mit schlechtem Benehmen verwechselt und, wenn er sich zusammenreißt, Wohlwollen mit anfasserischer Kumpelhaftigkeit. Das Changieren zwischen Professionalität und Dilettantismus zeigt sich am besten an den Gästen. Neben lokalen Größen (Rudy Redl vom Lachwerk) und den Adabeis des Trash (Rolf Eden) bilden Gesprächspartner wie Ingo Appelt oder André Eisermann zum einen eine Schnittmenge mit dem Personal arrivierter Talkshows. Zum anderen mutieren die lästernden Kleinbürger Dorfmann und King im Angesicht ihrer Gäste zu lammfrommen Opportunisten: Aus Moderatoren einer Sendung werden ihre eigenen Zuschauer, die respektvoll allem zunicken, was im Ruch des Prominenten steht. So nennt King die Bisexualität der abwesenden Lucy van Org "beidseitig bespielbar", um der anwesenden Lucy van Org und ihrem Gerede von Esoterik heiligen Ernst entgegenzubringen.

Das Erstaunliche an Dorfmann und King ist jedoch die völlige Abwesenheit von Eloquenz. Beide behaupten in ihren Biografien jahrelange Tätigkeiten im Radio, und der Tip bedauerte in seiner Liste der 100 peinlichsten Berliner Andreas Dorfmann als einst erfrischenden RIAS2-Moderator: zu sehen und zu hören ist davon nichts. Während King ab drei Sätzen am Stück Probleme mit der Grammatik bekommt ("um die Menschen die Freude am Käse-Essen zu nehmen", "nach einer Periode von drei bis fünf Jahren"), zeichnet sich die vormals "führende Morgenpersonality in Berlin-Brandenburg" und ehemalige "Top-Persönlichkeit" Dorfmann (Selbstdarstellung im Internet) durch unoriginelles Verstummen aus. Unter diesen Voraussetzungen muss man zufrieden sein, wenn ein Dialog überhaupt gelingt ("K: Besser eine schlechte Kindheit als keine. Sie wurden ja nicht geboren, sondern gegründet. D: Als Ich-AG. K: Nee, als GmbH - Gesellschaft mit beschränkter Hoffnung") - Witzigkeit, die über erste Ideen zu einem Schülerkabarett der fünften Klasse hinausginge, ist nicht zu erwarten.

Das ist das Interessante an dieser Sendung. Zwei Menschen, die sich durch dreiste Durchschnittlichkeit auszeichnen, zeigen beim Versuch, Harald Schmidt nachzuspielen, dass es zur Fernsehunterhaltung mehr bedarf als bloßer Anwesenheit vor einer Kamera. Kein Moment illustriert das schöner als jene Folge, in der King den armen Dorfmann mit dem Gast allein zurückgelassen hatte. Dorfmann wusste nicht, was er noch fragen sollte und schaute sorgenvoll auf die Uhr, die noch drei lange Minuten anzeigte: "Was können wir noch machen?"


00:00 05.03.2004

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