Andreas Dresen verfilmt Fall Murat Kurnaz: Die Löwenmutter

Politdrama Andreas Dresen schildert in „Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“ den Kampf einer mutigen Frau gegen deutsches Politikerversagen und amerikanisches Unrecht

Was für eine Heldin! Die türkischstämmige Rabiye Kurnaz (Meltem Kaptan) sagt Dinge wie „Heimat ist, wo du satt wirst“ oder „Du musst einen Onkel in Ankara haben“ und immer wieder dieses herrliche „Echt jetzt!“ als verbales Ausrufezeichen hinter ihren Sätzen. Sie rast mit dem Mercedes durch Bremen, wo sie mit der Familie lebt, brettert bei Rot über Ampeln, sie parkt schräg, kommt so oft wie sympathisch zu spät. Sie ist ein Tsunami von Mensch, ein Energiebündel, klug auf ihre einfache Art, zäh bis zum Umfallen und immer da für ihre Kinder.

Gespielt wird diese Frau in Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush, Andreas Dresens filmischer Auseinandersetzung mit einer erschütternd wahren Begebenheit, von der Moderatorin, Comedienne, Autorin und Musicaldarstellerin Meltem Kaptan mit schier unbändiger Energie. Für die große Souveränität, mit der sie in ihrer ersten Hauptrolle in einem deutschen Film zwischen Tragik und Komik wechselt, wurde sie denn auch auf der Berlinale als beste Darstellerin ausgezeichnet.

Noch ein weiser Satz, den Rabiye einmal sagt, lautet: „Warten macht Hoffnung tot, sagen wir, und darum bin ich hier.“ Anstatt zu warten, bewegt sich die Mittvierzigerin mit voller Power nach vorne. Sie will den ältesten Sohn Murat wieder in die Arme nehmen, der in den Flieger nach Pakistan gestiegen ist, um den Koran zu studieren, von den Amerikanern aber in das Gefangenenlager Guantanamo verschleppt wurde. „Ihr Sohn befindet sich gerade in einem rechtlichen Niemandsland“, bringt es Bernhard Docke (Alexander Scheer), Rabiyes zunächst unfreiwilliger, dann aber sehr engagierter Anwalt auf den Punkt.

Der Film setzt ein am 3. Oktober 2001, also kurz nachdem islamistische Terroristen Flugzeuge in das World Trade Center in New York und das Pentagon manövriert haben, und hangelt sich danach in Schlaglichtern, denen das Datum und die Anzahl der Hafttage vorangestellt werden, durch die Jahre.

Ohne Anklage, ohne Beweise

Knapp fünf Jahre sollte der Bremer Murat Kurnaz, den die Bild-Zeitung als „Bremer Taliban“ brandmarkte, ohne Belege für angebliche terroristische Aktivitäten und ohne Anklage in dem berüchtigten Lager auf Kuba zubringen. Ein nicht wirklich aufgearbeitetes Loch auch in der deutschen Geschichte: Docke, der mehrfach ausgezeichnete Rechtsanwalt, beschuldigte die Regierung Schröder, eine Freilassung im Jahr 2002 vereitelt zu haben. Unrühmlich ist die Rolle von Frank-Walter Steinmeier, damals Kanzleramtschef und Geheimdienstkoordinator, dem Kurnaz Kaltherzigkeit und Ignoranz vorwirft.

Es ist ein alles andere als leichter Stoff, an dem sich Dresen, der kinematografische Humanist und Freund der „kleinen Leute“, filmisch abarbeitet. Umso erstaunlicher der Ton, den der Regisseur von Filmen wie dem Krebsdrama Halt auf freier Strecke, der Clemens-Meyer-Verfilmung Als wir träumten oder zuletzt Gundermann wählt. In Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush bringt er Gerichts- und Geschichtsdrama mit Buddy-Movie samt Culture-Clash-Anleihen zusammen, Drastik mit Humor.

Es braucht etwas, sich einzufinden in diesen Film, der mit der Suche nach dem verlorenen Sohn beginnt und mit pädagogischer Note die Fronten zwischen deutschem Justiz- und Sicherheitsapparat und der engagierten Frau markiert. Auch die Grenze zwischen Rabiye Kurnaz und Docke scheint zunächst fast allzu gewollt: die deutschtürkische Frau eines Schichtarbeiters und Mutter von drei Söhnen und der hochgebildete humanitäre Anwalt mit seinem breiten Bremer Dialekt. Doch schweißt Dresen diese beiden gegensätzlichen Typen zu einem sympathischen, unterhaltsamen Paar zusammen, das für Murat einen fairen Prozess fordert.

In Episoden folgt der Film dem Duo mit nüchternem Blick bei den zwischen Hoffnung und Verzweiflung changierenden Prozessetappen. „Hätten Sie sich nicht vorgestellt, ich und der Minister, ey“, erklärt Rabiye ihrem Anwalt stolz, nachdem sie sich mit Penetranz ein Gespräch mit dem türkischen Justizminister ermogelt hat. Weil Sohn Murat keine deutsche Staatsbürgerschaft, sondern lediglich eine Aufenthaltserlaubnis hat, gestaltet sich der Fall noch komplizierter. Später landen die beiden, gemeinsam mit anderen Klagenden, in Washington, vor dem Supreme Court, dem obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten.

Ohne den Schrecken in Guantanamo zu zeigen, wird Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush konsequent aus der Perspektive Rabiye Kurnaz’ erzählt. Sie ist der emotionale Anker, diese Frau, die über Jahre für ihren Ältesten kämpft und zugleich darum, die beiden jüngeren Söhne nicht zu verlieren. Am Rande des auf persönliche Schicksale blickenden Films laufen die großen Themen mit: die Folgen von 9/11, die Unterlassungen der deutschen Politik, das Aufdecken der Foltermethoden amerikanischer Soldaten in Abu Ghraib, zu sehen auf einem Fernseher in einer Bar – ein Sujet, dem sich Paul Schrader erst kürzlich in The Card Counter gewidmet hat.

Auf der Berlinale appellierte Dresen an die Politik, sich bei Kurnaz zu entschuldigen. Mit Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush hat er diesen Appell in einen bodenständigen, kauzigen, dadurch aber nicht weniger dringlichen Film mit einer wunderbaren Heldin gegossen.

Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush Andreas Dresen Deutschland, Frankreich 2022, 119 Minuten

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