Drunter und drüber

A-Z Unterwäsche Der Wäsche­hersteller Schiesser wurde von einem israelischen Unternehmen übernommen. Andere Wäschefragen zu Unterhemd, Eingriff, Liebestöter hier: Das Lexikon der Woche


Die schönste Unterhose aller Zeiten auf der ganzen Welt hat zweifelsohne Scarlett Johansson in Lost in Translation an. Und weil er so schön ist, beginnt mit einer Großansicht dieses rosa Slips der Film. Er ist nicht zu knapp, dafür aber ein Hauch von Nichts. Und erzählt eigentlich alles über seine Trägerin: Sie ist klug (der zwickt nicht), macht niemals große Worte (keine Rüschen oder Schleifen), ist aber eine echte Rebellin. Im Gegensatz zu Schiesser hat hier aber eben auch eine Frau Regie geführt. Christine Käppeler


Der Bündchen- oder Gisele-Index, benannt nach dem Model Gisele Bündchen, zeigt die Börsenentwicklung der Firmen, für die Bündchen wirbt. Seit der Erfindung des Index 2007 stieg er um 41 Prozent; der Dow Jones fiel in der Zeit um vier Prozent. Es handelt sich bei Bündchens Kunden nicht nur um Unterwäschefirmen, aber sagen wir so: Im Kartoffelsack wirbt sie selten. Klaus Raab

Bust

Mit der Losung „Bust 4 Justice“ forderten 2008 Frauen in Großbritannien gegenüber H ein, gleiche Preise für BHs aller Größen einzuführen. Für größere Oberweiten sollten die Trägerinnen nämlich mehr zahlen, 4,50 Pfund mehr wurden für E übersteigende Größen verlangt. Der Bekleidungshändler rechtfertigte das mit dem höheren Materialaufwand und einer komplexeren Bauweise, die aufgrund des Gewichts notwendig sei. Davon ließen sich die Aktivistinnen nicht beeindrucken und schlossen sich zu einer Initiative gegen die von ihnen genannte „Tit-Tax“, also Brust-Abgabe, zusammen. Sie argumentierten, bei Oberwäsche gebe es auch keine Preisunterschiede zwischen den Größen.

Maßgeblich als Facebook-Kampagne verbreitet, zog der Bust-4-Justice-Protest rasch seine Kreise, H lenkte schließlich ein. Heute firmiert unter dem Namen ein Blog, das sich überwiegend als unkritische BH-Werbung liest. Tobias Prüwer

Funktionswäsche

Jahrhundertelang zwängten Frauen sich in Korsetts und allerhand andere unnatürlich deformierende Folterkleidung. Gesundheitsschäden wie die Verlagerung der inneren Organe und Ohnmachtsanfälle nahm man in Kauf. Erst Anfang des 20. Jahrhunderts schaffte es die Reformbewegung, die Damenwelt zu überzeugen, dass weniger mehr ist. Innovative Designer wie Coco Chanel definierten die weibliche Silhouette neu. Bis auf das Miederhöschen und später den Wonderbra (➝Zauberei) war alles leger, und ab den Siebzigern verzichteten manche ganz auf Unterwäsche. Doch dann, schleichend, fand die Funktionswäsche ihren Weg auf entspannte Frauenkörper. Der Begriff meint komfortable Sportunterwäsche, die durch Materialbeschaffenheit und Schnitt besticht, aber auch Shapewear wie den Minimizer-BH oder den Multizonen-Bodydress. Klar sind diese bequemer als ein Fischbeinmieder, trotzdem zwicken sie.

„Selber schuld, wer so was trägt“, sagte die Verfasserin und schlüpfte in ihr Bauch-weg-Höschen. Sophia Hoffmann

Klotthose

Weniger sexy als die Klotthose ging im Ostblock kaum. Sie war die Sporthosenuniform für Jungs, in den Tönen Schwarz, Blau oder Grün. Das Blau war Indigoblau, das Grün so zwischen Gras und Moos, und beim Waschen färbten die Hosen ab. Klotthosen waren also sogar zur Gewinnung von Gewand- oder Ostereierfarbstoff bestens geeignet. Die Klotthose war in diesem Sinn eine ungewollte 2-in-1-Erfindung des Sozialismus.

Der Stoff war eine Mischung aus Baumwolle und Leinen, aber keineswegs von guter Qualität, die Hosenbeine waren bauschig und vorne, in der Mitte, mit einem langen Schlitz versehen, dessen Zweck wir an dieser Stelle nicht vertiefen müssen (➝Linksträger). Der Nylon-Turndress der Mädchen war ähnlich unsexy, somit war die Geburtenregulierung auch erledigt. Waren ergo die Klotthosen ein doppelter 2 in 1? Agnes Szabo

Liebestöter

Was den Damen im Winter die Feinstrumpfhosen, ist den Herren der Liebestöter: lange weiße Unterhosen aus Feinripp, die selbst gut gewachsene sexy Männerbeine in erotikfreies Spargelgemüse verwandeln. Zumal wenn der Stoff vom vielen Waschen verstärkt ins Gelbliche changiert.

Dass die miniberockten Mädels selbst bei klirrender Kälte die Blicke auf sich ziehen wollen, während die Jungs, allen modebewussten Anwürfen zum Trotz, im Winter in der Regel beim gewohnten Feinrippbeinkleid bleiben, statt umzusatteln, gibt Auskunft auch über heutige Geschlechterverhältnisse.

Der einstige Proll-Look wurde im vergangenen Jahrzehnt übrigens von einer Avantgarde wiederentdeckt und wurde etwa in den Inszenierungen der Berliner Schaubühne ein unverzichtbares Accessoire. Ulrike Baureithel


Genau weiß es keiner, aber diejenigen, die es zu wissen glauben, kommen alle zu einem ähnlichen Schluss: Rund 80 Prozent der Männer sind Linksträger. Diese Information ist eigentlich nur für Maßschneider wichtig, die im Falle einer Linksorientierung im linken Lendenbereich einer Anzugshose mehr Stoff geben müssen. Bei Rechtslastigkeit entsprechend umgekehrt. Unterhosen bieten aufgrund ihres elastischen Materials normalerweise genügend Platz für beide Lager, doch hier wartet ein anderes Mehrheitsdiktat: Der Eingriff ist immer rechts, es gibt einfach mehr Rechtshänder.

Der Eingriff selbst ist ein Relikt aus einer Zeit, als es noch zugig war auf den Plumpsklos und die Hosen noch bis über die Nieren reichten. Benutzt wird er von Rechts- wie Linksträgern gleichermaßen selten, höchstens noch von ein paar unbelehrbaren Stehpinklern. Mark Stöhr

Männer I

Früher trug man einen Schlüpfer, der ein einziges Kriterium erfüllen musste: Er durfte im Schritt nicht kneifen. Aussehen? Egal, sieht ja eh keiner. Männer gelten bei Herstellern als sehr konservativ. Sie kaufen dasselbe Modell gerne gleich im Dutzend.

Mit Calvin Klein kam in den siebziger Jahren allerdings das Stil- und Markenbewusstsein ins Unterhosengeschäft. Das Underwear-Label aus New York unterstrich die neue Darunter-Distinktion mit dem berühmt gewordenen Werbeslogan „Nichts kommt zwischen mich und meine Calvins“. In den Anzeigen posierten jahrzehntelang nur durchtrainierte Jünglinge, die die „Calvins“ besonders in homosexuellen Kreisen populär machten. Die Männer entdeckten ihren Körper auch dank Calvin Klein als ästhetisches Objekt. Inzwischen ist die Metrosexualität Mainstream, selbst auf dem Land. MS

Männer II

Kleidungsfragen sind bekanntlich nicht nur Oberflächenphänomene, schnell wird ein weltanschaulicher Stellungskrieg daraus. In einen solchen ist auch das Unterhemd bei Männern verwickelt. Erst trugen es alle. Dann galt es als großväterlich und wahlweise spießig oder prollig, viele ersetzten es daher durch weiße T-Shirts drunter. Doch im Zuge neobürgerlicher Rückbesinnung erlebte auch das Unterhemd eine Renaissance.

Der Eintausch gegen ein T-Shirt sei eine öde Amerikanisierung europäischer Mode und außerdem schnüre ein Round-Neck-Shirt den Männerhals doch über Gebühr ein, was sich unvorteilhaft aufs Denken auswirke, argumentierten die Kritiker. Diesem Kulturkonservativismus konnten T-Shirt-Träger oft nur entgegnen, dass sie ihre Bekleidung als angenehmer empfänden und in ihrer Jugend stilbildende James-Dean-Filme konsumiert hätten. Wie es aber bei weltanschaulichen Fragen so ist: Am Ende muss das jeder für sich selbst entscheiden. Jan Pfaff

Protest

Immer wieder hält Unterwäsche als Mittel zum Protest her. Erst im April stellten Kirchenkritiker die „Heilig Hos’“ aus. Mit der gelben Buchse demonstrierten sie gegen die Wallfahrt zur Trierer Tuchreliquie. Im September 2011 joggten bei einem sogenannten „Undie Run“ mehrere Tausend Menschen in Unterwäsche durch Salt Lake City, um gegen konservative Gesetze in Utah zu protestieren. Sie warben etwa für das Recht auf gleichgeschlechtliche Ehen. Mit in Spezialtinte geschriebenen Boxershorts-Botschaften protestieren Aktivisten gegen den Einsatz von Nacktscannern; die Scanner machten die Schrift sichtbar.

Den blanken Busen wiederum hielten die Aktivistinnen von Femen in die Kameras: Sie protestierten gegen das Verbot der Kiewer Stadtverwaltung, demzufolge man während der EM 2012 nicht in Unterwäsche auf dem Balkon sitzen darf. TP

Slip

Im Deutschen liebevoll Schlüpfer genannt, ist der Slip die am stärksten verbreitete Unterhosenform. Seine Unterarten sind so vielfältig wie die Tierwelt des Amazonas und tragen klangvolle Namen wie Jazzpants, Rio-Slip oder G-String. Womit wir beim Tanga wären, der alleine neun Varianten kennt. Hierzulande von Frauen vor allem aus praktischen Gründen unter engen Hosen getragen, gehört er in Brasilien und in der HipHop-Kultur zum guten Ton. Wo Po-Verehrung groß geschrieben wird, bietet er sich an, weil er mehr zeigt als verhüllt. Männer, die Tangas tragen, heißen Sumōringer.

Slips werden bei Konzerten gerne auf die Bühne geworfen, als Zeichen sexueller Zuneigung zum Idol. Besonders Boybands sind oft einem regelrechten Slip-Regen ausgesetzt. Lässt er nach, wissen sie, dass ihr Zenit überschritten ist. SH


Sie darf auch mal schlüpfrig sein. In Frankreich etwa: Dort haben Unterwäsche-Unternehmer jüngst bei der Präsidentschaftswahl Politiker-Konterfeis und Wahlslogans für ihre Werbung genutzt. Fordert François Hollande etwa im Original „Der Wechsel ist jetzt“, schiebt ihm der Unterhosen-Online-Versand Le Slip français ein „der Unterhose“ zwischen die Worte. Und Nicolas Sarkozy orakelte: „Im Slip wird alles möglich.“

Deutsche Spitzenpolitiker steckte Bruno Banani bereits vor drei Jahren in Shorts und Slips. Damit wollte die Firma auf ihre Aktion „Abwrackprämie für Unterwäsche“ aufmerksam machen. Merkel ist in BH und Höschen zu sehen, Westerwelle, Özdemir und Seehofer – allesamt durchtrainiert – stecken in Slips in den passenden Parteifarben.

Auch Christian Wulff war noch für einen Werbegag gut: Die Dessous-Marke Bush ließ eine in Negligé und Slip bekleidete Frau sagen: „Christian, so geht Transparenz.“ TP


Wenn dort, wo die Natur zu wenig vorgegeben hat – im unteren Seitenbereich der Brust –, der Eindruck von Üppigkeit entsteht, ist das Zauberei. Nur ein perfekt sitzender Wonderbra kann diesen Trick vollbringen, der auf einem schlichten Verdrängungseffekt beruht. Der Markenname Wonderbra wurde 1994 durch eine Kampagne mit der damals unbekannten Eva Herzigová geprägt. Vorläufer anderer Fabrikate gibt es seit den sechziger Jahren, doch schon seit Menschengedenken polstern Frauen sich mit allerhand Zeug auf. Bequem ist das nicht, aber kann als sexy gelten. Entledigt man sich des Zaubers, kann sich beim Mann Enttäuschung breitmachen, bei der Frau Erleichterung. SH

15:00 12.05.2012
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