Du bist echt voll Neunziger

Serie Gesichtsgymnastik, Nacktscham: Jenni Zylka verzeiht den „Stadtgeschichten“ vieles
Du bist echt voll Neunziger
Laura Linney (l.) und Barbara Garrick (r.) in „Tales of the City“ aka „Stadtgeschichten“

Foto: Netflix

San Francisco hat die Homophobie anscheinend weitgehend hinter sich gelassen. Das mag mit seiner Entwicklung zusammenhängen, mit der es in den 60ern als Zentrum der Hippiebewegung begann – und die bis heute andauert: Selbst beim Taxifahren gibt es für den lesbischen, schwulen, Trans- oder Sonst-was-Menschen die Alternative, mit einem „Homobile“ zu fahren, ein Service, der „Safe Rides for the Queer Community“ anbietet. Und dass man Verkehrsteilnehmer*innen, die einem unverschämterweise die Vorfahrt nehmen, dann mit „Fuck off, person!“ anstatt mit „Fuck off, man!“ anraunzt, ist klar.

Die Stadt, wie sie Armistead Maupin in seinen zwischen 1978 und 2014 erschienenen Stadtgeschichten beschreibt, ist ein Ort im Wandel. Die Saga um die weise, wie eine Dampflok selbst angebautes Gras paffende Transmatrone Anna Madrigal, ihr Haus an der Barbary Lane und dessen Bewohner*innen verändert sich: durch Aids und die Folgen bis hin zu einer unter anderem durch PrEP-Medikamente wieder wachsenden Sorglosigkeit; durch ein erstarktes Selbstbewusstsein der queeren Community; durch die Digitalisierung, vor allem aber auch durch die ökonomische Entwicklung und die Gentrifizierung der Metropole. Die – nach Miniserien zwischen 1993 und 2001 – vierte TV-Adaption versucht, Schritt zu halten.

Die neuen Tales of the City, die von der 37-jährigen Orange-Is-the-New-Black-Autorin Lauren Morelli entwickelt wurden, kämpfen also an mehreren Fronten: Die neben Anna wichtigste Figur Mary Ann Singleton, eine naive, aber aufgedrehte Provinzmaus (dargestellt wie in den 90ern von Laura Linney), kommt mit einer Midlifecrisis im Gepäck nach 23 Jahren zurück in die Barbary Lane. Und entdeckt, dass ihre Adoptivtochter Shawna (Ellen Page) sich zwar zu einer ultracoolen, bisexuellen jungen Frau entwickelt hat, aber nichts davon ahnt, dass Mary Ann nicht ihre leibliche Mutter ist. Mary Anns bester Freund „Mouse“ (Murray Bartlett) hadert dagegen mit seiner Beziehung zu dem jüngeren Ben (Charlie Barnett). Die lesbische Margot (May Hong) und ihr Partner Jake (Garcia), der gerade seine Geschlechtsangleichung hatte, müssen mit der Neuorientierung von Jakes sexueller Ausrichtung und Identität klarkommen. Und Anna selbst (wieder Olympia Dukakis) bekommt Drohbriefe von einem Unbekannten – und will das Haus verkaufen.

Es ist also noch immer viel los in der Barbary Lane – dass ein paar Geschichten hintenüberfallen, wundert darum nicht: Vor allem Linneys anstrengende Gesichtsgymnastik als spießige Mary Ann zehrt an den Nerven, weil man nicht versteht, wieso die gestandene Geschäftsfrau mit Mitte 50 immer noch roséfarben anläuft und „Oops, you’re naked!“ ruft, wenn sie zwei nackte Erwachsene in einem Jacuzzi sieht. Oder dass der erfahrene „Mouse“ seinem Boyfriend partout nicht gestehen will, wie schlecht er bei „Trivial Pursuit“ ist – OMG, what a problem.

Doch das alles ist pardonnabel. Denn Morellis und Maupins (der als Produzent fungiert) neue Miniserie hat einen wunderbaren roten Faden, eher einen dicken roten Handlungsstrick: Es geht um Generationenkonflikte. Zum Beispiel um das Problem 60-jähriger schwuler Männer, zu erklären, dass all das, was selbstbewusst queere junge Menschen für selbstverständlich halten, aus langen, brutalen Kämpfen stammt – von denen der ebenfalls thematisierte gewalttätige „Compton’s Cafeteria Riot“ im Jahr 1966 der erste LGBT*-Aufstand der USA war, mit dem die Trans-Bewegung ihren Anfang fand. „Ich darf Trannie sagen, so oft ich will“, motzt einer von Mouses Freunden Ben an, der sich über die nicht ausreichend sensible Wortwahl bei einem rotweingeschwängerten Tischgespräch mokiert. „Was weißt du schon über Diskriminierung?“, argumentiert der Ältere, doch Ben, der „PoC“ ist, sieht das verständlicherweise anders. Auch das Verhältnis zwischen Margot und Jake, das so frei und queer geplant war, leidet unter den Strukturen: „Seit wann bedeutet, offen zu sein, dass man eine offene Beziehung will?“, bekräftigt Shawna. „Ich vermisse meine Freundin“, gibt Margot angesichts von Jakes angeglichener Identität zu. „Wie 90er von dir“, kommentiert Shawna trocken. Hier finden die Stadtgeschichten ihren zuweilen behäbigen, oft etwas gekünstelten, aber relevanten Ton. Und machen die Barbary Lane zu einer geschichtsträchtigen und dennoch hochaktuellen Straße.

06:00 10.08.2019
Abobreaker Artikel 3NOP ObenUnten Abobreaker Artikel 3NOP ObenUnten

Kommentare