„Du bist mir zu lahm“

Die Kosmopolitin Wenn das Kind bald alleine rutschen kann. Ein kleiner Abschied
„Du bist mir zu lahm“
Das Glück der Emanzipation

Foto: imago/Waldmüller

Die gelbe Schwimmweste: An der halte ich ihn fest. Die gelbe Schwimmweste: An der halte ich auch mich fest. Das ist genauso die Wahrheit, und in dieser zweiten Wahrheit steckt der Schmerz, den man Vergänglichkeit nennt. Die gelbe Schwimmweste liebt er, er liebt sie abgöttisch, und ich weiß, es kann sich nur noch um Monate handeln, da wird das Präsens zum Perfekt werden. Ich werden dann sagen: Er hat die gelbe Schwimmweste abgöttisch geliebt. Ich werde das sagen, während ich diese gelbe Schwimmweste in den Karton im Keller stecke, in den all die Kindersachen kommen, die ich nicht weggeben kann. Sie sind Erinnerungen, Spuren großer Momente, sie sind, was die Kinder nicht mehr sind: Sie bleiben. Für den Moment, in dem das Präsens zum Perfekt wird, halte ich mich an der gelben Schwimmweste fest. Ungefähr in der Mitte wird es in der Wasserrutsche komplett dunkel, „so krass!“, schreit der Fünfjährige, und er juchzt. Das ist so ein Moment, man könnte ihn filmen, man könnte ihn schreiben, aber die Worte liefen Gefahr, sich in Kitsch zu verwandeln. „Komm, Mami, wir rutschen gleich noch mal!“

„Ja“, sage ich, weil ich um die unaufhaltsame Verwandlung von Präsens in Perfekt weiß, und um eine Verneinung, die beim Wachsen hilft. Sein großer Bruder rennt uns voraus, und er ruft: „Mami, ich kann nicht mehr mit dir rutschen, weil du bist mir zu lahm!“ Ich sehe meinen Söhnen beim Wachsen zu. Ich sehe sie verneinen, und ich sehe sie Köpfe emporrecken, dem Leben und der größeren Version ihrer selbst entgegen, ich sehe sie fallen, und ich sehe, wie sie lernen, wieder aufzustehen. Das war mal wörtlich gemeint: Sie fielen nach den ersten, wackeligen, aber entschlossenen Schritten. Je aufrechter sie standen, desto mehr lernten sie, was Aufstehen auch bedeuten kann: Weiterzumachen, über Selbstzweifel und Enttäuschungen hinweg, zu versuchen, obwohl, lernten sie, und auch, dass man immer wieder fällt. Je aufrechter sie standen, je mehr sie lernten, desto mehr lernte auch ich: Dass ich ihnen beim Wachsen zusehe, auch: zusehen darf. Sie wachsen selbst.

Es gibt da diese Momente. Sie sind groß, aber sie sind es in unseren Augen, und das Kind wird sie vielleicht eines Tages vergessen. Lange Zeit bildete mein Sohn für „Räuber“ seinen eigenen Plural: Räubers. Ich verbesserte ihn mit Absicht nicht: das letzte Überbleibsel der Kleinkindsprache, Wunderworte, Silbenverwechslungen, Fragen, die die Welt neu ordnen. Räubers. Ich bin in der Küche, da kommt er zu mir gerannt, und er klettert auf meinen Schoß in Eile. Was los ist, möchte ich wissen. Woher die Angst. Die Kinder haben eine Folge von Was ist was? über die Polizei geschaut, da kamen Räubers drin vor. „Aber die Räubers waren Menschen!“, ruft der Kleine entrüstet und ängstlich, und er fügt, um zu unterstreichen, hinzu: „Echte Menschen!“ Ich brauche sieben weitere Nachfragen, um zu verstehen: Das Kind war der Überzeugung gewesen, dass Räubers Fantasiefiguren sind wie Hexen, Trolle und Elfen. Im schlimmsten Falle ausgestorben wie Dinos. Ahnt er, dass in seiner Frage eine Grunderkenntnis über das Leben steckt, oder bin ich das, die eine Bedeutung in seine Worte legt? „Aber warum wollen Menschen denn Räubers sein? Das ist doch nicht nett.“ Das Glück mit den Kindern ist fragil. Weil die Angst oft größer ist: Wird er, wird sie, was, wenn, und was hat es zu bedeuten, dass. Mit den Ängsten müssen wir leben, agieren, oft müssen wir es über die Ängste hinweg.

Die deutsch-russische Autorin Lena Gorelik schreibt als Die Kosmopolitin für den Freitag. Zuletzt erschien von ihr der Roman Null bis unendlich (Rowohlt 2015)

06:00 05.11.2017

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