Dummheit, sündige

Berliner Abende Kolumne

War wieder die Hölle los, in der handgesägten Selbstbauküche zu Lichtenberg: Ich, in elaborierter Heurigenseeligkeit, knödelte wienerisch luxiert: steinschröderdumm, teigfischerdumm, staubmüntedumm, kalkschilydumm, und dann johlte ich noch einiges zur Dummheit von Merkel, Rogowski, Glos, das hier wiederzugeben nicht gestattet ist, weil es sich um widerlichste, perverseste Wortschöpfungen handelte, die anal wie genital im Fäkalen herumsudelten. Nicht, dass ich stolz darauf wäre. Aber die Wahrheit ist halt oft deprimierend. Neben mir, auf engstem Raum, versuchte Ostessa von T. Gehör zu finden, bei schwerer Geißelung der Lobbyisten Kurzsichtigkeit, die doch begreifen müssten, wohin ihre brutalkapitalistischen Attacken führten: Das ist doch dumm! Worauf dann Walmour, der Realist, zurückfletschte: Dafür werden die bezahlt! Selbst auch noch als Bedenkenträger zu reüssieren, wäre völlig kontraproduktiv. Das wäre dumm! Und Ostessa: Aber wenn dann ihre Shareholder sich die Sohlen auf verbrannter Erde verbrennen? Total dumm! Darauf Walmour: Und wenn die jetzt - halt doch mal die Schnauze (so zu mir, der ich schon wieder bei XXXXmerkeldumm war) - wenn wir jetzt allen Asis Ballermann finanzieren und dafür der Pole unsere Arbeit macht, da wäre alles viel schneller verbrannt. Das wäre dumm! Für dich bliebe nicht mal Zeit, den Dritten Weg aufzuzeichnen, geschweige denn zu pflastern. Saudumm! Ich: XXXXXXrogowskidumm! Und so fort. Alles hatte sich entzündet an der Verlautbarung eines Wissenschaftlers (einst Berater des auf dem Weg vom Terror über die Grünen zum Kalkwerk des Inneren gewandelten Deutschen), der gerade in einer Art Blindbewerbung für neue Beraterverträge behauptet hatte, dass die Politiker beileibe nicht dumm, vielmehr zerrissen seinen zwischen nächtlichem Grübeln ob der Komplexität ihrer Aufgaben und der prunkenden Gewissheit, die im Taghellen Wähler und Medien erwarteten.

"Brunsdumm!", schrie ich noch. "Verlogen" ächzte Ostessa. Walmour schälte einen Apfel. Insgesamt herrschte Ratlosigkeit.

Noch am selben Abend wurde mir Offenbarung zuteil. Glaube nicht an einen Zufall. Fiel mir von oben vor die Füße: "Kann denn Dummheit Sünde sein?", ein Flyer der Katholischen Akademie in Berlin e.V. Mit Thomas von Aquin sollte das "zeitlose Phänomen Dummheit" analysiert werden.

Die Katholische Akademie liegt strategisch fabulös zwischen Charité und Naturkundemuseum. Rechter Hand Räume der Deutschen Bischofskonferenz. Im Durchbruch zur Chausseestraße die Pax Bank. Im dritten Stock, Sälchen 5, eine beeindruckende Versammlung fast sündloser Dummerchen und ein vortragender Pfarrer, der Ausbrüche seines Ekels vor dem Weltendummen nur unvollkommen zu zügeln wusste, vor allem vor den bewussten Verdummern. Wir reden nicht über Schwachsinn, Naivität. Für Thomas liegt Dummheit gerade im Bereich von Willen und Verantwortung. Und der treffliche Pfarrer, unter allerlei Anfechtungen zum offenen Wort stöhnend, vermittelt rein aus der etymologischen Betrachtung heraus, wie in antiken Sprachen die Dummheit auf die Sinne sich bezieht, Verweigerung des Sinnengebrauchs meint, eine Abstumpfung der Sinne, folgend eine Abstumpfung des Herzens im Tanz um goldene Kälber, rasend in die zügellose Genusssucht, die "luxuria", um mit hinreißender Beweiskraft dann die schiere Deckungsgleichheit der antiken Begrifflichkeit, des Thomas-Wissens und der Wurzelforschung des Grimmschen Wörterbuches für das kleine Wörtlein "dumm" zu entfalten:

"a) beschränkt und schwach an Verstand, hart am Sinn, b) betäubt, verstockt, verwirrt, verbiestert, c) unbesonnen, unangemessen, widerwärtig, abgeschmackt ... g) verfinstert, dunkel, des Lichtes beraubt, h) abgestumpft, verdorben, unkräftig, fade, schal." ( Ja, ja, ja!)

Die Dummheit, wäre zusammenzufassen, ist nicht als Minderbegabung die Ursache von allerlei Elend und politischen "Sünden". Vielmehr, und viel schärfer, erwächst aus der Sünde der Sinnenmisshandlung und -abstumpfung, gekleidet in Stolz, Anmaßung und Hochmut, die selbstverschuldete Dummheit.

Ist es nicht so, um die Kette gänzlich zu schließen, dass uns die Supersünder -idioten immer tiefer in den Konsum treiben wollen (konsumiert, ihr Ratten!) damit wir unserer Sinne vollständig verlustig gehen, und die Sünden in der Dummheit, die sich aufwerfen über uns, so wenig zu erkennen vermögen wie das Weltenschöne und das Geistesbrummeln?

Wie jener Berater zum Beispiel. Wie Walmour.

Und ich, triumphierend, kaum noch zu halten: steinschröderdumm, teigfischerdumm, staubmüntedumm, XXXXmerkeldumm, XXXXXXrogowskidumm, XXXXglosdumm ...


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00:00 29.10.2004

Ausgabe 38/2020

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