Dunkle Donau damals

Literatur Clemens Meyers „Nacht im Bioskop“ versucht über 90 Seiten, ein früh erzähltes entsetzliches Ende abzuwenden
Dunkle Donau damals
Ungarn und Deutsche ertränkten ihre Opfer unter dem Eis des Flusses

Foto: Robert Grahn/Euroluftbild/dpa

Seit Clemens Meyer 2006 seinen Roman Als wir träumten veröffentlichte, gilt er als einer der Helden der ostdeutschen Nachwende-Literatur . Mit hohem Grad an Authentizität, wird versichert. Und dann die Szene geschildert, wie er sich mit Bier aus der hochgereckten Flasche das Jackett bekleckert hat, als er zum Gewinner des Leipziger Buchpreises ausgerufen wurde. Mein Gott, die Szene liegt zwölf Jahre zurück. So wahr sie ist, gibt sie ein falsches Bild. Meyer ist ein aus der Welt großer Literatur und Mythen schöpfender, zutiefst formbewusster Schriftsteller. Man kann es an seiner gerade erschienenen Erzählung Nacht im Bioskop erneut feststellen. Verlegt ist sie bei Faber & Faber in Leipzig. Dieser Umstand mag den Gedanken bestätigen, dass es sich um die Vorabveröffentlichung eines Teils aus einem im Entstehen begriffenen Roman handelt. Meyer bleibt dem Fischer-Verlag treu. Aber ob die Erzählung einmal Teil des Romans werden wird, ist nicht sicher, erklärt der Autor. Fest steht, dass Nacht im Bioskop auf einen Roman über Landnahme, Krieg und Gewalt hindeutet. Schauplatz der Erzählung ist die zweitgrößte Stadt in Serbien: Novi Sad, die bei den Deutschen Neusatz hieß und bei den Ungarn Újvidék. Sie spielt im eiskalten Januar 1942. Novi Sad ist besetzt von deutschen Truppen und der mit ihnen verbündeten Ungarn. Vor der Stadt bereiten serbische Partisanen einen Gegenschlag vor. Sie können aber nicht verhindern, dass die Ungarn in der „Nacht der Faschisten“ Juden und Serben abschlachten. Alles wirkt wie eine Erzählung aus einem Höllenkreis in Dantes Göttlicher Komödie. Nacht, bittere Kälte, Mord und Totschlag.

Meyer erspart dem Leser wenig, wenn er ein historisches Detail dieses bestialischen Kriegs aufgreift. Nämlich wie die Deutschen und Ungarn ihre Opfer peinigten: „Unterm Eis eines großen Flusses trieb eine junge Frau. Ihr blondes Haar fächerte sich weit um ihren Kopf. Die Strömung des Flusses bewegte es bis zu ihren Hüften, und unterm brüchigen Eis des Flusses sah es so aus, als hätte sie Flügel oder als würde sie in fließender Bewegung gegen den Strom schwimmen.“ Mit dieser Beschreibung des Todes der jungen Frau – es ist der erste Absatz des Buches – nimmt die Erzählung ihr Ende vorweg.

Nachts in Novi Sad

Was dem Anfang folgt, ist Meyers verzweifelter Versuch, ihren Tod abzuwenden. Ein Autor kämpft auf über 90 Seiten um das Leben seiner Figur, scheint es, um diese minus 25 Grad kalte Nacht im Januar 1942 mit etwas Hoffnung zu wärmen. Er lässt einen Mann im Wolfspelzmantel durch das nächtliche Novi Sad gehen. Dieser Mann hat sich als Ustascha-Faschist von Ante Pavelić verkleidet, um den wirklichen Faschisten nicht in die Hände zu fallen. Er trifft auf das junge Mädchen, das zum Bahnhof gekommen ist, um Zigaretten zu kaufen. Sie ist Dienstmädchen in einer reichen serbischen Familie. In der kurzen Abwesenheit des Mädchens ist die Familie bis auf das jüngste Kind bestialisch getötet worden. Der Zufall wollte es, dass der Mann im Mantel das blutige Schlachtfeld kurz nach der Tat betreten hat. Er führt das Mädchen, um es zu schützen, mit Augenbinde wie eine Gefangene durch die Nacht der Faschisten in Novi Sad. Der Leser darf glauben, dass ihre Rettung gelingt, wären da nicht der erste und der letzte Satz der Erzählung.

Es schien lange, als hinge Clemens Meyer der Geruch der Leipziger Abrissviertel seiner Herkunft an. Mit dem Debüt schien ein Schriftsteller aus Ostdeutschland angetreten zu sein, der in neorealistischer Manier von der Welt der Abgehängten und ihrem Protest erzählen wollte. Dieser Blick auf den Autor stimmte von Anfang an nicht. Als wir träumten weist ihn als poetischen Realisten aus, der die schnellen Wechsel zwischen kalter Härte und großem Gefühl seiner amerikanischen Vorbilder von Hemingway, Faulkner bis John Dos Passos genau studiert hat. Seitdem tritt in seinem Erzählen immer offener zutage, wie literarisch kenntnisreich Meyer schreibt. Sein zweiter Roman Im Stein erwies sich als große Erzählung, der viele mythologische Elemente implantiert sind. Seiner Poetik des Romans als Montage von Kurzgeschichten ist er treu geblieben. Er benutzt die Collage, erzählt multiperspektivisch, mal in Figurensprache, mal auktorial, mal ausschließlich in Dialogen, nahezu in jeder Geschichte in verschiedenen Tönen und Stilen, wie bei einem Prisma entsteht bei ihm oft ein anderer Erzählraum. Er liebt die vielen kleinen Handlungen, nicht die große. Anders vermag er glaubhaft der sich immer schneller drehenden Welt nicht beizukommen.

Warum er diesen Stoff aus dem ehemaligen Jugoslawien benutzt hat, haben vielleicht ein paar Recherchereisen dorthin entschieden. Irgendwie hat er sich dort an irgendwas angesteckt. Ob da am Ende Assoziationen an die deutsche Beteiligung am NATO-Einsatz 1999 gegen Serbien aufkommen, wird den Autor vermutlich nicht interessieren. Er hält es mit der Ewigkeit der Donau, die seit Jahrtausenden durch Novi Sad fließt. Der Mythos dieses Flusses interessiert ihn, das Bild vom Fuhrmann des Todes, der durch die Stadt fährt, wie ihn Selma Lagerlöf in einem ihrer Romane geschaffen hat. Dieser Fuhrmann ist bei Meyer der Mann mit dem Wolfspelzmantel, ein naher Verwandter Charons, der in der griechischen und römischen Mythologie die Toten über den Acheron gebracht hat. Meyers Charon hat in dieser Nacht in Novi Sad viel zu tun, weil die entfesselten Krieger mehrere Hundert Zivilisten unter das Eis der zugefrorenen Donau geworfen und ertränkt haben.

Der Begriff Bioskop im Titel ist das Kino, wohin der Mann mit der jungen Frau vor den Schüssen auf der Straße flüchtet. Filme als Traum- und Gegenwelt, als Lüge und Weltwahrheit. Der Mann hat einmal – zwanzig Jahre liegt es zurück, als er in der Stadt mit einer Bäckerstochter verheiratet werden sollte – in einem Kino in Novi Sad drei Tage und drei Nächte ununterbrochen Filme gesehen. An Tarzan kann er sich erinnern, dessen Hauptdarsteller Johnny Weissmüller ganz aus der Nähe stammt. Diesmal sieht er Durch die Wüste, der Film nach Karl May, der ihm und dem jungen Mädchen Wüstenhitze und ein Happy End vorgaukelt, was Meyer seiner Figur in der Erzählung nicht zu geben vermag, ohne der historischen Wahrheit zu widersprechen. Das tut er nicht. Entstanden ist ein kleiner, aber in seiner literarischen Kraft großer Text.

Info

Nacht im Bioskop Clemens Meyer Faber & Faber 2020, 96 S., 18 €

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06:00 17.10.2020

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