Durch das Gitter der Burka

Kriegsfotografie Zwei Ausstellungen würdigen das Werk der Fotografin Anja Niedringhaus – und ihren Blick ins Abseits der Schlachtfelder

Es gibt eine Anekdote über Anja Niedringhaus: Jedes Jahr fotografierte sie in Wimbledon. Gefragt, ob sie auch bei den French Open gewesen sei, antwortete sie einmal: „Da war ich in Afghanistan.“ Worauf ihr Gegenüber erwidert habe, er habe gar nicht gewusst, dass man in Afghanistan auch Tennis spiele.

Im April 2014 ist sie wieder in Afghanistan, um mit ihrer Kollegin, der Kanadierin Kathy Gannon, über die bevorstehenden Präsidentschaftswahlen zu berichten. Die beiden befinden sich in einem Konvoi, der Stimmzettel in die Wahllokale bringen soll. An einem Polizeistützpunkt eröffnet ein Uniformierter aus einer Kalaschnikow das Feuer. Niedringhaus stirbt, Gannon überlebt schwerverletzt. Der Mörder wollte sich für den Tod von Familienangehörigen bei einem Nato-Luftangriff rächen. Anja Niedringhaus’ Todestag jährt sich jetzt zum fünften Mal. Ausstellungen in Köln und Düsseldorf widmen sich ihrer Arbeit.

Verschmortes Modem

Im Kölner Käthe Kollwitz Museum geht man werkbiographisch vor. Die Worte „Der Anfang“ hat Niedringhaus mit einem Permanent-Marker auf das Glas eines Drucks geschrieben. Er stammt aus dem kolumbischen Tayrona Park, geschossen auf einer Rucksackreise 1989: Ein kleiner Junge, der mit einem XXL-T-Shirt bekleidet zu sein scheint, marschiert einen mit groben Steinplatten gepflasterten Weg hinauf, der von einem Baldachin von Blättern gerahmt ist. Die Geometrie der Steinplatten verstärkt den Eindruck der Bewegung. Im nächsten Moment scheint der Kleine schon die nächste Parzelle erreicht zu haben. Bald wird er unser Blickfeld über den oberen Bildrand verlassen.

Henri Cartier-Bresson hat es den „entscheidenden Augenblick“ genannt. Dabei geht es, wie Roland Barthes wusste, um etwas, was aus der Malerei bekannt ist, wo oft Gesten „genau im Moment der Bewegung festgehalten werden, in dem das normale Auge sie nicht fixieren kann“. Was Barthes auch wusste: Die Fotografie kann das viel besser. Allerdings bedarf es eines gewissen Talents und der richtigen Technologie. Die frühe Fotografie mit ihren langen Belichtungszeiten machte, dass Menschen, wenn überhaupt, als Porträtierte auftauchten. Auch die frühe Kriegsfotografie eines Roger Fenton im Krimkrieg oder eines Alexander Gardner im amerikanischen Bürgerkrieg bildete entweder Soldaten in Ruhepose ab oder verzichtete ganz auf sie. Gardners Home of a Rebel Sharp Shooter, der den Unterstand eines Scharfschützen zeigt, porträtiert diesen als unbeweglichen Toten. Fast könnte man glauben, dieser Rebell schlafe, wie beim Soldaten in Arthur Rimbauds Gedicht Der Schläfer im Tal: „Ihm zuckt die Nase nicht vom duftigen Wind. Er schläft im Sonnenschein, die Hand auf stummer Brust – auf der rechten ist ein rotes Loch.“

Tote zeigt Niedringhaus nur als Aufgebahrte, wie im März 1998 im Kosovo oder als Abwesende, symbolisiert durch Helme, Gewehre und Stiefel, im US-amerikanischen Stützpunkt Camp Korean Village im Irak 2005. Ein Echo der frühen Fotografie ist in Porträts aus Afghanistan zu sehen, die Bürgerinnen und Bürger zeigen, die sich für jene Wahl, die Niedringhaus nicht mehr erleben wird, registrieren lassen. Bei den Nahaufnahmen, die Niedringhaus berühmt machten, allen voran das von Willy Brandt in Leipzig während des ersten SPD-Parteitags im Osten nach dem Mauerfall, ist die Mischung aus Aufmerksamkeit und technischer Hochrüstung, die ihre Arbeit ausmacht, spür- und sichtbar. Für Sportfotografien, denen man in Köln einen eigenen, kleinen Flügel reserviert hat, benutzte Niedringhaus oft bis zu acht Kameras, die per Fernbedienung betätigt wurden. Bilder wie das von Venus Williams, die nach ihrem Sieg in Wimbledon 2005 einen Luftsprung vollbringt, bei dem man nicht genau weiß, ob sich die Aufwärtsbewegung noch fortsetzt oder ob es nun wieder runter auf das Gras geht, sind das Ergebnis.

Der entscheidende Moment ermöglicht, im Bild eine gerade sich abspielende Geschichte zu lesen. Sei es das Bild eines Sterbenden während der Belagerung von Sarajewo – ein Blauhelmsoldat hat sich über ihn gebeugt und versucht, die Blutung zu stoppen, während ihm eine Passantin assistiert, wie fragend gen Himmel blickend – oder das Bild zweier Soldaten bei einer Hausdurchsuchung in Nordbagdad – auf einem barocken Sofa blättern sie in Papieren, die Helmkamera liest mit: Niedringhaus’ Bilder fragen, was davor war und was als nächstes passiert.

Niedringhaus’ „picture impact“, die Anzahl der Zeitungen also, die an einem Tag ihre Fotos zeigten, war immens. Das verdeutlichen Vitrinen mit Titelseiten internationaler Blätter. Überall Niedringhaus-Fotos. Was in der Zeitung vor dem Leser auf dem Tisch liegt, hängt im Museum an der Wand, um als Bild betrachtet, nicht als Illustration einer Nachricht wahrgenommen zu werden. Dabei gerät die Realität der Kriegsberichterstattung aus dem Blick. Das Kölner Museum geht klug damit um. Man benutzt das Papier, dass Niedringhaus selbst für Abzüge bevorzugte. Die Größen der Bilder variieren, man kann sie nicht endlos vergrößern, da die Datenmengen, in denen sie bei den Zeitungen gespeichert sind, begrenzt sind. Texttafeln erzählen von der Arbeit der Bildjournalistin, von verschmorten Modems ist da zu lesen, die die Bildübertragung nicht überstanden.

Der Ankauf von 74 Niedringhaus-Fotografien für die Sammlung des Kunstpalastes in Düsseldorf war Anlass für eine Ausstellung mit Bildern nur von weiblichen Fotografinnen: Von Lee Miller bis Anja Niedringhaus. Wobei die Ausstellung mit Gerda Taros Bildern aus dem spanischen Bürgerkrieg beginnt. Taro arbeite eng mit Robert Capa zusammen, unter dessen Namen ihre Bilder häufig erschienen. Wie kommt es, dass diese große Dokumentaristin des republikanischen Widerstandes erneut verschwiegen wird, die wie Niedringhaus im Einsatz starb?

Aber es gibt viel zu entdecken: Catherine Leroys (1944-2016) Fotos etwa, die den US-Marinesanitäter Vernon Wike in Vietnam zeigen, die Verzweiflung in seinem Gesicht, als er bemerkt, dass er einen sterbenden Kameraden nicht retten kann. Leroy hat den Mann 30 Jahre später noch einmal fotografiert. 58jährig steht er da, der nackte Oberkörper ist von Tattoos übersät, ein Stock in den amerikanischen Farben stützt ihn. Oder Christine Spenglers ( *1945) Bilder aus dem Nordirland der frühen 1970er, Kinder, die sich vor die Kamera drängen, lachen, während sie beim Karneval von einer Patroullie abgetastet werden: Man weiß nicht, wer verkleideter ist. Besonders interessant ist der Raum zu Susan Meiselas Aufnahmen im Nicaragua während des Aufstandes gegen den Diktator Somoza 1978/79. Schockierend ist das Bild eines Toten, von dem nur noch der Unterleib geblieben ist, in einer Hügellandschaft. Sein Rückgrat ragt aus dem Becken. Kein Schläfer im Tal, obwohl die Landschaft so idyllisch ist, wie Rimbaud sie erdichtet hat. Ein Film wird gezeigt: Jahre nach der Revolution lässt Meisales große Plakate drucken, die sie an den Schauplätzen der Aufnahmen aufstellt. Zu Geschichten werden diese Dokumente in Verbindung mit den Erinnerungen der Zeitzeugen.

Unterbelichtete Frage

Vieles in der Düsseldorfer Ausstellung bleibt problematisch: Dieselben Palästinenser, die Caroline Cole (*61) in der Jerusalemer Geburtskirche 2002 ablichtet, erscheinen einmal als Terroristen, dann als Opfer israelischer Scharfschützen Das größte Manko: Die eigentlich wichtige Frage bleibt unterbelichtet. Denn es leuchtet zwar ein, dass Fotografinnen, gerade in patriarchal strukturierten Gesellschaften wie Irak oder Pakistan eher Zugriff auf das Private gewährt wird. Tatsächlich zeigt sich bei fast allen ein Interesse für das, was sich jenseits des Schlachtfeld ereignet. Auch hier sind Niedringhaus’ Bilder, teilweise durch das Gitter einer Burka aufgenommen, bahnbrechend. Aber gibt es andere, schlagende Gründe, sich auf Frauen zu beschränken? „Die Berufswahl bedeutet für die meisten Fotografinnen“, so liest man im Katalog „den Verzicht auf stabile Partnerschaften oder gar Familiengründungen.“ Warum Frauen von diesen Einschränkungen meist mehr getroffen sind als ihre männlichen Kollegen, möchte man genauer wissen. Doch vielleicht hört man lieber jener Frau zu, die mit Anja Niedringhaus im Feld war. In Köln erzählt Kathy Gannon: „Wir waren Fotografin und Journalistin. Wir haben uns nicht als weibliche Fotografin oder Journalistin verstanden. Wir waren die ersten, die als eingebettete Berichterstatter bei der afghanischen Armee waren. (…) Wir waren da, um die Geschichte der Soldaten zu erzählen. Anja hat sich niemals als weibliche Fotografin verstanden. Oder als Kriegsfotografin. Sie hat sich als Fotografin verstanden.“

Info

Fotografinnen an der Front. Von Lee Miller bis Anja Niedringhaus Kunstpalast, Düsseldorf, bis 10. Juni

Anja Niedringhaus – Bilderkriegerin Käthe Kollwitz Museum, Köln, bis 30. Juni

06:00 04.04.2019
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