Durch dick und dünn

Essstörung Es fängt ganz harmlos an. Einfach mal eine Weile nichts essen. Aber wann wird gutes Fasten zu bösem Hungern? Ein Käsebrot in neun Bissen

Einfach so

Ich habe ein Käsebrot gegessen. Für mich ist das etwas Besonderes, denn ich habe es nicht einfach so gegessen. „Einfach so“ esse ich nie etwas. Nach ein paar Diätversuchen habe ich mit 14 zum ersten Mal gefastet, das war während der Schulzeit, ein gutes Gefühl: Die anderen mussten essen, um zu leben – ich nicht. Ich war stärker. Fünf Tage lang. Ich war glücklich – darüber, dass ich die Kontrolle hatte. Mein Körper weniger wurde. Ich das schaffte. Der Hunger war auszuhalten, man nennt es Entschlackung, und die ist gesund.

Damals wusste ich noch nicht, dass ich mit diesem ersten Verzicht die Unschuld verlor, während der Hunger blieb. Jeder Bissen wurde zu einer Entscheidung, jedes Bedürfnis verdächtig.

Dickes dünnes Kind

Als Kleinkind war ich so dick, dass die Ärzte meiner Mutter wegen der X-Beine zu einer Operation rieten. Glücklicherweise war meine Mutter eigensinnig. Was auch bedeutete: Sie stopfte mich mit Käsebrot voll, dick am eigenen Leib geschnitten, mit dem Messer gegen die Brust, bemalt mit Butter, belegt mit fetten Käsestücken. Als der Kinderarzt ihr die Diagnose „Übergewicht“ servierte, staunte sie – und vergaß es schnell wieder.

Danach wurde aus mir ein kleines Mädchen, ein schlankes, gerades Körperchen, das in aller Unschuld alles aß, sich selbst fütterte, sich am Abend aufs Frühstück, auf Weihnachtsplätzchen und Geburtstagskuchen freute und im Hinblick auf Nahrung ziemlich normal war – bis es in die Pubertät kam. Da wankte es. Da wurde es wieder dick. Da wurde es ich.

Das Kind betrat noch arglos das Zimmer, in dem die Erwachsenen saßen. Der homosexuelle Hausfreund meiner Mutter betrachtete mich, das sterbende Kind, mit Bedauern. „Du bist kein Knabe mehr“, stellte er fest, „du wirst eine Frau.“

So wurde mein Körper zu einem bedrohlichen Objekt, das es zu unterwerfen galt, und ich verfeinerte die Instrumente zu seiner Kontrolle von Jahr zu Jahr.

Magermilch

Nachdem ich festgestellt hatte, dass ich meinen Hunger und meine Nahrungsaufnahme steuern kann, übte ich mich darin, auch in Gemeinschaft wenig zu essen: auf Klassenfahrten, Ausflügen, Einladungen. Ich brachte es fertig, bei Kaffee und Kuchen kein einziges Stück Kuchen zu nehmen. „Ich habe keinen Hunger“, lautete die lahme Ausrede, als wäre Hunger bei Kuchen von Belang.

Wie alle Jugendlichen hatte ich ständig Appetit, aber ich trickste mit viel Trinken, Rohkost, Sport. Es gehörte zum guten Ton unter den Mädchen, sich selbst nicht zu mögen, die eigenen Oberschenkel anzuprangern, sich abfällig über Bauchspeck und vermeintliche Doppelkinne zu unterhalten – während man der anderen grundsätzlich und lautstark versicherte, sie sei schlank. Nach geselligen Zusammenkünften kam ich nach Hause, ohne mich an der gemeinsamen Nahrungsaufnahme beteiligt zu haben. Ich hatte Hunger und war stolz drauf, trainierte ergänzend einen Selbstbetrug, der mir half, die Kontrolle nicht gesundheitsschädigend werden zu lassen: Ich aß nicht zu wenig, verlegte mich nur immer mehr auf Fettarmes, Zuckerfreies, Gesundes. „Du darfst“ durfte ein wenig mehr sein, war aber dennoch zu viel, und so fuhr ich nach dem Essen stramm Fahrrad, um „es wiedergutzumachen“. So war ich immerzu damit beschäftigt, irgendetwas wieder „gut“ zu machen, ein böses Essen mit gutem Hunger auszugleichen. Ich büßte. Ich verlor das Gefühl dafür, satt zu sein. Es gab nur mehr zu viel und zu wenig. Ich hätte gern „einfach so“ ein oder gar zwei Brötchen zum Frühstück gegessen, wie andere es zu tun schienen, ohne darüber nachzudenken – einfach nur, weil ich Hunger hatte. Ich konnte nicht.

Stattdessen nahm ich Milchpulver zu mir und verlegte mich darauf, „Bücher zu fressen“: Romane wurden meine Käsebrote. Ich lag auf dem Bauch und löffelte dazu Magermilchpulver, mit etwas Wasser angerührt. Es hat mir geschmeckt, glaube ich.

Ich wurde eine eher pummelige Abiturientin mit dem Herz einer Schlankheitskönigin. Ich war schwach und patzig und sentimental, ging ein halbes Jahr nach Frankreich, arbeitete beim Milchbauern, danach in einer Fabrik, aß leckere Dinge, zu viel davon, und betrog mich selbst, indem ich mir einredete, dass ich ja nun körperlich hart arbeitete und mehr Kalorien verbrauchte. Also wurde ich dicker. Ich brauchte neue Hosen (aus schwarzem Cord), ließ mir eine Kleinstadtfrisur machen, kam mit meiner Dauerwelle zurück nach Deutschland, mitten in die Weihnachtsfresszeit, dick und vulgär geworden. Ich sah mich mit meinen unnachsichtigen Augen: Ich war hässlich.

Zu wenig Futter

Während der ersten Studienjahre wurde ich vernünftig, verzichtete auf eine Hauruck-Kur, begann damit, einmal am Tag Salat als Hauptmahlzeit zu essen und nahm langsam wieder ab. Ich schwor mir: Mein nächster Frankreich-Aufenthalt – diesmal als Studentin – sollte nicht wieder so desaströs enden, auch wenn die Gefahr überall lauerte. Französinnen sind alle dünn. Also aß ich während des halben Jahres in Lyon fast nichts und bewältigte weite Wege zu Fuß in der hügeligen Stadt, um zu den städtischen Schwimmbädern zu gelangen und mein deutsches Fett wegzuschwimmen.

Ich mochte, wie mir die Hosen um den Po schlackerten, auch wenn die Kinder auf den Straßen Lyons mich von hinten mit „Monsieur“ ansprachen. Schließlich wog ich 52 Kilo, die Menstruation blieb aus, ich fror, war zittrig. Obwohl ich spürte, dass mein Körper für mich zu wenig Futter hatte, fixierte ich mich darauf, dieses Gewicht zu halten. Das gelang mir nicht.

Müsli

Früh begann ich, mich mit Vollwertkost zu beschäftigen. Bis heute bringe ich es nicht fertig, morgens mehr als ein genau berechnetes Müsli zu essen. Nie benutze ich Butter als Brotbelag. Ich habe nach und nach umdefiniert, was lecker ist: Pfui Käsebrot! Das gab mir die Mutter, wenn ich als Kind von Angst gepackt wurde. Es war ein Trost, der die Angst dämpfte. Oder Brötchen aus Weißmehl, von dem ich später lernen sollte, dass es sich um „leere Kalorien“ handelte: eine harte Erkenntnis für jemanden, der Brot gern hat. Auch Süßigkeiten habe ich mir so erfolgreich abgewöhnt, dass ich mir nicht sicher bin, ob ich Süßes wirklich nicht mehr mag oder nicht mögen darf. Geschenkte Pralinen empfinde ich als Missachtung. Ich biete sie anderen an oder lasse sie im Schrank, bis sie verschimmeln.

Ich pflege meine Marotten, weil ich Angst habe, dass sie mich beherrschen.

Dicke Mutter, dünne Mutter

Meine Mutter hat häufig irgendwelche Diäten gemacht, Flüssigzeug aus Dosen geschluckt oder Mahlzeiten ausgelassen mit der beiläufigen Bemerkung, sie habe keinen Hunger. Lange merkte ich nichts von ihrer Ess-Kontrolle, sondern habe sie als natürliche Esserin wahrgenommen und darum beneidet. Sie vertilgt öffentlich ganze Nudelberge, ohne mit der Wimper zu zucken – und hungert später ein paar stille Tage. Sie jammert nach fast jedem Essen, dass sie nun aber wirklich zu viel habe und macht dann irgendwann „heimlich“ Diät, wenn keiner guckt. Sie kann drei Stück Torte essen, lachend, während mir schon ein Löffel davon Angst macht.

Nach der Geburt meiner ersten Tochter, wurde ich dünner als vorher, doch zu Beginn der Schwangerschaft wog ich reichlich. Die Waage beim Gynäkologen zeigte 72 Kilo. Ich bin 167 Zentimeter groß. Ich war froh, dass der Mann, der nun Vater werden sollte, sich nichts daraus zu machen schien. Als das Kind ein halbes Jahr alt war, war ich runter auf 65 Kilo. Rasch nach der Geburt der zweiten Tochter wog ich nur wenig über 60. Die Kontrolle war wieder da. Mein Leben war aus den Fugen, die Liebe starb, es gab Streit, ich fremdelte noch mit mir als Mutter, war zugleich verwirrt von der Intensität. Die Stillzeit mit ihren Tücken und Lieblichkeiten ging vorbei. Mein Körper sollte mir gehören, wenn ich selbst hauptsächlich für anderes Leben zur Verfügung stand. Ich hatte nun die Kinder, die durften essen. Als Mutter konnte ich mich mit Essen beschäftigen, ohne selbst so viel davon zu mir zu nehmen. Au clair de la lune…

Tarnung

Ich mag das Gefühl, hungrig zu sein, ohne dass es sich schlimm anfühlt. Denn es ist eine Entscheidung, wir leben im Wohlstand, es gibt an jeder Ecke ohne Ende Essen. Nicht zu essen ist eine Kontrolle über die Maßlosigkeit. Über den Wahn des Normalen. Wenig zu essen ist eine Schönheit. Es ist eine Flucht.

Ich leide nicht, es geht mir gut. Ich genieße gern. Ich habe nie gegessen, um zu kotzen, bin nur kontrollsüchtig. Das Essen wurde immer mehr zu einer Sache, die es bis ins kleinste Detail zu überwachen galt. Ein Gegner. Den man braucht, den man liebt, den man hasst. Eine latente Gefahr. Eine süße Versuchung. Jedes Hungergefühl könnte nur Tarnung sein für bloßen Appetit, dem nachzugeben nicht gestattet war, ohne die Gesamtheit des Tageskonsums durchgerechnet zu haben. Appetit konnte rasch zu unschönen Körperstellen und noch unschöneren Minderwertigkeitsgefühlen führen. Ich richtete mich in einer persönlichen Geringschätzung ein, die für andere wenig erquicklich ist, doch ich durfte meinen Sinnen nicht trauen. Ich definierte Essen als Ersatzbefriedigung, und oft war Entsagung sicherer.

Körper verbrauchen

Als ich mit den Zwillingen schwanger wurde, wog ich unter 60 Kilo, das sieht gut aus, ist schlecht für die Nerven, doch ich hatte zu tun. Die Schwangerschaft kam überraschend. Als ich auf dem Ultraschall-Monitor sehen durfte, dass zwei Lebewesen in meinen Bauch gekrochen waren, musste ich lachen und weinen.

Wenn man schwanger ist, darf man zunehmen. Man soll es sogar, solange man ein bestimmtes Limit nicht überschreitet. Am Ende brachte ich 80 Kilo auf die Waage, aber das war in Ordnung, auch für den damals noch nicht mit mir verheirateten Mann. Immerhin zählte ich für drei, und mein Gewicht war ein bestauntes Kuriosum – und kein Hinweis auf mangelnde Selbstbeherrschung. Wir standen vor dem Spiegel und bewunderten meinen Umfang. Nach der Geburt der Zwillinge habe ich trotz der erneuten bösen Prophezeiung meiner Mutter – „Das kriegst du nie wieder runter!“ – rasch abgenommen, bis ich wieder unter 60 Kilo wog.

Verschiebungen

Bald pendelte ich mein Gewicht um die 57 Kilo ein. Ich fror wieder leichter, fühlte mich aber nicht mehr so sehr in Gefahr, die magische 60 zu überschreiten. Ich hatte sozusagen Luft.

Ich habe gern Umgang mit Essen und gehe auch gern ins Restaurant. Ich lasse etwas auf dem Teller liegen, kostbare Reste, die zurückgehen, die mich nicht bedrohen können, kaufe mir so den Beweis einer Charakterstärke, die nur auf dem Restaurantteller existiert. Ich feilsche mit mir selbst um jeden Bissen. Auf und Ab. Das Käsebrot wird ausgeglichen durch ein fehlendes Abendessen: mit Hunger ins Bett.

So verschiebe ich das Wohlfühlen mit mir selbst auf Zeitpunkte, die nicht eintreten, die ich nie erreichen kann, weil sie immer in der Zukunft liegen. Das müssen sie, aus Sicherheitsgründen. Die Gegenwart ist Gefahr, muss kontrolliert werden. Nur im Nichtgeschehen, im Nichtessen bin ich sicher, aber ich will ja leben, und es schmeckt mir auch, also esse ich gegen mein Sicherheitsbedürfnis an, esse mir selbst zum Trotz, kompensiere mit Kontrolle.

Die ständigen Verschiebungen setzen sich in meinem Körper ab, die Versuchungen schlagen Falten in die Seele. Es gibt zu viel Essen in der Welt und zu wenig. Es ist, als wäre ich immer hungrig und immer zu satt. Manchmal ist es ein gutes Gefühl, aber oft wäre ich gern anders, hätte mich anders gemacht. Normaler. Echter, schöner und wahrer. Einfach nur dünn, ohne daran zu arbeiten, dass ich nicht dick werde, denn es ist immer ein Werden, und irgendwann hört es auf. Dann ist man tot. Und die Seele? Als ich ein paar Jahre lang in Freiburg zu- und abgenommen habe, gab es dort beim Bäcker Seelen zu kaufen, längliche Dinkelbrötchen. Die Seelen hab ich zu Mittag gegessen. Die dicke Seele. Und die dünne Seele.

Jedes fünfte Kind zeigt laut Bundesgesundheitsministerium Symptome von Essstörungen. Und fast jedes dritte Mädchen zwischen 14 und 17 Jahren leidet laut Gesundheitssurvey des Robert-Koch-Instituts an einer Essstörung. In einer Umfrage hat rund die Hälfte der 11- bis 17-jährigen Mädchen angegeben, dass sie sich ein bisschen zu dick finden. Zehn Prozent sagten, sie fänden sich viel zu dick. Fakt ist: Mehr als 75 Prozent der 11- bis 17-jährigen gelten aber als normalgewichtig. Von den Erwachsenen haben 36 Prozent der deutschen Bevölkerung Übergewicht. Die Eigenwahrnehmung weicht von dieser Zahl aber ab. Fast die Hälfte der Bevölkerung findet sich selbst zu dick. 82 Prozent der Über-16-Jährigen hat in den vergangenen zwei Jahren mindestens eine Diät gemacht. Praktisch keine Frauenzeitschrift verzichtet dabei bisher auf Diät- und Figurtipps. Zudem dürften immer noch geschätzte 99 Prozent aller Models und 77 Prozent aller Fernsehmoderatorinnen von Kinder- und Jugendsendungen an einer Essstörung leiden. KK

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12:03 17.12.2009

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