Durch die Wolken gegangen

Polarfeuer Zum Tod des tschukschischen Schriftstellers Juri Rytchëu (1930-2008)

Sein Großvater, der berühmte Schamane Mletkin, versetzte sich immer wieder in Trance und versuchte, einen Namen vorzuschlagen. Doch der an einem dünnen Faden aufgehängte Flügel aus Walrosselfenbein wollte und wollte nicht in Richtung des Kindes ausschlagen. Entnervt gab er ihm am Ende den Namen "Rytchëu", was auf Tschukschisch so viel wie "Der Unbekannte" bedeutet. Womit sein Name zunächst keine der beiden wichtigsten Funktionen erfüllte: einerseits etwas zu enthalten, was an die Vorfahren erinnert, andererseits eine "Lebensrichtung" vorzugeben.

Juri Rytchëu wurde 1930 in Uelen, einer kleinen tschukschischen Siedlung an der Beringstraße geboren. Sein Vater war ein tschukschischer Jäger und seine Mutter eine Eskimofrau. Seine Kindheit verbrachte er noch in einer Jaranga, dem mit Walrosshaut bespannten traditionellen Zelt der Tschukschen, einem Stamm von Jägern und Rentiernomaden, zu dem heute noch etwa 15.000 Menschen gehören. Doch Rytchëus Geburtsjahr war gleichzeitig das Jahr, in dem die Sowjetunion den Nationalen Kreis der Tschukschen gründete und das traditionelle Leben in der Region im ewigen Eis radikal zu verändern begann. So ging der junge Juri bereits auf eine Schule, besuchte danach ein Lehrerseminar und studierte in den fünfziger Jahren am Institut der Nordischen Völker in Leningrad.

Seine ersten Erzählungen schrieb Rytchëu noch auf Tschukschisch, für das erst während der Sowjetzeit eine auf dem Kyrillischen basierende Schrift entwickelt wurde. Später begann er auf Russisch zu schreiben, der Sprache, in der er seine literarischen Vorbilder, Dostojewksi, Tolstoi, Tschechow und vor allem Maxim Gorki gelesen hatte. Eine Zeit lang arbeitete er an tschukschischen Schulbüchern mit, um sich dann ganz dem Schreiben zu widmen. Rytchëus ersten Texte stehen noch ganz im Zeichen des Fortschrittsoptimismus, mit dem die Sowjetunion die zahlreichen Völker auf ihrem Territorium zu Sowjetmenschen machen wollte. Neu an ihnen war, dass sie das Leben der Tschukschen weder idealisierten, wie das in der Literatur zuvor oft geschehen war, noch die traditionelle Lebensweise der Tschukschen pauschal verurteilten. In einem Interview meinte Rytchëu einmal, am Anfang sei es ihm vor allem darum gegangen, zu beweisen, dass die Tschukschen Menschen seien wie alle anderen auch, "dass es auch bei uns Diebe und Lumpen und jegliche Art von Abschaum gibt - nicht besser und nicht schlechter als in einem beliebigen anderen Volk".

Mit den sechziger Jahren wurde die Figuren und Geschichten seiner Bücher komplexer. Immer stärker drängte sich die differenzierte Beschreibung von Menschen und Vorstellungen der Tschukschen in den Vordergrund. In Traum im Polarnebel von 1968 geht es um den Kanadier McLenan, den unglückliche Umstände auf die Tschukschen-Halbinsel verschlagen haben, der dort heiratet und das ganz normale Leben eines tschukschischen Jägers zu führen beginnt. 1975 erschien dann Wenn die Wale fortziehen, in dem Rytchëu den tschukschischen Mythos von der Abstammung des Menschen von der Urmutter Nau und dem Wal Rëu erzählt, der aus Liebe zu Nau zum Menschen wird.

Rytchëu hat die Nationalitätenpolitik der Sowjetunion nie ganz abgelehnt. "Die junge Sowjetrepublik hat meinem Volk unter hohen Kosten eine eigene Schrift und damit Literatur ermöglicht." Aber er thematisierte in seinen Büchern mehr und mehr auch die negativen Folgen dieser Politik. Am stärksten hat er das vielleicht in Unna getan, dem Roman einer Tschukschin, vom politischen Höhenflug bis zum Absturz in den Alkoholismus. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, meinte Rytchëu, habe er sich von einer inneren Zensur befreit. In Spiegel des Vergessen, seinem vielleicht avanciertesten Buch, setzte er sich mit der eigenen Geschichte als Student im Leningrad der Nachkriegszeit auseinander. Nicht alle haben den Sprung der Tschukschen von der Jahrtausende alten traditionellen Lebensweise in die sowjetische Industriegesellschaft geschafft. Bei einem Kommilitonen, der in Leningrad nie heimisch wurde, genügte ein Liebeskummer, um in aus der Bahn zu werfen - er brachte sich um.

Das Aufeinanderprallen der Kulturen, das neben den eindrucksvollen Schilderungen des traditionellen Lebens in der arktischen Tundra und an der Küste von Tschukotka zu Rytchëus wichtigstem Thema gehörte, bestimmt auch seinen im letzten Jahr auf Deutsch erschienen Roman Polarfeuer. 1973 auf Russisch erschienen, hatte, wie Rytchëu im Vorwort schrieb, die Zensur bei dieser Fortsetzung von Traum im Polarnebel dafür gesorgt, dass er wichtige Teile umschreiben musste, insbesondere den Schluss, der den stalinistischen Terror deutlich beim Namen nennt. Der Kanadier McLenan, der inzwischen völlig in die tschukschische Gesellschaft integriert ist, muss sich nun mit den Folgen der Oktoberrevolution auseinandersetzen. Die Widersprüchlichkeit, aber auch die Unausweichlichkeit der Veränderungen, werden in dieser Geschichte deutlich. So wendet sich McLenan, der weiß, wie unwichtig Lesen und Schreiben für das Überleben in der Arktis ist, gegen eine Schule, die zudem auch noch mit dem äußerst knappen Heizmaterial von der Dorfgemeinschaft versorgt werden muss. Am Ende sieht aber auch er ein, dass sich weder gegen den Wissenshunger seines Sohnes, der mit Begeisterung lernt, noch gegen die Macht der Kommunisten etwas machen lässt.

Juri Rytchëu hat nicht nur mit seinem umfangreichen Werk seinem kleinen Volk ein großes Denkmal gesetzt. Noch während der Sowjetzeit hat er für die UNESCO gearbeitet und Sammelbände und Konferenzen organisiert, die den arktischen Völkern eine Stimme gegeben haben. Sein Großvater Mletkin, der bei seiner Namensgebung scheiterte und der ihm aus Verlegenheit den Namen "der Unbekannte" gab, konnte nicht wissen, wie sehr er diese Lehrstelle füllen, ja, wie er mit der Schilderung des Lebens seiner Ahnen den engsten Kontakt zu ihnen aufrecht erhalten sollte. Letzte Woche, in der Nacht zu Mittwoch, ist Juri Rytchëu, wie die Tschukschen sagen, "durch die Wolken gegangen".

00:00 23.05.2008

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