Durch Kugeln ertrunken

Staatsterror und kollektive Amnesie Das Polizeipogrom vom 17. Oktober 1961 in Paris

Die Schauplätze jener Nacht heißen Pont St. Michel und Pont de Neuilly, Métro Etoile, Concorde und Solférino, Polizeipräfektur von Paris, Boulevard de Bonne-Nouvelle und Nanterre, ein Vorort von Paris. In den folgenden Tagen verlagern sich die Geschehnisse in das Palais du Sport, die Arenen des Stade de Coubertin und des Stade de Vincennes. An jedem dieser Orte werden Algerier von der Polizei misshandelt und massakriert. Wie viele Menschen dabei sterben, steht bis heute nicht genau fest - Schätzungen schwanken zwischen 35 und mehr als 200. Die Ereignisse von damals unterliegen jenem rechtschaffenen Gedächtnisschwund, der das offizielle Frankreich häufig befällt, sobald die Rede auf den Algerien-Krieg (1955-1962) kommt - den "Krieg gegen die Kameltreiber", wie ihn zivilisierte Franzosen damals nannten. Die Erinnerung an den 17. Oktober 1961 in Paris ist so vor allem Augenzeugen und Überlebenden zu verdanken.

Boulevard Bonne-Nouvelle


Josette Brancon, Augenzeugin:
"Die Algerier hielten die Hände in Schulterhöhe, um zu zeigen, dass sie in friedlicher Absicht gekommen waren. Dann tauchten Polizisten in Zivil auf und fingen an, mit Pistolen auf sie einzuschlagen. Aber die Algerier, marschierten einfach weiter. Niemand versuchte zu fliehen, sie liefen einfach weiter. Einer der Beamten, ein kleiner Mann mit rotem Gesicht, prügelte unerbittlich und mit unverhohlener Freude auf die Demonstranten ein. Es war beängstigend anzusehen, wie jemand derart in Raserei verfallen und regelrecht zum Tier werden konnte. Hinterher war es für mich unglaublich zu sehen, mit welcher Gleichgültigkeit die Vorgänge des 17. Oktober in Paris aufgenommen wurden. Ich kann das bis heute nicht glauben."

Métro Concorde


Idir Belkacem, Demonstrant:
Ich erinnere mich, dass nahe der Métro-Station Concorde ein verletzter Algerier in einen der bereitstehenden Busse geschleift und auf eine Bank gelegt wurde. Ein Polizist, der sich im Fahrzeug befand, hatte ein Brett und schlug dem Algerier, obwohl der schon blutete, mitten ins Gesicht. Sein Blut spritzte bis an die Decke des Busses. Er war lebensgefährlich verletzt und starb noch während der Fahrt."

Boulevard St. Michel


Jean-Louis Peninon, Augenzeuge:
"Wenn ich daran zurückdenke, kommen mir Bilder der Gewalt, aber zugleich auch der Stille in den Sinn - ich kann nicht erklären, warum. Aber da gab es keinen Kampf im eigentlichen Sinne, da waren nur die Polizisten, die auf die Menschen einschlugen, und das geschah fast in vollkommener Stille.

Pont de Neuilly


Roger Chaix, Beauftragter der Polizei für algerische Angelegenheiten:
"Wir konnten auf keinen Fall hinnehmen, dass die Lanze der Rebellion französischen Boden, vor allem die Hauptstadt traf. General de Gaulle, der damalige Präsident, hat unser Vorgehen nie behindert. Es herrschte eine regelrechte Kriegsatmosphäre. Einige Offiziere, die am 17. Oktober an der Pont de Neuilly waren, sprachen den Polizisten ihre Bewunderung aus für die Selbstbeherrschung, weil es zu keinem Zeitpunkt einen Schießbefehl gab. An diesem Abend fiel kein einziger Schuss ..."

Métro Solférino


Elie Kagan, Fotograf:
"Ich sah Menschen panisch in die Station Solférino flüchten, manche waren verletzt, blutüberströmt. Als ich sie fotografierte, kam eine Frau der Pariser Verkehrsbetriebe auf mich zu und sagte, ›Was machen Sie, fotografieren auf den Bahnsteigen ist verboten!‹ Ich hätte sie ohrfeigen können und rief: ›Ich mache hier nur meinen Job als Mensch und Fotograph, haben Sie der Polizei auch gesagt, dass es verboten ist, Menschen zu verletzen und zu töten?‹ "

Pont St. Michel


Daniel Mermet, Augenzeuge:
"Ich stand an diesem Abend auf der Brücke und gegenüber warteten Algerier. Plötzlich sah ich, wie sich am anderen Ende des Pont St. Michel ein Polizeiaufgebot formierte und von einer Minute zur nächsten auf die Demonstranten stürzte. Ein Algerier sprang über das Geländer und hielt sich mit den Händen an der Brüstung der Brücke fest. Erst schlug nur ein Polizist auf ihn ein, dann bearbeiteten ihn mehrere, nicht mit Schlagstöcken, sondern mit Gewehrkolben. Sie schlugen so lange auch ihn ein, bis er sich nicht mehr halten konnte und wie ein Stein in die Seine fiel. Das war das erste Mal, dass ich jemanden sterben sah."

Polizeipräfektur


Cherhabil Hachemi, Demonstrant:
"Die Polizisten sagten, ›eure letzte Stunde hat geschlagen, betet, denn ihr werdet eure Familien nie wiedersehen. Wir haben euch hierher gebracht, um euch umzubringen. Einen nach dem anderen.‹

Wir gerieten in Panik und suchten nach Schutz im Inneren des Hofes. Die Algerier aber, die in den vorderen Reihen standen, hatten keine Chance. Die Gendarmen schlugen mit Knüppeln zu, an denen Schlaufen befestigt waren, die man den Leuten um den Hals schlang. Das war die Methode Garrotte. Ich sah, wie um mich herum einer nach dem anderen entsetzt die Augen aufriss und zusammenbrach ... "

Palais du Sport


Gérard Grange, Sanitäter der Armee:
Was ich im Palais du Sport erlebte, war das Schlimmste überhaupt. Ein Offizier ließ mich einen Blick hinein werfen. Sein Gesicht war aschgrau, und er sagte zu mir: ›Sehen sie sich das an, das ist ungeheuerlich‹. Er führte mich nach unten und öffnete einen Schrank, in dem sonst Putzmittel aufbewahrt wurden. Dort lagen neun Männerleichen - es war die Hölle.

Den meisten Gefangenen war so auf den Kopf geschlagen worden, dass sie schrieen, sobald man sie anfasste, sie konnten sich nicht rühren, sie konnten sich nicht bewegen, zwar starben sie nicht sofort nach den Folterungen, aber am nächsten Morgen war denen, die am meisten gestöhnt hatten, nicht mehr zu helfen. Sie hatten aufgehört zu atmen ..."

Quai du Point


Jacques Panijel, Regisseur:
"Während der Dreharbeiten zu meinem Film Oktober in Paris kam ich einmal an das Ufer der Seine und sah etwas im Wasser schwimmen. Neben mir saß ein Angler, ein älterer Mann, und ich fragte laut, ohne ihn direkt anzusprechen, was ist das denn? Und er antwortet: ›Ach, wieder so ein Kameltreiber, die fließen hier schon seit Wochen regelmäßig vorbei hinunter nach Rouen.‹ Diese Bemerkung hat mich ziemlich schockiert."

11.000 Algerier werden in der Nacht des 17. Oktober verhaftet, während die Polizei lediglich von "einigen hundert Festgenommenen" spricht. Die Behörden können die Wahrheit vertuschen, da sich das Land faktisch im Krieg befindet. Alle Zeitungen übernehmen die offizielle Version von zwei getöteten Demonstranten, die "ums Leben kamen, als die Ereignisse eskalierten", wie l´Aurore am 19. Oktober 1961 schreibt. Doch in den Wochen danach müssen immer wieder Leichen aus der Seine gezogen werden, viele Algerier tauchen nach jener Nacht nie wieder auf. Jacques Derogy, seinerzeit Journalist beim l´Express erinnert sich, einmal habe einer der Berater des gaullistischen Premiers Debré bemerkt, wenn das so weitergehe, werde man bald "eine Statistik für die durch Kugeln Ertrunkenen" führen müssen.

Was sich da vor 40 Jahren in einer Hauptstadt der westlichen Demokratien abgespielt hat, war blanker Staatsterror. Das jahrelange Verschweigen des Massakers durch die Behörden lässt darauf schließen, wie sehr man sich dessen bewusst war. Hier hätte sogar der moralische Terror versagt, den die bürgerliche Politik bei solchen Gelegenheiten häufig zu entfesseln pflegt, um Verbrechen zur zivilisatorischen Großtat umzuschminken. Ausgerechnet ein Staat, der sich als Missionar gut betuchter Menschlichkeit gern selbst zuhörte, war als Barbar in eigener Sache ausgerastet. Nicht zufällig schlug am 17. Oktober 1961 auch die Stunde der Wiederholungstäter. Der damalige Pariser Polizeipräfekt Maurice Papon, der die Internierung der Algerier in Sammellagern befohlen hatte, wurde Jahre später angeklagt, an der Deportation französischer Juden nach Auschwitz beteiligt gewesen zu sein.

Es war eine "tragische Soireé, die in völliger Stille stattfand", schrieb die Zeitung Libération am 17. Oktober 2001, als in Paris erstmals ein offizielles Gedenken für die Ermordeten stattfand. Doch "Tragödien" haftet etwas schicksalhaft Zwangsläufiges an. Wird das für Paris im Oktober ´61 reklamiert, dann erscheinen die Ereignisse wiederholbar.

Die dokumentierten Aussagen sind einem Film des Fernsehkanals arte entnommen.

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00:00 26.10.2001

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