Julia Seeliger
Ausgabe 2215 | 02.06.2015 | 06:00 1

Durchgewerthert

68er Der Literaturkritiker Volker Hage hat einen Roman über die freie Liebe von damals geschrieben

Kein Blut, kein Schweiß, kein Sperma, kein Tod. Die freie Liebe war romantisch, berührungslos. Wie bei Wolf, Hobbyfilmer und Cineast, der zum Studieren nach München zieht. Volker Hages junger Protagonist entscheidet sich, anders, als er es seiner Mutter angekündigt hat, für eine Wohngemeinschaft. Dort beginnt er nach kurzer Zeit eine Liebesbeziehung mit Larissa, „die Lissa genannt wird“ und mit Mitbewohner Andreas verlobt ist, weil da eben alles so katholisch ist. Im Klappentext wird so getan, als führten die beiden eine offene Beziehung und würden „an das gemeinsame Glück ohne Besitzansprüche glauben“. Im weiteren Verlauf des Buchs wird dann noch geheiratet, später wird gestritten, und das Ganze endet damit, dass Wolf von seinem Vater abgeholt wird, zurück in seine Heimatstadt Lübeck.

Die freie Liebe ist beim Luchterhand-Verlag erschienen und im Tagebuch-Stil gehalten. Assoziativ werden Aspekte der damaligen Zeit abgearbeitet: Uschi Obermaier kommt vor, das Olympia-Attentat, der erste McDonald’s, Sit-ins, Vietnam und Ulrike Meinhof, WG-Praktiken wie Einzugsrituale und gemeinsames Kochen, der Homosexuellenparagraf, der erste Videorekorder, Tonbandgeräte. Vermutungen in die Zukunft: Wie wäre die Technik wohl im Jahr 2000, „2000 klingt nicht wie eine Jahreszahl“.

Alles scheint gefiltert

Schon auf der Webseite zum Buch wird darauf hingewiesen, dass es sich auf Goethes Werther bezieht. Bevor loserzählt wird mit einer kurzen Blende in die heutige Zeit, steht das Zitat: „Alle Begier schweigt in ihrer Gegenwart.“ Mit Werther ist vielleicht auch die sexuelle Langeweile zu verstehen, die das Buch ausmacht, die sexlose Romantik. Manche Szenen sind purer Kitsch, Lissa zum Beispiel bekommt einen Orgasmus, nachdem er sie kurz berührt hat. Alles scheint gefiltert, Sex immer nur durch Dritte, literarisch bei Gedanken an Henry Miller und Philip Roth, die ja „das alles“ besser schreiben können als der Protagonist. Das wirkt, mit Verlaub, einfach nur verklemmt. Wer es nicht schafft, in einem Buch namens Freie Liebe zumindest eine gute Sexszene unterzubringen, hat eigentlich schon verloren.

Während andere Stimmen die freie Liebe, die sexuelle Revolution der 68er mit dem Hinweis auf Missbrauch und seelenlose Fickerei abarbeiten, ist die Kritik, so es denn eine ist, bei Hage subtiler: Die freie Liebe ist todlangweilig und asexuell, in der Theorie geht das Begehren verloren. Schon damals gibt es computergesteuerte Partnervermittlung. Eine Frau, die Wolf über dieses System trifft, drängt ihm ein Gespräch über Wilhelm Reich auf. „Ich könnte dir alles runterbeten, was gegen Eifersucht und Besitzdenken spricht. Ist aber für mich alles nichts als Theorie“, sagt sie.

Wenn Wolf mit der naiven Schönheit Lissa Sex hat, dann nennen sie das „eine Geschichte machen“. Er streichelt sie sanft. „Du machst das immer so besonders. Wie machst du das nur?“, fragt sie einmal. „Ganz einfach. Weil meine Hände eigens für deinen Körper geschaffen sind.“

Sie machen gemeinsam ein Polaroidfoto, man sieht den Kopf nicht, aber ihr schwarzes Schamhaar, der Ring blitzt, und sie hat ihre Hände um seine Erektion geschlossen, wie man lesen muss. Das vermittelte Bild, der Film, der verstellte Blick. Über das Filmmotiv sprechen Lissa und Wolf mal, später, als die Stimmung in dem „Dreieck“ schlechter geworden ist. Warhol habe als Konzept gehabt, „das unverstellte Leben abzubilden“. Sie verweist ungehalten darauf, er habe lang und breit erklärt, dass es „so was“ in der Kunst nicht gebe. Danach gehen sie essen und in einen Film, in dem ein „desinteressierter, sich räkelnder Heroinsüchtiger keinen hochkriegt“. Später sieht man noch, wie der sich Heroin spritzt. Ein Scheißfilm, findet Wolf, ein einziger Stimmungskiller, notiert er sich. Vergewaltigungsporno findet er dagegen ganz heiß. Für schon fast pädophile Irritation sorgt, dass sich Lissa als 14-Jährige an ihren heutigen Verlobten Andreas („Er war mein Erster“) herangemacht hat, sie ließ sich auf Rollschuhen an einem abschüssigen Berg an ihn prallen.

Volker Hage, bis zu seiner Pensionierung Literaturredakteur beim Spiegel, ist so alt wie meine Mutter, 1949 geboren. Nachkriegskind. Meine Mutter erzählt mir, dass 68 auf sie eine Faszination ausübte, wirklich teilnehmen durfte sie nicht. Über dem Hamburger Elternhaus lag ein Schatten aus der Zeit des Dritten Reichs, eine seltsame Kälte, über die nie gesprochen werden durfte und die noch in den 80ern spürbar war. Dass es einen Grund hat, warum ich dort stets am Kachelofen saß, habe ich erst kürzlich begriffen. Psychische Verwirrungen kommentierte mein Großvater lapidar mit „Der ist eben gerade im Werther-Alter“. In den 70ern hegte meine Mutter Sympathien für die RAF und wurde durch Maschinengewehre bei der großen Fahndung erschreckt, wohl aber auch fasziniert.

Sehr späte Einordnung

Voker Hages Protagonist Wolf wollte bei der Revolution nicht teilnehmen, er liest die FAZ und ist auch sonst ein schlichtes Gemüt. Bei einer Sitzblockade aufgeregter Studenten fragt er „Was bringt das hier?“ und wird verabschiedet mit „Dann geh doch, Bürgersöhnchen“. Als sein Vater ihn über seine Zeit während des Dritten Reichs und des Zweiten Weltkriegs informiert, nimmt er emotionslos die Informationen von der Deutschen Dienststelle für die Angehörigenbenachrichtigung zur Kenntnis, die sein Vater ihm unverlangt zeigt. Der Vater war Fahrer bei der Marine in Frankreich. „Fern von jeden Schreckenstaten. Ich hatte Glück. Da steht alles drin“, kommentiert der Vater das Papier. „Danke“, sagt Wolf, und die beiden haben einen schönen Abend.

Julia Seeliger, Jahrgang 1979, verließ Berlin nach Jahren voller Sex, Drogen und WG-Enttäuschungen und zog zurück nach Bonn, wo sie für eine kleine Partei im Stadtrat arbeit

„Für die Kinder und Enkel dürfte es in Zukunft leichter sein, sich von dem Zeug der Vorfahren zu trennen“, mutmaßt Wolf ganz am Ende des Buchs, als er seinem gealterten Freund Andreas, inzwischen erfolgreicher Filmschauspieler, erzählt, dass er die Tagebücher physisch zerstört habe, die Notizen aber in einer kennwortgeschützten PDF-Datei noch existierten. Bei der Beerdigung der Mutter im Jahr 2012 hatte Wolf seine alten Tagebücher wiedergefunden und kurz darüber nachgedacht, die alten Texte mit Notizen aus dem Jetzt zu versehen: „Einen Moment schien es mir verlockend, meine Gefühle beim Wiederlesen festzuhalten, dann wurde mir der Gedanke unheimlich.“ Wäre Hage doch den Gefühlen seines Protagonisten gefolgt:Die Freie Liebe ist eine Sammlung solcher Notizen aus der Jetztzeit, eine späte Einordnung von 68 und dem Folgenden aus der Sicht eines alten Mannes. Das ist erzählerisch gehörig schiefgegangen.

Ansonsten kann man für Volker Hage nur hoffen, dass der Protagonist nicht seinem eigenen Leben nachempfunden ist. Wer lesen möchte, wie banal und konventionell 68 und die freie Liebe sind, kann seine Sichtweise durch dieses Buch bestätigen. Sprachlich würde man sich wünschen, dass die Geschichte zurückgelehnter, weniger abgehackt, ruhiger, weniger in kurzen Assoziationen erzählt würde, inhaltlich bleibt man verwundert ob der Banalität zurück. Gewiss ist Kritik am schreienden Wahrheitsanspruch der 68er angemessen, sowohl in Bezug auf die Aufarbeitung der Verbrechen der Nazis als eben auch bezogen auf Liebesbeziehungen. Unter den Talaren der Muff von tausend Jahren, und unter den Bettdecken läuft weitaus mehr, als sich viele Wahrheitsanhänger vorstellen können. Das gilt auch für die jungen, naiven Protagonisten, die einfach noch nicht reif für Liebesbeziehungen sind. Warum man dies dann aber als Geschichte der freien Liebe erzählt, bleibt offen.

Info

Die freie Liebe Volker Hage Luchterhand 2015, 160 S., 16,99 €

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 22/15.

Kommentare (1)

Karl K 14.06.2015 | 22:01

Als grad noch Kriegskind - sach ich mal - Werther als Folie für 68 ff - das kann wohl nur einem spätgeborenen Spiegelmann einfallen. Schon mein katolscher, wahrlich nicht selbstkritischer Deutschlehrer in der Heimatstadt des Protagonisten bekannte zu seinem schwer schiffbrüchigen Versuch - dieses - öh Werk in der Oberstufe zu behandeln - " Na das - hätt ich mal besser gelassen!" - was den letzten Gluckser auslöste. Ansonsten danke - für die Vorleistung.