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Ausgabe 5215 | 06.01.2016 | 06:00 1

Dystopie

A–Z Die Zukunft zu denken, das heißt auch immer, das Ende zu denken. Von Arno Schmidts Atomkrieg bis zu Zombies auf dem Smartphone: das Lexikon der Apokalypse

A

Atomkrieg Literarische Dystopien, die vor zerstörerischen Nuklearkräften warnen, hatten ab den 1950ern Konjunktur. Arno Schmidt verfasste gleich drei von ihnen. Schwarze Spiegel liefert eine Art Robinsonade im Celler Umland. Als „Solipsist in der Heide“ überlebt der misanthropische Antiheld Bücher lesend in der Wildnis. Später lässt Schmidt eine Gelehrtenrepublik (➝ Utopia) als stählerne Insel auf dem Pazifik schwimmen und schickt in Kaff auch Mare Crisium schließlich ein paar Überlebende auf den Mond.

Schmidts Zeitgenossen teilten die Furcht vor blinder Fortschrittsgläubigkeit und entfesselter Technologie, war die Angst vorm Atomkrieg während der Blockkonfrontation doch real. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs fungierten postapokalyptische Szenarien weniger als Mittel der Technikkritik als Ambiente zur Inszenierung menschlicher Seelenwüsten. So in Cormac McCarthys Roman Die Straße, der anhand einer Vater-Sohn-Geschichte meisterhaft die Conditio humana ausleuchtet. Tobias Prüwer

B

Beckett Viele Jahre meiner Jugend habe ich damit verschwendet, Adorno verstehen zu wollen. Dabei bin ich auf Samuel Beckett gestoßen, da Adorno einst über dessen Theaterstücke sagte, diese würden seine eigene Geschichtsphilosophie illustrieren. Beckett, 1906 in Irland geboren, lebte ab den 1930er Jahren in Frankreich, wo er in der Résistance sein Leben riskierte. In seinen Werken, die er auf Englisch und Französisch verfasste, tummeln sich kaputte Gestalten in apokalyptischen Szenarien. Das hat nie explizit politische Botschaften, traf aber irgendwie doch den Nerv der 1950er Jahre, jene Zeit, als Europa sich vor einem ➝ Atomkrieg fürchtete. Paradoxerweise wirken Becketts literarische Verstörungen und Endzeitfantasien kaum beängstigend. Die in Endspiel inszenierte Aussicht, dass sich ein in Mülltonnen lebendes Ehepaar inmitten des Weltuntergangs noch gegenseitig kratzen will, stärkt eher mein Vertrauen in die Menschheit. Adorno habe ich mittlerweile aus meinem Bücherregal geschmissen, Beckett bleibt. Lukas Latz

C

Clockwork Orange Ob „Horrorshow“, das mittlerweile zum geflügelten Begriff geworden ist, oder die Ästhetik des weißen Suspensorium-Looks mit Stock und Hut: A Clockwork Orange ist eine der meistzitierten Dystopien (➝ Klassiker) unter der Sonne der Popkultur. Der renitente Alex und seine Droogs haben es sogar geschafft, dass man bei „Singin’ in the Rain“ nicht mehr zuerst an den Original-Song und – Film von 1952 denkt, sondern an ihren ultrabrutalen Gewaltrausch.

Der von Anthony Burgess im Roman (1962) erdachte Jargon „Nadsat“, eine Mischung aus Cockney-Rhyming-Slang, Kleinkindenglisch sowie Russisch, und die pikanten Gewaltinszenierungen in Stanley Kubricks Film (1971) haben auch noch auf das heutige Publikum eine besondere Wirkung. Im Kern steht nämlich die Frage, ob es erstrebenswerter sei, das Gute im Menschen gegen seinen Willen zu erzwingen oder ihm die Freiheit zu lassen, das Böse zu tun. Felix-Emeric Tota

E

Ex Machina Die Idee vom sexy Robotermädchen zieht sich wie ein roter Faden durch Science-Fiction-Erzählungen. Verführerisch, gefährlich, verletzlich – Merkmale, mit denen Frauen auch sonst gerne beschrieben werden. Im Subtext schwingt die Frage mit: Sind Frauen menschlich? So war das in Metropolis, in Blade Runner und so macht es der diesjährige Film Ex Machina. Dort wird die künstliche Intelligenz des Robotermädchens Ava getestet, indem sie den Programmierer Caleb verführen soll.

Ava ist hübsch, klug und oft nackt. Caleb verliebt sich in sie, manipuliert von ihrem Schöpfer, dem sexistischen Konzernchef. Statt Geschlechterrollen und die Ideen vom eindeutig kodierten Körper aufzubrechen, werden diese in Ex Machina reproduziert und Kontrollfantasien über das weibliche Wesen ausgestellt. Am Ende jedoch verlieren die Männer den Machtkampf: Ava sperrt Caleb ein, tötet ihren Schöpfer und flieht. Im Film zeigt sich die Angst, dass künstlich erschaffene Wesen eines Tages gegen ihre Ausbeutung revoltieren könnten. Das wiederum ist die wohl relevanteste Frage für die Geschichte der Frau. Juliane Löffler

H

Hieronymus Bosch Bis heute sind Kunsthistoriker fasziniert von den fantastischen Welten des niederländischen Malers Hieronymus Bosch. An der Schwelle zwischen Mittelalter und Renaissance schuf er Bilder, die schon zu Lebzeiten unzählige Nachahmer auf den Plan riefen und bis heute Rätsel aufgeben. Etwa das Triptychon Der Garten Der Lüste, das im Aufbau einem Altar entspricht, bei näherer Betrachtung aber eine verstörende Dystopie darstellt. In zugeklapptem Zustand zeigt es die Weltkugel am dritten Tag der Schöpfungsgeschichte, beim Öffnen purzeln einem Albtraum-Szenarien von schier unerschöpflicher Fantasie entgegen. Vertierte Menschen, Gewalt und Abartigkeiten (➝ Clockwork Orange). Boschs Bilder waren wohl Auftragswerke mit kalkuliertem Tabubruch, dazu gedacht, ihre Betrachter schockend zu unterhalten. Das tun sie bis heute. Sophia Hoffmann

K

Klassiker Als wichtigste Fluchtpunkte dystopischer Literatur gelten George Orwells Roman 1984 und Aldous Huxleys Schöne neue Welt. Orwell bietet dabei im Grunde fast keine Vision der Zukunft. Berichte über das Leben im Stalinismus sehen ähnlich aus: völlige Überwachung, Manipulation und Isolierung der Bürger. Unerreicht ist Orwell als Stichwortgeber: „Krieg ist Frieden“, „Ministerium für Wahrheit“ oder „Ministerium für Liebe“ – diese Pointen sitzen. Dagegen zeigt Schöne neue Welt, was aus einer Gesellschaft nach 600 Jahren Fordismus und Sozialdemokratie wird. Menschen sind in sicheren Beschäftigungsverhältnissen und können ihre Gefühle mit Drogen (➝ Nihilon) souverän managen. Schon als Kleinkinder werden sie entlang der Anforderungen der Gesellschaft konditioniert. So manchen gefiele so ein Leben ja auch. Lukas Latz

M

Metropolis ist ein gewaltiger Film – und das nicht nur, weil Regisseur Fritz Lang etwa 1.100 Glatzköpfe unter den 36.000 Komparsen brauchte. Unter dem, zugegeben, kitschigen Sinnspruch „Mittler zwischen Hirn und Händen muss das Herz sein“ erzählt er eine kolossal inszenierte, expressionistische Zwei-Kasten-Dystopie. So sehr er 1927 finanziell zunächst floppte, so sehr galt er lange als aufwendigstes Werk deutscher Kinogeschichte. Der mythenumrankte (➝ Ragnarök) Film wirkte zudem nicht nur stilprägend für die Architektur moderner Dystopien, etwa bei Blade Runner, sondern beeinflusste etwa auch die Videoästhetik von Madonnas Express YourselfFelix-Emeric Tota

N

Nihilon Ein Staat, in dem Stadtpläne verboten sind, Autofahrer möglichst viel Alkohol intus haben sollen und jeder Bürger eine Lizenz zum Mord erwerben kann: Wer 100.000 Klipp, so heißt die Landeswährung, auf das Privatkonto des Präsidenten einzahlt, erhält einen Revolver und darf einen Mitmenschen erschießen. So absurd und brutal (➝ Hieronymus Bosch) geht es in der „Kapitalistischen Volksrepublik Nihilon“ zu, die der britische Autor Alan Sillitoe 1971 in seinem Roman Reise nach Nihilon beschrieb.

Der unsichtbare Präsident trägt den Namen Nil, der Staatsschnaps heißt Nihilitz, es herrscht der Nihilismus, „das vollkommenste System behördlich vorgeschriebener Anarchie“. Unter dem Eindruck des Kalten Krieges skizzierte Sillitoe, was passieren könnte, wenn das Schlechteste vom Kapitalismus sich mit dem Schlechtesten des Sozialismus paart: the worst of both worlds. Das liest sich surreal, erschreckend, unterhaltsam. Die Wave-Band XTC machte 1980 einen Song daraus. Katja Kullmann

R

Ragnarök Die Eschatologien der abrahamitischen Religionen nutzen gängige Katastrophen wie Hunger, Seuchen und Krieg, um den Kunden bei seinen Ängsten zu packen und so in der permanenten Überzeugung zu halten, dass das Ende naht. Das ist als Marketing-Trick so simpel wie durchschaubar. Beim Ragnarök hingegen, der Apokalypse der nordischen Mythologie, sind wir Menschen lediglich Statisten – die natürlich alle sterben werden, sonst wäre es schließlich keine ordentliche Apokalypse.

Die Story kommt weitgehend ohne uns aus, und sie zeigt vorbildlich, welche kreativen Kräfte Lichtmangel (➝ Zombies) in den Wintermonaten in Verbindung mit einer gewissen Nachlässigkeit bei der Zubereitung von Pilzgerichten freisetzen können: Eine der Konfliktparteien reist etwa mit dem Riesenschiff Naglfar an, das aus den ungeschnittenen Finger- und Zehennägeln der Toten gebaut ist. Falls Sie also einen Trauerfall in der Familie haben, können Sie das Weltende durch Schneiden der Nägel vor der Beisetzung ein wenig hinauszögern. Uwe Buckesfeld

U

Utopia Das Werk war der Namensgeber für alle folgenden Entwürfe idealer Gesellschaften. Doch wirklich utopisch liest sich Thomas Morus’ Vom besten Zustand des Staates oder von der neuen Insel Utopia bei genauerer Betrachtung keineswegs. Dieses Schicksal teilt der Roman mit Platons Spekulationen über den Philosophenstaat, die heute wie ein Höllengleichnis wirken: Eine Vernunftelite dirigiert einen Bienenstock aus fleißigen Arbeitern und tapferen Kriegern, die Künste werden hingegen verbannt. Ähnlich geht es in Morus’ insularem Menschenpark zu, wo Arbeitszwang das Gemeinwohl garantiert, während Tugendwächter Müßiggang unterbinden: „nirgends ist eine Weinstube zu entdecken, nirgends eine Bierkneipe, nirgends (...) eine Gelegenheit zur Ausschweifung, ein Versteck, ein stiller Winkel“.

Dass Morus die Einwohner seines Eilands „Schlaraffen“ nennt, ist da bittere Ironie. Auch der viel zitierte Sonnenstaat von Tommaso Campanella ist genau besehen eine eher düstere Vision. Zwar lässt er Spiele und Spaziergänge zu, aber nur zum Zwecke der Produktivitätssteigerung. Die Postmoderne ist hier also schon präfiguriert. Als Strafen drohen Auspeitschen, Nahrungsentzug und die vielleicht letzte Rettung aus der Effizienzhölle: die Verbannung. Tatsächlich utopisch ist hingegen Christine de Pizans 1405 veröffentlichtes Buch von der Stadt der Frauen, das 100 Jahre vor Morus einen literarischen Schutzraum vor der misogynen Welt (➝ Ex Machina) entwarf, aber leider schnell in Vergessenheit geriet. Tobias Prüwer

Z

Zombies Wenn die Untoten die Welt überrennen, so wie 2013 im Film World War Z, ist die Apokalypse nicht fern. Doch Zombies fressen nicht nur Gehirne, sondern verraten auch viel über die Gesellschaft. Einerseits repräsentieren sie unsere Hilflosigkeit (➝ Beckett) im Umgang mit den Toten. Andererseits lassen sie sich mitunter aber auch als Sinnbild des aufständischen Sklaven oder der Wiederkehr unterdrückter Ängste dechiffrieren. Dazu passt gewissermaßen auch das Jugendwort des Jahres: Smombie. Zombies unserer Zeit, die auf ihr Smartphone starrend umherwanken. Dystopie, du bist so nah! Benjamin Knödler

Illustrationen zu dieser Ausgabe

Die Bilder der Ausgabe sind illustrierte Zukunftsvisionen von Klaus Bürgle aus dem letzten Jahrhundert: „90 Prozent waren Forscherwissen, das andere Fantasie und Konstruktion.“ Mehr über den extraterrestrischen Grafiker erfahren Sie im Beitrag von Christine Käppeler

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 52/15.

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