Ecce Checco

Komödie In „Quo vado?“ kämpft der Held um seine Festanstellung in Zeiten der Flexibilisierung. Ganz Italien ist begeistert
Cecilia Valenti | Ausgabe 05/2016
Ecce Checco
Der sichere Arbeitsplatz ist heilig: Luca Medici alias Checco Zalone

Foto: Medusa Film

In der Hauptrolle: der landesweit bekannte apulische Komiker Luca Medici, der als Checco Zalone (Künstler- und Rollenname) seit Gennaro Nunziantes Regiedebüt Cado dalle nubi (Ich falle aus allen Wolken) von 2009 in jedem Film des Regisseurs mitgespielt hat. Keiner war allerdings so erfolgreich wie Quo vado?,allein am ersten Tag, am 1. Januar dieses Jahres, sahen ihn eine Million Zuschauer. Die Komödie überholte Star Wars 7 und James Bond 007: Spectre. Nach drei Wochen liegt das Einspielergebnis bei 62 Millionen Euro – zum Vergleich: Der Schuh des Manitu, erfolgreichster Film im bevölkerungsreicheren Deutschland, brachte damals 65 Millionen Euro ein.

Die Idylle des Jungochsen

Die Kritik sinnierte angesichts der allumfassenden Begeisterung über die Wiedergeburt der commedia all’italiana. Das Erfolgsrezept von Checco besteht aus einer schlaksigen Körpersprache, die Adriano Celentanos physische Komik imitiert; einer Entpolitisierung beziehungsweise Überparteilichkeit bei gleichzeitiger Reduzierung jeglicher Komplexität der Wirklichkeit und einem Happy End à la Frank Capra (Arsen und Spitzenhäubchen). Es steht zu vermuten, dass sich von Checcos versöhnlichen Komödien jener Teil der Bevölkerung besonders angesprochen fühlt, der von der Finanzkrise und den Folgen des Berlusconismus am härtesten getroffen wurde: der verarmte Mittelstand.

Wie in Checcos vorletztem Film Sole a catinelle (etwa: Sonne wie aus Kübeln) steht bei Quo vado? die Arbeit im Mittelpunkt. Genauer gesagt, die Festanstellung (posto fisso) im öffentlichen Dienst. Wegen der Verdrängung durch die auch in Italien flexibilisierten Beschäftigungsverhältnisse hat der sichere Arbeitsplatz im öffentlichen Dienst seine symbolische Bedeutung behalten und gilt weiterhin als Metapher für eine glückliche, weil finanziell abgesicherte Existenz.

Der Protagonist aus Quo vado? ist ein Musterbeispiel dieses Milieus, ein süditalienischer Angestellter, der sich seines festen Postens und der mit ihm verbundenen Privilegien wohl bewusst ist, ein vitellone, was wörtlich übersetzt Jungochse heißt und einen Müßiggänger meint. Mit 38 Jahren wohnt Checco noch immer bei seiner Mutter im sonnigen Apulien und fährt tagtäglich bequem mit dem Fahrrad zur Arbeit im Amt für Jagd und Fischerei; gelegentlich bekommt er im Austausch für eine Jagdgenehmigung eine Wachtel („Keine Bestechung, sondern eine Frage des Anstands“). In seiner Darstellung des Amtsschimmels erinnert der Film an die Komödien Luciano Salces über den Buchhalter Fantozzi, die in den 70er Jahren das Amt als soziales Milieu mit einer ganz eigenen Dimension des Komischen filmisch ausgelotet haben.

Schon bald jedoch trübt Rom die apulische Idylle. Der italienische Verwaltungsapparat soll reformiert werden, Checcos Festanstellungist in Gefahr. Quo vado? handelt von der Entschlossenheit, den posto fisso gegen alle Kürzungen zu verteidigen, was beim italienischen Publikum als Anspielung auf den Abbau von Arbeitnehmerrechten unter der aktuellen Regierung von Matteo Renzi verstanden wird. Schließlich steht dem einfachen Angestellten eine eiskalte Arbeitsministerin (Sonia Bergamasco) gegenüber.

Zwischen ihr und Checco beginnt ein Duell, in dessen Verlauf der glückliche Festangestellte immer größere Abfindungssummen zurückweist. Um den Druck zu erhöhen, versetzt die Ministerin Checco in abgelegene Orte Italiens, Europas und der Welt. Im Susatal muss sich der Widerspenstige mit Gegnern der Hochgeschwindigkeitszugstrecke Turin–Lyon herumplagen, auf Lampedusa prüft er die Fußballtalente von Geflüchteten, ehe es ihn an den Nordpol verschlägt, wo er sich in die emanzipierte Tierforscherin Valeria (Eleonora Giovanardi) verliebt. Der Nord-Süd-Konflikt spielt sich nicht mehr nur innerhalb Italiens ab wie in der commedia all’italiana, sondern erstreckt sich über den Globus.

Mit Valeria und ihren vier Kindern von vier verschiedenen Männern aus allen Teilen der Welt zieht Checco in die norwegischen Berge. Der cultural clash zwischen dem apulischen Dorfbewohner und Valerias kosmopolitischer Patchworkfamilie könnte größer nicht sein. Allerdings modernisiert die Globalisierung dem italienischen Mann das Rollenbild, kennt Checco doch die Kunst des Sich-Arrangierens und ist in seiner Dummheit äußerst kreativ. Mit ihm wird die pugliesita – eine Apulien zugeschriebene Mischung aus sympathischer Frechheit, Einfallsreichtum und Flegelei – zum zentralen Wert erhoben, der wiederum für Italien als Ganzes stehen soll.

Das Ende der Parvenüs

Die jüngste italienische Geschichte taucht in Quo vado? immer wieder mal auf. Etwa im kurzen Auftritt des alten Senators Nicola Binetto, der Checco rät: „Die Festanstellung ist heilig!“ Gespielt von Lino Banfi, einem Star der erotischen Italo-Komödien der 80er Jahre, repräsentiert Binetto das Erbe der sogenannten Ersten Republik, die Jahre der katholischen Volkspartei Democrazia Cristiana und ihrer Politikskandale. Kritisch verhält sich der Film zu der Figur (und damit der Epoche) nicht, er gibt sich auch hier eher nachgiebig, versöhnlich, optimistisch.

Der Erfolg von Quo vado? und Checco Zalone bedeutet nicht zuletzt, dass die Tradition der cinepanettoni an ihr Ende kommt – die Produktion von zynischen Yuppie-Komödien, die seit den 80er Jahren zu Weihnachten in die Kinos kamen (und deshalb nach dem Festgebäck hießen). Die Protagonisten der cinepanettoni waren norditalienische Parvenüs, deren aggressiv-unternehmerische Mentalität den Berlusconismus bestens verkörperte. Davon ist Checcos Figur meilenweit entfernt.

Cecilia Valenti ist Filmwissenschaftlerin und Kuratorin. Bis 7. Februar ist im Berliner Kino Arsenal eine Reihe mit Filmen Cecilia Manginis zu sehen, die Valenti mitverantwortet

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