Ehe ist Arbeit

Alltag Vilma Zatorskyte und Ingo Range haben sich über eine litauische Heiratsvermittlung kennen gelernt. Jetzt leben sie in Berlin, hoffentlich bald mit Satellitenschüssel

An einem Sonntag verabschiedete sich Vilma Zatorskyte von ihrer besten Freundin, von den Kolleginnen im Restaurant, von den Eltern und der Schwester. Packte Geschirr, Kleider und das Spielzeug ihrer Tochter zusammen und überließ der Schwester die Einraumwohnung. Setzte Anna-Maria in den Kindersitz, stieg zum Mann ins Auto. Winkte, lachte, weinte.

Im Berliner Stadtteil Weißensee duftet es nach Flieder. Vilma Range sitzt auf einem Sofa und trinkt Bier. Seit einem halben Jahr ist dies ihr Zuhause, die Junggesellenwohnung des Ehemannes. Zwei Zimmer mit Küche, Bad und Balkon. In einem Raum schlafen sie, die Erwachsenen im Klappbett, Anna-Maria im Hochbett. Ingo Range sitzt zwei Polster von Vilma entfernt. Sie zeigen den Film von ihrer Rundreise durch Litauen. Der letzte baltische Sommer war heiß und hell. Vilma steigt mit ihrer Tochter eine Holztreppe herunter und lacht der Kamera zu. Sie hat elegante lange Beine, von der Taille aufwärts ist sie weiblich rund.

"Ingo ist ein ruhiger Mann", das hat Vilma gleich beim ersten Treffen gemerkt. Sie hat ihm angesehen, dass sich mit ihm leben lässt. Graues lockiges Haar, ein rundes Gesicht mit breitem Mund, lächelbereit. Deutsche Männer sind Familienmänner, sagt Vilma, besonders Ingo. "Ich bin nicht mehr 18. Mein Charakter ist kein Geschenk." Der ruhige Mann macht sie manchmal ungeduldig. Sein Leben hat ein anderes Zeitmaß. Ehe bedeutet Arbeit, so viel ist in den letzten Monaten schon klar geworden.

Vilma spielt Ingo: sie stellt ihre Augen auf unscharf und sagt mit heiserer Stimme: "Kuuchen?" Eine Szene heute im Supermarkt, als Vilma ihn fragte, ob sie nicht noch Gebäck für den Besuch kaufen müssten? Ingo ist wie eine Giraffe, sagt sie: Der Hals ist so lang, dass die Sachen, die man oben reinsteckt, etwas länger brauchen, bis sie unten ankommen. Ingo sieht seine Frau von der Seite an und lächelt.

"Sie hat schon Schwung in mein Leben gebracht", sagt er. "Das war vorher ein bisschen eintöniger." Nur bei den Treffen mit den anderen Exillitauern fühlt er sich nicht so wohl: "Die sprechen immer nur Litauisch." Vilma beugt sich hastig vor und reckt das Kinn. Ihre Stimme überschlägt sich fast: Wer immer nur da sitzt wie eine Mumie, mit dem redet auch keiner! Weder Litauisch noch Deutsch!

Manche Ehen sind nach sieben Monaten schon geschieden, sagt sie. Das soll ihnen nicht passieren. "Manchmal überreagiere ich." Sie und Ingo müssen jetzt viel lernen und sich an das Leben miteinander gewöhnen, meint Vilma. Und das braucht Zeit.

"Sie suchen einen Partner aus Deutschland?"Es kam selten vor, dass Vilma Zatorskyte und ihr Vater sich einig waren. In diesem Fall deckten sich ihre Interessen. Rimas Zatorskis fand die Annonce der Partnervermittlung in der Zeitung und zeigte sie seiner Tochter, die zwar ein Kind hatte, aber mit 31 noch immer keinen Ehemann. Unangenehm in einem so katholischen Land.

Im Herbst 2002 flog Ingo Range nach Litauen, um sein Single-Leben zu beenden. Dort, in der Fußgängerzone von Kaunas, spürte er wie nie zuvor, dass er ein begehrter Mann war. Der litauische Partnervermittler hatte ihm vom Mangel an Männern im Land erzählt. Auf dem Heiratsmarkt blieben immer Frauen übrig. Statistiker sagen: es leben kaum mehr Frauen als Männer in Litauen. Viele, Männer wie Frauen, wollen allerdings weg aus Litauen. Das Fortheiraten ist ein Ausweg der Frauen.

"Dann ging ich dreimal am Tag essen." Ingo Range lehnt sich zurück. Wie man das aus dem Fernsehen kennt, sagt er. Der litauische Partnervermittler besorgt seinen deutschen Kunden ein Zimmer und für jede Mahlzeit eine Dolmetscherin. Dann lernen sie Frauen kennen, so lange es nötig ist: beim Frühstück, beim Mittag und zum Abendessen. Bei Ingo reichte eine gute Woche. Dann stieg er ins Flugzeug zurück nach Deutschland. In der Tasche die Telefonnummer von Vilma Zatorskyte, zehn Jahre jünger als er. "Sie hat Pizza bestellt." Jede der anderen Damen hat nur ungefähr ein Salatblatt gegessen, erzählt er. "Und ich habe Pizza gegessen wie ein normaler Mensch", sagt Vilma. Sie lachen gemeinsam. Die Geschichte taugt zur Familienlegende.

Vilma holt einen Stapel Fotografien aus dem Schlafzimmer. Mit 16 trug sie die Haare hinten lang und vorne kurz. Sie war schlank wie ein Junge. 1989 lief sie 30 Kilometer in zwei Stunden, 52 Minuten und 28 Sekunden. Damit wurde sie litauische Jugendmeisterin der Leichtathletik. Eine gute Zeit. Die Sowjetrepublik Litauen war in den achtziger Jahren einer der komfortabelsten Wohnorte der Sowjetunion. Junge Leute zogen aus dem Osten zu. Jetzt wandern sie aus, in den Westen. Es war nicht alles schlecht: So etwas über die Sowjetzeit zu sagen, käme Vilma nicht in den Sinn. Schlecht war, was dann kam.

Als sich die Litauer von der Sowjetunion lossagten lernte Vilma Friseurin. Sie arbeitete ein Jahr lang in einem staatlichen Frisiersalon, dann schloss er, und sie war ihren Job los. Freiheit für Litauen bedeutete Abhängigkeit für Vilma. Die Eltern halfen, auch die ältere Schwester, zwei Jahre lang. Im Sommer arbeitete Vilma als Kellnerin auf der Kurischen Nehrung, später ein Jahr lang in einer Kneipe in der Hauptstadt.

"Sie suchen einen Job und Sie können tanzen?" Vilma fand die Anzeige in der Zeitung und rief an. Das war 1995. Erst hat sie mit anderen jungen Frauen in Vilnius geprobt, dann fuhr sie nach Beirut, um in einem Tanzlokal für Männer aufzutreten. So ernüchtert wie die Kollegin neben ihr im Flugzeug war Vilma nicht. "Egal was kommt", sagte die. Sie werde alles machen, um Geld zu verdienen. Die Clubgäste durften Frauen aussuchen und an den Tisch winken. Je mehr Champagner die Herren bestellten, desto höher die Prämie der Tänzerinnen. Nein, mehr passierte nicht, sagt Vilma. Froh war sie trotzdem, als der Vertrag nach einem halben Jahr auslief. Zu groß die Ratten auf den Beiruter Straßen, zu fremd die Menschen.

Das nächste Abenteuer führte sie das erste Mal nach Deutschland: ein Jahr Schwarzarbeit in einer norddeutschen Gärtnerei. In dieser Zeit wurde sie von ihrem litauischen Freund schwanger. Der war leider verheiratet. Sie wusste, dass sie nicht mit ihm leben würde, aber sie wollte das Kind, und sie bekam es.

Anna-Maria weint so laut sie kann. Sie hat sich mit Ingo gestritten. Er wehrt sich, wenn sie ihn mit der ganzen Kraft einer Vierjährigen an sensiblen Stellen boxt. "Negrazu!", das ist nicht schön!, faucht Vilma die Tochter an. Sie ist stolz auf Anna-Maria: "ein schönes Mädchen". Vilma lacht. "Bisschen zickig, aber geht."

Einen Vater braucht Anna-Maria. Und Vilma wollte nicht mehr Mutter und Vater zugleich sein. Ingo verdient genug Geld für drei. Er wuchs im Ostberliner Stadtteil Lichtenberg auf und hat sich gleich nach der Wende umschulen lassen. Seit Jahren schon ist er Techniker in einem Heizkraftwerk. Wenn er in der neuen Wohnung Tapeten an die Wand klebt, trägt er einen Overall der Berliner Energiebetriebe.

Vilma hatte zuletzt als Kellnerin in einem Restaurant in Kaunas gearbeitet. 600 Litas hat sie verdient, gut 170 Euro. In manchen Monaten hat sie noch mal dieselbe Summe an Trinkgeld mit nach Hause genommen. Für eine junge Frau mit Kind: nicht viel. In Litauen sind nur die Mieten niedrig.

Als sie über Rentner spricht, macht sie eine seltsame Handbewegung: mit einem Ruck zieht sie eine unsichtbare Schlinge über ihrem Kopf zu. Vilmas Eltern in Kaunas bekommen zusammen so viel Rente, wie sie im Restaurant verdiente: 174 Euro. Alte Menschen sieht man in Litauen auf dem Wochenmarkt. Sie verkaufen dort selbst gemachten Honig, Gemüse aus dem eigenen Garten und farbig bedruckte Plastiktüten. "Und hier?" Vilma lacht und schüttelt den Kopf, "hier fahren die Rentner in Urlaub!"

200.000 Menschen haben Litauen in den vergangenen zehn Jahren verlassen. Wer jung ist und arbeitslos, macht sich davon. Das ist nichts Neues für die Litauer: Schon einmal, gegen Ende des 19. Jahrhunderts, mussten sie viele ihrer Landsleute fortziehen lassen. Die Industrialisierung kam langsam voran, Arbeit gab es woanders. Bis zum Ersten Weltkrieg gingen Hunderttausende, vor allem junge Männer, nach Nordamerika. Die Eltern von Charles Bronson, Susan Sontag und Woody Allen stammen aus Litauen. Vilma hat Verwandte in Los Angeles, Seattle und in Kanada.

Zurück bleiben die Alten und Schwachen. Litauen ist das Land mit der höchsten Selbstmordrate der Welt. Besonders Männer verzweifeln am neuen Leben. Frauen behelfen sich. Vilmas Schulfreundin ist Physiotherapeutin mit einer Qualifikation, die in Litauen niemand brauchte. Sie ging nach Italien. Eine andere Freundin hat einen Niederländer geheiratet. Wie sie den kennen gelernt hat? Im Internet, vermutet Vilma. "Wir sprechen nicht darüber, und ich frage nicht."

Nach dem Urlaub muss sie einen Job finden. Es ist dringend. "Ich muss arbeiten", sagt Vilma. "Das braucht sie schon für ihr Selbstbewusstsein", erklärt Ingo, der geschulte Ostmann. Er zahlt ihr Taschengeld. "Aber ich kann nicht mein ganzes Leben die Hand aufhalten." Sie hat einen Putzjob in Aussicht, zweimal die Woche sechs Stunden. 400 Euro würde sie verdienen, ein Anfang. Eigentlich sieht sich Vilma als Unternehmerin. Ein Restaurant würde sie gern aufmachen.

Das deutsche Modewort "Integration" kommt ihr locker über die Lippen: "Ich will mich wie eine normale Frau integrieren. Nicht wie ein Frauhaus." Manchmal dreht sie die Wörter um. "Hausfrau natürlich", sagt sie und lacht.

Dienstags lernt Vilma Deutsch. Die Volkshochschule Lichtenberg ist kein angenehmer Ort. Neuzeitliche Festung von außen, DDR-Dekor und Schulmöbel West drinnen. Rechts sitzen die Vietnamesen, links Vilma und zwei Russinnen, vorne zwei Türken. Der Raum ist kulturell abgesteckt. Heute wiederholen sie Steigerungsformen. "Alt, älter, am Ältesten" schreibt Wang an die Tafel. "Jung, alt, tot", sagt Sergej auf Russisch. Vilma und die beiden Russinnen lachen. Sergej ist der Neue. Die Schüler sollen ihn auf Deutsch ansprechen. Woher kommt er, was ist sein Beruf und: welche Hobbys hat er? "Zuhause: Angeln". Vilma ergänzt für ihn: "Hier: Arbeit suchen". Ihr sonniger Sarkasmus erheitert die Runde.

Diese Art von Humor hat ihr schon zuhause geholfen. So begegnete sie dem ätzenden Pessimismus der Verwandten, der eigenen Arbeitslosigkeit und den Männergeschichten ohne Happy End. Vilma besteht darauf, dass sie in jeder Situation selbst entschieden hat. Möglichkeiten gab es immer.

Wenn die neue Familie in zwei Monaten in eine größere Wohnung zieht, ist noch nicht klar, ob Ingo dort die Satellitenschüssel aufstellen darf, damit Vilma litauisches und russisches Fernsehen empfangen kann. Dann geht´s eben nicht, sagt Ingo. Man muss es weiter versuchen, sagt Vilma. Seine Resignation widerstrebt ihr. Sie erinnert an den Fatalismus, mit dem ihr Vater dem Leben nach 1991 begegnete und mit dem er es erträgt, nach vier Jahrzehnten harter Arbeit nicht einmal für ein bescheidenes Leben genug Geld zu haben.

Vilma hat sich auch für ihre Tochter von der Heimat verabschiedet. Sie will, dass Anna-Maria auf eine gute deutsche Schule geht, Chancen auf einen guten Job, auf ein gutes Leben hat. Und sie soll zweisprachig aufwachsen. Deshalb spricht Vilma Litauisch mit ihr. Ingos Freunde und seine Eltern finden das befremdlich. "Sie hat keine Chance, kein Deutsch zu lernen, aber jede Chance, Litauisch zu vergessen." Vilma wird laut, verhaspelt sich und reißt die grünen Augen weit auf. Die zweite Sprache wird Anna-Marias Chancen auf dem Arbeitsmarkt erhöhen. Wichtiger ist: sie verbindet ihre Mutter mit der Heimat.

In ein paar Wochen kommt die Schwester und bringt Vilmas Sommerkleider mit. Und bald wird die Familie wieder in Litauen Urlaub machen. Zurückgehen wird sie auf keinen Fall, sagt Vilma, fast entrüstet. "Nein!" Ein Nein, das sie sichtlich Kraft kostet.


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00:00 12.11.2004

Ausgabe 38/2020

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