Eherner Ritt

Russland WM-Party war gestern. Jetzt werden die Straßen wieder von Paraden und Polizei beherrscht
Eherner Ritt
Den Beamten ist die Regenbogenflagge zu bunt. Rote Karten für eine Rentenregelung sind gerade noch tolerierbar

Fotos: Sergey Konkov/Reuters, Peter Kovalev/Itar-Tass/Imago (rechts)

Es sind schon mehrere Wochen vergangen seit der Fußballweltmeisterschaft in Russland, aber Sankt Petersburg zeigt sich noch immer in passendem Dekor: Man sieht Schokoladenfußbälle, Sondermünzen und Fotoalben zur WM in den Auslagen der Schaufenster. Das Maskottchen, der Wolf Zabivaka, ist noch als Standfigur in verschiedenen Größen an vielen Plätzen der Stadt zu sehen.

Sascha und Igor, zwei befreundete jüngere Wissenschaftler, berichten bei einem Abendessen, die WM habe auch Menschen, die sich gar nicht für Fußball interessieren, auf die Straßen und in Public-Viewing-Zonen gebracht. Leute wie sie, die bei den volksfestähnlichen Spektakeln dabei sein, mit ausländischen Fans tanzen und feiern wollten, aus sich herausgehen.

Sie reden von einem Gemeinschaftsgefühl, das sie vorher in Russland nicht gekannt hatten, von einer unpolitischen Aneignung des öffentlichen Raums durch Menschen aus allen Gesellschaftsschichten, die aus eigenem Antrieb zusammengekommen waren. Die Wissenschaftler hoffen darauf, dass sich dieses unerwartete Gemeinschaftsgefühl noch verlängern – und das gesellschaftliche Leben verändern – wird.

Arbeiten bis zum Umkippen

In den Wochen nach der WM sind es nun eher die Pläne der Regierung Medwedew, das Rentenalter anzuheben, die die Menschen umtreiben. Davon wurde schon am Anfang der Weltmeisterschaft geredet, sie wurden dann aber von den sportlichen Nachrichten und Euphorie überlagert – für den Moment. Die Reform sieht vor, das Renteneintrittsalter von derzeit 60 Jahren bei Männern und 55 Jahren bei Frauen stufenweise auf 65 und 63 Jahre zu erhöhen.

Bei dem kleinen Abendessen, zu dem Sascha und seine Frau Familienangehörige und Freunde eingeladen haben, wird das Thema debattiert. In der geräumigen Küche einer Dreizimmerwohnung in einem Altbau in der Nähe des Turgenjew-Platzes kommt die Unterhaltung bei Kohlsuppe, sauer eingelegtem Gemüse und Schwarzbrot schnell auf die Rentenpläne der Regierung. Wissenschaftler Igor verweist darauf, dass die gegenwärtige Lebenserwartung russischer Männer nur knapp oberhalb des angestrebten Renteneintrittsalters liegt. Die Umsetzung der Reform würde für viele Männer bedeuten, bis zum Umfallen arbeiten zu müssen. Eine Reform sei nötig, aber so sei sie sozial nicht verträglich. Die Stimmung an diesem Abend deckt sich mit den Umfragen, die meisten Russen sind gegen die Rentenreform.

Nationalisten und Kommunisten machen ihren Widerstand in der Duma deutlich, schon während der Weltmeisterschaft kommt es zu ersten öffentlichen Protesten. Präsident Putin distanziert sich von den Plänen der Regierung. Die Kommunistische Partei ruft Ende Juli zu landesweiten Protestkundgebungen auf.

Der Ort, an dem die Aktion in Sankt Petersburg losgehen soll, ist der Lenin-Platz. Er liegt vor dem Finnischen Bahnhof – einem der fünf Petersburger Hauptbahnhöfe. „Hier kam Lenin 1917 an, als er aus dem Exil zurückkehrte, wurde von seinen Genossen begeistert empfangen und hielt sofort eine Rede. Dieser Ort erinnert uns an unsere revolutionären Wurzeln“, erklärt ein junger Kommunist, der sich mit Alexej vorstellt. Ein schaulustiger Tourist hat ihn angesprochen, und Alexej hört dann gar nicht mehr auf, von dem historischen Platz zu schwärmen. Er wird von einer älteren Frau unterbrochen, die vorbeikommt und schimpft: „Das Land geht vor die Hunde, und die Jungen, die es am meisten betrifft, machen nichts dagegen!“ Alexej will etwas erwidern, winkt dann aber ab und geht zu seinen Freunden, die ein paar Meter weiter stehen.

Knapp 1.000 Menschen kommen an einem Sonnabend Ende Juli auf dem Lenin-Platz zusammen, wenige, wenn man an die breite Ablehnung der geplanten Rentenreform denkt. Und an den Zuspruch, den die Kommunisten bei Wahlen in Russland erhalten (2016 waren es 13,4 Prozent der Stimmen).

Eine Frau in den Vierzigern steht am Rande der Kundgebung: Es werde ihnen immer gesagt, wen sie zu wählen hätten, und die Belegschaft ihres Betriebs werde gemeinsam zu den Wahlurnen gefahren, berichtet sie einem älteren Mann, der eine Stecknadel, die einen roten Stern zeigt, an seinem Hemd befestigt hat. Der Mann sammelt Unterschriften gegen die Reform, bleibt aber nicht nur bei dieser Frau erfolglos. Zwar unterstütze sie den Protest, wolle aber nicht das Risiko eingehen, wegen einer Unterschrift gegen die Regierung möglichen Repressalien ausgesetzt zu werden, sagt sie. Und dreht sich weg. Auf der Bühne redet ein Vertreter der Kommunistischen Partei von sozialen Verwerfungen, die die Regierung zu verantworten hätte, von sieben Millionen Migranten, die in jüngster Zeit eingewandert seien und nun den gesellschaftlichen Frieden gefährden würden. Demonstranten lassen Fahnen flattern, die das Konterfei Stalins zeigen und den Schriftzug „Für die Heimat! Mit Stalin“. Stalin? Für manche ist er noch immer ein Held, aber der Umgang mit dem Diktator ist in der russischen Gesellschaft umstritten.

Einen Tag später, am Sonntag, kann ein anderes Ereignis Massen mobilisieren. Zehntausende Petersburger machen sich auf den Weg an die Ufer der Newa, um den Tag der russischen Kriegsflotte zu feiern. Präsident Putin nimmt selbst die zugehörige Parade ab, die bislang größte in der russischen Geschichte. Die Zufahrtsstraßen zur Newa werden von LKWs der Stadtverwaltung zugestellt und so für den Straßenverkehr gesperrt.

Eine der Besucherinnen ist eine junge Germanistikstudentin der Staatlichen Universität Sankt Petersburg. Sie begleitet ihre Großmutter zu der Parade. Aber sie sind zu spät aufgebrochen, um noch Plätze an der Newa zu finden. Sie verfolgen das Geschehen über eine der Großleinwände, die an zentralen Orten die Parade und die anschließende Rede Putins übertragen. So wie vor ein paar Wochen die Fußballspiele.

Das Podium für den Präsidenten befindet sich vor dem „ehernen Reiter“ (wie Puschkin ihn in seinem gleichnamigen Gedicht nennt), dem berühmten Denkmal für Peter den Großen. Den Zaren, der einst den Zugang Russlands zur Ostsee gegen die Schweden erkämpfte und Sankt Petersburg errichten ließ. Putin redet von den zeitgemäßen Aufgaben der Marine, vom Kampf gegen Terror und Piraten. Als die Kameraeinstellungen dabei immer wieder zeigen, wie die schräg nach unten ausgestreckte rechte Hand des Statuen-Peters auf den Präsidenten zeigt, muss die Studentin lachen. „Aber die Einstellung passt gut zur Parade und zu der Stadt“, sagt sie. „Piter“, so nennen manche Bewohner ihre Stadt immer noch liebevoll, sei aus seiner Historie heraus ein Ort mit imperialem Anspruch, umrahmt von einer entsprechenden Architektur. „Wobei der Glanz nur nach außen gerichtet ist. Schaut euch nur mal an, wie die Innenhöfe aussehen“, wirft ihre Großmutter lakonisch ein. „Aber es ist trotzdem immer wieder schön, an die enorme Bedeutung unserer Stadt in der russischen Geschichte erinnert zu werden.“ Ist das die Botschaft, die solche Paraden verbreiten sollen?

Die junge Studentin erklärt, es habe sich unter Putin ein starkes Nationalgefühl entwickelt, und damit gäbe es eine starke Verbundenheit mit den russischen Streitkräften, was sich an dem enormen Zuspruch der Parade ablesen ließe. Sie selbst sehe Nationalismus und Militarismus jedoch eher kritisch. „Es hat auch ein bisschen was von Folklore“, wirft die Großmutter ein. Und an ihre Enkelin gerichtet: „Wirklich wichtig ist diese unangenehme Sache mit der Rente, wie sich Putin letztlich entscheiden wird.“

Nach der Parade vermischen sich auf dem Newski-Prospekt, dem Prachtboulevard der einstigen Hauptstadt Russlands, zurückströmende Zuschauer mit großen Touristengruppen. Dank der Sperrung können sie auf den Fahrbahnen des legendären Prospekts entlanglaufen und so einen autofreien Eindruck von der monumentalen Anlage des Boulevards bekommen. In den anliegenden Parks kann man bis tief in die Nacht Menschen mit Kapitänsmützen und Marinefahne sehen, bei Bier und Wodka, die Flaschen vorschriftsmäßig in Papiertüten verpackt.

Nur vier Tage später ist es wieder ein militärischer Ehrentag, der Menschen in der Petersburger Innenstadt zusammenbringt und sie feiern lässt. Es ist der Tag der russischen Luftlandtruppen. Der 2. August 1930 gilt als Gründungstag der Luftlandetruppen. 2006 wurde durch einen Präsidialerlass bestimmt, den Jahrestag zum Feiertag zu machen. Bereits in den Vormittagsstunden kreisen Wodkaflaschen zwischen Menschen, die blau-weiß gestreifte Shirts tragen – so wie die Soldaten der Truppengattung. Die anarchischen Ausmaße der Feierlichkeiten sind berüchtigt, Erfahrungen aus der Vergangenheit haben zu extremen Sicherheitsvorkehrungen geführt, Spezialkräfte von Armee und Polizei sind auf den Straßen, um Schlägereien früh unterbinden zu können: Die Stadtverwaltung hat viele der Fontänen abgestellt, um die Feiernden davon abzuhalten, in die historischen Brunnen zu springen und sich öffentlich zu duschen und zu baden.

Aktivisten? Schwupps, weg

In diesem Jahr verläuft der 2. August in Sankt Petersburg weitgehend friedlich. Ein Paar, das sich als Oleg und Jelena vorstellt, ist aus Kuptschino, einem Petersburger Außenbezirk, in die Innenstadt gefahren, um mitzufeiern. „Es gibt eine Grenze, an der St. Petersburg aufhört und Leningrad beginnt“, sagt Oleg. Während das historische Petersburg nach der Umbenennung wieder zum wirklichen Petersburg wurde, blieb es in den einstigen Neubaugebieten wie in Leningrad – in den Wohngebieten, um die die Stadt während der Sowjetzeit erweitert wurde, hat sich seither wenig verändert. „Und wir nutzen jede Gelegenheit, hierherzukommen, um uns wie richtige Petersburger fühlen zu können.“

Ausgelassene Trupps ziehen zum Winterpalast, der ehemaligen Residenz der russischen Zaren. Sie verteilen sich in öffentlichen Grünanlagen, trinken, grölen bisweilen, lachen. Von den Decks der flachen Ausflugsboote in den Kanälen winken ihnen Touristen zu, fotografieren sie, bis die Urlauber wieder die von den Bootsbetreibern verteilten WM-Schirme aufspannen, um sich gegen die Sonne zu schützen.

Zwei Tage danach kommt es auf einem der öffentlichen Plätze zu einem massiven Zusammenstoß: Anfang August versammeln sich russische LGBTI-Aktivisten und Sympathisanten zu einer kleinen Parade vor dem Winterpalast und prangern Homophobie an. Die Sicherheitskräfte intervenieren sofort, die Stadt hat die Demo nicht genehmigt. 30 Teilnehmer werden verhaftet, in Polizeibusse verfrachtet und weggebracht. Bilder zeigen das rigorose Vorgehen der Polizei. Der Staat geht – nach einer kurzen Zeit der Milde während der WM – wieder mit Härte gegen unliebsame Bürger im öffentlichen Raum vor.

06:00 05.09.2018

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