Ehrlich war am längsten

Krisen Wie der Rand der US-amerikanischen Gesellschaft in Gegenwartsfilmen wie „Mud“ oder „Blue Ruin“ dargestellt wird
Lennart Laberenz | Ausgabe 24/2014

„Die Menschen denken, wir hier seien arm. Die Definition von Armut aber ist, kein Dach zu haben, kein Licht, kein Wasser, kein Essen.“ Das aber haben sie alles in der Familie von Andrew in Rich Hill, Missouri. Deshalb steht für den 13-Jährigen fest: „Wir sind nicht arm.“

Die Dokumentation Rich Hill, die im Januar mit dem Großen Preis der Jury des Sundance-Festivals ausgezeichnet wurde, ist einer von vielen amerikanischen Filmen, die in Deutschland eher nicht ins Kino kommen und wohl auch nicht im Fernsehen laufen werden. Die Geschichte dreier Jungs aus der Provinz, die ihren Träumen nachhängen, zugleich mit zerbrochenen Familien, Kriminalität und Einsamkeit umgehen müssen. Rich Hill zeigt die Auswirkungen einer enormen institutionellen, politischen und wirtschaftlichen Krise, in der eine ganze Vorstellungswelt, die Idee des sozialen Aufstiegs, verschwunden ist. Der Film eröffnet einen verstörenden Blick auf die USA, gerade weil alles so normal daherkommt.

Wir sehen die Folgen einer gewaltigen gesellschaftlichen Umwälzung, die vor vier Jahren Don Peck, der stellvertretende Chefredakteur des Atlantic, ernüchtert zusammenfasste: eine „neue Ära der Arbeitslosigkeit“, die lang anhaltende Spuren in der Gesellschaft hinterlassen werde. Zum ersten Mal seit Beginn der statistischen Messung hatte die Arbeitslosigkeitsdauer 2010 durchschnittlich sechs Monate überschritten, 44 Prozent der amerikanischen Familien hatten ihre Jobs verloren, arbeiteten zu reduzierten Bezügen oder auf Kurzzeit weiter. Mittelklassefamilien verloren Wohnsitz und Halt. „Das wird unsere Politik, unsere Kultur und den Charakter unserer Gesellschaft auf Jahre hinaus verwerfen“, prognostizierte Peck.

Gesundheitsökonomie

Heute werden diese Verwerfungen nicht nur von Dokumentationen abgebildet, sie drängen auch in Fernsehserien und Spielfilme. Vielfach ist diskutiert worden, ob der als typischer Mittelklassevater konstruierte Walter White seine Karriere als Drogenproduzent in der eher simpel strukturierten, global erfolgreichen Serie Breaking Bad vor dem Hintergrund einer weniger von privatwirtschaftlichen Interessen geprägten Gesundheitsvorsorge überhaupt hätte beginnen müssen. Steven Brill kam in seiner Time-Recherche Bitter Pill: Why Medical Bills Are Killing Us zu der Erkenntnis, dass die Gesundheitsökonomie in den USA – von der Pharmaindustrie beherrscht und geprägt von der obskuren Preispolitik der Krankenhäuser – den ultimativen Anbietermarkt mit machtlosen Kunden darstellt.

Er schreibt: „In der Gesamtübersicht dominieren diese mächtigen Institutionen und die Rechnungen, die sie am Fließband herstellen, die Ökonomie der Nation und stellen Forderungen gegenüber Steuerzahlern auf, wie es sie weltweit sonst nicht gibt. In den USA geben Bürger fast 20 Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Gesundheit aus, in den meisten Industrieländer ist es die Hälfte. Und dabei sind nach allen Berechnungen die Resultate unserer Gesundheitsfürsorge nicht besser, sondern häufig schlechter als in diesen Ländern.“ Gerade für mittlere Einkommensschichten bedeuten Krankheit oder Unfälle oft den Blick in den finanziellen Abgrund.

Seit den 80er Jahren stellen Ökonomen stagnierende Löhne fest, untere Lohngruppen haben heute real weniger Einkommen als vor 30 Jahren. Die Krise ist die der Einkommen aus Erwerbsarbeit, wie zuletzt auch Thomas Piketty ausgerechnet hat – sie sind den Einkommen aus Kapitalerträgen hoffnungslos unterlegen.

Dazu gibt es einen schönen, tragischen Satz in Jeff Nichols’ letzter Arbeit Mud, die bei uns gerade auf DVD erschienen ist. Einen jener Sätze, die im Nachhinein als Blick des Regisseurs auf seine Protagonisten und doch weit darüber hinaus wirkten. Drei Filme hat Nichols bislang gemacht, alle spielen an den Rändern der US-Mittelklasse, fernab glitzernder Städte: Arbeiter haben Flecken auf dem Hemd, Schwielen an den Händen, ein leeres Konto, eine Hypothek und eine speckige Kappe auf dem Kopf. Es sind Menschen, die eher in Filmen wie Winter’s Bone von Debra Granik (2011 in den deutschen Kinos) zerprügelte Pick-ups durch struppige Landschaften fahren, als dass sie ihre Kinder auf Colleges schicken könnten wie in Boyhood (der Freitag vom 5. Juni). In Mud sagt also der Vater, mit klobigem Zungenschlag, wie er in Arkansas vorkommt, zu seinem Sohn Ellis: „You know, I love you?“ – „Yes, Sir. I know.“ – „I work you hard, because life is work.“

Der Vater sitzt dabei hinter einem Fliegengitter auf einer Art Veranda des abgegessenen Hausboots. Darunter der Fluss, der die Familie eher schlecht als recht ernährt. Es steht nicht gut um die Ehe und auch nicht um die Grundüberzeugung in dem Satz. Vielmehr ragt die Idee, nach der das Leben Arbeit sei, als Anachronismus in eine Welt, die sich darum nicht mehr schert. Die Lebensumstände, die Senior seiner Familie bieten kann, sind rechtmäßig erworben; ihre Kargheit versinnbildlicht die Grenzen dieser Rechtmäßigkeit. Jeff Nichols’ Personal hält sich an Arbeit, sie ist Lebenseinstellung. Der Gegensatz ist hier nicht das Kapital, sondern der Dieb.

Nichols interessiert nicht der Glamour der Unterwelt; den Drogenkoch Walter White und die Faszination des Bösen zu erzählen läge ihm fern. Er schaut sich die Strampelei derer an, die sich bemühen, auf der ehrlichen Seite zu bleiben. „I am not a thief“, sagen die Charaktere in allen drei Nichols-Filmen mit tiefer Entrüstung; es ist ihnen eine Herzensangelegenheit. Diebstahl, mangelnder Respekt vor dem Auskommen eines anderen, schimpft Ellis’ Vater, sei eines der schwersten Verbrechen.

Dwight Evans (Macon Blair) dagegen klaut ohne Zweifel. Der Protagonist aus Blue Ruin von Jeremy Saulnier (ebenfalls ohne deutschen Kinostart), dem ersten crowdgefundeten Film, der in Cannes lief und dort 2013 den Kritikerpreis bekam, stiehlt nicht, um sich zu bereichern, sondern um zu überleben. Dwight lebt vom Müll der Urlaubsindustrie, er redet wenig und bricht ab und zu in eines der Ferienhäuser ein. Er liest Bücher, bevor er in einem kaputten blauen Wagen das Licht löscht. Leben im Auto – vielleicht eine Wahl, vielleicht ein Abschnitt, auf jeden Fall eine Realität, die vielen aus der einstigen Mitte der Gesellschaft nicht fern ist.

Justizsystem

Blue Ruin ist eine klassische Rächergeschichte, allerdings mit einer wenig klassischen Hauptfigur: Als der vermeintliche Mörder seiner Eltern auf freien Fuß kommt, bringt Dwight ihn um. Dabei schlittert er mehr in diesen Mord hinein, als dass er ihn durchdacht hätte. Und so wirft Blue Ruin nebenbei einen Blick auf das Justizsystem, wie Dwight nebenbei die Feiernden in der Strandbar mustert. Ihn, der sich am Rand entlanghangelt, betreffen beide nicht – nicht die undurchschaubaren Prozeduren des Staats und nicht die gute Laune.

Nach einer Weile wird Dwight klar: Der Clan des Ermordeten hat nie die Polizei gerufen. Es entspinnt sich eine Familienfehde, Blutrache – und damit eine gewisse Parallele zu Jeff Nichols’ erstem Film Shotgun Stories (2007). Die Ordnungsmacht ist fern, der Familienzwist schreitet ausweglos voran. In seiner Figur vereint Dwight die Gestalt des Rächers mit ihrem Kommentar. Die Rolle behagt ihm nicht, Fatalismus und Überlebensreflex füllen sie gerade so aus. Beide Seiten sind in einem blutigen Ritual gefangen, die Lage ist ausweglos.

Dwight hinterlässt auf dem Anrufbeantworter der Gegner eine Nachricht, zählt die Toten, sieht einen Gleichstand: „I don’t know how this ends. I’d like it to. Or we can keep going.“ Am unteren Rand der Gesellschaft wird die wirtschaftliche Krise zur kulturellen, ein Kommunikationsideal, die Rationalität einer Verhandlung hat wenig Platz. Am Ende rauscht der letzte Rest der Nachricht unbeachtet vorbei, geht unter in Geschrei und Schüssen. Im Hintergrund hören wir Dwights Stimme vom Band: „Call, if you want to talk this through.“

Mud, Jeff Nichols USA 2012, 131 Minuten, ist bei Ascot Elite erschienen

Blue Ruin, Jeremy Saulnier USA 2013, 92 Minuten, ist als Video on Demand erhältlich

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06:00 25.06.2014

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