Eichmann, Globke, Adenauer

CIA-Aktenfunde Warum die rechte Hand des Bundeskanzlers geschont werden musste

Im Januar 2004 wurde der "Gesprächskreis Nachrichtendienste in Deutschland" (GKND) ins Vereinsregister beim Amtsgericht Berlin-Charlottenburg eingetragen. Sein offizielles "Anliegen": zu einer "konstruktiven und öffentlichen Diskussion über die geheimen Nachrichtendienste sachlich beizutragen". Dazu kamen einige inoffizielle Motive: etwa den ungezwungenen Gedankenaustausch der Kameraden von BND, Verfassungsschutz und MAD über neugierige Journalisten - oder die rechtzeitige Abwehr von Indiskretionen, falls dank des "Freedom-of-Information"-Act CIA-Dokumente veröffentlicht werden sollten.

In diesem Sinne wandte sich Ende 2004 GKND-Mitbegründer Hans Georg Wieck als ehemaliger BND-Präsident mit einer Beschwerde an die renommierte US-Zeitschrift Foreign Affairs. Er beanstandete eine Rezension, die der Historiker Timothy Naftali über die Erinnerungen von James Critchfield geschrieben hatte. Dieser Critchfield war ab 1948 in Pullach CIA-Aufpasser der Organisation Gehlen gewesen, bis diese 1956 zum Bundesnachrichtendienst umfirmiert wurde. Timothy Naftali, Professor an der Virginia Universität, beschäftigte sich mit der Aufarbeitung von CIA-Akten aus der frühen Nachkriegszeit, die in den USA - anders als die BND-Akten in Deutschland - zur Forschung freigegeben wurden.

Ihm waren dabei die zahlreichen Kriegsverbrecher aus SS und SD aufgefallen, die Reinhard Gehlen in seine Dienste genommen hatte. Hans Georg Wieck vermerkte dazu in besagtem Brief: "Sie scheinen auf den Namenslisten der auslaufenden ›Organisation Gehlen‹ und des noch jungen Bundesnachrichtendienstes aufgetaucht und wieder verschwunden zu sein, ohne einen erkennbaren Schaden angerichtet zu haben."

Als nun 2005 Critchfields Erinnerungen an seine Zeit in Pullach in einem BND-nahen Verlag auf deutsch erschienen, verschwand in der Übersetzung pikanterweise ein Hinweis auf den "Schlächter von Lyon", Klaus Barbie, während Geheimdienstler Wieck das Critchfield-Werk mit einer Einleitung absicherte: "Der polemische Ansatz seiner Kritiker in den USA, unter ihnen Timothy Naftali, bildet keinen guten Nährboden für eine nüchterne Analyse der Gesamtumstände der unmittelbaren Nachkriegszeit."

Er kümmerte sich um jeden einzelnen Fall

Ein solcher Gesamtumstand hieß Hans Globke. Seit Gründung der Bundesrepublik war der Kommentator der Nürnberger Rassengesetze aus dem Innenministerium des NS-Staates zunächst als Ministerialdirigent, dann als Staatssekretär die rechte Hand des Kanzlers. Ohne Globkes umfassende und weitreichende Personalkenntnisse hätte sich Adenauer nicht so lange halten können. Globke nahm die erste offizielle Verbindung zu dem mit seinen Agenten in Pullach für die CIA arbeitenden ehemaligen Hitler-General Reinhard Gehlen auf. Der behielt ihn in bester Erinnerung: "Ich fand sofort einen guten Kontakt und gewann den Eindruck, dass er die Bedeutung meiner Organisation richtig einschätzte."

Solche Gesamtumstände verdienen Beachtung, wenn in der vergangenen Woche Professor Naftali ohne Genehmigung des BND in Washington nach dem Studium von CIA-Akten erneut an die Öffentlichkeit ging und erklärte, dass die Regierung Adenauer schon 1958 - zwei Jahre vor den Israelis - wusste, unter welchem Namen sich Adolf Eichmann, der Organisator des Judenmordes, in Argentinien versteckte, und dass auch die vom BND informierte CIA nichts unternahm, um ihn festzunehmen. Beide Dienst hatten schließlich die Gesamtumstände zu würdigen, also entfernte CIA-Chef Allan Dulles aus den Aufzeichnungen Eichmanns einen Hinweis auf Hans Globke.

Wäre dies nicht geschehen, als das US-Magazin Life 1960 die Eichmann-Aufzeichnungen veröffentlichte, wäre es für den unentbehrlichen Globke und vielleicht auch für seinen Dienstherrn schwierig geworden. Ex-BND-Chef Wieck hat Recht, wenn er in seiner Einleitung zu Critchfields Pullach-Memoiren die von Anfang an entwickelte "dauerhafte transatlantische Zusammenarbeit" würdigt. Adenauer wollte und konnte verhindern, dass es zu einer direkten Belastung Globkes durch Eichmann kam. Erst durch einen Hinweis des hessischen Generalstaatsanwalts Fritz Bauer war der Mossad 1960 auf Eichmanns Spur in Argentinien gekommen. Dieser Fritz Bauer, der auch den Auschwitz-Prozess in Gang gesetzt hatte, wurde 1968 tot in seiner Badewanne aufgefunden. Selbstmord hieß es seinerzeit.

Gesetze, die nach Auschwitz führten

"Wer die Geschichte der Ära Adenauer würdigt, kann an Hans Globke nicht vorbeigehen", schrieb Heinrich Krone, langjähriger Fraktionsvorsitzender der Union im Bundestag, und Karl Gumbel, Globkes Nachfolger im Kanzleramt, bestätigte: "Adenauer hatte Globke in Personalsachen praktisch freie Hand gelassen." So war die Renazifizierung der Bundesrepublik mit bewährten NSDAP-Mitgliedern weit mehr Globkes als Adenauers Verdienst. Gumbel: "Globke kümmerte sich um jeden einzelnen Fall, selbst wenn es um die Besetzung von Stellen mit einfacheren Tätigkeiten ging, und entschied persönlich."

Dabei vergaß Globke nie die alten Kollegen aus dem Reichsinnenministerium. Wie es nach 1933 in diesem Hause zuging, und was sein Chef, Innenminister Wilhelm Frick (er fand sein Ende am Strick von Nürnberg) alles anordnete, war Globke nicht entgangen. "Es ist mir bekannt gewesen, dass Frick verantwortlich für die Tötung der Geisteskranken war", sagte er 1946 als Zeuge im Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess aus. Frick wiederum hatte Globke 1938 jenes vorzügliche Zeugnis ausgestellt, das ihn lebenslänglich begleitete: "Oberregierungsrat Globke" - heißt es da - "gehört unzweifelhaft zu den befähigtsten und tüchtigsten Beamten meines Ministeriums." Es folgte ein Lob, das der Belobigte nach 1945 bescheiden bis bestürzt zurückwies: "In ganz hervorragendem Maße ist er an dem Zustandekommen der nachstehend genannten Gesetze beteiligt gewesen: a) des Gesetzes zum Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre vom 15. September 1935, b) des Gesetzes zum Schutz der Erbgesundheit des deutschen Volkes (Erbgesundheitsgesetz) vom 18. 10. 1935, c) des Personenstandgesetzes vom 3.11.1937, d) des Gesetzes zur Änderung der Familiennamen und Vornamen."

Gesetze, die nach Auschwitz führten. Globke hatte nach 1945 nur zugegeben, die nun einmal im C.H.Beck-Verlag gedruckt vorliegenden Kommentare zu diesen Gesetzen geschrieben zu haben. Er verschwieg, dass er schon vor der Machtübernahme Hitlers im Preußischen Innenministerium anordnete: "Bestrebungen jüdischer Personen, ihre jüdische Abkunft durch Ablegung oder Änderung ihrer jüdischer Namen zu verschleiern, können daher nicht unterstützt werden."

Natürlich gibt es skeptische Stimmen zu den neuerlichen CIA-Funden. Sven Felix Kellerhoff etwa, Chef-Historiker der Welt, hat an der Leipziger Universität einen jungen Historiker namens Erik Lommatzsch ausgemacht, der mit Hilfe der CSU nahen Hanns-Seidel-Stiftung eine korrekte politische Biografie Globkes als Dissertation erarbeitet. Lommatzsch wisse aus seinen Recherchen: "Hans Globke und Adolf Eichmann haben sich nicht gekannt und nicht kooperiert; also konnte Eichmann auch nichts Belastendes über Globke aussagen."

Nicht kooperiert? Ein Beispiel aus dem Westberliner Telegraf, in dem am25. März 1956 zu lesen war: Eine Frau W., in einer Dienststelle des Oberkommandos des Heeres beschäftigt, suchte seit November 1939 auf Empfehlung eines NSDAP-Reichstagsabgeordneten wiederholt den "zuständigen" Herrn in Innenministerium, Hans Globke, auf, weil ihre Verwandten im besetzten Posen Schwierigkeiten wegen ihrer "Volkstumszugehörigkeit" hatten. Globke war erbost, dass sich Frau W. für "Polacken und Katholiken" einsetzte. Als sie schließlich im März 1940 ihre Mutter nach Berlin holte, wurde sie zur "Evakuierungsstelle für Polen und Juden" des SD in die Kurfürstenstraße 116 bestellt. Dort saß Adolf Eichmann und teilte ihr mit, gegen sie habe eine "hohe Instanz" Beschwerde erhoben. Vor ihm lag ein von Globke unterzeichnetes Schreiben. Eichmann untersagte Frau W., sich weiter um die "Polacken" zu kümmern. Als die trotzdem Globke nochmals bedrängte, wurde sie wieder von Eichmann vorgeladen und unter Androhung von Strafen scharf gerügt.

Gegen diese, ihm bekannt gewordene Darstellung im Telegraf hat Globke nichts unternommen. Empört hatte er zuvor allerdings einen anderen Bericht, der seinen Aufstieg im Bonner Staat zu erklären versuchte, im gleichen Blatt berichtigen lassen: "Er habe sich Dr. Kempners [des US-Anklagevertreters in Nürnberg] Entlastung nicht dadurch verdient, dass er Kriegsverbrecher außerordentlich stark belastet und auch Material gegen sie herbeigeschafft habe. Auch habe er keine Mitteilungen über verborgene, zum Teil eingemauerte Aktenlager [an die Nürnberger Gerichtsbehörden] weitergegeben." Er habe also keinen Kameradenverrat an den im Hauptkriegsverbrecherprozess Angeklagten begangen - darauf allein legte er Wert.

40 Seiten Eichmann über Globke

Eichmanns Anwalt beim Prozess in Jerusalem wurde Dr. Robert Servatius, in Nürnberg Verteidiger des zum Tode verurteilten "Generalbevollmächtigten für den Arbeitseinsatz", Fritz Sauckel. Eichmanns Brüdern, die sich Sorgen um die Bezahlung machten, gab Servatius zu verstehen, sein Honorar sei nicht ihr Problem. Er erhalte sachdienliche Unterstützung von der "Zentralen Rechtsschutzstelle des Auswärtigen Amtes". Im Kanzleramt lag die Verbindung zum Auswärtigen Amt seit 1955 bei Staatssekretär Hans Globke.

Unter den Dokumenten, die von der CIA nach Streichung einiger Namen inzwischen freigegeben wurden, befindet sich eine Geheimdepesche aus München an den CIA-Direktor vom 28. Februar 1962 (s. Abbildung). Während seines letzten Gefängnisbesuches bei Eichmann habe Verteidiger Servatius das Buch Akten Globke übergeben. Eichmann seinerseits habe ausführlich mit Servatius über Globkes Rolle im II. Weltkrieg gesprochen und ihm einen Teil seiner Erläuterungen in Form von 40 handschriftlichen Seiten übergeben.

Am 7. März 1962 neues CIA-Telegramm diesmal aus Frankfurt an den CIA-Direktor. Anlass: das Buch Akten Globke, das Servatius Eichmann mitgebracht hatte. Neue Nachricht: XY (Name wurde unkenntlich gemacht) gab "uns 40 Seiten Eichmann-Kommentare zu Globke".

Das Buch Akten Globke befindet sich heute im Bücherschrank der wenigen, die 1961 schnell zugriffen, als im Rütten Loening-Verlag der Bertelsmann-Gruppe doch noch das Taschenbuch Dr. Hans Globke - Aktenauszüge, Dokumente erscheinen konnte. Zuvor hatte Adenauers Staatssekretär die Veröffentlichung seiner Nazi-Dokumente vergebens mit einem Antrag auf Einstweilige Verfügung zu stoppen versucht. Gehlens BND soll 50.000 Mark aufgewendet haben, um das Buch zügig vom Markt zu schaffen. Als ein Gericht dann zwei unwesentliche Fehler entdeckte (einen hatte der Verlag durch Kürzung verursacht) und eine Einstweilige Verfügung verhängte, gab Bertelsmann klein bei. Der Konzern unterschrieb, auf eine Neuauflage des Buches zu verzichten. Bonn soll gedroht haben, andernfalls werde keine amtliche Stelle mehr ein Buch dieses Verlages erwerben.

Nun wäre es wichtig, dass der Ex-BND-Präsident wieder einen Brief in die USA schreibt, um die Veröffentlichung der 40 Seiten Eichmann über Globke zu verhindern - falls sie wieder auftauchen.

00:00 16.06.2006

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