Eier in die Luft

Grossmeister der kleinen Form Das Handwerk des Dichters Klaus Merz ist das VerDichten

Das Medienecho zu den Büchern von Klaus Merz mutet beinahe gespenstisch an. In den Kritiken wimmelt es nur so von perlenden Wortgirlanden und exklusiven Sprachbildern. Der Dichter, beispielsweise, lege seine Poesie, heisst es an einer Stelle, "wie ein Schmetterlingsnetz über Augenblicke, auf dass sie über die Länge weniger Sätze verweilen". Derart ringt hier selbst das Kritikerlob um poetische Gestalt. Allerdings nicht zu Unrecht. Die Verdichtung und die Bildhaftigkeit von Merz´ Poesie erschweren eine konventionelle Beschreibung, zugleich animieren sie zu spielerisch rhetorischen Höhenflügen. Bilder, Eindrücke und Emotionen treten so an die Stelle unergiebiger Inhaltsangaben. Dennoch wirkt Klaus Merz´ poetische Form nie elitär.

Seinen Durchbruch hat der 1945 im schweizerischen Aarau geborene Merz 1997 mit dem schmalen Roman Jakob schläft geschafft. Ein Buch, das sowohl profunder wie leichter Lektüre standhält. Die Literaturkritik begrüßte das Buch und die Leserschaft liebt es. Inzwischen sind drei weitere Bücher erschienen, die stilistisch das gesamte Spektrum seines Schaffens umfassen.

Der für Merz´ Verhältnisse beinahe schon opulente Roman Kommen Sie mit mir ans Meer, Fräulein? (1998) zeigte noch einmal die Subtilität seiner Kunst. Auf dem Weg zur Geliebten gerät ein Mann unverschuldet in einen Unfall und wird zur Beobachtung ins Spital verbracht. Hier diktiert er auf Band, was er auf seiner Fahrt beobachtete und was ihm dabei durch den Kopf ging. Dieser Erzählrahmen wirkt konventionell, die Besonderheit steckt in der luziden Erzählweise. Doppelbödig schöne Standbilder, frappante Metaphern, kluge Personenporträts verleihen dieser Prosa ihren unvergleichlichen Charme. Die Sprache strahlt Ruhe aus, doch tückisch verbirgt sich dahinter mehr. In seinen Diktaten erinnert sich der Protagonist an die Pflichttreue und die unerfüllten Hoffnungen seiner Eltern. Sie geleiten ihn in Gedanken zurück in die jüngere Vergangenheit der Schweiz, die noch immer nichts auf ihren Biedersinn kommen lässt.

Im Nachfolgeband Garn (2000) konzentriert sich Merz ganz auf das luzide Sprachbild, die poetische Anspielung, das Wesentliche. Vieles dreht sich hierin ums Fliegen, ums über sich Hinauswachsen, ums Weggehen. Wie bei "lieb Ellen", die eines Dienstags ihren Insektentraum verwirklicht und zu den Artgenossen auf den Teich hinausfliegt. Gleich in dieser ersten, kurz gefassten Geschichte verknüpft sich der Aufbruch zu den Träumen mit der Zurüstung zur Gelassenheit. Später wird es heißen: "Wer guter Hoffnung ist, beharrt auf seiner Richtigkeit".

Vordergründig spielt Merz gerne mit Klischees (etwa "Aus der Schule des Lebens"), doch nur, um ihre Lauterkeit zu enttäuschen: Tagwerk // Hand / anlegen / Ins Bocks- / horn blasen. / Den Hunger stillen. / Und wie die Wörter / alle heißen -. Seine Kürzestgeschichten und Gedichte schwingen sich in Lüfte, ohne den Boden unter den Füßen zu verlieren. Merz liebt die unscheinbare Irritation, die die Neugier anstachelt, die Phantasie der Leser und Leserinnen (und auch der Literaturkritik) in Bewegung versetzt. Wer wie Merz schreibt, muss sich allerdings in der Geduld des Fischers üben, um die feinsten Wörter mit langer Leine aus dem Fluss des Erlebten zu fangen und aufs seidene Garn aufzureihen. "Die Wahrheit greift in einfachen Sätzen um sich", doch plötzlich bricht das Unerwartete, die überraschende Wendung in sie herein: steht der Leopard im Wald, umfängt "die scheue Pranke / wärmeren Lichts" die Schulter und verleiht der Wirklichkeit mit einem Wort einen abenteuerlichen Klang.

Verlässlich bewegt sich diese Poesie auf hohem stilistischem Niveau, selten ist ein Wort zuviel gesetzt. Ungeachtet ihrer Verdichtung aber bleibt sie stets wach nach allen Seiten hin, bewahrt sie etwas schwebend Leichtes, als ob sie sich der "Aufgabe vom Glück" versichern wollte, das der unstete Kaminfeger vergessen hat (Reislauf).

Merz´ poetische Fundsachen oszillieren, ignorieren die Vernunft gemäße Trennung zwischen real und irreal und setzen ihr etwas federleicht Unergründliches entgegen. "Hinterm Horizont legen die Engel / Eier in die Luft." Merz ist ein Großmeister der kleinen Form wie es Günter Eich war, sein Vorbild, an den zweimal in diesem Band erinnert wird. Taubenflug und Maulwurfsgänge: "Sprachen ohne Laut, die nicht erforscht werden". Mit Eich beharrt Merz auf einer poetischen Unordnung der Welt. Und mit einer Reverenz vor ihm knüpft er am Ende den Knoten ins poetische Garn, damit die aufgereihten Worte nicht hinweg und durcheinander kullern: "... Die Welt hört nicht / auf, das muss man lernen."

An dieser Stelle muss an die Bilder erinnert werden, die seit Jahren Merz´ Bücher begleiten. Heinz Egger, ein Freund des Dichters und Vertrauter seiner Dichtung, stellt mehr als nur Illustrationen bereit. Die schemenhaften Pinselätzungen in Garn etwa korrespondieren mit der lyrischen Verdichtung. Ihre gekörnte schummrige Struktur deutet an und lässt zugleich der Phantasie alle Möglichkeit offen. Sei es die, ein Paradies auf Erden vorzustellen.

Im jüngsten Erzählband Adams Kostüm steht das Personal dazu bereit. Doch das Paradies auf Erden schließt das Verlieren mit ein. Dass Adam nicht bei Evelin bleibt, dafür trägt die Dorfgemeinschaft Mitschuld. Schon immer war Adam der gehänselte Sonderling, den "niemand vermisste", wie er auf einmal weg war. Zuerst weggeschlossen, dann ausgeflogen. Nur Evelin fehlt er. Auch sie ist stets anders gewesen, doch ihre blühende Erscheinung hat sie vor Hohn und Spott geschützt. Auch als sie neun Monate nach Fasnacht ein Mädchen zur Welt bringt. Einen Vater gibt es nicht. Doch wurde nicht beobachtet, wie ein geheimnisvoller Mönch während des Maskenballs zu Evelin in die Dachkammer schlich? Ein Krug ging dabei freilich nicht in die Brüche.

Evelin verlässt die Schule vorzeitig und lässt ihre Verehrer in der Klasse vergeblich auf einen Schlusstanz hoffen. Mit Unterstützung des Vaters eröffnet sie einen Kostümverleih: "Adams Kostüm". Damit vergehen die Jahre, auch das Kind vermisst den abwesenden Vater. Wer das Paradies in sich trägt, dem aber kann es nicht genommen werden. Evelin fühlt sich einsam und frei. Diese Disparatheit der Gefühle kennzeichnet den ganzen Erzählband. Ungebunden und verlassen, dazwischen ein beredtes Schweigen. Merz macht daraus keine große Affäre. Er zieht das subtile Spiel mit leisen Ahnungen und Fingerzeigen vor. Jedes Wort ist wohl abgewogen, die Liebe zur Sprache vorbehaltlos.

Davon zeugen ganz besonders die oft verblüffenden Sprachbilder, die mit wenig Worten immer wieder Tore zu ganzen Romanen aufstoßen. Zusammen mit dem fein gesponnenen Motivnetz und dem perfekten Sprachrhythmus halten sie die fragile, tückisch luftige Prosa wie mit unsichtbarem Garn zusammen. Kaum merklich nur öffnen sich Haarrisse. "›Niemand da?‹, rief Evelin, die von der Schule nach Hause kam, in die leere Saalhälfte hinein. Koni nickte." Auf den Zuruf seiner Tochter antwortet der Vater mit unangemessenen Mitteln. Unbemerkt, unbewusst schlägt die Kommunikation fehl. Klaus Merz´ drei zauberhafte Liebesgeschichten sind unterlegt mit einer heiteren Melancholie, die Abgründe der Einsamkeit gepolstert mit kleinen Glückserfahrungen. An diesen hält sich Evelin fest, bis dereinst ihr Geliebter zurückkehren würde. Ihr Vater jedoch hegt keine derartige Hoffnung mehr.

Auf vollkommen schlichte, bestechende Weise schildert Klaus Merz diesen Zustand der gelinden Entfremdung. Es geschieht kaum Dramatisches, und wenn, dann wohl versteckt, weil die gute Gesellschaft zu trägem Gleichmut verpflichtet. Gerade was das Glück betrifft.

Dieser Eindruck trifft auch auf die erste Geschichte, Fast Nacht, zu. Diskret erzählt sie, wie sich die Bande zwischen Patient und Psychiaterin unbotmäßig verschlingen. Kritik provoziert einzig die dritte, kürzeste Erzählung Zugzwang. Ein Mann und eine Frau begegnen sich im Speisewagen und kommen ins Plaudern. Genauer: Sie kommunizieren mit derselben, wohl abgezirkelten Präzision. Mit dem Effekt, dass ihr Dialog den Charakter eines etwas überkandidelten Rezitativs erhält. So schön ihre Beziehung angedeutet ist. Die zehntausend Bücher ihrer Bibliothek, zitiert hierbei die Frau einen ungenannten Dichter, seien "Söhne und Töchter der Sehnsucht des Lebens nach sich selbst". Den Umfang von zehntausend Bänden werden Klaus Merz´ literarische Miniaturen sicherlich nie beanspruchen. Aber einen schönen Teil davon wiegen sie auf.

Klaus Merz: Kommen Sie mit mir ans Meer, Fräulein? Roman. Haymon Verlag, Innsbruck 1998, 126 S., 14,40 EUR
Garn. Prosa Gedichte. Mit 6 Pinselätzungen von Heinz Egger. Haymon Verlag, Innsbruck 2000, 94 S., 14,40 EUR
Adams Kostüm. Drei Erzählungen. Mit Zeichnungen von Heinz Egger. Haymon Verlag, Innsbruck 2001, 92 S., 14,40 EUR

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00:00 18.01.2002

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