Eigene Geschichte

Literatur Zwei Bücher erzählen von andauernden Kämpfen der First Nations Nordamerikas
Eigene Geschichte
Martha Martinez vom Volk der Lakota pflegt die Haare ihres Sohnes Jeffrey – für ihn ein Zeichen seiner Kultur

Foto: Alessandra Sanguinetti/Magnum Photos/Agentur Focus

November 1969, die Bucht von San Francisco. Die frühere Gefängnisinsel Alcatraz wird zum Schauplatz einer spektakulären Protestaktion. Nachdem das Indian Center der kalifornischen Metropole abgebrannt ist, macht sich eine Schar indigener Studierender auf, um das verwaiste Fleckchen Land zu besetzen. Unter dem Namen „Indianer aller Stämme“ veröffentlichen die zeitweise bis zu 400 Okkupanten aus 50 verschiedenen Stammesgruppen eine satirische Proklamation, in der sie sich zu Entdeckern der Insel erklären und den „kaukasischen“, sprich: euroamerikanischen, Bewohnern anbieten, sie mit Glasperlen und Tuch zu entschädigen. Außerdem stünde ihnen frei, einen kleinen Teil der Insel zu behalten – „solange die Sonne aufgeht und die Flüsse sich ins Meer ergießen“.

Parodie auf den Landraub

Es handelte sich um eine Parodie auf jene Schriftstücke, mit denen die europäischen Kolonisatoren und ihre Nachfahren dem von ihnen begangenen Landraub einen rechtmäßigen Anstrich gaben. Während der 19 Monate dauernden Besetzung publizierten die AktivistInnen eine eigene Zeitung, gründeten ein Kulturzentrum und eine Polizeitruppe, die sie „Büro für kaukasische Angelegenheiten“ nannten. Die Aktion gab den Startschuss für eine Vielzahl ähnlicher Proteste der First Nations, Medien in der ganzen Welt berichteten.

Die wichtigste Organisation des Widerstands wurde das bereits im Jahr zuvor gegründete American Indian Movement. Zum Vorbild nahm man sich die teils militanten Aktionen der Black Panther gegen rassistisch motivierte Polizeiwillkür. Doch obwohl man im Kampf gegen Diskriminierung und für Chancengleichheit partiell mit der Bürgerrechtsbewegung zusammenarbeitete, verfolgte man durchaus unterschiedliche Ziele. Denn die indigenen Aktivisten verlangten, dass ihre Stammesgruppen von den USA als souveräne Nationen behandelt und die zwischen ihnen und dem Staat im 18. und 19. Jahrhundert geschlossen Verträge eingehalten werden.

Ein großes Verdienst des von der Historikerin Heike Bungert verfassten Buchs Die Indianer. Geschichte der indigenen Nationen in den USA besteht nun darin, dass es der Autorin gelingt, deutlich zu machen, wie tief das Streben nach politischer Selbstbestimmung historisch in der wechselhaften Beziehung zwischen Kolonisatoren und insgesamt mehr als 600 indigenen Nationen verankert ist. Nur vor dem Hintergrund des besonderen staatsrechtlichen Verhältnisses, das zwischen der US-Bundesregierung und diesen zum Teil kulturell, politisch und ökonomisch sehr unterschiedlich ausgeprägten Gemeinschaften besteht, lässt sich verstehen, warum diese bis heute der Gesetzgebung der Einzelstaaten, auf denen sich ihre Reservationen befinden, nicht unterworfen sind. Dabei hat jedes dieser Gemeinwesen eine eigene Geschichte, die von Unterdrückung, Anpassung, internen Zwisten und kulturellen Renaissancen geprägt ist.

Die meisten deutschsprachigen Sachbücher, die sich mit einer Darstellung der Geschichte der Indianer Nordamerikas befassen, enden mit der Erschließung des „Wilden Westens“. Bunge hingegen zeigt, wie die Auseinandersetzungen um Landrechte und Selbstbestimmung während des gesamten 20. Jahrhunderts fortgesetzt werden und bis heute andauern. Allerdings kämpfen die heutigen Indigenen nur noch selten mit der Waffe, sondern nutzen – wie allerdings zuweilen auch schon vor 150 Jahren – die juristischen Mittel, die ihnen der Rechtsstaat zur Verfügung stellt.

Viel von dem Unrecht, das Angehörigen ihrer Gemeinschaften widerfuhr, ist zum Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen geworden. Eine zentrale Rolle spielt dabei der Versuch, die „Wilden“ mithilfe spezieller Erziehungsinstitute zu „zivilisieren“. Man schuf Internate, in denen die Kinder indigener Familien zu „Bürgern“ gemacht werden sollten. Sie wurden in Schulen unterrichtet, die von der jeweils eigenen Reservation möglichst weit entfernt waren. Man verbot ihnen das Sprechen der Muttersprache, schnitt ihnen die Haare ab und unterzog sie teils drastischen Strafen, wenn sie den Anordnungen nicht Folge leisteten.

Missbrauch im Internat

Im bis in die 1990er Jahre bestehenden System der Residential Schools in Kanada ging es ähnlich zu. „Wenn man sie in der Familie lässt“, zitiert der Journalist Gerd Braune in seinem Buch Indigene Völker in Kanada. Der schwere Weg der Verständigung einen für das Ausbildungssystem in den 1980er Jahren verantwortlichen Minister, „lernen sie vielleicht lesen und schreiben. Aber sie bleiben dennoch Wilde. Wenn man sie in der vorgeschlagenen Weise von den Eltern trennt, nehmen sie die Sitten und Vorlieben zivilisierter Menschen an.“

Erst in jüngerer Zeit wurde bekannt, wie groß das Ausmaß an sexuellem Missbrauch war, dem die Kinder ausgesetzt waren. „Viele Probleme indigener Gemeinden – zerstörte Familien, Alkohol- und Drogenmissbrauch und Gewalt – werden heute auch auf die Residential Schools zurückgeführt. Denn die Schulen richteten unermesslichen Schaden an, indem sie über mehrere Generationen Familien- und Gesellschaftsstrukturen zerstörten.“ Auch sein Buch schildert den historischen Hintergrund der Probleme, mit denen Indigene es gegenwärtig zu tun haben. Durch Recherchereisen und zahlreiche Gespräche gelingt Braune eine Nahsicht auf die gegenwärtigen Kämpfe der First Nations, Inuit und Métis. Bei letzteren handelt es sich um die Nachfahren von indigenen Frauen und europäischen Pelzjägern, die eigene Gemeinschaften gründeten.

Info

Indigene Völker in Kanada. Der schwere Weg der Verständigung Gerd Braune Christoph Links Verlag 2020, 272 S., 20 €

Die Indianer. Geschichte der indigenen Nationen in den USA Heike Bungert C.H. Beck 2020, 286 S., 16,95 €

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