Eigenes Vorwissen: null

Die Ratgeberin Wie einfach könnte das Leben mit einem didaktisch bereits vorreduzierten Internet sein, das verfeinerte Suchen für jeden beliebigen Gehirnzustand anbietet
Susanne Berkenheger | Ausgabe 14/2018 34
Eigenes Vorwissen: null
Begrenzt suchfähig

Foto: Peter Sandbiller/Imago

Der Sohn kämpft mit einer Präsentation für die Schule, ich schwitze über einer Seminararbeit, weil ich gerade wieder studiere. „Das Komische ist“, sage ich zum Sohn, „dass ich ja vor mehr als einem Vierteljahrhundert schon unendlich viele Seminararbeiten geschrieben habe. Keine kam mir je so strapaziös vor wie diese hier. Ganz im Gegenteil.“ Für den Sohn ist der Fall klar: „Damals hattest du noch mehr Gehirnzellen.“

„Pff!“, sage ich. „Ist doch so“, sagt er. Mit meinen wenigen noch verbliebenen Gehirnzellen überlege ich, ob er vielleicht recht hat, werde aber unterbrochen. Denn jetzt soll ich – trotz meiner geringen Hirnmasse – erklären, wie genau sich die Funktionsweise eines monostabilen von der eines bistabilen Relais unterscheidet. Man brauche das für die Präsentation. Im Internet stehe nichts dazu drin und immer, wenn das passiert, werde ich gefragt. Einerseits schmeichelhaft, wenn man für gebildeter als das Internet gehalten wird, andererseits ... „Moment, ich guck mal“, sage ich und google also los, um erst mal rauszukriegen, was ein Relais überhaupt ist.

Immerhin kann ich dafür auf eine große, ja übergroße Erfahrung im Googeln zurückgreifen, mithilfe derer ich mir den Ruf erworben habe, gebildeter als das Internet zu sein. Der Sohn mag zwar ein Digital Native sein, aber ich bin doch schon lange vor seiner Geburt zugezogen. So hier: Relaistypen monostabil bistabil Unterschiede: 15.500 Suchergebnisse. Übersichtlich! Ich gucke mir die ersten zehn vernünftig erscheinenden Seiten an und verstehe nichts, überhaupt nichts! Nur eins: Diese Relaissache scheint die Gemüter mächtig zu erhitzen. Die Foren quellen über davon, offenbar handelt es sich um ein recht aufregendes Debattenthema. Aufgrund der entweder kryptisch oder wahnwitzig ausdifferenzierten Debattenbeiträge vermute ich: Nerds!!! Das bedeutet auch: Ich habe keine Chance. Ich werde nichts verstehen. Verschwendete Zeit. Kleinlaut werde ich es dem Sohn gestehen, sobald er seine tieftraurig klingenden Whatsapp-Nachrichten zu neuen Relais-Internetfunden der Arbeitsgruppe abgearbeitet hat. In der Zwischenzeit google ich mal was für meine Seminararbeit, nämlich: „Didaktische Reduktion“. Das ist vielleicht simpel! Wikipedia lässt keine Fragen offen: „Es geht um die Methode, eine komplexe Wirklichkeit zu vereinfachen, zu reduzieren, um eine schülergemäße Präsentation des jeweiligen Lerninhaltes zu ermöglichen. Die Didaktische Reduktion führt dabei komplexe Sachverhalte auf ihre wesentlichen Elemente zurück, um sie für Lernende überschaubar und begreifbar zu machen.“ Holla, das ist doch genau das, was der Sohn gerade macht – für die Präsentation! Oder zumindest versucht, zu machen: Teile des komplexen Internets auf schülergemäße Folien zu reduzieren. Diese Folien werden dann oft dem Internet wieder eingespeist und machen es noch komplexer, weil keiner weiß, ob da richtig reduziert wurde. Absurd.

Dabei könnten wir es so viel einfacher haben: mit einem didaktisch bereits vorreduzierten Internet, das verfeinerte Suchen für jeden beliebigen Gehirnzustand anbietet. Wie super wäre das denn: Die Google-Suchtools „Land“, „Sprache“, „Zeit“ werden ergänzt durch die Anwenderspezifikationen „Eigenes Vorwissen“ und „Aktuelle Gehirnkapazität“. In Nullkommanix hätte ich die Relaisfrage geklärt: „Eigenes Vorwissen: null“, „Aktuelle Gehirnkapazität: eingeschränkt“ und ... Hast du es rausgekriegt?“, will der Sohn jetzt wissen. „Gleich!“, sage ich.

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