Eigentlich begreiflich

Psychogramm Klaus Theweleit erklärt in „Das Lachen der Täter“, warum Massenmörder beim Demütigen und Töten Hochgefühle empfinden
Eigentlich begreiflich
Der Norweger Anders Behring Breivik erschoss 2011 auf der Ferieninsel Utøya 69 Menschen

Foto: Odd Andersen/AFP/Getty Images

Nicht nur Kulturhistoriker loben ausdrücklich und immer wieder Klaus Theweleits Erstling Männerphantasien: Das zweibändige Werk von 1977/78 habe den Nationalsozialismus nicht als politische Ideologie, sondern als eine spezifische Fühlweise analysiert und daher auf besondere Weise zum Verständnis deutscher Geschichte beigetragen.

In seinem neuesten Buch befasst sich der inzwischen 73-jährige Kulturtheoretiker und Schriftsteller mit der Gegenwart, genauer: mit Typen wie dem Norweger Anders Breivik, der auf der Ferieninsel Utøya 69 Menschen erschossen hat. Breivik soll während seines Anschlags unentwegt gegrinst haben, das berichten Überlebende. Diese Geschmacklosigkeit ist kein Einzelfall, führt Theweleit in der furios montierten Anfangspassage seines Buchs vor Augen. Breivik ist exemplarisch. Wenn Menschen andere Menschen misshandeln, dann mit Spaß an der Sache. Aber ist diese Entdeckung außergewöhnlich? Fügt sie unserem Wissen über Gewalt etwas hinzu?

Die seelische Dimension

Der Historiker Sönke Neitzel und der Soziologe Harald Welzer haben in ihrem Buch Soldaten Aussagen deutscher Offiziere des Zweiten Weltkriegs untersucht, deren Gespräche in britischer Gefangenschaft heimlich abgehört und protokolliert worden sind. Da wird viel über die sogenannte Ostfront geredet, auch über eine Wehrmachtseinheit, die Hunderte sowjetischer Frauen liquidiert und ihre toten Leiber dann – lachend und feixend – sexuell missbraucht hat. Perversitäten dieser Art, konstatieren Neitzel und Welzer, lagen zwar nicht im Zentrum der Soldatenmentalität, aber doch im Rahmen dessen, was man als übliche Kriegsarbeit auffasste. Diese Interpretation missbilligt Theweleit, der anmerkt, dass die beiden Wissenschaftler bei den Wehrmachtssoldaten glatt deren verhaltenseigene Tötungslust übersehen haben.

Mit dieser Beobachtung steht Theweleit nicht allein da. Michel Wieviorka etwa, ein hochangesehener französischer Soziologe, kritisiert in einem Band des Hamburger Instituts für Sozialforschung die heutige Gesellschaftswissenschaft. Diese sei so sehr auf abstrakte Strukturprozesse fixiert, dass sie mit der körperlich-seelischen Dimension menschlicher Existenz gar nicht mehr rechne. Das Ergebnis sei eine bedrückende Unkenntnis über Gewaltentstehung.

Da kann jemand wie Theweleit, der sich sein Denkerleben lang immer auch an der Psychoanalyse orientierte, in der Tat weiterhelfen. Eine seiner Kernaussagen in Das Lachen der Täter: Wer meint, Leuten wie Breivik oder Dschihadisten könne man mit Argumenten beikommen, liegt falsch. Das von ihnen propagierte Gedankengut sei oberflächlich und austauschbar; maßgeblich sei vielmehr die psychische Disposition. Homöostase nennt Theweleit den Zustand, den dieser Mördertypus sucht wie die Motte das Licht. Zu ihm hin führt das Auskosten höchster Macht über andere. Demütigen und Töten schaffen ein Hochgefühl, das sich dann in exzessivem Gelächter Bahn bricht. Dazu kommt: Der „moderne Killer“ besitzt kein Unrechtsbewusstsein. Im Gegenteil, er lässt eine Öffentlichkeit im Internet daran teilhaben. Je mehr Zuseher, desto lustiger erscheint ihm das Drangsalieren, desto machtvoller ist seine Ich-Empfindung.

Welche Haltung sollte die Gesellschaft nun laut Theweleit gegenüber diesen Tätern einnehmen? Unumgänglich sei eine Änderung der Blickrichtung. Massenmorde und Massenmörder sind keinesfalls unbegreiflich. Wer das denkt, macht es sich gemütlich, schiebt das Phänomen weit von sich weg. Theweleit zitiert gegen Ende seines Buchs den Bielefelder Konfliktforscher Wilhelm Heitmeyer. Der hat beobachtet, dass die Abwertungshaltung der Ober- gegenüber der Unterschicht in unserer Gesellschaft seit etwa dem Jahr 2000 stark zunimmt. Oben orientiere man sich gänzlich an Maßstäben kapitalistischer Nützlichkeit und kapitalistischen Erfolgs, leugne somit die Gleichwertigkeit von Menschen, verweigere Solidarität. In der Folge wachse die Zahl derer, bei denen instabile Verhältnisse, Anerkennungsmangel, Richtungslosigkeit den Alltag bestimmten. Es ist jene „gewaltförmige Desintegration“, die in krisengeplagten islamischen Staaten beobachtet wird. Diese Desintegration wird als Hauptursache angeführt, weshalb sich dort, wie immer häufiger auch hierzulande, junge Männer dem Dschihad verschreiben.

Intellektualität, hat Imre Kertész, Autor des exzellenten und bestürzenden Roman eines Schicksallosen, einmal geschrieben, sei dazu da, die Zerstörungstriebe der Menschen erkennbar zu machen und über den Weg des Denkens, so gut es geht, einzudämmen. Ebendieses Motiv bestimmt Theweleits Text. Er überlässt es dem Leser, aus der Fülle seiner Befunde Schlüsse zu ziehen, zu ergründen, wie unser aller Zusammenleben gestaltet sein müsste, damit dieser Drang zur Macht, zur Peinigung anderer zurücktritt. Wer Das Lachen der Täter aufmerksam liest, findet darin reichlich Anregung für den notwendigen Umbau der Welt. Damit den Tätern das Lachen im Halse stecken bleibt.

Info

Das Lachen der Täter: Breivik u. a. Klaus Theweleit Residenz-Verlag 2015, 248 S., 22,90 €

06:00 27.05.2015
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