Eigentlich ein perfektes Land

Norwegen Wie alle skandinavischen Länder gilt Breiviks Heimat bei uns als progressiv. Aber wissen wir wirklich, wie es dort zugeht?

Norwegen ist das perfekte Land. Ein Paradies. Davon ist Michael Moore überzeugt. Sonst wäre er gar nicht hierher gekommen. 2006 besuchte der Dokumentarfilmer für seinen Film Sicko die norwegische Hauptstadt Oslo, um seinen amerikanischen Landsleuten mal wieder vor Augen zu führen, wie durch und durch krank die Vereinigten Staaten doch seien. Moore blieb nicht lange, er wusste schon vorher, was er zeigen wollte: den sozialen Wohlfahrtsstaat, ein funktionierendes Gesundheitssystem, Ölreichtum, ja, überhaupt glückliche Menschen, Vernunft, das Gute.

Zweifellos taugt Norwegen als Anschauungsobjekt für all das. Selbst in Zeiten der Finanzkrise erwirtschaftet das Land solide Haushaltsüberschüsse, es hat keine Schulden und wartet stattdessen mit einer rekordverdächtig niedrigen Arbeitslosenquote von drei Prozent auf. Riesige Öl- und Gasvorkommen vor der Küste des Landes spülen seit Jahren ungeheure Summen in die Kassen. Der durch Einkünfte aus dem Verkauf fossiler Brennstoffe gefütterte Staatsfonds ist inzwischen auf 450 Milliarden Euro angewachsen. Ein Betrag, so unvorstellbar wie der Gedanke, dass sich mit so viel Geld nicht alle Probleme eines Landes mit nur fünf Millionen Einwohnern lösen ließen.

Solche Tatsachen machen Norwegen zu einem lebenswerten Ort. Sie verblenden jedoch auch und erzeugen einen allenfalls naiven Blick auf das Land. So erging es Michael Moore, der für seinen Film diesen naiven Blick absichtlich noch verschärfte. So ergeht es auch Beobachtern und Delegationen aus Deutschland, die den skandinavischen Ländern traditionell in allen Bereichen Beispielhaftigkeit zuschreiben. Aber auch Norweger berauschen sich bisweilen an sich selbst und übersehen dabei schon mal, dass auch in einem Paradies Unzufriedenheit gedeihen kann.

So viel Geld, keine Probleme?

Als im April 2008 die neue Oper in Oslo eröffnet wurde – übrigens fünf Monate eher als geplant –, ließ sich Angela Merkel nicht nur zu einem besonders tiefen Dekolleté hinreißen, auch der Rest der Welt zollte Norwegen Respekt für einen 520 Millionen Euro teuren Koloss aus italienischem Carrara-Marmor. Heute ragt er in Form einer riesigen Eisscholle aus dem Hafenbecken, hat monumentale Züge, ohne jedoch protzig zu wirken und steht vielleicht wie kein zweites Bauwerk für die Prosperität des Landes.

Nur 200 Meter Luftlinie entfernt, gleich hinter dem Hauptbahnhof, liegt Grønland, ein Stadtteil, in dem man sich für Opern nur wenig interessiert. Grønland ist eines der ärmsten Viertel Oslos und fristet ein stiefmütterliches Dasein im Schatten des Wohlstandes und der Prestigebauten. Bis zur Altstadt mit Grand Hotel, Parlament, dem königlichen Schlosspark, der Halvorsens Konditorei mit Holzvertäfelung und der Tasse Kaffee für acht Euro ist es von da nur einige Gehminuten. Die Bewohner Grønlands aber wird man dort kaum finden. Sie bleiben in Grønland, wo sich Geschäfte mit Oliven, Pita-Brot und Humus in den Auslagen aneinanderreihen und überall kleine Telefonläden zu finden sind, die mit günstigen Gesprächen ins Ausland werben. Viele der Bewohner kommen aus Pakistan, Somalia oder Marokko. Bei 40 Prozent liegt der Ausländeranteil hier.

Grønland ist spannend, inspirierend und farbenfroh. Für Jens Stoltenberg und seine regierende Arbeiterpartei ist der Stadtteil das beste Beispiel für eine gelungene Integrationspolitik, die allen Einwohnern Norwegens ungeachtet ihrer Herkunft gleiche Chancen auf Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ermöglichen will, ohne den Einwanderern ihre kulturelle Identität zu nehmen. Grønland ist aber auch ein Ghetto, weil ein Austausch mit dem Rest der Bevölkerung kaum stattfindet. Für die Rechtskonservativen ist das Viertel deshalb, anders als für Stoltenberg, das beste Beispiel für eine gescheiterte Integrationspolitik. Hier könne man, sagen sie, wie an keinem anderen Ort jenes kulturelle Laisser-faire beobachten, das dazu beiträgt, dass die homogene Gesellschaftsstruktur unterwandert wird.

Beide Meinungen existieren in Norwegen nebeneinander. Damit unterscheidet sich das Land nicht von seinen europäischen Nachbarn. Doch anders als in der Schweiz, den Niederlanden oder Dänemark, wo Parteien, die gegen islamische Überfremdung hetzen, inzwischen Zugang zu politischer Mitbestimmung gefunden haben, fehlt hier dieses Ventil. Zwar erreichen rechtskonservative Parteien bei Wahlen regelmäßig Stimmenanteile von 20 Prozent. Trotzdem haben sie bisher keinen Koalitionspartner gefunden, weil sie von der politischen Mehrheitsgesellschaft geschmäht werden.

Asle Toje, den seine Kritiker als intellektuelles Feigenblatt der Rechten bezeichnen, hat in Cambridge in Internationaler Politik promoviert und steht stellvertretend für jene, die sich vom „linken Establishment“, wie er es nennt, ausgegegrenzt fühlen. Toje spricht von einer „Hegemonie der Sozialdemokraten“, die schon viel zu lange währe. Vertreter der sozialdemokratischen ­Arbeiterpartei säßen überall an den Schalthebeln. Für Toje geht es gegen einen „Kulturmarxismus“, den er in der Gesellschaft, in den Medien, aber auch vor allem in der sozialdemokratischen Arbeiterpartei ausgemacht haben will.

Toje hält eine multikulturelle Gesellschaft für nicht lebensfähig, weil verschiedene Kulturen sich in seinen Augen immer entgegenstehen, nie jedoch einander befruchten. Das denkt nicht nur er. Das denken viele in Norwegen. Solche religiös verbrämten und mit christlich-fundamentalistischem Gedankengut unterfütterten Kulturkampf-Theorien sind seit Jahren auch unter der flauschigen Oberfläche des norwegischen Wohlfahrtsstaates zu finden. Ohne Ventil, das ein langsames Abfließen ermöglichen würde, schlummern sie dort wie zähflüssige Lava, nur um sich dann umso eruptiver den Weg an die Oberfläche zu bahnen.

Und der Staat und seine Bewohner? Können sie nicht verstehen, wie man ihnen nur feindlich gesinnt sein kann? Norwegen nimmt sich der sozial Schwachen an, lebt Offenheit und Toleranz, propagiert eine multikulturelle Gesellschaft und die Gleichberechtigung der Geschlechter. Das Land spart eisern, obwohl es Milliarden auf dem Konto hat, weil es das Geld für kommende Generationen mehren und für die Zeit nach den großen Öl- und Gasvorräten gerüstet sein will. Es gibt keine Todes- oder lebenslange Haftstrafe, weil beides dem eigenen Glauben an das Gute im Menschen entgegensteht. Kurz: Norwegen handelt nach allen Regeln der Vernunft und hat sich dem verschrieben, was heutzutage als progressiv gilt.

Die Regierung aber geht dabei bisweilen so vehement vor, dass es Teilen einer Kultur eigentlich biedermeierlichen Zuschnitts schwer fällt zu folgen. So reicht es nicht, die Gleichberechtigung von Mann und Frau zu fördern, sie wird durch eine Quote erzwungen. Der für Menschen schädliche übermäßige Alkoholkonsum wird durch eine beschränkte Abgabe und ein staatliches Verkaufsmonopol eingedämmt. Und das Nichtraucherschutzgesetz soll angeblich nun sogar auf den Bereich der eigenen vier Wände ausgedehnt werden. Wer könnte schon etwas dagegen haben? Rauchen ist doch ungesund. Auch hält Norwegens Regierung Benzinpreise und Energieabgaben künstlich auf einem im europäischen Vergleich Rekordniveau, obwohl das Land im Erdöl schwimmt und den eigenen Strombedarf komplett mit Wasserkraft decken könnte.

Gleichzeitig kultiviert es einen nationalromantischen Patriotismus, der sich aus einer bewegten Geschichte speist. In ihrem Verlauf verlor das Land mit dem Beginn der Kalmarer Union 1397 seine Unabhängigkeit, erlangte sie erst 1905 wieder, um sie dann während des Zweiten Weltkrieges von 1940 bis 1945 unter Besatzung der deutschen Wehrmacht wieder einzubüßen. Oft wurde der alte Bauernstaat zum Spielball fremder Mächte. Und jetzt, da sich Norwegen mit all dem Ölreichtum ein gewisses Einzelgängertum abseits der EU leisten kann, sprudelt es nur so vor Stolz.

Große Identitätssuche

„Norge“, wie das Land in seiner eigenen Sprache heißt, ist in aller Munde. Die Liebe zu ihm manifestiert sich jährlich am 17. Mai, dem Nationalfeiertag, in einem Meer aus Fahnen mit dem blau-weißen skandinavischen Kreuz vor rotem Hintergrund. Menschen in traditioneller Tracht strömen in Oslo zum königlichen Schloss. Ein für Nicht-Norweger bizarres Schauspiel, zumal dort regelmäßig die skurrile Frage auftaucht, ob an diesem Tag auch noch andere Flaggen neben der Landesfahne geschwenkt werden sollen dürfen.

Dieses Hin und Her zwischen Konservatismus und Libertät, Tradition und Moderne, ist, wenn man so will, die große Identitätssuche Norwegens. Eines Landes, in dem es verboten ist, ein Bier auf offener Straße zu trinken, man aber ungestraft den König beleidigen darf. Mit einer Regierung, die für alle nur das Beste will, bei ihren Entscheidungen aber allzu oft von Vernunft in Dogmatismus umschlägt. „Wir brauchen aber keinen Staat, der uns sagt, was gesund, richtig und wichtig ist“, sagt der rechte Vordenker Toje und vertritt damit eine Meinung, mit der er nicht alleine ist.

Als Michael Moore in Norwegen war, besuchte er auch die Gefängnisinsel Bastøy. Das paradiesische Eiland im Oslofjord beherbergt seit 2001 eine offene Vollzugsanstalt für Drogendealer, Vergewaltiger, Pädophile und Mörder. Ohne Zäune, Mauern und bewaffnetes Wachpersonal. Stattdessen ist es eine malerische Siedlung mit gelben und roten Holzhäusern, einer Kirche, einem Supermarkt, Tennisplätzen und Sandstrand. Die Häftlinge könnten jederzeit fliehen. Sie müssten nur das am Holzsteg vertäute Ruderboot nehmen und zum Festland übersetzen. Es könnte sie niemand daran hindern.

Doch sie tun das nicht. Bastøy ist so, wie vielleicht ganz Norwegen gerne wäre. Ein Ort, an dem niemand das Vertrauen der Obrigkeit missbraucht, weil man einsieht, dass die Regeln kluge Überlegungen zum Wohle aller sind. Moore entschied sich schließlich, Norwegen aus seinem Film wieder herauszunehmen und die Aufnahmen nur als DVD-Bonusmaterial zu verwenden. „Dieses Land ist einfach ein bisschen unheimlich,“ sagte er.

Elmar Jung arbeitet als freier Journalist in Kopenhagen und berichtet von dort aus den skandinavischen Ländern

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09:10 26.04.2012

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