„Eigentlich war alles zu Ende“

Interview Der Roman „Dunkelblum“ von Eva Menasse begleitet die Bewohner eines Dorfs in ihrem Umgang mit den Massakern des Zweiten Weltkrieges. Hier spricht sie über ihr Buch
„Eigentlich war alles zu Ende“
„Einiges der Kritik an der Satire ,Alles dicht machen‘ war hysterisch“

Foto: Friedrich Bungert/SZ Photo/Dpa

Es ist eine dicke Überraschung, dass Eva Menasses neuer Roman nicht auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis auftaucht. Die Schriftstellerin, Essayistin und Wahlberlinerin erzählt darin meisterhaft von einem NS-Verbrechen und seinen Folgen, ohne zur moralischen Aufarbeitungsliteratur zu geraten. Weil sie sich nicht auf das Sensationelle des Moments stürzt, sondern auf das andauernd Alltägliche und so die Lebenslügen einer ganzen Dorfgemeinschaft aufdeckt. Ein Gespräch über Wahrheit, Lüge und den Bundestagswahlkampf als Zumutung.

Zur Person

Eva Menasse, geb. 1970 in Wien, arbeitete zunächst als Journalistin, 2005 erschien ihr Romandebüt, die Familiensaga Vienna . Sie ist die Tochter des Fußballers Hans Menasse, der Autor Robert Menasse ist ihr Bruder. 2019 erhielt sie den Ludwig-Börne-Preis

der Freitag: Frau Menasse, in Ihrem neuen Roman herrscht das dunkle Geheimnis eines Kriegsverbrechens, von dem jeder weiß, aber niemand spricht. Wie in Rechnitz, wo es in den letzten Kriegstagen zu einem Massaker an ungarisch-jüdischen Zwangsarbeitern kam. Ist „Dunkelblum“ ein Rechnitz-Roman?

Eva Menasse: Die historische Recherche hat natürlich bei Rechnitz begonnen. Aber Rechnitz ist nur der spektakulärste Fall einer ganzen Reihe von solchen Ereignissen, die in den letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs im Burgenland und Niederösterreich stattgefunden haben. Das hat mich elektrisiert. Wir zählen heute circa 124 Massaker in dieser Gegend. Alle reden immer über Rechnitz. Aber in der ganzen Region ist etwas mit brutaler Gewalt ausgebrochen, als eigentlich schon alles zu Ende war.

Also kein Rechnitz-Roman?

Dunkelblum ist irgendwie schon ein Rechnitz-Roman, aber auch wieder nicht. Ich habe die gesamte Landschaft fiktionalisiert, die Menschen, einfach alles. Es ging mir darum, die ganze Zeitachse seither in den Blick zu nehmen. Denn nach so einem Verbrechen geht es ja trotzdem irgendwie weiter. Ich wollte wissen, wie die kleinen Leute nach einem solchen Gewaltausbruch weitergelebt haben – ganz unabhängig davon, ob sie sich selbst schuldig gemacht haben oder nicht. Die heutigen Rechnitzer würden wahrscheinlich viel dafür geben, damit jemand endlich dieses Massengrab findet. Man kann Geschichte wohl nicht bewältigen – ein unglückliches Wort –, aber man muss sie zu irgendeinem menschlichen Abschluss bringen. Und das wäre in diesem Fall das Auffinden des Massengrabs. Dann käme dieser Ort zur Ruhe. Das echte Rechnitz steht in der Geschichte da wie ein Fanal. Wenn man wissen will, was passiert, wenn man nicht redet, immer nur schweigt, alles verbirgt und unter Teppich kehrt, dann ist es ein eindrückliches Beispiel.

Immer wieder befassen Sie sich mit dunklen historischen Kapiteln, etwa in „Der Holocaust vor Gericht. Der Prozess um David Irving“. Was reizt Sie daran?

Eben die Rätsel, die ich nicht ergründen kann. Ich mache all das, weil ich etwas herausfinden will. Bei David Irving wollte ich verstehen, wie ein wirklich hochintelligenter Mensch auf so einen Trip kommt. Und ich glaube, verstanden zu haben, dass der das alles gar nicht glaubt. Ich bin relativ sicher, dass der nur ein diabolisches Spiel spielt. Er ist in meinen Augen eher eine Spielerfigur als ein echter Holocaustleugner. Aber natürlich ist meine Auseinandersetzung mit diesen Themen auch ein familiäres Erbe. Ich bekomme diese Geschichte nicht aus mir raus. Vielleicht arbeite ich da auch einen Familienauftrag ab, indem ich mich damit beschäftige.

„Die ganze Wahrheit wird von allen Beteiligten gemeinsam gewusst. Deshalb kriegt man sie nachher nie mehr richtig zusammen“, heißt es im Roman. Hat Literatur die Funktion, historische Wahrheiten und Gewissheiten zu erhalten – vor allem wenn es kaum noch Zeitzeugen gibt?

Literatur hat immer dieselbe Funktion. Sie kann Geschichten erzählen, die Ambivalenzen haben und nicht mit einfachen moralischen Kategorien zu klären sind. All das, was mitschwingt, kann hier mitgeschrieben werden. Das kann zwar auch der Journalismus in seinen erzählenden Formen, aber die Geschichtswissenschaft kann das nicht. Die braucht das aber auch nicht, die will ja das Haltbare, die Fakten. Aber warum Menschen so und nicht anders handeln oder warum einer genau in dem Moment lügt oder die Klappe hält – sozusagen der menschliche Aspekt an allen Taten –, davon kann die Literatur am besten erzählen. Das Personal in Dunkelblum ist erfunden. Trotzdem ist es hoffentlich ein wahrhaftiges Buch – nicht über Rechnitz, aber über Dunkelblum.

Von Ihnen stammt der Satz, dass Kunst in der Spalte zwischen Chaos und Kontrolle entsteht. Wie verhält sich das beim Schreiben?

Bei dem Roman war schon viel Chaos, weil ich nicht gewusst habe, wie ich die Geschichte erzählen und ordnen soll. Aber daraus entsteht vielleicht das atmosphärische Mehr, weil ich immer erst beim Schreiben merke, wo es weitergeht und wie ich es machen muss. Ich mag auch die Kontrolle. Aber das hilft eben nicht, wenn man sich morgens an den Schreibtisch setzt und nicht weiß, wie es weitergeht. Das Spiel ist im Kopf, und da geht es immer hin und her. Wenn ich weiß, wie es weitergeht, dann ist es Handwerk und Kontrolle. Das Schwierige ist die Struktur, und die beginnt immer in einem Chaos, das man ordnen muss.

„Hier ist unser Land noch so, wie es jahrhundertelang war. Darauf können wir stolz sein“, so ein Bewohner von Dunkelblum. Meint der das ernst?

Das ist eine dieser sinnentleerten Floskeln, die die Leute so von sich geben, wenn der Tag lang ist. Dialoge sind mir wichtig, und ich versuche, die Leute so sprechen zu lassen, wie sie eben sprechen. Nur Österreicher werden wahrscheinlich merken, dass dabei auch verschiedene Gesellschaftsschichten abgebildet sind. Es gibt die ganz einfachen Leute, die einen sehr breiten Dialekt sprechen, und es gibt diejenigen, die ein bisschen gebildet sind. Die sprechen auch etwas anders.

Wie wichtig ist beim Schreiben der Abstand zu Österreich und den dortigen gesellschaftspolitischen Verhältnissen?

Total wichtig. Von hier in Berlin Österreichromane zu schreiben, ist genau das Ausmaß von Österreich, das ich ertragen kann. Ich kann mir nicht mehr vorstellen, nach Österreich zurückzukehren. Mir ist das Land irgendwie zu klein geworden und nur aus der Distanz kann ich so etwas wie Heimatgefühle in mir mobilisieren, die dann zu so einem Buch führen. Aber die Austriazismen, das Einzutauchen in die österreichische Sprache, hat mir riesigen Spaß gemacht.

In Ihrem Essay über den Kompromiss schreiben Sie, dass Sie den Eindruck haben, die liberalen Gesellschaften seien in den vergangenen Jahren – auch aufgrund der Digitalisierung – „an allen Enden des Spektrums kompromissloser geworden“. Warum ist der Kompromiss derart aus der Mode gekommen?

Das hat mit dem Dogma der Personalisierung zu tun. Jeder akzeptiert nur noch, was für ihn gut ist. Und das führt dazu, dass das Gemeinschaftsgefühl verloren gegangen ist. Niemand muss sich mehr anpassen, was zu einer gesamtgesellschaftlichen Wohlstandsverwahrlosung, zu einem ausgeprägten Egoismus geführt hat, der natürlich jedem Kompromiss widerspricht. Wenn man der Welt nur noch personalisiert am Bildschirm begegnet, dann muss ich auch mit niemandem mehr Kompromisse schließen. Dann kann ich jeden Fahrradfahrer, der zu nah an mir vorbeifährt, beschimpfen oder sogar vom Rad reißen. Diese Tendenzen von Aggression beobachten wir derzeit überall.

Sie fordern, über das zu sprechen, was uns plagt. Was plagt Sie denn momentan am meisten?

Diese Unversöhnlichkeit und das Aufeinandereinbrüllen in unserer Gesellschaft. Die geistige Verrohung auf den vielen sozialen Kanälen macht mich fassungslos. Auch der Wahlkampf ist eine Zumutung. Am Ende haben wir mehr über Baerbock-Plagiate gesprochen als über den Klimawandel. Oder über die Verantwortung der CDU, dass wir nicht schon viel weiter sind beim Umbau zu klimaneutraler Technik. Darüber müsste man eigentlich sprechen, aber das findet nicht statt. Das ist alles ziemlich unerfreulich.

Unsachlich wird auch im Kulturbetrieb debattiert.

Das ist richtig. Die Aktion „Alles dicht machen“ war für mich einer dieser Momente, wo ich mich gefragt habe, ob ich hier eigentlich noch richtig bin. Man muss die Satire ja nicht gut finden, aber der Vorwurf, Künstler seien schuld daran, dass andere sterben, weil Leute wegen der Satire vielleicht keine Masken mehr tragen, ist hysterisch.

Es gibt ja inzwischen Publizisten, die wegen der Debattenkultur von Deutschland nach Österreich fliehen. Können Sie das nachvollziehen?

Sie meinen Matthias Politycki. Viel Spaß, kann ich da nur sagen. Ich freue mich schon auf seine Berichte aus dem gemütlich-rassistischen Alltag in Österreich. Die Lebensqualität ist in Österreich zwar sehr hoch, aber die Politik muss man schon aushalten. Österreich wird immer mehr zur Bananenrepublik. Was dort politisch abläuft, ist beschämend.

Sehen Sie sich als in Wien geborene und in Berlin lebende Schriftstellerin oder eher als österreichische oder als Berliner Autorin?

Ich denke, Schreiben ist von der eigenen Lesebiografie beeinflusst, also den Texten, mit denen man aufgewachsen ist. Und von dem, was ich gelesen habe und wo ich sprachlich herkomme, bin ich sicher eine österreichische Autorin. Und das bleibe ich auch.

Löst dann so eine Auszeichnung wie die Ihres Landsmannes Clemens J. Setz mit dem Büchner-Preis etwas in der österreichischen Autorin aus?

Ja, ich muss zugeben, dass es an dieser Stelle einen komischen kleinen Nationalstolz gibt – schreiben können wir eben gut, wir komischen Ösis. Beim Fußball habe ich den überhaupt nicht, da halte ich immer zu Deutschland. Aber die Auszeichnung von Clemens Setz mit dem Büchner-Preis hat mich schon sehr gefreut.

Info

Dunkelblum Eva Menasse Kiepenheuer & Witsch 2021, 524 S., 25 €

Gedankenspiele über den Kompromiss Eva Menasse Droschl 2020, 48 S., 10 €

Das Gespräch führte Thomas Hummitzsch

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06:00 07.09.2021

Ausgabe 38/2021

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