Eiland der seligen Zeit

Gegendarstellung Sylt gilt Vielen als Urlaubsort der Reichen. Das ist falsch. Richtig ist, dass die Insel (noch) so ist, wie die BRD immer sein wollte

Hummer ist im Angebot, samt einem Glas Prosecco kostet das halbe Tier 15 Euro. Gosch am Lister Hafen auf Sylt, das zieht unweigerlich den Zusatz „die nördlichste Fischbude Deutschlands“ nach sich, dabei ist Gosch längst ein gehobener McDonald‘s für alles, was aus dem Meer kommt, und Jürgen Gosch ist Millionär. Aber alles begann mit einem verkaufstüchtigen Maurergesellen und einem Korb voller Aale. Die Wirtschaftswunder-Generation, die sich in den vergangenen Jahren als Kriegskinder-Generation entdeckt hat, und die an diesem Abend bei Gosch reichlich vertreten ist, liebt solche Geschichten. Da hat es einer zu was gebracht, mit Fleiß und einer Portion Was-kostet-die-Welt.

Ja, so etwas gab es mal in Deutschland und auf Sylt kann man es heute noch besichten. Die Insel hat das Idealbild einer glücklicheren deutschen Vergangenheit konserviert und fast unbeschädigt in die Gegenwart gehoben. Die Illusion ist erstaunlich perfekt. Sogar Fernseh-Helden der vergangenen Jahre und Jahrzehnte sollen leibhaftig zu sehen sein. Jürgen Gosch selbst läuft mit Tellern auf den Armen zwischen den Tischen umher, auch so was lieben die Leute. Der hat nicht abgehoben.

Es hat den ganzen Tag geregnet, aber kurz bevor es dunkel wird, zieht Sylt nochmal alle Register. Die Wolken brechen auf, und die Abendsonne wirft rotes Licht auf den Hafen, der plötzlich ganz echt aussieht; echter noch als die Realität. Das hier ist keine Fototapete. Auf dem gepflasterten Platz toben Kinder, die Großen schleppen die Kleinen auf dem Rücken. Alle sind braungebrannt, und alle haben wahnsinnig blonde Haare. Es ist eine Haarfarbe, wie sie nur von reichen Eltern hervorgebracht wird. Dieses ganz spezielle, von der Sonne ausgeblichene Weißblond kriegen Hartz-IV-Empfänger einfach nicht hin. Oder es sieht dann irgendwie ungesund aus. Die Kinder, die hier um die Bierbänke herumturnen, strotzen vor Gesundheit.

Agil, das Wort drängt sich auf, agil sind sowohl die Kinder als auch ihre Großeltern in Funktionsjacken, die die Enkel manchmal herrufen um ihnen eine Garnele in den Mund zu schieben. Ihre Mütter tragen weiße Jeansjacken mit türkisenen Seidenschals, ihre Väter gestreifte Polohemden mit langen Ärmeln. Später ziehen sich alle Generationen bunte Daunenwesten über. Auf den Tischen stehen Aschenbecher, erstaunlich viele Leute rauchen. Und während die Sonne hinter den Dünen versinkt, dämmert es einem: Dies ist nicht das Jahr 2009. Offenbar gibt es Themenparks nicht nur für die ferne Vergangenheit, für das Mittelalter oder das Rokoko, sondern auch für die unmittelbare Vergangenheit. Und Sylt ist der Themenpark „Deutschland. Bevor es schlimm wurde“.

Ossis gibt es auch. Sie kommen aus dem Lautsprecher

Fragt man Jürgen Gosch nach der Krise, wird er ungehalten. Nein, wir merken hier nichts von der Krise. Im übrigen: „Wir wollen auch gar nichts hören von der Krise. Wir sind hier auf einem Eiland“ – auch so ein Wort, das die Wirtschaftswunder-Generation liebt – „So ein Virus brauchen wir hier nicht.“ Als wäre die Krise so etwas wie die Schweinegrippe, die über den Hindenburgdamm eingeschleppt werden könnte, allein dadurch, dass die Besucher das Wort mitbringen. Um sich zu beruhigen, lässt Jürgen Gosch einen kleinen, knallroten Plüsch-Hummer über seinen Ärmel kriechen. Dann fängt er ihn ein und steckt ihn wieder in die Schürzentasche. Der Hummer sieht sehr weich aus.

Vor ein paar Wochen ist tatsächlich etwas Feindliches über den Hindenburgdamm auf die Insel gekommen. Es war nicht die Krise selbst, aber es waren Menschen aus dem Deutschland, in dem man die Krise schon bemerkt. Menschen mit Schnapsflaschen, angelockt von einem Arbeitslosen, der auf der Internet-Plattform „MeinVZ“ eine Gruppe mit dem Namen „Alle Mann nach Westerland; wir machen eine fette Beach Party“ gegründet hatte. 5.000 Leute fanden das eine prima Idee, trampelten über die Dünen, pinkelten gegen die Schaufenster der Schmuckgeschäfte und kotzten in die Fußgängerzone. Jürgen Gosch sagt über den Initiator Christoph Stüber: „Jemand, der arbeitslos ist und es auf die Reihe kriegt, so was zusammenzutrommeln, der ist nicht ausgelastet. Der soll lieber arbeiten gehen.“ Man hat solche Sätze lange nicht mehr gehört, irgendwie sind sie mit Gerhard Schröder verschwunden.

Über der nördlichsten Fischbude Deutschlands, auf dem „Hafendeck“, hat mittlerweile die Gosch-Oldie-Party begonnen. Das Hemd des DJs erinnert von Ferne an ein Osterei, das man unterschiedlich lang, unterschiedlich tief in rosa, blauer und gelber Pastellfarbe versenkt hat. Hier feiern nicht die oberen Zehntausend. Hier tanzt die Ärztin mit dem Krankenpfleger, der Finanzbeamte mit der Postbank-Angestellten. Es ist der Mittelstand, solide auch im unteren Segment. Selbst die Edeka-Kassiererin kann sich ein Gästezimmer auf Sylt leisten, und einen Party-Abend bei Gosch.

Es ist ein Deutschland, wie Politiker es sich wünschen, ein Deutschland, das es im Rest der Republik irgendwie nicht mehr gibt. Oder ist es einfach nur die alte BRD? Ossis kommen jedenfalls nur aus den Lautsprechern. Die Puhdys singen „Hey, wir woll’n die Eisbärn seh’n“, und beim ohohohoho formt der feiernde Mittelstand ganz runde Münder.

Diese Partyhorde neulich war eine einmalige Sache, betonen alle. „Die Schnapsidee eines Jungen“, wiegelt der Vorsitzende des Naturschutzvereins ab. „Das war wohl irgendwie Teil seiner Therapie“ sagt die Gemeindesprecherin. Kein gesellschaftliches Symptom also, sondern ein individuell-pathologisches. Christoph Stüber hat eine Rechnung über 20.000 Euro zugestellt bekommen, das werde Nachahmer schon abschrecken. Jetzt hat er zwar gedroht, das nächste Mal mit 150.000 Leuten zu kommen, und eine ganze Woche zu feiern, Ernst zu machen mit Ballermann am Nordseestrand, aber das glaubt hier keiner, dafür sorge schon das Sylter Wetter. Auch besagtes Wochenende war eher kalt, und die „Kiddies“, so nennen die Sylter den Party-Mob, sollen ziemlich verfroren ausgesehen haben, als sie mit Einkaufswägen voller Flaschen durch Westerlands Straßen irrten. Auf Sylt ist eben selten Open-Air Wetter. Das ist ja das Distinktionsmerkmal, Wattwandern im Regen ist nicht für jeden was. Die Kinder werden in Neoprenanzüge gesteckt, bevor sie ins Wasser dürfen.

„Und darum wird Sylt niemals Mallorca“, sagt Klaus Bambus. Er muss es wissen, in seiner Bar mitten in den Dünen, die gleichzeitig eine Bushaltestelle ist („Bam-Bus“) steht Sangria auf der Speisekarte. Das klingt nach Ballermann, genauso wie „Vollmondpartys“ – solche steigen nämlich im Bam-Bus, schon seit Anfang der Neunziger. Wenn ein exklusives Publikum Ballermann spielt, sieht das zwar nicht schön aus. Viele nennen es prollig, wenn die Tochter aus gutem Hause in den Lüftungsschlitz eines Porsche Cayenne erbricht, der im Sylter Jargon „Insel-Manta“ geschimpft wird. Aber es hat nichts mit dem Pöbel zu tun, der an jenem Wochenende im Juni über die Insel hergefallen ist.

Eine einmalige Sache, ganz klar. Das sagen alle

Nicht, dass man unvorbereitet gewesen wäre. „Wir hatten Security an allen Ecken und Enden und haben den Laden freihalten können“, sagt Jürgen Weisser, Geschäftsführer des Bistros „Badezeit“. Man sitzt hinter Plexiglas, durch die gestreifte Markise tropft nur ganz wenig Regen. Hinter der Scheibe liegt Westerlands Strandpromenade, das ist die Verlängerung der Fußgängerzone, die vom Bahnhof zum Meer führt. Die „Badezeit“ lag an vorderster Front. Auch wenn er den Mob nicht in seinem Laden wollte – dass er kommen durfte, findet Weisser prima: „Wenn sich die Leute durchgesetzt hätten, die das im Vorfeld abblocken wollten, hätt‘ ich mir Sorgen gemacht um unser Land.“ Sprüche seien da gefallen, wie er sie zuletzt von seinem Großvater gehört hätte. „Guck dich doch um“, sagt Weisser gern, er findet, dass man nur die Augen aufsperren muss, um drei Dinge zu erkennen, die ihm am Herzen liegen: Erstens, jede soziale Schicht ist vertreten auf Sylt. Zweitens, es gibt hier kein Bierdosenpublikum. Drittens, es gibt keine Krise. „Fahr’ mal nach Kampen“, sagt Jürgen Weisser. „Und dann frag nochmal nach der Krise.“

Kampen ist so etwas wie der Park im Park. Die Urlauber aus den anderen, weniger exklusiven Orten kommen gerne her, um die großen Autos anzustaunen. Die Villen stehen so weit hinten in den Grundstücken, dass man sie von der Straße aus gar nicht sehen kann. „Überall in der Republik gehen die Grundstückspreise runter, hier steigen sie gerade ins Unermessliche“, sagt Peter Kliem. Er leitet das „Rote Kliff“, einen jener Kampener Clubs, die auf ihrer Homepage stolz Fotos von Scooter und Dieter Bohlen präsentieren.

Auch Kliem sagt gerne „Guck dich doch um.“ Krise? „Guck doch, was für Sachen auf den Tischen stehen“. Man stellt sich ja immer vor, dass in wirklich gehobenen Clubs die Preise der Diskretion unterliegen. Im „Roten Kliff“ gibt es ein Heftchen, das auf seltsame Weise aufwendig und billig gleichzeitig aussieht, und aus dem hervorgeht, dass man für Champagner hier 800 Euro ausgeben kann. Ein kleines Bier kostet sieben Euro. Vielleicht ist das „Rote Kliff“, vielleicht ist ganz Sylt gar nicht klassisch elitär, sondern in gewisser Hinsicht auf eine demokratische Weise elitär. Wer zahlen kann, darf auch mitmachen. Man muss nicht cool sein, nur reich. Berliner Türsteher sind da wesentlich willkürlicher. Hier wird selbstverständlich davon ausgegangen, dass man dazugehört, wenn man da ist. Sonst wäre man schließlich nicht da, nicht in Kampen.

Daran hat sich seit 30 Jahren nichts geändert. „Jetzt kommt langsam die dritte Generation“, sagt Peter Kliem. Er meint damit die Enkel der ersten Party-Gäste aus den Siebzigern. Sie sehen nicht anders aus als ihre Eltern. Und so ist auch hier die Zeit stehengeblieben, wann, ist schwer zu sagen. Mit Bluejeans und gestreiftem Hemd ist man schließlich schon lange gut gekleidet. Man ist freundlich, aber zugeknöpft, wenn es um den Beruf der Eltern geht. Den Party-Mob kennt man nur vom Hörensagen. Der war ja nur in Westerland. Das liegt fünf Kilometer entfernt, und fünf Kilometer können sehr, sehr weit sein. Wenn schon Westerland so weit weg ist – gar nicht auszumalen, wie weit weg das Deutschland mit der Krise erst ist.

Wer die Arbeit an der Mechanik des Themenparks „Deutschland vor der Krise“ besichtigen will, muss entweder an die Nord- oder Südspitze der Insel. Dort sind die Bühnenarbeiter der Idylle am Werk. Denn das Meer nagt an der Insel. Wenn man nichts tun würde, wäre Sylt in ein paar Jahrzehnten vielleicht verschwunden. Sandaufspülung heißt die Antwort auf den Fehdehandschuh der Natur. Ein paar Hundert Meter vor dem Strand saugt ein Tanker Sand vom Meeresboden an und spült ihn durch riesige Rohre an den Strand, wo ein Bagger ihn planiert. Jährlich wird der Sylter Strand mit 1,5 Millionen Kubikmetern Sand geflickt.

Doch trotz des immensen Aufwandes schrumpft die Insel. Und wie jede Ebbe ein kleiner Angriff auf ihre Existenz ist, birgt inzwischen jeder Regionalzug, der in Westerland hält, eine Gefahr. Eine einmalige Sache sei der Party-Flashmob gewesen, haben alle gesagt. Aber am Samstagvormittag biegt eine Horde ungesund aussehender Jugendlicher vom Bahnhof in Richtung Strand. Sie haben Bierkästen dabei, und sie haben sich ein Lied ausgedacht, das eine einzige Textzeile hat: „Wir sind nur zum Saufen hier.“ Wenn sie es darauf anlegen, könnten sie Sylt schneller zum Verschwinden bringen als die Natur das vermag. Und irgendwie wirken sie, als wüssten sie das.

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11:00 19.08.2009

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